Frauen und Gemeinschaftsradios in Thailand

Frauen und Gemeinschaftsradios in Thailand

Moderatorin beim Gemeinschaftsradio in ThailandModeratorin beim Gemeinschaftsradio in Thailand. Urheber: HBS Südostasien. Alle Rechte vorbehalten.

Nachdem in Thailand die Verfassung von 1997 in Kraft trat, haben Organisationen, die sich für eine Reform der Medien einsetzen (People’s Media Reform Organisations, PMROs), sowie andere Nicht-Regierungsorganisationen (NROs) versucht, die Medienlandschaft zu erneuern. Lokale Gemeinschaftsradios sind das beste praktische Beispiel für die Reform der Medien in Thailand, da Radiosendungen gerade auf dem Lande sehr gut zugänglich sind; zudem sind die Produktionskosten und das nötige Fachwissen gering. NROs und PRMOs haben Gemeinschaften vor Ort dabei geholfen, ihre eigenen Radiostationen aufzubauen, und so entstanden seit Beginn der 2000er Jahre die thailändischen Gemeinschaftssender.

Im Jahr 2002 gab es über hundert Stationen. Als die Regierung es dann 2004 Gemeinschaftsradios erlaubte, Werbespots auszustrahlen (maximal sechs Minuten pro Stunde) stieg das Interesse sprunghaft an, und 3000 Stationen wurden gegründet. Als im Jahr 2010 der Unterausschuss für Radio und Fernsehen der National Telecommunication Commission (NTC) Lizenzen für Gemeinschaftsradios ausschrieb, gingen über 6000 Bewerbungen ein. Gegenwärtig geht man davon aus, dass 8000 Stationen in Betrieb sind, die sich selbst als Gemeinschaftsradios bezeichnen.

Seit 2007 hat das Forschungszentrum für Multiculturalism and Educational Policy (Multi-Ed) an der Fakultät für Bildung der Universität von Chiang Mai Sendungen für Frauen und die Rolle von Radiomoderatorinnen untersucht. Zudem hat Multi-Ed Projekte mit dem Ziel aufgelegt, „die Rolle von Frauen in Gemeinschaftsradios zu untersuchen und zu stärken“. Diese Projekte wurden vom Büro Südostasien der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt.

Im Folgenden legen wir dar, welche Rolle Frauen in Thailand bei Gemeinschaftsradios spielen, wie sie das Radio als öffentlichen Ort nutzen, wie Frauen sich das Medium Radio aneignen und welche Frauenprogramme von Gemeinschaftsradios angeboten werden.

Politische Hintergründe in Thailand

Der Betrieb von Gemeinschaftsradios verläuft in Thailand alles andere als glatt. Der Grund dafür ist die unklare Gesetzeslage. Dem Betrieb von Gemeinschaftsradios gemäß Artikel 40 der Verfassung von 1997 (2) stellen sich Vertreter der Regierung entschieden entgegen. Sie behaupten, ein Sendebetrieb könne nur entsprechend des von Parlament verabschiedeten Fernseh- und Radiogesetzes erfolgen, die Gemeinschaftsradios seien dementsprechend illegal.

Im Januar 2005 gab es dem Informationsamt der thailändischen Regierung zufolge 3000 Gemeinschaftsradios im Land, manche davon zugelassen, manche ohne Zulassung. Ein Drittel der Sender wird von Unternehmern aus der Unterhaltungsbranche betrieben, der Rest von Politikern, örtlichen Geschäftsleuten, Tempeln, Gemeindeverwaltungen (Tambon Administrative Organisations, TAOs), Universitäten und anderen. Nicht einmal zehn Prozent der Gemeinschaftsradios waren oder verstanden sich als „Gemeinschaftsradios in gemeinschaftlichem Besitz, die gemeinnützig von einer Gemeinde für die Gemeinde betrieben werden und unabhängig sind von Staat, Kapital und Politikern“.(3)

Im Jahr 2006 wurde durch den Staatsstreich des „Council for Democratic Reform under Constitutional Monarchy“ (CDRM) die Verfassung von 1997 außer Kraft gesetzt. 2007 wurde eine neue Verfassung ausgearbeitet und per Volksabstimmung angenommen. In der Folge mussten zwei bestehende Gesetze überarbeitet werden, das Rundfunk- und Fernseh-Gesetz sowie das Gesetz über die Zuteilung von Radio- und Fernseh-Frequenzen. Die Neufassungen beider Gesetze traten 2008 beziehungsweise 2010 in Kraft.

