Care Arbeit und Care Ökonomie: Konzepte zu besserem Arbeiten und Leben?

Care Arbeit und Care Ökonomie: Konzepte zu besserem Arbeiten und Leben?

Die Einleitung zum Dossier von Susann Worschech

Inhalt:

Einleitung

Can we afford not to Care? – fragt Susan Himmelweit1, Ökonomin und Sozialwissenschaftlerin an der Open University, und die Antwort scheint klar: natürlich nicht. Wir können es uns nicht leisten, auf so grundlegende Tätigkeiten wie Versorgen und Pflege zu verzichten. Die Frage nicht nach den Kosten von etwas, sondern in Bezug auf den Verzicht auf Etwas zu stellen, verdeutlicht, wie zentral und wertvoll „Care“ eigentlich ist. Doch die Debatte über Care findet nur in Ansätzen und vereinzelt statt: Thematisiert werden Kinderbetreuung und Vereinbarkeit, Pflegepolitik und Work-Life-Balance. Seltener steht die übergeordnete Frage nach gesellschaftlichen und geschlechterpolitischen Dimensionen all der versorgenden Tätigkeiten zur Debatte. Können wir es uns wirklich leisten, über „Care“ und das rechtliche, soziale, ökonomische Umfeld, in dem Sorgearbeit stattfindet, nicht nachzudenken und zu diskutieren?

Sorgen und Versorgen sind Tätigkeiten, die der Sicherung der menschlichen Grundbedürfnisse dienen und einen nicht geringen Anteil sozialer Beziehungen ausmachen – im privaten wie auch im beruflich-dienstleistungsbezogenen Rahmen. „Care“ ist überall – in der Kinderbetreuung und in der Altenpflege, in der Nachbarschaftshilfe und bei der Hausarbeit. Doch zwischen der Allgegenwart von Sorgearbeit und der Wahrnehmung ihrer Bedeutung dessen klafft eine große Lücke. So grundlegend die Sorgearbeit im gesellschaftlichen Zusammenleben ist – als selbstverständlich hinnehmen sollten wir sie gerade deshalb nicht. Eine genauere Betrachtung von „Care“ und der Frage, wer für wen in welcher Situation sorgt, welche Voraussetzungen und auch Folgen gute (und auch schlechte) Care-Arbeit hat, eröffnet eine Perspektive auf die Gesellschaft, die auf solidarischem Umgang basiert, dessen Rahmenbedingungen immer wieder ausgehandeln werden müssen. Die gesellschaftliche Organisation von Sorgearbeit und die Überlegung, welche Prinzipien dieser Arbeit eigentlich zu Grunde liegen, berührt weit mehr als arbeitsrechtliche oder sozialpolitische Themenfelder, sondern verweist auf Arbeitsteilung und Geschlechterrollen, Migrationspolitik, Familienbilder und Marktmechanismen, besonders wenn Care-Arbeit „vermarktet“ und in Wert gesetzt wird. Das Nachdenken über „Care“ rückt die grundsätzliche Frage in den Vordergrund, wie wir besser und gerechter arbeiten, leben, wirtschaften wollen. Jedoch: solche großen Fragen wollen schrittweise erarbeitet werden. Am Anfang steht daher zunächste einmal die Überlegung: Was genau meint überhaupt „CARE“?

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Begriffe & Dimensionen von „Care“

Care oder auch Reproduktion meint allgemein jene Sphäre der Arbeit und der Ökonomie, die dem Bereich der klassischen „Produktion“ entgegensteht. Während sich Studien zu „Arbeit“ meist in scheinbar geschlechtsneutraler Weise auf die Produktion von materiellen und immateriellen Gütern im unmittelbaren Zusammenhang mit monetärer Entlohnung bezieht (und beides – Erwerb und Arbeit – damit gleichsetzt), gilt Reproduktion dann als Rest- oder zumindest Gegenkategorie von versorgenden Tätigkeiten, die überwiegend im Privathaushalt stattfinden2. Diese Trennung in Produktions- und Reproduktionssphäre und die Wahrnehmung der Haushalte als Orte des Konsums jener Produkte, die in „der Wirtschaft“ produziert werden3 , ist ein zentraler Kritikpunkt feministische-alternativer Ökonomie – doch „Care“ weist darüber hinaus. Reproduktion / Care bezeichnen in der sozialwissenschaftlichen und feministischen Debatte einerseits bestimmte Tätigkeiten und Arbeitsbereiche, die eng an Pflege und Versorgung gekoppelt sind. Andererseits wächst seit einigen Jahren auch in den Wirtschaftswissenschaften eine Debatte zur Care-Ökonomie, die nach dem Wert der reproduktiven Arbeit und der (Un-) Logik der Trennung von Ökonomie in produktiv und reproduktiv fragt.

