Gedanken zum 8. März in Serbien

Plakat zum Internationaler Frauentag in SerbienPlakat zum Internationaler Frauentag in Serbien. Urheber: Maxim B.. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Wie wird der 8. März von den Feministinnen in Serbien wahrgenommen? Ist dies für sie überhaupt ein relevantes Datum, umso eher als es sich um ein Land mit sozialistischem Erbe handelt? Empfinden die Feministinnen dieses Datum überhaupt als etwas „Eigenes“? Wir haben beschlossen, diese Frage einer größeren Gruppe von Frauen zu stellen, die in einer Zeit geboren wurden, als die sozialistische Hinterlassenschaft bereits im Untergang begriffen war, um dadurch zu zeigen, wie es dazu gekommen ist, dass sich dieses vermeintlich politische Verhältnis des Staates zum 8. März so leicht zu dem gewandelt hat, was es heute ist, und wie viel die Feministinnen investieren mussten, um dieses Datum wieder als ein politisches für sich beanspruchen zu können. Auch wollten wir so viele Stimmen wie möglich hören, die auf eine authentische Weise unterschiedliche feministische Standpunkte und Engagements von Frauen in ganz Serbien repräsentieren.

Die erste Frage, die wir gestellt haben, sollte über die Bedeutung dieses Datums im Leben jener Frauen Aufschluss geben, die sich als Feministinnen verstehen: Wie sieht ihre persönliche Geschichte der Beziehung zu diesem Datum aus, welche veränderbaren gesellschaftlichen Zusammenhänge hat es gegeben und auf welche Weise hat ihre Präsenz im Feminismus eine wiederholte Reartikulation der dazugehörigen Inhalte ermöglicht.

Fast alle Feministinnen, die unserer Aufforderung erwidert gefolgt sind und bereit waren, über die Bedeutung zu sprechen/schreiben, die der 8. März für sie persönlich hat, erkennen und artikulieren ihren eigenen inneren Wandel, den Wandel in ihrem Verhältnis zu den „Feierlichkeiten“ anlässlich des Internationalen Frauentags. Sie weisen auf die Tatsache hin, dass sie in früheren Jahren, insbesondere in ihrer Kindheit und Adoleszenz, entweder einen gewissen Widerstand gegenüber diesem Feiertag gespürt oder ihn als Muttertag akzeptiert haben. Die Feierlichkeiten zum 8. März fassten sie auch als Begehen eines „Kitsch-Feiertags“, eines „Feiertags der Heuchelei“ oder eines Feiertags auf, der im besten Falle verachtenswert war, da man durch diese Verachtung den Fallen der gesellschaftlich akzeptierten und auferlegten Kategorien „Frau“ und „Weiblichkeit“ entgehen konnte. Das Engagement in der feministischen Bewegung, das erworbene Wissen über die Geschichte des Feminismus und der Kampf um die politischen Rechte der Frauen waren ausschlaggebend dafür, dass sich das Verhältnis unserer Gesprächspartnerinnen zum Frauentag verändert hat. Die Feministinnen in Serbien sind sich dessen bewusst, dass sie Freiheiten und Rechte genießen, die sich frühere Generationen von Frauen und Feministinnen jahrzehntelang erkämpfen mussten: der 8. März ist „der Tag des Dialogs mit den Vorgängerinnen, deren Aktivitäten jene Rechte möglich gemacht haben, die ich [heute] genieße“. Jedoch ist dieser Tag nicht „nur“ ein Datum von historischer Bedeutung für die Feministinnen in Serbien. Der 8. März stellt auch ein wichtiges Datum dar, an dem die Frauen und Feministinnen ihre Solidarität mit anderen Frauen bekunden, zumal es die Untrennbarkeit von Geschlecht, Gender, Rasse und Klasse anspricht und diese zusammenfügt; es thematisiert auch die Marginalisierung, die Natur des Kapitalismus, aber auch Sexismus und Homophobie, ohne dass dabei seine Begründung im historischen Kampf der Arbeiterinnen verloren ginge. Der 8. März ist ein Tag, an dem es „notwendig ist, auf die Straßen zu gehen und lauthals über jegliches Unrecht zu sprechen“ sowie jener Tag, an dem es, zumindest auf symbolischer Ebene, möglich ist, radikalere Forderungen der feministischen Bewegung in einem neoliberalen kapitalistischen System zur Sprache zu bringen, denn die Erkenntnisse, welche uns durch die Geschichte des Feminismus zuteil wurden, zeugen davon und weisen unentwegt darauf hin, dass die gesetzliche Gleichberechtigung keine Gleichberechtigung im realen Leben bedeutet oder bedeuten muss.

Die zweite Frage hängt unmittelbar mit der ersten zusammen und bezieht sich auf die serbische Realität, in der das Begehen des 8. März durch Straßendemos und das Aufzeigen der mangelnden politischen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung der Frauen als etwas betrachtet wird, das sowohl für den Staat als auch für die Medien problematisch ist. Mit anderen Worten, es stellt sich die Frage, weshalb die Ablehnung der Feministinnen, diesen Tag politisch neutral zu begehen und die üblichen Geschenke in Form von Blumensträußen und Pralinen anzunehmen, auf so viel Misstrauen stößt.