Die Übergangsregelung des Rundfunk- und Fernseh-Gesetzes sieht vor, dass die NTC diesen Bereich vorübergehend beaufsichtigt und dass ein Unterausschuss für Radio und Fernsehen eingerichtet werden soll, der entsprechend der Regelungen der NTC aktiv werden soll. Im Laufe des Jahres 2009 wurden Gemeinschaftsradios dazu aufgefordert, sich um befristete Sendelizenzen zu bewerben. Über 6000 Stationen bekundeten Interesse, über 800 reichten einen Antrag ein. Dabei handelte es sich um eine bunte Mischung. Einige Sender wurden aus klar kommerziellen Interessen gegründet, einige sind eindeutig ideologisch ausgerichtet und andere sind „Teil eines und stehen im Dienst eines Gemeinwesens“. In letztere Kategorie fielen über hundert Sender.

Bis heute (Dezember 2010) hat keiner der Antragsteller eine Lizenz erhalten. Grund dafür sind Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Leitungsgremium des Unterausschusses und der NTC. Die Folge ist, dass sich Gemeinschaftsradios derzeit im rechtsfreien Raum bewegen.

Hinzu kommt, dass es fast ein Jahr dauern wird, bis das Auswahlverfahren für und die Ernennung einer neuen NTC abgeschlossen sein wird. Das führt dazu, dass störende, von ihrer Frequenz abweichende Ausstrahlungen und der „Krieg der Sendeleistung“ ungehindert weitergehen, da es weder offiziellen Regeln für die Betreiber von öffentlichen, kommerziellen oder Gemeinschaftsradiosendern gibt, noch eine zuständige Behörde, die die Lizenzen zuteilt, ihre Einhaltung überwacht und die Nutzung von Frequenzen regelt. Die befristeten Lizenzen, die der Unterausschuss an Gemeinschaftsradios vergeben kann, ändern nichts an dem Problem mit störenden, von ihrer Frequenz abweichenden Ausstrahlungen.

Was staatliche Eingriffe angeht, haben im April 2010 die „Rothemden“ Gemeinschaftsradios bei ihren Protesten gegen die von Abhisit Vejjajiva geführte Koalitionsregierung dazu genutzt, ihre politischen Ansichten zu verbreiten und ihre Misstrauenskundgebung vor dem Parlament auszustrahlen. In der Folge hat die Regierung den Notstand ausgerufen und alle Betreiber von Gemeinschaftsradios einbestellt und dazu aufgefordert, statt Meldungen der Rothemden nur noch regierungsamtliches Material zu senden. In der Folge wurden über 47 Gemeinschaftsradios in 13 Provinzen abgeschaltet und gegen 49 Beteiligte ein Haftbefehl ausgestellt, einige auch bereits angeklagt. Es handelt sich offensichtlich um den Versuch, Sender, die sich politisch äußern und die Regierung kritisieren, mundtot zu machen. Personen, die an solchen Radiostationen beteiligt waren, sind verhaftet und angeklagt worden und technische Ausrüstung wurde beschlagnahmt.  Der Vorwurf lautet auf Besitz und Betreiben eines Radiosenders ohne Genehmigung entsprechend des Radio Broadcasting Act BE 2498 von 1955 – und das, obgleich die meisten der betroffenen Sender eine befristete Lizenz beantragt hatten und somit den Schutz der NTC hätten genießen müssen. Dennoch genügt es nicht, sich auf diese Regelungen zu berufen, um die Verhaftung von Betreibern und die Stilllegung von Sendern zu verhindern (siehe Suthep Wilailert, 2010).