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Care-Arbeit

Care Arbeit, Sorgearbeit oder reproduktive Arbeit – diese Begriffe werden bislang weitgehend synonym gebraucht – lässt sich definieren als jede personennahe fürsorgende Dienstleistung, die sowohl bezahlt als auch unbezahlt erfolgen kann. Nähere Kriterien der Sorgearbeit sind, dass sie erstens durch eine gewisse Asymmetrie, also ein Abhängigkeitsverhältnis von EmpfängerInnen gegenüber ErbringerInnen der Dienstleistung gekennzeichnet ist, und zweitens eine emotionale Komponente sowie die aufgewendete Zeit als Teil der Tätigkeit selbst gelten4. Cancian and Oliker (2000) benennen in ihrer Definition von Caregiving sogar zuerst die emotionale Komponente, indem sie Caregiving als eine Kombination von Gefühlen von Nähe und Verantwortlichkeit mit direktem Face-To-Face-Handeln, das auf die Bedürfnisse einer Person und ihr Wohlergehen ausgerichtet ist, verstehen.5 Als unbezahlte Sorgearbeit gilt damit Hausarbeit und die direkte Sorge für Personen, die aufgrund besonderer Ereignisse (z.B. Krankheit) oder des biographischen Verlaufes (z.B. Kindheit) von der Fürsorge und Pflege durch andere abhängig sind.6 Dem gegenüber stehen bezahlte Care-Dienstleistungen wie Kinderbetreuung, Alten- und Krankenpflege sowie Bildung & Erziehung.7 Zu den bezahlten Care-Tätigkeiten gehören schließlich auch jene Arbeiten, die zunehmend aus dem unbezahlten Bereich in den bezahlten „ausgelagert“ werden, allen voran die Hausarbeit.

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Ökonomie des Haushalts: Unbezahlte Care Arbeit als Ressource

Care Arbeit ist eng an geschlechtshierarchische Arbeitsteilung gekoppelt. Die Behauptung, Frauen wären eben sozialer und von ihrem Naturell her eher für soziale, pflegerische Tätigkeiten geeignet als Männer, wirkt anachronistisch, wird aber trotzdem immer wieder zur Begründung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung angeführt. Doch auch fernab derartiger biologistischer Erklärungen ist die anhaltende weibliche Konnotation von Care Arbeit offensichtlich und verweist auf soziale Muster, die einer traditionellen Rollenzuschreibung entsprechen. So ergeben Zeitbudgeterhebungen des Statistischen Bundesamtes, dass nicht nur das Arbeitsvolumen der unbezahlten Arbeit jenes der bezahlten Erwerbsarbeit klar übersteigt, sondern auch, dass diese Verteilung für Frauen und Männer sehr unterschiedlich ist. Von ihrer wöchentlichen Arbeitszeit in Höhe von insgesamt 43 Stunden arbeiteten Frauen im Jahr 2001/2002 31 Stunden unbezahlt und nur 12 Stunden pro Woche bezahlt, während Männer weniger als die Hälfte ihrer Gesamtarbeitszeit – 19,5 von insgesamt 42 Arbeitsstunden pro Woche – mit unbezahlten Tätigkeiten verbrachten8. Noch drastischere Zahlen errechnete Mascha Madörin für die Schweiz9, wobei die konkrete Aufteilung von Arbeit sich mit den Faktoren des Zusammenlebens als Paar und mit Kind deutlich verändert. Auch wenn das gesamte Arbeitsvolumen von Männern und Frauen annähernd gleich groß ist – über 70 Wochenstunden bei Personen mit Kindern im Alter von 0-6 Jahren! – zeigt die Zusammensetzung der Arbeit eine Gender-Asymmetrie zu Lasten der Frauen, die besonders in Paarhaushalten mit Kindern den weitaus größeren Teil der unbezahlten Arbeit verrichten.

Volkswirtschaftlich wird die in den Haushalten erbrachte „Produktion“ ausgeblendet – zu Unrecht, wie auch das Statistische Bundesamt in seiner sehr detaillierten Zeitverwendungsstudie aus dem Jahre 2003 feststellte. Die Bruttowertschöpfung in Haushalten entsprach im Jahre 2001 laut Statistischem Bundesamt in etwa der Bruttowertschöpfung der deutschen Industrie (ohne Baugewerbe). Der Wert der in Haushalten erbrachten unbezahlten Arbeit wird (bei einem angenommenen Nettolohn von 6€ pro Stunden) auf 684Mrd. € geschätzt. Insofern ist es keinesfalls untertrieben, die Care-Arbeit als eine zentrale Grundlage von Erwerbsarbeit und Marktwirtschaft zu bezeichnen.

Ähnlich argumentiert die Schweizer Ökonomin Mascha Madörin. Auch sie berechnet den „Wert“ der Care-Arbeit, indem sie Haushalte als die „wichtigsten Produktionsorte der Sorge- und Versorgungsökonomie“10 konzipiert und die einzelnen Tätigkeiten „Branchen“ zuordnen, um einen bessere Vergleichsbasis der „anderen Ökonomie“ (Madörin) gegenüber der „Ökonomie“ zu gewinnen. Somit können die Zusammenhänge der Sorgeökonomie in traditionellen makro-ökonomischen Termini beschrieben werden. Madörins Berechnungen ergeben beispielsweise für die „Wertschöpfung“ des Zubereitens der Mahlzeiten im eigenen Haushalt die Zahl von 45 Mrd. Franken; insgesamt beziffert Madörin die Wirtschaftsleistung der Sorge- und Versorgungsarbeit auf ca. 64% des BIP. Diese Zahlen zeigen, um welche großen Ressourcen es sich bei der (unbezahlten!) Sorgearbeit handelt.

