Maissa Bey: "Wir erwarten von Europa nichts mehr"

Maissa Bey

Algerien

Martina Sabra

Interview und Übersetzung aus dem Französischen: Martina Sabra.

Maissa Bey, welche Rolle spielen Frauen und Mädchen in der aufkeimenden Demokratiebewegung in Algerien?

An den Protestdemonstrationen, die von der Polizei unterdrückt wurden, waren auch mehrere Jugendorganisationen beteiligt. In diesen Jugendorganisationen sind junge Frauen sehr präsent. Auch in der Studentenbewegung, die sehr bedeutend ist, sind viele junge Frauen engagiert. Frauen sind von wirtschaftlichen und sozialen Problemen ebenso betroffen wie Männer, und sobald sie im öffentlichen Raum tätig sind, engagieren sie sich für ihre staatsbürgerlichen Rechte.


Ihr Vater, ein Grundschullehrer, hat am Kampf für die Unabhängigkeit Algeriens teilgenommen (1954-1962). Als sie sechs Jahre alt waren, wurde er von den französischen Besatzern verhaftet, gefoltert und umgebracht. Sie sahen ihn nie wieder. Wie hat dieser frühe Verlust Ihr Leben geprägt?

Es war nicht nur der Verlust des Vaters. Es war auch der jähe Bruch mit der Kinderwelt. Als Sechsjährige musste ich mich mit Themen auseinandersetzen, für die ich viel zu jung war: Krieg, Folter, Rassenhass, das Gefühl, minderwertig zu sein, weil ich Araberin war. Zudem war meine Mutter nun Witwe, allein mit drei Jungen und zwei Mädchen. Wir hatten keinen Mann, der die „Ehre“ unserer Familie schützen konnte und wurden misstrauisch beäugt. Meine Mutter hat alles getan, damit wir eine gute Ausbildung bekamen. Aber sie hatte eine Riesenangst, dass die Leute mit dem Finger auf ihre Töchter zeigen könnten. Dadurch standen wir Mädchen sehr unter Druck. Die Erwachsenen konnten mir nicht helfen. Das führte dazu, dass ich mich in eine virtuelle Welt zurückzog – die Welt der Literatur.


Der Terror in den 1990er Jahren hat in Algerien schätzungsweise 200.000 Menschen das Leben gekostet. Tausende Algerier und Algerierinnen sind bis heute spurlos verschwunden. Mit dem Gesetz über die „zivile Eintracht“ von 2000 und dem Dekret über die „nationale Versöhnung“ von 2006 haben die Mächtigen die juristische und politische Aufarbeitung der Ereignisse untersagt. Die meisten Täter wurden amnestiert, unabhängige Recherchen z.B. von Journalisten sind bei Strafe verboten. Ist eine demokratische Zukunft in Algerien möglich, ohne die Vergangenheit aufzuarbeiten?

Sie treffen damit einen Nerv, denn das ist der Hintergrund meines jüngsten Romans, „Puisque Mon Coeur est Mort“ (Nun, da mein Herz tot ist). Es geht darin um eine junge Anglistik-Professorin, deren einziger Sohn von Terroristen getötet wird. Unfähig, mit dem Schmerz fertig zu werden, schreibt sie Abend für Abend an ihren toten Sohn. Sie erzählt ihm, wie sie sich fühlt, und wie die Gesellschaft versucht, ihr vorzuschreiben, auf welche Weise sie trauern soll. Wie man vor ihr fordert, dass sie endlich einen Schlussstrich ziehen soll. Dieser Roman ist im Mai 2010 in Algerien erschienen und er hat für sehr intensive Diskussionen gesorgt. Ich meine, dass wir die Frage der Versöhnung neu stellen müssen. Es kann nicht sein, dass die Täter pauschal amnestiert werden. Wenn ein Mensch, der gestohlen hat, der Terror verübt oder sogar getötet hat, sich trotz allem straflos als ganz normaler Bürger wiederfindet – wie soll dieser Mensch ein Verständnis dafür bekommen, was Gesetze bedeuten? Und es darf auch nicht sein, dass wir den Schmerz hunderttausender Familien einfach totschweigen. Wenn wir in Algerien etwas aufbauen wollen, dann müssen wir deutlich sagen, was geschehen ist, und Täter und Verantwortliche müssen benannt werden.


In Tunesien und Ägypten hat das Volk die diktatorischen Herrscher gestürzt. Algerien erlebte bereits 1988 die Revolution der Jugend gegen das Einparteiensystem. Damals waren die Hoffnungen auf einen demokratischen Wandel groß, doch dann folgten der Wahlsieg der Islamisten, der Putsch der Militärs und jahrelanger grausamer Terror. Lösen die Umbrüche in der arabischen Welt bei den Algeriern Hoffnung aus, oder eher Angst?

Die aktuellen Umstürze in Tunesien und Ägypten wirken in Algerien sehr stark. Die Menschen begreifen, dass die Situation, in die man uns seit Jahrzehnten zwingt, nicht unveränderlich ist. Die Angst, dass eine Revolution erneut in Chaos und Gewalt erstickt werden könnte, ist natürlich da. Ich höre viele Menschen in meinem Viertel solche Bedenken äußern. Aber ich glaube, dass Algerien auch gelernt hat aus der Erfahrung von 1988/1989. Die meisten Algerier wissen heute, dass der Islamismus nicht die Lösung ist. Das ist eine Erkenntnis, die wir anderen Revolutionen in der arabischen Welt voraus haben. Und die meisten Algerier stimmen darin überein, dass es so nicht weitergehen kann. Algerien ist ein reiches Land, es hat keine Schulden, ist wirtschaftlich autonom. Aber bei der Bevölkerung kommt der Reichtum nicht an. Das Regime muss endlich Rechenschaft über die Verwendung der Öleinnahmen ablegen.