Sozio-politische Hintergründe

Obgleich gesellschaftlich wie kulturell zunehmend hingenommen wird, dass Frauen eine aktive Rolle im „öffentlichen Leben“ spielen, sieht das gängige Rollenmodell für Frauen nach wie vor ganz klar eine Tätigkeit in der „häuslichen Welt“ vor, das heißt eine Rolle als Mutter und Ehefrau. Entsprechend ist es vielen Frauen nicht möglich, im „öffentlichen Leben“ aktiv zu sein. Konkret wird von Frauen nach wie vor erwartet, dass sie ihre häusliche Rolle erfüllen – sich um die Kinder kümmern, die Hausarbeit erledigen – und sich erst wenn das getan ist öffentlichen Belangen zuwenden. Männer, die im häuslichen Bereich keine vergleichbaren Pflichten haben, können sich hingegen uneingeschränkt öffentlichen Belangen widmen. Das führt dazu, dass im „öffentlichen Leben“ sehr viel weniger Frauen als Männer vertreten sind, vor allem dort, wo politische Entscheidungen getroffen werden.

Hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse bei den Gemeinschaftsradios Thailands muss erwähnt werden, dass sich in den letzten beiden National Telecommunication Commissions (NTC) unter den jeweils sieben Mitgliedern keine Frau befand. Unter den 15 Vorstandsmitgliedern der nationalen Föderation der Gemeinschaftsradios ist nur eine Frau. Nur 12,9 Prozent der Gemeinschaftsradios steht eine Frau vor, und in den Vorständen von Gemeinschaftsradios, die im Schnitt aus elf Personen bestehen, kommen auf acht Männer (73 Prozent) drei Frauen (27 Prozent). Was die Moderation von Sendungen anbelangt kommen auf sechs Männer vier Frauen.(4)

Diese Zahlen zeigen, wie sehr die Gemeinschaftsradios von Männern bestimmt werden. Der Grund dafür ist nicht nur, dass gemeinhin davon ausgegangen wird, dass der Betrieb einer Radiostation eine technische Tätigkeit ist, für die eher Männer geeignet seien. Viele örtlichen Gemeinschaften wollen keine Frau als Vorsitzende ihres Radios. (5) Bei einer detaillierten Umfrage dazu, welche Rolle Frauen bei Gemeinschaftsradios spielen sollen, reichten die Antworten von Putzfrau über Sekretärin bis hin zu Schatzmeisterin – Tätigkeiten, die traditionell als Frauenrollen gelten.

Dazu kommt, dass der Betrieb eines Gemeinschaftsradios auch Wissen erfordert, das außerhalb der Gemeinschaft liegt – beispielsweise technische Fachkenntnisse –, und wie es aussieht haben Männer hierbei einen Vorsprung. Um einen Sender zu betreiben, braucht es die Unterstützung eines ganzen Netzwerks von Personen, beispielsweise von IT-Fachleuten, und in solchen Netzwerken kennen sich Männer in der Regel besser aus. Die Folge ist, dass nur wenige Frauen zu „Entscheiderinnen“ werden.

Gleichstellungspolitik bei den Gemeinschaftsradios

Das Gemeinschaftsradio ist ein Medium, das technisches Wissen erfordert. Im allgemeinen wurde Technologie lange als geschlechtsneutral angesehen. In der Realität handelt es sich bei Technik und Medien aber in erster Linie um einen von Männern beherrschten Bereich (Kuga Thas u.a., 2007: 3). Es überrascht deshalb nicht, dass die Gemeinschaftsradios auf dem Gender-Auge blind sind. Werden Gemeinschaftsradios in der Entwicklungsarbeit eingesetzt ohne dass dabei Geschlechterfragen thematisiert werden, führt dies zu einer ungleichen Beteiligung von Männern und Frauen.

Mehrere Untersuchungen der thailändischen Gemeinschaftsradios haben gezeigt, dass über die Hälfte der Zuhörerschaft Frauen sind (Weerapong, 2007: 135). Die Untersuchung von Poonsombat (2009: 16) zeigt, dass Frauen für die Gemeinschaftsradios wichtig sind. Sie rufen bei den Sendern an, bitten sie ihre Lieblingslieder zu spielen, sind gute Gesprächspartnerinnen, machen Programmvorschläge und äußern Kritik, und sie beschenken Moderatorinnen und Moderatoren. Außerdem spenden sie und sammeln Spenden für den Betrieb der Radios.