Was folgt aus diesen Fakten und Zahlen? Eine detaillierte Aufschlüsselung der Care Arbeit beweist erneut, dass unbezahlte Sorgearbeit gerade angesichts des Erwerbsarbeitsparadigmas „auch Arbeit“ ist und verrichtet werden muss, damit für nicht-unbezahlte Arbeiten überhaupt Kapazitäten frei werden. Um erwerbstätig sein zu können, muss klar sein, wann und von wem Tätigkeiten wie Putzen, Einkaufen, Kinder versorgen, Mahlzeiten zubereiten etc. erledigt werden – und welche Einkommensquellen dies wiederum sicherstellen können. Dies ist ein Problem, welches entweder Genderasymmetrien in der unbezahlten Care-Arbeit verstärken oder Ansatzpunkte für richtungsweisende geschlechterdemokratische Konzepte bieten kann: Allein die oben genannte statistische klare Verteilung lässt darauf schließen, dass Care-Arbeit ganz überwiegend und nicht zufällig „Frauenarbeit“ ist. Die Kenntnis immernoch vorherrschender Rollenbilder, vor allem aber sozialpolitischer Anreizsysteme unterstreicht, dass Frauen nicht nur freiwillig mehr Sorgearbeit verrichten als Männer. Die hoch ideologisierten Debatten über Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit von Frauen zeigen immer wieder exemplarisch, wie selbstverständlich weibliche unbezahlte Sorgearbeit als „Rückendeckung“ der Erwerbsfähigkeit des Mannes lange Zeit betrachtet wurde.

Ein Hauptproblem dieser geschlechterspezifischen Aufteilung – und der Sichtbarmachung der Care-Arbeit als frauenspezifischer „Branche“ – sind die Konsequenzen, die sich aus einem Paradoxon der deutschen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik ergeben: Sozialsysteme und Arbeitsmarktpolitik sind einerseits klar auf Erwerbsarbeit als Grundlage der Wohlfahrt ausgerichtet, zugleich fördern und verlangen Familien-, Bildungs- und nicht zuletzt Steuerpolitik aber gezielt unbezahlte Sorgearbeit, ohne diese Arbeit entsprechend „anzuerkennen“. Soziale Sicherungssysteme jenseits der Erwerbsarbeit bzw. der sozialen und finanziellen Abhängigkeit von PartnerInnen existieren nicht – unbezahlte Care-Arbeit impliziert damit entweder Armut oder Abhängigkeit. In der Diskussion um eigenständige Existenzsicherung und neue Formen der sozialen Sicherung wurde der Aspekt der finanziellen Absicherung von Reproduktionsarbeit zugleich als Pro- und Contra-Argument für ein bedingungsloses Grundeinkommen angeführt: BefürworterInnen betonen, dass ein Grundeinkommen die Abhängigkeit der unbezahlt Tätigen von erwerbstätigen PartnerInnen reduzieren und so Männern und Frauen wirkliche Entscheidungsfreiheit für (oder gegen) unbezahlte Care-Arbeit ermöglichen könnte. Zudem würde ein Grundeinkommen den unbezahlt Arbeitenden endlich jene Anerkennung zukommen lassen, welche Erwerbstätige durch das Gehalt bekommen. KritikerInnen des Grundeinkommens hingegen bezweifeln gerade die Entscheidungsfreiheit für oder gegen Care Arbeit und fürchten eher, dass sich ein Grundeinkommen auch aufgrund der noch vorherrschenden, eher traditionellen Geschlechter-Rollenbilder im Sinne eines „Hausfrauengehaltes“ auswirken könnte, welches die geschlechterspezifische Arbeitsteilung eher noch verstärkt.

Diese Haltung spiegelt sich nach wie vor im System der deutschen Familien- bzw. Ehebesteuerung (siehe dazu auch: Steuern steuern! Ein Dossier zu feministischer Steuerpolitik). Dem „Teufelskreis ökonomischer Rationalität“ (Beblo 2009) lässt sich kaum entfliehen, wenn Paare dem Ehegattensplitting unterliegen und zugleich beispielsweise in der Familienphase ein hohes Arbeitsvolumen bei (noch) relativ geringem Einkommen haben. Eine ungleiche Aufteilung von unbezahlter Care-Arbeit und bezahlter Erwerbsarbeit unter den Partnern führt schon nach relativ kurzer Zeit zu sehr unterschiedlichen Spezialisierung – im Falle des erwerbstätigen Partners wird „allgemeines“, also marktfähiges Humankapital akkumuliert, die Spezialisierung im Fachgebiet der Erwerbsarbeit und der „Marktwert“ der erwerbstätigen Person steigen parallel an. Zugleich akkumuliert auch die unbezahlte Care-Arbeit verrichtende Person ihr Humankapital – allerdings sehr spezifisches, auf den häuslichen Bereich konzentriertes Humankapital, welches auf dem Erwerbsarbeitsmarkt wenig Wert hat. Je weiter diese Spezialisierung durch einseitige Arbeitsteilung fortschreitet, umso irrationaler in ökonomischer (und auch praktischer) Hinsicht wird ein Tausch der Aufgabenbereiche. Das Ehegattensplitting verstärkt diese Spezialisierung durch Fehlanreize zur Nichterwerbsbeteiligung der bislang im unbezahlten Bereich arbeitenden Person. Die Folge ist eine meist geschlechtsspezifische Festschreibung der Arbeitsbereiche innerhalb der Familie in bezahlt und unbezahlt – mit der Konsequenz der ökonomischen Abhängigkeit eines Partners vom anderen. Ein Ausbrechen aus diesem „Teufelskreis“ wird mit zunehmender Zeit und Spezialisierung der jeweiligen Arbeit immer schwieriger.