Glauben Sie, dass die herrschende Clique in Algerien dazu bereit ist?

Der Druck steigt, und es gibt leise Anzeichen, dass das Regime reagiert. Mitte Februar 2011 wurden Wohnungsbauprogramme und Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit angekündigt. Und der seit Jahrzehnten währende Notstand ist aufgehoben worden, was bedeutet, dass wir unsere Bürgerrechte geltend machen können. Aber der Weg zu mehr Demokratie wird sicher nicht einfach, denn die Erwartungen vor allem der jungen Leute sind hoch.


Wie sehen Sie angesichts der aktuellen Umbrüche die Rolle Europas? Was können die Europäer tun, um Demokratisierungsansätze in Algerien zu unterstützen?

Ich finde es bizarr, dass Europa angeblich erst jetzt aufwacht. Als algerische Staatsbürgerin kann ich Ihnen sagen: Bei uns wusste auch ohne WikiLeaks jeder, dass die arabischen Führer unrechtmäßig riesige Vermögen zusammenrafften, während das Volk leer ausging. Wie kann es sein, dass dieses Europa, das sich seiner Menschenrechte und seiner Freiheitsideale rühmt, immer geschwiegen hat, und erst jetzt den Mund aufmacht, wo die Völker sich selbst erheben? Und nicht nur das, man wirft uns auch vor, wir seien nicht reif für die Demokratie. Wir seien im Stammesdenken verhaftet. Ehrlich gesagt: Wir Intellektuelle erwarten von Europa nichts mehr.


Man hört in der letzten Zeit nicht viel von der feministischen Bewegung in Algerien. Dabei werden Frauen durch das Familienrecht, das seit 1984 gültig ist, nach wie vor stark benachteiligt. Frauen brauchen einen männlichen Vormund, wenn sie heiraten wollen, und werden damit quasi lebenslang zu Minderjährigen gestempelt. Welche Bedeutung hat der Internationale Frauentag am 8. März für die Frauen Ihrem Land?

Bei uns in Algerien ist der 8. März ein Datum, an dem die Frauen mit offiziellen Reden, Sondersendungen im staatlich kontrollierten Fernsehen und mit Blumen überschüttet werden. Diese Tatsache hat oftmals den Blick für die Aktionen verstellt, die die Frauen selbst organisiert haben. Frauen, die im öffentlichen Dienst arbeiten, haben am Nachmittag des 8. März offiziell frei. Viele Frauen nutzen diesen halben Urlaubstag, um ins Café zu gehen, andere nehmen an Kulturveranstaltungen teil, wie wir sie in unserer Bibliothek in Sidi Bel Abbès organisieren. Überall gibt es Lesungen, Konzerte und Theaterstücke zu Themen, die Frauen interessieren. Das alles sind keine großen Aktionen. Ich rechne aber damit, dass der 8. März in diesem Jahr anders sein wird, weil wir vom  „Wind of Change“ berührt worden sind.


Was wünschen Sie sich für Ihre eigene Generation, und was möchten sie den jungen Algerierinnen an diesem 8. März mit auf den Weg geben?

Die Frauen meiner Generation haben geglaubt, dass die Befreiung des Landes von der französischen Kolonialherrschaft dazu führen würde, dass auch die Frauen frei leben würden. Wir haben versucht, diese Hoffnung auch an unsere Töchter weiterzugeben. Doch das Familienrecht von 1984 hat die jungen Frauen regelrecht geknebelt. Wir alle gemeinsam, alte und junge, wünschen uns, dass dieses Familiengesetz wieder abgeschafft wird. Manche Frauen haben Angst vor solchen Veränderungen. Diesen Frauen möchte ich sagen, dass es keine ewig gültige Ordnung gibt und dass wir gemeinsam die Hindernisse beseitigen können, die man ihnen immer in den Weg gelegt hat.



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Über Maissa Bey:
Die Schriftstellerin Maissa Bey (*1950) ist eine der wichtigsten Stimmen Algeriens. Sie erhielt 1960 ein Stipendium für das Lycee Fromentin in Algier, das damals als eines der besten Mädchengymnasien Frankreichs galt. Nach dem Studium der Literatur wurde sie Französischlehrerin und pädagogische Beraterin in ihrer Heimatstadt Sidi Bel Abbès (Westalgerien). In den 1990er Jahren gründete sie die Frauenschreibwerkstatt „Paroles et Ecritures“, aus der die erste öffentliche Bibliothek und das wichtigste unabhängige Kulturzentrum in Sidi Bel Abbès hervorgegangen sind. Parallel begann Maissa Bey zu schreiben. Bislang hat sie sieben Romane verfasst, außerdem zahlreiche Erzählungen, Theaterstücke und Essays zur Zeitgeschichte Algeriens. Ihre Novellensammlung „Nachts unterm Jasmin“ ist 2010 auf Deutsch erschienen. Im Februar 2011 war Maissa Bey auf einer Lesereise in Deutschland.



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