Darüber hinaus arbeiten sie als Moderatorinnen. Eine Untersuchung der Gemeinschaftsradios kommt zu dem Ergebnis, dass die Sender im Schnitt 14 Personen für Moderation und Ansagen beschäftigen, davon neun Männer und fünf Frauen (Sarod, 2008: 140-141). Wegen technischer Hürden wirkt sich die hohe Zahl an Hörerinnen jedoch nicht auf das Geschlechterverhältnis bei der Moderation aus. (6)

Eine Moderatorin kann ihren Anliegen Stimme verleihen, jedoch sind dazu bestimmte, speziell technische, Fähigkeiten erforderlich. Durch das Programm „Empowering Women in Community Radio“ hat sich, nach nur zwei Workshops, die Zahl der Moderatorinnen und der frauenspezifischen Programme erhöht, da technische Kenntnisse vermittelt wurden sowie die Fähigkeit, Sendungen zu moderieren und zu produzieren (Sarintip, 2008).

Zur Beteiligung von Frauen an Gemeinschaftsradios gehören nicht nur Publikum und Moderation, wichtig sind auch Buchhaltung und Management (Poonsombat, 2009: 17). Der Anteil von Frauen auf den höheren Entscheidungsebenen ist immer noch gering. Zu hoffen ist, dass in Zukunft durch mehr und bessere Ausbildung sich Zugang und Einfluss von Männern und Frauen bei den Gemeinschaftsradios angleicht.
 
Hürden für die Beteiligung von Frauen an Gemeinschaftsradios

Mehrere Faktoren wirken sich negativ auf die Beteiligung von Frauen an Gemeinschaftsradios aus. Erstens sind da wirtschaftliche Faktoren: Arme können sich nicht ehrenamtlich engagieren, da sie für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen. Zweitens gibt es kulturelle Faktoren: Marginalisierte und Frauen werden in bestimmten Bereichen und Rollen kaum zugelassen. Drittens gibt es Gründe, die speziell für die Gemeinschaftsradios gelten: Die Sendezeiten verlangen eine Tätigkeit zu den üblichen Arbeitszeiten.

1. Sendebetrieb ohne Geschlechterperspektive

Oft werden Gemeinschaften als homogene Einheiten betrachtet, wobei übersehen wird, dass Gemeinwesen auch von zahlreichen Konfikten geprägt sind. Beteiligt sich eine soziale Gruppe an einem Gemeinschaftsradio kann dadurch implizit eine andere soziale Gruppe ausgegrenzt werden. Viele Gruppen, die Gemeinschaftsradios gründen und lernen, wie man sie betreibt, grenzen unbeabsichtigt Frauen aus, denen es an der entsprechenden Erfahrung fehlt und die sich mit Computern schwer tun.

Hinzu kommt, dass der Betrieb eines Gemeinschaftsradios den Umgang mit Kommunikationstechnologie voraussetzt. Solche Technologie galt lange Zeit als kompliziert, schwierig zu erlernen, alltagsfern und bildet somit für viele Frauen eine Hürde. Auch wird beim Aufbau von Gemeinschaftsradios gerne die digitale Kluft übersehen, die zwischen Stadt- und Landbevölkerung besteht, so dass die Betreiber, ob absichtlich oder nicht, technische Schwellen aufbauen. Für „Dörfler“ ohne formale Ausbildung ist dies ein großes Hindernis, speziell für ältere Frauen und ethnische Minderheiten.

Selbst dann, wenn der Aufbau eines Gemeinschaftsradios so vorbereitet wird, dass alle gesellschaftlichen Gruppen mit einbezogen sind, werden Frauen dabei doch häufig vergessen. Zudem sinkt im Laufe der Zeit die Zahl derjenigen, die sich aktiv an der Arbeit beteiligen.