Die unbezahlte Sorgearbeit ist, so wie sie heute in den meisten Wohlfahrtsstaaten organisiert ist, ein Armutsrisiko für Frauen, welche diese Tätigkeiten überwiegend ausführen. Ein – von FeministiInnen nicht zu Unrecht sehr kritisch betrachteter – Weg, diesem Armutsrisiko entgegenzutreten, sind die Überlegungen, die zu Beginn der Feminismus-Debatte in den 1970er Jahren (ebenfalls) unter dem Stichwort des Hausfrauengehaltes diskutiert worden sind. Verbände wie der deutsche Berufsverband der Haushaltführenden, der Verband der Familienfrauen und -männer oder auch der schweizerische Berufsverband der FamilienmanagerInnen setzen sich für rechtliche, finanzielle und vor allem sozialpolitische Verbesserungen für unbezahlte Care-Arbeit ein. Die sicher bewusst egalitär klingenden Namen dieser Verbände (der „Berufsverband der Haushaltführenden“ hieß früher schlicht DHB – Deuscher Hausfrauenbund) sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die geschlechterspezifische Aufteilung der Care-Arbeit zu Lasten von Frauen hier nicht wirklich problematisiert wird.

Unbezahlte Sorgearbeit ist eine wichtige Basis gesellschaftlicher und ökonomischer Entwicklung. Doch wer pflegt, sorgt, füttert, vorliest, einkauft, putzt und tröstet, hat weniger Zeit für die eigenständige Existenzsicherung und bleibt somit ökonomsich abhängig von anderen Personen, denen diese Arbeiten abgenommen werden. Dennoch wird Sorgearbeit weder als Arbeit ernstgenommen (geschweige denn der Erwerbsarbeit gleich gestellt), noch in ihrer gesellschaftlichen Relevanz ausreichend erkannt. Gute Pflege, eine positive frühkindliche Entwicklung und soziales bzw. bürgerschaftliches Engagement stellen Grundpfeiler einer modernen, demokratischen Wissensgesellschaft dar – doch diese lässt ihre SorgearbeiterInnen zum unsichtbaren Prekariat werden.

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Ist Fürsorge (un-) bezahlbar? Probleme der bezahlten Care-Arbeit

Wenig besser ist die Situation für die bezahlte Care-Arbeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen, Kindertagesstätten und bei dem haushaltsnahen Dienstleistungen. Die meisten hier anzutreffenden Berufe sind typische „Frauenberufe“ mit wenig Prestige und geringer Bezahlung. Ein Grundproblem dieser Berufe ist deren soziale Komponente, die eine rein ökonomische Auffassung erschwert. Pflegeberufe können nicht mit „Produktivität“ und „Effizienz“ gemessen und beschrieben werden – oder wie Mascha Madörin es formuliert: „Man kann zwar Autos und Medikamente schneller produzieren. Aber kann man schneller Kinder aufziehen? Kann eine gut ausgebildete und engagiert Ärztin noch gut arbeiten, wenn sie im Durchschnitt nur noch 10 Minuten pro Konsultation zur Verfügung hat?“11. Care-Arbeit steht quer zu den sonst in der Wirtschaft üblichen Rationalisierungs- und Produktivitätserhöhungs-Diskursen und -Kategorien. In einer Krippe oder einem Krankenhaus zählen andere Erfolgsfaktoren als nur gutes Wirtschaften oder gar Gewinn: es geht um qualitative Erfolge, an denen soziale Aspekte einen großen Anteil haben. Wer gut gepflegt wird, kann schneller genesen; eine Erzieherin, die genügend Vorbereitungszeit hat, kann Kindern bessere Bildungsangebote machen.

Um eine gute Qualität im Pflege-, Gesundsheits- und Bildungssektor zu erreichen, bedarf es daher einer leistungsgerechten Bezahlung, wovon die meisten Arbeitsverträge in diesen Bereichen – so überhaupt vorhanden – weit entfernt sind. Die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kosten dieser Mißachtung bestimmter Arbeiten – denn Geld drückt auch Wertschätzung aus – lassen sich in Debatten über Pflegenotstand, Integrations- und Bildungsversäumnisse nur erahnen. Die privaten Kosten dieser Schieflage tragen Frauen, die überwiegend in diesen Bereichen arbeiten und bei gleich hoher physischer Arbeitsbelastung – und vermutlich einer höherer psychischen Belastung! – deutlich weniger verdienen als viele Arbeiter. So erhält beispielsweise ein Arbeiter in der Druckindustrie (West) für einfache Tätigkeiten, die ohne Vorkenntnisse ausgeführt werden können, bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 35 Stunden eine tarifliche Grundvergütung in Höhe von 1.967€ (brutto), eine gelernte Altenpflegehelferin für 39 Stunden pro Woche aber nur höchstens geringfügig mehr: zwischen 1.762 und 2.311€. Angesichts der für den letzteren Beruf notwendigen einjährigen Ausbildung und der zusätzlichen psycho-sozialen Belastung ist dies dramatisch wenig. Ein Facharbeiter mit abgeschlossener Berufsausbildung kann in der Druckindustrie (West) dann auch bereits mit mindestens 2.336€ rechnen.12 Die Geringschätzung des Care-Bereiches macht daher einen wesentlichen Teil des geschlechtsspezifischen Lohnunterschiedes von ca. 27% aus. Eine plausible Erklärung, warum beispielsweise die Betreuung und Pflege von alten Menschen oder Sprachförderung bei Kleinkindern in einer Wissensgesellschaft indes dramatisch weniger wertvoll ist als das Zusammenschrauben von Autoteilen oder Bedienen von Druckmaschinen, lässt sich wohl kaum finden.

