Das Leben der Yessie Macchi

Das Leben der Yessie Macchi

Yessie Macchi auf einer Veranstaltung in Hamburg 1992 mit Beate Kirst vom Verlag Libertäre Assoziation (links) und Icíar Oquiñena (rechts)Yessie Macchi auf einer Veranstaltung in Hamburg 1992 mit Beate Kirst vom Verlag Libertäre Assoziation (links) und Icíar Oquiñena (rechts). Urheber: Privat. Alle Rechte vorbehalten.

Uruguay

Das Leben der Yessie Macchi

"Ich werde immer eine Tupamara bleiben" - Das Leben der Yessie Macchi


„Eine Operation im CIM durchführen heißt, sich in die Höhle des Löwen zu begeben“ (Actas Tupamaras). 30. Mai 1970. Ein Kommando der uruguayischen Stadtguerilla MLN-Tupamaros überfällt kurz nach Mitternacht das Ausbildungszentrum der Marine (CIM) im Hafenviertel von Montevideo. Ohne dass ein einziger Schuss fällt, gelingt es ihnen, die Kaserne einzunehmen und die anwesenden Soldaten zu überwältigen. Die halbe Nacht über verladen sie die Beute – mehrere hundert Gewehre und eine große Anzahl weiterer Waffen – in Lastwagen. Zum Abschluss der Aktion hissen sie am frühen Morgen am Fahnenmast der Kaserne die Flagge der MLN. An der Aktion sind zwanzig Männer und zwei Frauen beteiligt. Eine von ihnen ist Yessie Macchi, Kampfname „Cecilia“.


Jugend und Revolte

Am 14. Juli 1946 wird Yessie Macchi in Montevideo geboren. Die Mutter, eine äußerst energische Frau und vielleicht die einzige Person, die ihr zeit Lebens wirklich Respekt einflößte. Der Vater ein Oberstleutnant des uruguayischen Heeres. Als Yessie vier Jahre alt ist, zieht sie mit den Eltern und der älteren Schwester in die Vereinigten Staaten um, wo der Vater einen Posten bei der Junta Interamericana de Defensa in Washington D.C. antritt. Als die Familie nach dreieinhalb Jahren an den Rio de la Plata zurückkehrt, spricht Yessie fließend Englisch.

Nach einer kurzen religiösen Phase, in der sie davon träumt, nach Indien oder Bolivien zu gehen, um „den Armen zu helfen“, wendet sie sich vom Glauben ab und zieht mit 14 Jahren von zu Hause aus. Sie führt nun ein unabhängiges Leben unter prekären Bedingungen. Und stürzt sich voll ins Leben. Die ersten Liebschaften, in denen sie versucht, der bestimmende Part zu sein; die ersten Erfahrungen mit männlicher Gewalt. Sie betreibt einen Kult des Risikos, rast über rote Ampeln. „Die Angst kam erst danach.“ Ihr selbstbewusstes, offensives Auftreten als Frau ist in der konservativen uruguayischen Gesellschaft eine Provokation. Als geschminkte und modisch gekleidete Sekretärin verstößt sie aber auch gegen den Kleidungskodex der Linken. „Ich werde die Revolution nicht in Jeans, sondern im Minirock machen“, verkündet sie. Die individuelle Revolte ging der politischen Revolte voraus. Die spätere Presseberichterstattung über sie wird eine stark sensationalistische, sexistische Note haben, in der das Bild der schönen und verführerischen, aber gefährlichen Guerillera dominiert.

Yessie Macchi politisiert sich nun rasch. Sie liest Camus, Sartre, Merleau-Ponty, Marx. Verfolgt den Befreiungskrieg in Algerien. Innerhalb kurzer Zeit durchläuft sie mehrere politische Organisationen, von der Kommunistischen Jugend bis zum maoistischen MIR. Schon bald langweilen sie die sterilen ideologischen Grabenkämpfe. Sie bekommt Kontakt zur MLN, der entstehenden Stadtguerilla, die unter dem Einfluss des kubanischen Beispiels die sozialistische Revolution im krisengeschüttelten Uruguay machen will.


Unter dem Zeichen Che Guevaras

Tagsüber Sekretärin einer multinationalen Firma, verwandelt sie sich nachts in eine Militante der MLN. Es ist 1966, das Jahr des Amtsantritts des neuen Präsidenten Oscar Gestido. Die Tupamaros agieren zunächst noch abwartend. Als Gestido stirbt, übernimmt Ende 1967 Jorge Pacheco die Präsidentschaft, der das Land zunehmend militarisiert und beginnt mit Notstandsdekreten zu regieren. Für Yessie Macchi wird das Doppelleben immer schwieriger, sie beschließt, für einige Zeit aus dem Land zu verschwinden. So „verliert sie“ – wie sie später halb im Scherz sagen wird – das Jahr 1968 in Uruguay.

