Prävention statt Eskalation

Prävention statt Eskalation

Friedenspolitik heißt, Gewaltpräventionen in allen Krisen- und Konfliktregionen zu fördern und die Rolle von FriedensakteurInnen vor Ort zu stärken. Traditionelle Mechanismen der Konfliktbearbeitung, etwa Formen der Versöhnung durch öffentliche Aushandlung und Entschuldigung oder materielle Kompensationen spielen dabei eine wichtige Rolle, schließen aber Frauen häufig explizit oder implizit aus. Deshalb reichen die traditionellen Formen der Gewaltprävention zwischen Bevölkerungsgruppen oder Staaten nicht aus. Alle gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen, auch Familien und Schulen, müssen hier einbezogen werden.

Ein zentrales Problem bei der Prävention ist die große Lücke zwischen Frühwarnung und frühem Handeln. Bei allen Konflikten gibt es Formen von Frühwarnung, etwa durch Berichte kritischer JournalistInnen, Menschenrechtsorganisationen oder PolitikerInnen. Doch oft fehlt es am politischen Willen, auf die mahnenden Stimmen zu hören, oder es existieren keine effizienten Konfliktlösungskonzepte. Konflikte, die (noch) nicht gewaltsam eskaliert sind, haben es außerdem schwer, die nötige politische und mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Dies ist ein grundsätzliches Dilemma der Konfliktprävention, denn sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein Nicht-Ereignis hervorbringt.

Deshalb werden auch die bestehenden Frühwarnsysteme in ihrer Bedeutung oft nicht wahrgenommen. Hinzu kommt, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Frühwarnsysteme mit verschiedenen Indikatoren gibt. Ihnen gemeinsam ist, dass auch sie die Geschlechterperspektive nicht oder nicht systematisch integriert haben. Hier wäre es die Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, die vorhandenen Ansätze nach transparenten Kriterien zu vereinheitlichen, auf die spezifisch regionalen Bedingungen zu achten und die Geschlechterdimension aufzunehmen. Staaten müssten, anstatt in modernere Waffensysteme zu investieren, Mittel für die UN zur Verfügung stellen, um ein international einheitliches und zugleich regionenbezogenes Frühwarnsystem auszubauen.

Der Begriff „zivile Konfliktbearbeitung“ umfasst eine große Bandbreite ziviler Gruppierungen, Maßnahmen und Aktionen. Dazu gehören die gewaltfreie Arbeit von Basisgruppen, die Arbeit mit lokalen Regierungen, Gewerkschaften, Kirchen sowie diplomatische und humanitäre Bemühungen und Anstrengungen zur Krisenprävention im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit oder als Intervention ausländischer ziviler Gruppen.

Die Rolle von Frauen in der zivilen Konfliktbearbeitung blieb lange Zeit wenig beachtet. Das liegt unter anderem daran, dass Frauen vor allem auf der Ebene von Graswurzelbewegungen arbeiten: Selbsthilfegruppen, die sich um Nahrungsbeschaffung, Gesundheit, Trauma-Bearbeitung und Ähnliches kümmern, scheinen nicht direkt zur Konfliktbearbeitung beizutragen. Oft wird diese Friedensarbeit, die Aufbau kommunaler Infrastrukturen beinhaltet, von Frauen als ausschließlich humanitär gesehen – ihr wird damit die reale politische Bedeutung abgesprochen.

Häufig sind es gerade diese Fragen der alltäglichen Versorgung, bei denen sich Frauen über die Konfliktlinien hinweg verständigen können. Frauen leisten so eher wenig sichtbare, unspektakuläre „Alltagsfriedensarbeit“, indem sie sich gegenseitig unterstützen und soziale Beziehungen aufrecht erhalten. Auf diese Weise bauen sie Brücken der Versöhnung, die auch für die politische Verhandlungsebene einen Weg weisen und darauf zurückwirken können.

Auf nationaler Ebene machen Frauengruppen durch Aktionen des zivilen Ungehorsams, durch Demonstrationen oder Lobbyarbeit von sich reden. Sie benutzen dabei häufig klassische Rollenbilder wie die der Mutter oder der „friedliebenden Frau“. Die „Frauen in Schwarz“, Witwen- und Müttergruppen in verschiedenen Weltregionen haben zeitweise große internationale Beachtung erhalten, während andere Protestbewegungen stärkeren Repressalien ausgesetzt waren. Insofern kann das Arbeiten mit Geschlechterstereotypen strategisch klug und subversiv sein, indem Frauen die traditionellen Geschlechterrollen für Widerstandsarbeit nutzen. Diese Strategie kann aber auch zum Bumerang werden, wenn sie in diesen Geschlechterrollen verhaftet bleiben und keine neuen, darüber hinaus weisenden Rollenmodelle für Frauen entwickeln. Siehe dazu „Gesellschaftlichen Minderstatus subversiv ausnutzen“.