Wird zu Beginn eines Radioprojekts eine Genderanalyse durchgeführt, stellt man immer wieder fest, dass Technologie und das Auftreten im „öffentlichen Raum“ die größten Hürden für die Beteiligung von Frauen darstellen. Um diese Hürden zu senken, müssen Frauen und andere benachteiligte Gruppen zur Teilnahme befähigt werden. Möglich ist das durch spezielle Programme zur Förderung von Frauen, Kindern und Behinderten.

2. Der Mythos von der Rolle der Frau

Für ländliche Gemeinschaftsradios ist die größte Hürde für eine Beteiligung von Frauen ein in der Gemeinschaft vorhandener „kultureller Determinismus“. Dieser kommt in mehreren Aspekten zum Ausdruck:

  • Gemeinschaftsradio als „öffentlicher Raum“ (7) : Manche Frauen wagen nicht, sich an Gemeinschaftsradios zu beteiligen, da sie den öffentlichen Raum nicht „betreten“ wollen. Sie ziehen es nach wie vor vor, allein die „häusliche Welt“ zu bewohnen. Fragt man Frauen auf dem Lande, warum sie sich nicht an Gemeinschaftsradios beteiligen, hört man als Antwort häufig „Ich schäme mich“ oder „Ich will nicht zum Gerede werden“. Heutzutage gibt es einige Frauen, die den öffentlichen Raum betreten, die überwiegende Mehrheit jedoch – speziell auf dem Lande – ist so erzogen, dass sie sich nur in der häuslichen Welt wohlfühlt (Sarod, 2008B: 8). Diese häusliche Welt verstärkt den Mythos vom Wesen der Frau und zementiert ihre Rolle als „Zuhörerin und Unterstützerin“ der Gemeinschaftsradios. Mehrere Untersuchungen in Thailand sind zu dem Schluss gekommen, dass Frauen innerhalb von Gemeinschaftsradios eben diese Rolle einnehmen – und das ganz fraglos. Die stereotype Rolle der Frau in der Gesellschaft wird dadurch verstärkt.
  • Frauen können den Umgang mit Computern / mit Technik nicht erlernen: Dies ist eine Legende. Versteht man Unterschiede zwischen den Geschlechtern und die Technik, mit der Bürgerradios arbeiten, weiß man, dass Frauen, wie auch andere benachteiligte Gruppen diese Technik erlernen können. Notwendig sind allerdings auf sie und ihre Bedürfnisse speziell zugeschnittene Workshops an für sie zugänglichen Orten (Sarod, 2008 B).
  • Der Mythos vom Wesen der Frau: Oft heißt es, Frauen äußerten sich nur indirekt und nicht öffentlich. Dieser Mythos legt den Schluss nahe, die meisten Frauen seien nicht in der Lage, Radiosendungen zu moderieren oder Sender zu leiten. Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass derartige Persönlichkeitszüge bei Männern wie Frauen auftreten können, das heißt, dieser Mythos darf nicht dazu benutzt werden, Frauen den Zugang zum  Radio zu verwehren.


Gemeinschaftsradio als öffentlicher Raum für Frauen

In der Regel beschäftigt sich das Gemeinschaftsradio nicht so sehr mit Nachrichten und nützlichen Informationen, sondern damit, was in der jeweiligen Gemeinschaft vor sich geht. Es ist dementsprechend schwierig, das Gemeinschaftsradio als einen öffentlichen Raum zu nutzen, in dem ein Informationsaustausch stattfindet, Themen von öffentlichem Interesse diskutiert und Lösungen für Probleme gefunden werden. (8)

Sieht man Gemeinschaftsradios jedoch als öffentlichen Raum für Frauen an (als Gegenpart zur häuslichen Welt), dann ist es wichtig zu wissen, dass Frauen sich an diesen Radios nicht nur als Moderatorinnen, sondern auch im Aufsichtsrat und als Spendensammlerinnen beteiligen.