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Die Wirtschaft und „die andere Wirtschaft“? Care Ökonomie als umfassendes Konzept

Care Ökonomie als wirtschaftswissenschaftliche und zugleich lebensweltorientierte Perspektive hilft, den Blick auf die Art und Weise unseres Re-/Produzierens zu schärfen. So fragt eine umfassende Ökonomie nicht nur nach Gewinnen, sondern auch nach ökologischen und sozialen Ressourcen des Wirtschaftens.

Dass die gegenwärtige ökologische, soziale und nicht zuletzt die Wirtschafts- und Finanzkrise in der Art und Weise industriellen kapitalistischen Wirtschaftens und in der ausschließlichen Logik der Gewinnmaximierung begründet ist, dürfte in den letzten Jahren überdeutlich geworden sein. Das vorherrschende ökonomische Denken und Handeln zerstört seine eigenen Grundlagen, indem ökonomisches Handeln, aber auch ökonomische Theorie fundamentale Ressourcen ausblendet13. Eine dieser Ressourcen ist Care – und Care Ökonomie ein Weg, diese unsichtbare Basis sichtbar zu machen und Ökonomie als Ganzes zu betrachten.

Notwendig ist damit nicht weniger als ein Paradigmenwechsel der Wirtschaftswissenschaften: wir brauchen eine Care Revolution! Ökonomische Theorie muss um den unbezahlten Bereich mit seinen besonderen Merkmalen erweitert werden, damit der Wert dessen, was nur indirekt oder in mehreren Schritten geldförmig verhandelbar ist, als Ressource in das System einberechnet wird. Ansätze einer Sorgeökonomie fragen nicht nur nach marktförmigen Mechanismen, sondern nach Voraussetzungen und Sinn des Wirtschaftens, nach dem Wert materieller wie immaterieller Ressourcen und nach der Lebenswelttauglichkeit wirtschaftlichen Handelns. Die Entwicklung von Care-Ökonomie als eigenständigem Theoriebereich und die systematische Integration der Care-Ökonomie in die Analysen volks- und globalwirtschaftlicher Prozesse scheint unumgänglich14.

In diesem Sinne stellt Ulrike Knobloch die in der Ökonomie vorherrschende Analyse von Marktprozessen und die Sichtweise von „wirtschaftenden Menschen als geschlechtsneutrale Wirtschaftssubjekte“ in ihrem Beitrag in diesem Dossier in Frage. An der Schnitt zwischen Ökonomie und Philosophie entwirft sie eine geschlechterbewusste Wirtschaftsethik, die Wirtschaft als Selbstzweck dekonstruiert und sie statt dessen in einen gerechtigkeitstheoretischen Kontext stellt, in welchem Geschlechtergerechtigkeit zentral ist. Geschlechterbewusste Wirtschaftstheorie kann so zur Basis geschlechtergerechter Wirtschaftspolitik werden, wenn Geschlechterfragen und Konsequenzen aus der Care-Perspektive nicht länger ignoriert werden.

Einer solchen Integration der Care-Perspektive in die Mainstream-Ökonomie bedarf noch intensiver Debatte und deutlich größerer Popularität. Mascha Madörin kann sicher als eine der Pionierinnen gelten, welche versuchen, mit großer theoretischer Konsequenz, die Sorgeökonomie in makroökonomischen Termini zu erfassen und so Daten für die Vergleichbarkeit „der Ökonomie“ und „der anderen Ökonomie“ bereitzustellen (siehe dazu auch den Beitrag von Mascha Madörin auf dem Fachgespräch des GWI am 10.02.2010). Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Sphären der Ökonomie besteht darin, dass sie unterschiedlichen Logiken des Tausches und der verhandelten „Ware“ unterliegen und auch Bedingungen und Kontexte des jeweiligen ökonomischen Handelns variieren. Diese qualitativen Aspekte greift Maren Jochimsen auf, um nicht zwei Sphären der Ökonomie zu extrahieren, sondern um die Frage nach grundlegenden Handlungslogiken einer nachhaltigen Wirtschaft zu stellen. In ihrem Konzept der Sorgeökokonomie geht Jochimsen nicht länger vom symmetrischen Tauschgeschäft als ökonomischer Grundidee aus, sondern konzipiert gerade jene Asymmetrien und Verantwortlichkeiten, die das Handeln der Sorgearbeit charakterisieren, als Grundlage einer Care Ökonomie 15.

Dem gegenüber steht der Vorschlag Adelheid Bieseckers, die Ökonomie an „weiblichen Werten“ zu orientieren. Biesecker fordert mit ihrem Vorschlag eines „weiblichen Zwillings der Wettbewerbsökonomie“ ähnlich wie Jochimsen eine Ökonomie, die mit anderen Grundwerten und Prämissen arbeitet und so nicht zum Selbstzweck wird, sondern die Basis einer nachhaltigen Entwicklung sein sollte. Der dezidiert integrativen Perspektive Jochimsens steht damit eine radikalere Variante gegenüber, welche nicht nur die Differenzen detaillliert herausarbeitet und auf Defizite der klassischen Ökonomie und des Umgangs mit Sorgearbeit hinzuweist. Die Anerkennung der Reproduktion in ökonomischen Termini und ein Ende der isolierten Betrachtung der „männlich“ konnotierten Ökonomie hilft, Wirtschaft als komplexes System zu verstehen und nachhaltig und gerecht auszurichten.