Frauen setzen sich oft auch gemeinsam mit Männern für Friedenszonen ein, wie etwa auf den Philippinen. Sie führen wie im Balkan, im Kaukasus, in Israel oder Guatemala Bewegungen gegen Zwangsrekrutierungen an oder organisieren Märsche für Entwaffnung und gegen Gewalt. Unzählige Beispiele zeigen das Potenzial von Frauen in der Konfliktbearbeitung. Liberianische Frauen sammelten Kleinwaffen ein, kambodschanische Frauen arbeiteten für Wahlen ohne Gewalt. Die Liste der mutigen Frauen und ihrer gewaltfreien Aktionen ist lang.

Viele friedensbewegte Frauen kommen aus Selbsthilfeorganisationen und Kirchengemeinden, aber auch aus Frauenrechtsbewegungen. Ihr Friedensbeitrag auf der Ebene der Basisorganisationen ist nur einen kleinen Schritt von der aktiven Konfliktintervention entfernt, nämlich dem erklärten Engagement gegen ethnische Spaltung, für Menschenrechte und für die Idee friedlicher Koexistenz. Frauen verhindern auf strukturelle Art, dass Konflikte gewaltförmig eskalieren. Auch hier ist wichtig, im Auge zu behalten, dass dieses friedenspolitische Agieren Frauen nicht qua Geschlecht zukommt, also aus ihrer „Natur“ resultiert, sondern auf die ihnen zugewiesenen oder von ihnen eingenommenen Rollen und tradierten Geschlechterrollenbilder zurückzuführen ist. Siehe dazu „1000 Friedensfrauen“.

Frauen tragen wesentlich zu gewaltfreien zivilen Interventionen durch Drittparteien, also durch nichtstaatliche AkteurInnen und internationale Organisationen bei. Sie ermöglichen Versöhnungsarbeit, leisten Monitoring-Dienste, wirken an Friedens- und Menschenrechtserziehung mit. Ein Beispiel dafür ist die unbewaffnete Begleitung von MenschenrechtsverteidigerInnen in Guatemala, Kolumbien, Mexiko, Indonesien und anderen Krisenländern durch Mitglieder der Peace Brigades International. Die Arbeit dieser mehrheitlich weiblichen FriedensbrigadistInnen beweist die Wirksamkeit und das große Potenzial ziviler Interventionen.

Ihr Engagement für Frieden birgt für viele Frauen erhebliche Gefahren, sichert ihnen aber kein Mitspracherecht in den offiziellen Friedensprozessen. Auch wenn internationale Organisationen in den Konflikt eingreifen, werden Frauen und ihre Organisationen oft übergangen. Frauengruppen werden in der Diplomatie selten wahrgenommen und folglich weder in Entscheidungsprozesse einbezogen noch in ihrer Rolle als Verbindungsglieder zwischen Konfliktparteien gestärkt.

Ein Verständnis von ziviler Konfliktbearbeitung und Peacebuilding, das auf eine Kultur des Friedens abzielt, erhöht den Stellenwert der Arbeit von Frauen auf der Basisebene. Das internationale Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen „Global Partnership for the Prevention of Armed Conflict“ (GPPAC) würdigte im Juli 2005 auf einer UN-Konferenz in New York die Rolle der Zivilgesellschaft für die Verhinderung und Überwindung bewaffneter Konflikte. In der „Global Action Agenda“ von GPPAC werden explizit die unterschiedlichen Geschlechterrollen benannt. Demnach sind Frauen die Hauptgarantinnen „struktureller Prävention“. In ihrem »People building Peace«-Programm fordert die GPPAC Regierungen, Regionalorganisationen und die UNO auf, Frauen beim Peacebuilding stärker zu berücksichtigen. Sie greift damit die weltweiten Forderungen von Frauenorganisationen auf und nimmt die Bekenntnisse der UNO zu Frauenrechten beim Wort.

Friedensverhandlungen sind zwar ein äußerst wichtiger, aber nur ein erster Schritt in einer langen Phase des Aufbaus von Frieden; ohne die Beteiligung der Gesamtbevölkerung ist dieser Prozess fast unmöglich. Nur wenn Frauen im Friedensprozess gleichberechtigt beteiligt sind, ist sichergestellt, dass sie nicht auf die Vor-Konflikt-Rollen zurückgeworfen werden, die oft einen Teil der Konfliktursachen darstellten.

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