Die Moderatorinnen bei Gemeinschaftsradios lassen sich in zwei Gruppen unterteilen, solche, die sich mit Frauenthemen beschäftigen und solche, die dies nicht tun. Für Frauen stellen die Gemeinschaftsradios eine Ausweitung ihres öffentlichen Raums dar. Moderatorinnen, durchschnittliche Menschen – Hausfrauen, Händlerinnen, Angestellte, Beamtinnen, Studentinnen usw.  – können ihre Fähigkeiten als Kommunikatorinnen erweitern indem sie über Ereignisse in ihren Gemeinden sprechen, indem sie unterhalten, ihre Meinung sagen – und all das ehrenamtlich.

Obgleich Frauen im Radio mehrere Hürden überwinden müssen – Alter, Technik, ihr Geschlecht – haben sie das Zeug dazu, gute Moderatorinnen zu sein. Dazu kommt, dass die Gemeinschaftsradios nicht nur ein öffentlicher Raum für Frauen sind, die Tätigkeit dort bietet auch Anlass, das Haus zu verlassen, über öffentliche Angelegenheiten zu reden und sich mit anderen Frauen auszutauschen, das heißt, dieser öffentliche Raum gibt ihnen die Chance, andere Fähigkeiten zu entdecken.

  • Ein Raum zum Lernen (Lesen und Schreiben): Gemeinschaftsradios bieten Raum, Informationen Zuhörern und der Gesellschaft allgemein zugänglich zu machen. Ein Gemeinschaftsradio ist eine Art von Schule, in der jede Moderatorin ihre Erfahrungen (mit-)teilen kann.
  • Ein Raum, gemeinsam den Umgang mit Technik zu erlernen: Im Gemeinschaftsradio zu moderieren heißt nicht nur Inhalte aufzuarbeiten und die Art der Darstellung zu bestimmen, auch die Sendetechnik muss bedient werden. Dies zu erlernen, ist eine Herausforderung, auch wenn die Technik nicht allzu komplex ist.
  • Häusliche Welt im öffentlichen Raum: Die Abgrenzung zwischen häuslicher Welt und öffentlichem Raum hat Frauen gemeinhin in der häuslichen Welt verortet. In Folge feministischer Ansätze – „das Private ist politisch“ – werden weltweit soziale Räume neu gestaltet. Frauenthemen, die stets Teil der häuslichen Welt waren, können nun im öffentlichen Raum verhandelt werden. (9)
  • Ein Raum für Identitäten im Wandel: Im Gemeinschaftsradio wechselt eine Moderatorin unbewusst ihre Identität. Die Verkäuferin, Hausfrau, Großmutter, Krankenschwester, Parkwächterin oder Lehrerin wird hier zu einer Sprecherin für gesellschaftlichen Wandel im Gemeinwesen.

Frauen und die Technik der Gemeinschaftsradios

Fachleute, die sich mit ländlicher Entwicklung und Technologietransfer in Thailand beschäftigen, ist nur selten bewusst, dass die sozial konstruierte Rolle der Frau ihren Zugang zu, ihre Kontrolle über Technik beeinträchtigt. Männer haben einen besseren Zugang, haben mehr Kontrolle als Frauen. Viele, die in der Entwicklungsarbeit aktiv sind, halten Technologietransfer für geschlechtsneutral – Technologie, so die verbreitete Ansicht, könne von Frauen wie Männern genutzt werden, (10) und Technik-Workshops, die einem Mann helfen, müssen auch für Frauen funktionieren. (11) Jedoch selbst in Fällen, in denen auf die unterschiedlichen Rollen, die Männer und Frauen in ländlichen Gemeinschaften einnehmen, eingegangen wird, sind Technik-Workshops doch nicht auf unterschiedliche Gruppen von Frauen zugeschnitten, das heißt Unterschiede in Klassenzugehörigkeit, Alter, Erfahrungshorizont, Bedürftigkeit, Ausbildung und Ethnie werden übersehen. (12) Wenn für ein ländliches Umfeld Technik-Workshops konzipiert werden, muss auf Unterschiede zwischen Männern und Frauen gleichermaßen Rücksicht genommen werden, wie auf Unterschiede zwischen Frauen.