In ähnliche Richtung argumentiert Roland Zieschank, der in diesem Dossier den Entwurf einer alternativen Wohlstandsmessung vorstellt. Der Nationale Wohlfahrtsindex ist der Versuch, ein Alternativmodell zum BIP zu konzipieren, dass nicht nur reines Wirtschaftswachstum, sondern auch dessen soziale und ökonomische Ressourcen in die Wohlstandsmessung mit einbezieht. Dieses Projekt könnte ein Anstoß sein zu einer Wirtschaftspolitik, die sich nicht mehr nur auf blindes Wachstum und traditionelle Marktlogiken, sondern auf einen umfassenderen Begriff von Wohlfahrt bezieht.

Doch nicht nur WirtschaftspolitikerInnen müssen und sollten mit Hilfe der Care-Perspektive umdenken. „Care“ ist umfassender und wirkt sich auf all jene Politikbereiche aus, die die sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Aspekte menschlichen Zusammenlebens betreffen. Eine ebenso zentrale wie direkte Konsequenz einer Care-Ökonomie wäre eine umfassende und (geschlechter-) gerechtigkeitsorientierte Reform der Pflegepolitik. Hannelore Buls argumentiert in ihrem Beitrag Herausforderung für die Pflegepolitik: "Bezahlt oder unbezahlt", dass es an der Zeit ist, traditionelle Modelle der familienbasierten Pflege in den professionalisierten Bereich zu verschieben, um einerseits Qualität in der Pflege zu sichern, andererseits diese Arbeit aber auch aus dem informellen, innerfamiliären Rahmen herauszuholen und so gesellschaftlich sichtbar zu machen.

Der Frage, welche Arbeit als „Arbeit“ gilt und welche Probleme sich aus der semantischen Gleichsetzung von „Arbeit“ mit Erwerbsarbeit und der Ausgrenzung der Care-Arbeit besonders für Frauen ergeben, geht Gisela Notz in ihrem Text "Das Private ist (noch immer nicht) politisch" nach. Notz analysiert die geschlechtshierarchischen Strukturen, die sich aus der Trennung bezahlter und unbezahlter Arbeit ergeben und entwirft als Gegenstück eine Utopie des Arbeitsbegriffs, der Teilhabe und Wohlstand, aber auch Verantwortung gerechter verteilt.

Eng an die geschlechterspezifisch aufgeladene Konzeption des Arbeitsbegriffs ist die Zeitverwendung und Zeitökonomie gebunden. Dagmar Vinz zeigt in ihrem Beitrag Wer kocht? – Zeitverwendung und Geschlechterarrangements im Ernährungsbereich am Beispiel der Zeitverwendung in Haushalten, wie stark insbesondere alle mit der Ernährung zusammenhängenden Tätigkeiten noch geschlechterhierarchisch verteilt sind und wie sich dies auf Zeitverwendung von Frauen und Männern auswirkt. Dabei wird deutlich, dass die Care-Krise im Bereich der Ernährung daraus resultiert, dass den Haushalten Zeit- und Flexibiblitätsressourcen verloren gehen. Dieser Verlust ergibt sich aus der Diskrepanz von sich wandelnden Lebensverhältnissen von Frauen, Männern und Familien einerseits und einer noch immer an der Alleinverdiener-Normfamilie orientierten Familien-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik andererseits.

Die Perspektive der Care Ökonomie verdeutlicht dabei immer wieder, wie stark Wirtschaft und Arbeit als gesellschaftliche Systeme an vielen Stellen zum Selbstzweck geworden sind. Hier muss eine nachhaltige, geschlechtergerechte Wirtschaftsordnung einen Umkehrprozess einleiten, der „die Ökonomie auf die versorgenden Füße stellt“, wie Christa Wichterich es in ihrem Beitrag Das Vereinbarkeitsproblem der Politik benennt. Mit der Frage, welche Bereiche von Ökonomie und Arbeit eigentlich in einem Wohlfahrtsstaat als „systemrelevant“ gelten, kritisiert sie die allgemeine Geringschätzung von Care und die massiven Folgeprobleme, die sich aus schlechter Bezahlung von Sorgearbeit, deren immer noch beliebter Abschiebung in den privaten Bereich und die Auslangerung von Sorgearbeit an „kostengünstigere“ MigrantInnen ergeben.

Letzteren Aspekt – den komplexen Zusammenhang von Care und Migration – erläutert Maria Kontos in ihrem Aufsatz "Europäische Politiken im Zuge der Globalisierung von Pflegearbeit". Dabei wird deutlich, dass der Pflegenotstand, der auch in anderen Artikeln dieses Dossiers beschrieben und begründend erläutert wurde, für ein Land durch gezielte Migration ausgeglichen werden kann, die ursächlichen Probleme aber entlang der entstehenden „Sorgeketten“ in die Herkunftsländer getragen werden. Die Metapher der „Sorgekette“ beschreibt den Prozess des Abzugs von Arbeitskräften und ebenso emotionalen Ressourcen in den Gesellschaften und Familien der MigrantInnen. Zugleich sind ganz unterschiedliche Strategien zu beobachten, wie die entstehenden Dilemmata – exemplarisch sei hier nur die Versorgung der eigenen Kinder von Migrantinnen in deren Herkunftsländern genannt – zwar nicht gelöst, aber doch kompensiert werden. Es bedarf jedoch keiner dezidiert feministischen Perspektive, um festzustellen, dass auch hier systematische Probleme, welche durch den Mangel einer nachhaltigen Versorgungspolitik im Sinne der Care Ökonomie entstehen, letztlich auf die schwächsten Glieder dieser Sorgekette, nämlich Frauen aus wirtschaftlich schwachen Regionen, zurückfallen. Wer über die finanziellen Mittel verfügt, kann die private wie gesellschaftliche Care-Krise erfolgreich auslagern – tragen und abarbeiten müssen sie andere.

