IRAK: Besatzung Rückschlag für Frauenrechte – UNFPA-Chefin Obaid im IPS-Gespräch

IRAK: Besatzung Rückschlag für Frauenrechte – UNFPA-Chefin Obaid im IPS-Gespräch

Thoraya Obaid. Urheber: WHO. Alle Rechte vorbehalten.

London, 21. Oktober (IPS) – Die US-geführte Invasion und Besatzung des Iraks hat laut der Exekutivdirektorin des UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA), Thoraya Ahmed Obaid, die Frauenrechte in dem Land erheblich geschwächt. Es sei ein Vorurteil, dass muslimische Gesellschaften hinsichtlich der Stellung der Frau von vornherein rückschrittlich seien, sagte sie in einem Interview, das IPS mit ihr anlässlich der Vorstellung des jährlichen UNFPA-Reports in London führte. Es folgen Auszüge aus dem Gespräch.

IPS: Gibt es Beweise dafür, dass Frauen den Frieden besser sichern können als Männer?

Thoraya Ahmed Obaid: Das ist nicht nur bei der Friedenskonsolidierung erwiesen. Auch in anderen Bereichen, etwa im Umgang mit eingewanderten Arbeitskräften, setzen Frauen für gewöhnlich andere Prioritäten. Frauen investieren in die Familie. Wenn sich Kriege oder Naturkatastrophen ereignen, überschreiten Frauen sogar Grenzen, um die Familie zusammenzuhalten. Sie sind in der Lage, für die Sicherheit ihrer Verwandten Verhandlungen zu führen. In diesem Zusammenhang ist uns klar geworden, dass Frauen an allen Friedensgesprächen teilnehmen sollten.

IPS: Frauen können diese Rolle einnehmen, wenn sie die Gelegenheit dazu erhalten. Gibt es Anzeichen dafür, dass dies bald häufiger der Fall sein könnte?

Obaid: Leider nicht. Die Gelegenheiten sind nach wie vor begrenzt, da sich auch die Anerkennung für Frauen noch in Grenzen hält. Wenn wir genug in die Bildung von Frauen investieren, sie in die Lage versetzen, ihre Stimme zu erheben und diesen Stimmen so viel Raum geben, dass sie eine Rolle bei der Friedenssicherung spielen, dann werden sie einen guten Job machen.

Liberia ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Es sind die Frauen, die dort auf die Straße gehen und Frieden fordern. Die Gesellschaft erkennt ihren wahren Wert jedoch noch nicht an. Das ist das eigentliche Problem.

IPS: Die Ansicht, dass Frauen in islamischen Gesellschaften einen schwachen Stand haben, ist weit verbreitet. Im Irak hatten sie dagegen viele Rechte, die ihnen seit der Ankunft der US-Amerikaner verwehrt werden.

Obaid: Ich war im Irak acht Jahre lang bis zum Einmarsch in Kuwait tätig. Als Teil der Wirtschaftskommission für Westasien arbeiteten wir mit Frauengruppen zusammen. Als wir das Land verließen, hatte die irakische Frauenvereinigung die bestmöglichen Familien- und Arbeitsrechte durchgesetzt. Nach der Invasion fiel jedoch alles wieder auseinander.

Als die USA in den Irak einmarschierten, kehrte das Land zum Familienrecht von 1958 zurück. Dies zeigt, wie groß die Rückschritte waren. Sie haben alles abgeschafft, was es vorher gab. Die Frauen kamen dabei nicht gerade gut weg.

IPS: Wie passt das mit der Vorstellung zusammen, dass allein auf sich gestellte muslimische Gesellschaften rückschrittlich und die USA progressiv sind?

Obaid: Das ist in vieler Hinsicht eine politische Frage. Es gibt stereotype Vorstellungen von muslimischen Ländern und muslimischen Frauen. Ich bin auch Muslimin, passe aber nicht in die Schablone hinein. Viele andere Frauen sind genauso wie ich. Ich komme aus Saudi-Arabien und sehe, wo ich mich momentan befinde. Ein Volk und eine Religion werden auf Stereotypen reduziert, auf denen alle Annahmen beruhen. Das ist für muslimische Frauen vielerorts ein Hindernis.

IPS: Kann die UN etwas Neues erreichen – oder bringt sie nur Berichte hervor?

Obaid: Schauen Sie sich nur den Report an, den wir zur Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats herausgeben haben. Diese Resolution hat der Rolle von Frauen als Friedensstifter auf politischer Ebene höhere Aufmerksamkeit verschafft. Mindestens 19 Staaten setzen nun eigene Pläne um, um Frauen dazu zu befähigen, Gewalt gegen ihre Geschlechtsgenossinnen in Kriegen und bei Naturkatastrophen zu verhindern. Solche Studien sind wichtig, weil sie politische Führer zum Handeln antreiben. Ich denke, das ist eine wichtige Aufgabe für die Vereinten Nationen.

IPS: Was hebt der Report als wichtige Neuerungen hervor?

Obaid: Wir versuchen, bei Diskussionen über Frauen die drei 'R' ins Spiel zu bringen: Resilience (Widerstandsfähigkeit), Renewal (Erneuerung) und Redefining roles (Neudefinierung von Rollen). Frauen werden immer als Opfer betrachtet, doch wir sagen, dass das nicht zutrifft. Frauen vermögen es, ihre Familien zusammenzuhalten. Und wenn wir nach einer Krise mit dem Wiederaufbau beginnen, sollte die Gesellschaft nicht wieder so entstehen, wie sie vorher war. Wir brauchen ein neues Menschenrechtssystem, das Gleichheit garantiert.

IPS: Wie kann die UN ihre Millenniumsentwicklungsziele (MDG) im Zusammenhang mit der Konfliktbewältigung verfolgen?

Obaid: Konflikte werden durch Armut ausgelöst. Das erste Millenniumsziel (Halbierung der Zahl der Hungernden weltweit), kann also ohne Frieden und Sicherheit nicht erreicht werden. Was die geplante Verbesserung der Müttergesundheit betrifft, so haben Akteure im humanitären Bereich lange Zeit nicht anerkannt, dass Frauen spezielle Bedürfnisse haben. Auch in Kriegen und bei Naturkatastrophen bringen sie Kinder zur Welt und brauchen dabei besondere Hilfe. Es ist wichtig, ihre Integrität und Würde zu wahren.

Noch wichtiger ist, dass Frauen vor Gewalt geschützt werden. Wenn ihnen Gewalt angetan wurde, brauchen sie Unterstützung. Außerdem muss dafür gesorgt werden, dass die Täter vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden. (Ende/IPS/ck/2010)

 

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