Für den Radiobetrieb notwendige Werkzeuge wie beispielsweise CD-Spieler, Mischpulte, Computer, Übertragungsgeräte etc. stellen neue Technik dar, die die Dorfbewohner erst erlernen müssen, wollen sie Radiosendungen produzieren. Die Aufgabe, im Umgang mit diesen Technologien auszubilden um dadurch Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen ohne Stimme eine Stimme zu geben, obliegt sowohl den Gemeinschaftsradios wie auch den Organisationen, die solche Programme fördern.

Die meisten Programme, die Gemeinschaftsradios fördern, achten nicht auf Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Viele beteiligte Organisationen, viele Praktiker glauben, es gebe keinen Unterschied in der Art wie Männer und Frauen den Umgang mit Technik erlernen. Entsprechend besuchen Männer und Frauen gemeinsam die selben Kurse. Häufig liegt der Schwerpunkt der Schulungen zudem eher auf den Grundlagen der Radiotechnik als auf dem Arbeitsalltag von Gemeinschaftsradios, was dazu führt, dass die in Gemeinschaftsradio Aktiven nicht selten die Bedienung der Technik voneinander und bei laufendem Betrieb erlernen müssen.

Frauenthemen im Gemeinschaftsradio

Die Vielfalt der Inhalte hängt von der jeweiligen Moderatorin, vom jeweiligen Moderator ab. Als die ersten Gemeinschaftsradios entstanden, wollten viele Menschen mitmachen. Als dann mehr und mehr kommerzielle „lokale“ Radios entstanden, wechselten einige Moderatorinnen und Moderatoren zu diesen. In dem Maß, in dem die Zahl der Moderatorinnen und Moderatoren abnahm, verringerte sich auch die Vielfalt der Inhalte. Für Sendezeiten, für die es keine Moderation gibt, müssen Sender auf Musik zurückgreifen oder Programme anderer Stationen übernehmen.

Die meisten Programme der Gemeinschaftsradios werden live ausgestrahlt. Sie bestehen aus einer Mischung von Unterhaltung und Nachrichten. Oft wird dabei nur „informiert“, das heißt es findet eine Einbahnstraßen-Kommunikation statt, es gibt keinen Austausch mit den Zuhörerinnen und -hörern. Inhaltlich wird über lokale Ereignisse berichtet – Beerdigungen, Hochzeiten, traditionelle Feste usw. Dazu kommen Nachrichten von außerhalb, die von der Regierung, Unternehmen, Zeitschriften, Zeitungen und Websites übernommen werden – in dem Maße, in dem der Sender das für sein Publikum von Nutzen findet.

Laut einer Umfrage zu den Gemeinschaftsradios von 2010 richten sich 41,5 Prozent der Programme an Frauen. Obgleich an die 40 Prozent der Aktiven Frauen sind, moderieren die meisten von ihnen jedoch Sendungen, die sich an eine allgemeine Hörerschaft richten. Die meisten „Frauenprogramme“ drehen sich um Themen wie Schönheitspflege, Gesundheit, Familie und Mode, nicht aber um die Rechte von Frauen oder darum, wie soziale Probleme aus Sicht von Frauen angegangen und gelöst werden können.

Fazit

Bei Gemeinschaftsradios können Frauen Leiterinnen, Moderatorinnen oder Zuhörerinnen sein. Da Frauen vorzugsweise in einer „häuslichen Welt“ leben und kulturelle Gegebenheiten ihren Zugang zu manchen Bereichen und Rollen einschränken, gibt es bislang unter den Entscheidungsträgern (Leiter und Aufsichtsrat) nur wenige Frauen. Obgleich der Anteil der Moderatorinnen bei Gemeinschaftsradios etwa 40 Prozent beträgt, moderieren die meisten von ihnen Programme, die sich an ein allgemeines Publikum richten.

Dennoch können Gemeinschaftsradios Frauen Raum dafür bieten, ihre Befähigungen zu entwickeln. Die Gemeinschaftsradios müssen in mehrerlei Hinsicht genauer untersucht werden – Informationsvermittlung, Technologie, Qualifikationen der Beschäftigten, Konzepte usw. Derlei Themen ließen sich dann im Rahmen einer Bewegung zum gesellschaftlichen Status der Frau politisieren. Bislang gibt es bei den thailändischen Gemeinschaftsradios jedoch keine Bewegung für Frauenrechte, da die meisten Betreiber sich für dergleichen nicht interessieren.