Dies macht die globale Verantwortung deutlich, die sich auch aus der Frage nach einer Care-Ökonomie ergibt. Inwiefern werden nachhaltige soziale Aspekte in internationaler Wirtschaftskooperationberücksichtigt? Zumindest wäre zu vermuten, dass die Entwicklungszusammenarbeit für Geschlechtergerechtigkeit sensibilisiert ist. Inwieweit dies aber auch für die Wirtschaftsförderung in Entwicklungsländern zutrifft, stellt Annemarie Sancar in ihrem Beitrag Verortungen von Gender Equality – ein Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der Entwicklungszusammenarbeit dar. Dieser Aufsatz gibt nicht nur wertvolle Einblicke in die Funktionsweise entwicklungspolitischer Programme, sondern zeigt vor allem die Punkte auf, an denen Wirtschaftsförderung von Frauen im Sinne von Empowerment zwar stattfindet, aber implizite Geschlechterarrangements des propagierten Wirtschaftens nicht überdacht werden. „Exportiert“ wird entweder „Gender“ oder das klassische Wirtschaftsmodell fernab der Care-Ökonomie – alternative Wirtschaftskonzepte lassen sich auch in der Entwicklungszusammenarbeit kaum ausfindig machen. Gerade weil Geschlechtersensibilität in vielen nicht-westlichen Gesellschaften noch ein heikles Thema ist, wäre ein ganzheitlicher Wirtschaftsansatz auch ein Schritt in Richtung Geschlechtergerechtigkeit – die Entwicklungszusammenarbeit scheint diese Chance jedoch zu verspielen.

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Neues Arbeiten, neues Wirtschaften: Care als Ressource, Care als Ziel

„Care“ fordert das derzeitige Verständnis von Arbeit und Wirtschaften heraus. Geld ist in unserer Gesellschaft ein zentrales Mittel der Anerkennung, scheint aber in der Diskussion um den Stellenwert der Care-Ökonomie als solches Medium zu versagen. Care Arbeit unterscheidet sich von der „normalen“ Erwerbsarbeit in zwei zentralen Aspekten – und findet deshalb auch in der Ökonomie kaum Berücksichtigung: sie ist erstens reproduktiv und tendenziell „weiblich“ konnotiert, und findet zweitens zu einem nicht geringen Anteil unbezahlt statt.

Aufgrund dieser „doppelten Unterschiedlichkeit“ von Care fällt es trotz der verschiedenen Ansätze der Bewertung und „Monetarisierung“ des Care-Sektors schwer, den eigentlichen ökonomischen wie auch sozialen Stellenwert dieser Arbeit zu bestimmen. Das Statische Bundesamt hat zwar der Versuch der Berechnung u.a. entsprechend der BIP-Logik unternommen, zugleich aber darauf hingewiesen, dass „die gesellschaftliche Bedeutung der Haus- und Familienarbeit (...) allerdings weit über die hier dargestellte ökonomische Bedeutung hinaus (geht)16. Ist Care damit „unbezahlbar“, wie es oft angeführt und (auch in diesem Dossier) kritisiert wird?

Aus allen Texten und Überlegungen insbesondere zur Care Arbeit wird immer wieder deutlich, dass die soziale und emotionale Komponente dieser Arbeit nicht zu unterschätzen ist. Ganz im Gegenteil – sie ist ausschlaggebend für die Qualität von Pflege und Versorgung und beide Seiten dieser Arbeit und Beziehung – Care-GeberIn wie Care-NehmerIn – haben ein Recht auf diese sozial-emotionale Komponente. Dieser besondere Charakter der Arbeit darf jedoch nicht dafür missbraucht werden, Care aus dem Bereich der Ökonomie in den privaten, familiären Bereich abzuschieben. Vielmehr muss sich ökonomisches Denken stärker zeit- und qualitätsorientiert entwickeln und die eigenen Kriterien von Effektivität und Effizienz hinsichtlich der Herausforderungen der Care-Ökonomie überdenken.