Alle unsere Gesprächspartnerinnen haben die Bemühungen des Staates bemerkt, die Feierlichkeiten zum 8. März dergestalt zu „pazifizieren“, dass dieses Datum im öffentlichen Raum ohne politische Geschichte und Relevanz fortbesteht und fröhlich, mit passenden Geschenken und in den Medien mit netten Plaudereien über Frauen und Mütter begangen wird. Obwohl man über den politischen oder wirtschaftlichen Aspekt des 8. März entweder überhaupt nicht spricht oder dieser Tag medial mit „Gleichgültigkeit“ angegangen wird, reagieren die Feministinnen auf einen solchen „weichen Terrorismus“ von Staat und Medien: „Falls wir die staatliche Feststimmung nicht stören, dann bringen wir nicht jene Probleme zur Sprache, die die Frauen ertragen, mit denen sie sich auseinandersetzen und die sie in ihrem Alltag durchleben müssen“. Wenn am 8. März Demonstrationen stattfinden, dann ist völlig klar, dass durch das Aufzeigen der politischen und wirtschaftlichen Lage der Frauen „das gesamte System in Frage gestellt wird“, was eine Bedrohung der herrschenden Machtverhältnisse darstellt. In diesem Sinne wird das Bedürfnis nach einer „Repolitisierung des 8. März“ betont ebenso wie die Notwendigkeit, unangenehme Fragen über das bestehende neoliberale Wirtschaftssystem zu stellen, welches uns als selbstverständliches und einzig mögliches Wirtschaftssystem dargeboten wird.

Die dritte Frage, die wir gestellt haben, bezog sich auf die zeitliche Kontinuität - ob und auf welche Weise die Feministinnen heutzutage imstande sind, einen Zusammenhang zwischen ihrer eigenen Präsenz im Feminismus  und den Feminismen vergangener Zeiten herzustellen sowie mit deren Anfängen und geschichtlichen Entwicklungen. Die Frauen sehen sich selbst fast ausnahmslos als Teil dieser vertikalen Achse, egal ob sie sich in ihren Historisierungen auf ihre Wurzeln zurückbesinnen („Aber mit Mary Wollstonecraft identifiziere ich mich innerhalb von fünf Sekunden, obwohl diese Frau vor so vielen Jahren gelebt hat!“) oder über ihre unmittelbaren „Lehrerinnen“ sprechen, (die viele Dinge erdacht, vorangetrieben, inspiriert und angespornt sowie dazu beigetragen haben, dass frühe feministische Exzesse ins Bewusstsein und in den richtigen Zusammenhang gerückt werden. Auch haben sie die Positionierung und Argumentationsfindung für „neue“ Themen ermöglicht).

Dieser Rückblick lässt uns bewusst werden, dass wir heute an zahlreichen Ausbau-Prozessen. Dieser Ausbau hängt eben immer - egal ob wir das bedrückende Gefühl haben, heute sei es genauso schwierig, weil sich die patriarchalischen Denkstrukturen nicht wesentlich verändert haben, oder es heute zumindest ein wenig leichter ist, zumal es weniger Verzicht und mehr Vernetzung gibt - selbstverständlich auch mit dem Blick zurück auf jenes Erbe zusammen, welches daran denken lässt, dass die Dinge veränderbar sind und der Freiraum eng mit der gesellschaftlichen Praxis verbunden ist, mitunter auch als „ununterbrochener“ (mühsamer, erschöpfender, faszinierender, mehrfacher) Dialog der Vergangenheit mit dem Hier und Heute.

Unsere letzte Frage bezog sich schließlich auf die räumliche Dimension: Sehen sich die Feministinnen überhaupt als Teil der Bewegung inner- und außerhalb Serbiens, und wenn ja, auf welche Weise tun sie dies. Viele Aktivistinnen, die in den lokalen oder regionalen Netzwerken engagiert sind, erleben diese Art von Verbundenheit als etwas, das nicht hinterfragt werden sollte, und heben die Überwindung von Grenzen als etwas dem Feminismus Inhärentes hervor, ebenso wie sie die Vernetzung als eine Form der Stärkung sehen. Allerdings ist diese Frage auch ein Hinweis auf die Notwendigkeit, die „Peripherien“ der Bewegung sichtbar zu machen und ihrer Authentizität einen angemessenen Ausdruck zu verschaffen. Das Bedürfnis nach ständigen Versuchen, die Bewegung zu dezentralisieren, geht auch mit dem Bewusstsein einher, dass das Leben im Feminismus mit zahlreichen Schwierigkeiten behaftet ist und man sich dabei häufig ausgebrannt fühlt. Diese innere Kritik/Destabilisierung/Pluralisierung der Prioritäten, die die Frauen innerhalb der Bewegung heutzutage als Ausgangspunkt akzeptieren müssen, und nicht als Ergebnis, gehört zu jenen Fragen, die häufig explizit von Theoretikerinnen und Künstlerinnen gestellt werden, ohne dabei die Notwendigkeit infrage zu stellen, über die Bewegung im globalen oder manchmal sogar im utopischen Sinne zu reflektieren. „Jedenfalls ist die Tatsache, dass ich Teil einer Bewegung bin, die über Serbien hinausgeht, eine Prüfung meiner selbst sowie des Feminismus als solchen“.

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Wir bedanken uns bei allen Feministinnen, die an unserer Studie teilgenommen haben, welche auch die Grundlage für diesen darstellt: Jovana Dimitrijević, Marija Petronijević, Aneta Bajović Ilić, Iva Nenić, Tanja Marković, Jelena Memet, Maja Solar, Ksenija Forca, Marijana Stojčić, Slavoljupka Pavlović, Ana Vilenica, Brankica Paunović, Aleksandra Žikić, Marija Perković, Jovana Vučković, Aleksandra Nestorov, Jelena Miletić und Frauenstudien.

 

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