Wenn bei der Planung eines Projekts die Genderkomponente nicht berücksichtigt wird, ist das Resultat ein Projekt ohne Geschlechterdimension. Dennoch ist es möglich, über einen Prozess der stärkeren Beteiligung im Gemeinschaftsradio Räume für Frauen zu schaffen. Geschieht dies, erhöhen sich nicht nur die technischen Befähigungen der beteiligten Frauen, auch die Sendungen werden sich verbessern, und es wird möglich, im Radio eine Pluralität von „Bedeutungen“ auszustrahlen. Das Potenzial, das Frauen haben, wird hierdurch auf eine Art und Weise ausgedrückt, die über eine Ideologie der Weiblichkeit hinausgeht.

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Endnoten

(1) Wissenschaftlerinnen am Multiculturalism and Educational Policy Research Centre (Multi-Ed), an der Faculty of Education der Chiang Mai Universität. (www.multied.org)
(2) Artikel 40 der Verfassung von 1997 regelt die Zuteilung von Sendefrequenzen, die zuvor ausschließlich dem Staat zur Verfügung gestanden hatten.
(3) Sarod Wellmanee: Preliminary Study of Community Radio in Thailand, Chiang Mai 2008, Heinrich Böll Foundation, Southeast Asia, S. 68
(4) Zusammenfassung der Ergebisse einer Untersuchung von 62 Gemeinschaftsradios durchgeführt von der National Federation of Community Radio, siehe Sarintip Mansap: Truths about community radio ความ (เป็น) จริงวิทยุชุมชน, Multiculturalism and Educational Policy Research Centre, Faculty of Education, Chiang Mai University, 2010.
(5) In den großen Medien verhält es sich sehr anders. Im Jahr 2006 waren nur 38 Prozent derjenigen, die vom Informationsministerium einen Presseausweis erhielten, Frauen, und unter den Herausgebern oder Vorsitzenden von Medien befanden sich 2005 waren nur 12 Prozent Frauen (siehe: Bureau of Women’s and Family Institution’s Affairs: The 2008 Thai Women Status Report)
(6) Einer Untersuchung des Projekts „Empowering Woman in Community Radio“ von 2008 zufolge benötigen 57 Prozent der Frauen, die gerne moderieren würden, technisches Training,  67 Prozent haben nie eine entsprechende Ausbildung absolviert.
(7) Mit „öffentlichem Raum“ wird hier das Gegenteil der „häuslichen Welt“ bezeichnet. Gemeinschaftsradios sind öffentlicher Raum; sie geben Frauen die Chance, gehört zu werden und auf Frauenthemen hinzuweisen. In diesem Raum kann ein Austausch zu, können Lösungen für frauenspezifische Probleme gefunden werden - siehe www.javnost-thepublic.org, Caroline Mitchell: „Women’s (Community) Radio as A Feminist Public Sphere“, The Public, Vol.5, 1998, 2, online: www.javnost-thepublic.org/article/pdf/1998/2/6/
(8) Pirongrong Ramasoota: Final Report: Civil Media, Bangkok, Thai Research Fund, 2004, S. 15.
(9) Caroline Mitchell: „Women’s (Community) Radio As A Feminist Public Sphere“.  In: The Public. Vol. 5, 1998, 2. (S. 73-85), online: www.javnost-thepublic.org/article/pdf/1998/2/6/
(10) Nancy J. Hafkin: Are ICTs Gender Neutral?: A Gender Analysis of Six Case Studies of Multi-Donor ICT Projects, UN/INSTRAW Virtual Seminar Series on Gender and ICTs, 2002.
(11) Food and Agriculture Organization of the United Nations: Gender Responsive Technology for Poverty Alleviation in Thailand, 2003 www.fao.org/docrep/007/ae538e/ae538e00.htm
(12) Flis Henwood: „Woman Question in Technology to the Technology Question in Feminism“, In: European Journal of Woman Studies, Vol.7, Nr. 2, 209-227, 2000 www.ejw.sagepub.com

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