Der gesellschaftliche Preis des not-to-care wäre unverantwortbar. Ähnlich der natürlichen Ressourcen und der gemeinschaftlich nutzbaren öffentlichen Güter ist Care eine Basis für marktorientiertes Handeln – und darüber hinaus. Ressourcen sind kein Selbstbedienungsladen, ihre Nutzung darf nicht länger als einseitige Ausbeutung erfolgen. Mit dem wirtschaftpolitischen Konzept des Green new Deal, das in Deutschland vor allem von Bündnis 90 / Die Grünen aufgenommen und weiterentwickelt wurde, wird die Ressourcen- und Nachhaltigkeitsfrage zentral in ein wirtschaftspolitisches Konzept integriert. Doch auch unter Berücksichtigung des ökologischen Schwerpunktes des Grünen New Deal stellt sich die Frage der Geschlechtergerechtigkeit bei der „Erfindung“ eines neuen Stils von Wirtschaft und Arbeit hier offenbar nur am Rande: in den Bereichen Bildung und Betreuung, Gesundheit und Pflege. Care-ökonomische Konzepte könen und sollten im Grünen New Deal noch stärker verankert werden, um zu einem umfassenden und gerechtigkeitsorientierten Wirtschaftssystem zu kommen. Dazu gehört nicht nur die Frage, wie Pflegeberufe attraktiver und besser gestaltet werden und das Gesundheitssystem dauerhaft solidarisch gesichert werden kann, sondern auch ein Nachdenken darüber, von welchem Arbeitsbegriff jenseits des inhaltleeren „Jobs“ ein grünes Wirtschaftskonzept ausgehen und wie eine geschlechtergerechte Sozial- und Steuerpolitik aussehen kann. Gerade der Blick auf die Bedeutung all der unbezahlten Arbeit, die in Familien, Vereinen, Schulen und an vielen anderen Orten stattfindet, unterstreicht die Notwendigkeit, diese wertvollen gesellschaftlichen Tätigkeiten weiter zu erhalten, anstatt eine Wirtschafts- und Arbeitspolitik zu verfolgen, in der solche Arbeiten nicht zählen. Eine nachhaltige Wirtschaftspolitik muss ehrlich mit ihren Ressourcen umgehen, auch und gerade wenn diese in der traditionellen Verwertungslogik nicht vorkommen. Diese Einsicht, die sich für natürliche Rohstoffe und Ressourcen sehr langsam durchzusetzen beginnt, muss bezüglich „Care“ erst noch eingefordert werden. Dieses Dossier hat zum Ziel, die Care-Debatte weiterzuführen.

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Endnoten

1 Himmelweit, S. (2005) ‘Can we afford (not) to care: prospects and policy’, GeNet working paper 2005-11
2 Siehe dazu auch Gisela Notz: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Der traditionelle Arbeitsbegriff und die Notwendigkeit seiner Veränderung aus alternativ-ökonomischer Sicht.
3 Madörin, Mascha (2004): Wirtschafts- und Sozialpolitik: Überholte Denkmuster und neue Perspektiven (PDF).
4 Vergl. dazu Madörin, M., Neoliberalismus und die Reorganisation der Care-Ökonomie [Zugegriffen September 2, 2010].
5 Cancian / Oliker 2000: 2.
6 Vergl. UNRISD Research and Policy Brief 9
7 Ebda.
8 Statistisches Bundesamt 2003: 9; destatis Publikationsservice
9 Input von M. Madörin in der Heinrich-Böll-Stiftung, 10.02.2010, Zukunft der Sorge- und Versorgungsarbeit (PDF)
10 Ebda., S. 16
11 Madörin 2006: 292.
12 Alle Daten unter Hans-Böckler-Stiftung
13 Vergl. dazu auch Jochimsen/Knobloch 2004.
14 Madörin 2006: 293.
15 Vergl. auch Jochimsen (2003)
16 Statistisches Bundesamt 2003: 13.

Literatur

Cancian, F.M. & Oliker, S.J., 2000. Caring and gender, Walnut Creek,Calif. [u.a.]: AltaMira Press [u.a.].

Gisela Notz (ohne Jahr): Arbeit, Arbeit, Arbeit. Der traditionelle Arbeitsbegriff und die Notwendigkeit seiner Veränderung aus alternativ-ökonomischer Sicht, auf Himmelweit, S., 2005. ‘Can we afford (not) to care: prospects and policy’, GeNet working paper 2005-11

Jochimsen, M., 2003. Careful economics: integrating caring activities and economic science, Boston [u.a.]: Kluwer Acad. Publ.  

Jochimsen, M.A., Kesting, S. & Knobloch, U., 2004. Lebensweltökonomie 1. Aufl., Usp-Publishing.  

Madörin, M., 2004. Wirtschafts- und Sozialpolitik: Überholte Denkmuster und neue Perspektiven, auf http://www.frauenakademie.de/dokument/wirtschaften/img/madoerin.pdf

Madörin, M., 2006. Plädoyer für eine eigenständige Theorie der Care-Ökonomie. In: Niechoj T., Tullney M. (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse in der Ökonomie. Marburg.

Madörin, M., Neoliberalismus und die Reorganisation der Care-Ökonomie (PDF). Razavi, S., 2007. The political and Social Economy of Care: Conceptual Issues, Research Questions and Policy Options (PDF). 

Statistisches Bundesamt 2003: Wo bleibt die Zeit? Die Zeitverwendung der Bevölkerung in Deutschland 2001/02; download: destatis Publikationsservice

United Nations Research Institute for Social Development (UNRISD) 2010. Why Care Matters for Social Development

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Kurzbiografie von Susann Worschech

geboren 1979, ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin. Schwerpunkte ihrer wissenschaftlichen wie auch freiberuflichen Arbeit sind Fragen zur Entwicklung, Funktionsweise und Ausgestaltung von Demokratie und zu sozialer wie politischer Gerechtigkeit. Im Rahmen ihrer Dissertation an der Europa-Universität Viadrina beschäftigt sie sich mit der Gestalt und Bedeutung von Zivilgesellschaft im Kontext externer Demokratieförderung im postsozialistischen Europa. Für das Gunda-Werner-Institut erarbeitete sie Dossiers zum Grundeinkommen aus der Genderperspektive, zu geschlechtergerechter Steuerpolitik sowie zur Care-Ökonomie.

Susann Worschech ist aktives Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und war Studienstipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

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