Sie behauptet, sie ginge nach Paris. In Wirklichkeit ist ihr Ziel Kuba. Auf der Insel geben sich Revolutionäre aus allen Ländern Lateinamerikas ein Stelldichein. Yessie Macchi erhält als Repräsentantin der MLN ein militärisches Training, nimmt aber auch an Ernteeinsätzen teil.


Als Tupamara im Untergrund

Nach ihrer Rückkehr nach Montevideo wird Yessie sofort in den militärischen Sektor der MLN integriert. Die Tupamaros gehen von Propagandaaktionen zu einer neuen Etappe des Kampfes über, schrauben das Aktionsniveau hoch. Um einen Streik der Bankangestellten zu unterstützen, entführt ein Kommando der MLN im September 1969 den Bankier Gaetano Pellegrini Giampetro. Einen Monat später folgt am zweiten Jahrestag der Ermordung Che Guevaras die bisher spektakulärste Aktion der Tupas, die als Trauerzug getarnt die Stadt Pando besetzen. Obwohl die Aktion militärisch in einem Fiasko endet – auf dem Rückzug werden drei Compañeros erschossen und weitere verhaftet – macht sie die Tupamaros mit einem Schlag weltweit bekannt.

Yessie Macchi war an der Vorbereitung der Aktion beteiligt, wird aber wenige Tage vor ihrer Durchführung verhaftet. Im damaligen Frauengefängnis Cabildo wird sie von Nonnen bewacht. Doch schon bald wird ihr Gefängnisaufenthalt vorzeitig beendet: Am 8. März 1970, dem Internationalen Tag der Frau, gelingt ihr mit zwölf weiteren Tupamaras während der Messe die durch ein Kommando von außen unterstützte Flucht aus der Gefängniskapelle. Yessie Macchi schließt sich nun der Kolonne des Landesinnern an, die vom Gründer der Tupamaros, Raúl Sendic, geleitet wird. Die Tupamaros haben einen Strategiewechsel vollzogen und sich von den anfänglichen Robin-Hood-Aktionen verabschiedet. Ihr Ziel ist nun der bewaffnete Volksaufstand. Am 31. Juli 1970 wird Dan Mitrione, ein Experte der CIA für „wissenschaftliche“ Folter und Counterinsurgency, in Montevideo entführt und – als der geplante Gefangenenaustausch scheitert – erschossen. Es ist der einzige Fall einer Geiseltötung durch die Tupamaros. Der Film Der unsichtbare Aufstand von Constantin Costa-Gavras mit Yves Montand in der Hauptrolle wird diese Aktion eindrücklich darstellen.

Am 31. Januar 1971 wird Yessie Macchi zum zweiten Mal verhaftet. Und erneut gelingt Yessie die Flucht. Am 30. Juli 1971 entkommt sie zusammen mit 37 weiteren gefangenen Frauen durch einen Tunnel und weiter durch die Kloaken der Stadt.

Nach ihrem erneuten Gefängnisausbruch ist Yessie endgültig zu einer der meistgesuchten Frauen Uruguays geworden. Nachdem am 5. September auch den Männern eine Massenflucht aus dem Gefängnis Punta Carretas gelingt, sind die Tupamaros auf dem Höhepunkt ihrer Macht angelangt. Auf politischer Ebene unterstützen sie bei den Wahlen im November 1971 die Frente Amplio mit ihrem Spitzenkandidaten, dem Ex-General Líber Seregni. Das Linksbündnis erringt mit 17 Prozent der Stimmen nur einen Achtungserfolg. Zum neuen Präsidenten wird der erzreaktionäre Juan María Bordaberry gewählt, der wenige Monate später die Bürgerrechte außer Kraft setzen und den inneren Kriegszustand verhängen wird.

Yessie Macchi ist währenddessen erneut im Umland von Montevideo aktiv. Die Todesschwadronen beginnen zu agieren. Die MLN schlägt zurück. Die Zahl der Toten und Verhafteten steigt. Während der Vorbereitung der erneuten Besetzung einer Stadt – es geht um die Einnahme von Soca im Februar 1972 – lernt Yessie den Mann kennen, den sie als die „Liebe ihres Lebens“ bezeichnet: Leonel Martínez Platero. Auch im Rückblick wird Yessie Macchi  diese Phase der Klandestinität und des bewaffneten Kampfes als die glücklichste Zeit ihres Lebens bezeichnen.

Doch die Tupamaros haben den Gegner unterschätzt. Das Militär zerschlägt die Bewegung innerhalb weniger Monate, nicht zuletzt durch den systematischen Einsatz der Folter. Am 13. Juni 1972 gerät die Gruppe um Yessie Macchi in eine Konfrontation mit der Polizei. Leonel und Yessie werden voneinander getrennt. Leonel wird schließlich durch Schüsse in den Rücken ermordet, als er sich ergibt, um einen Compañero zu schützen. Yessie wird schwer verletzt festgenommen. Zum Zeitpunkt der Verhaftung schwanger, verliert sie ihr Kind aufgrund von gezielten Tritten in den Unterleib.


Geisel des Staates

Yessie Macchi wird ins Militärhospital gebracht, in Gips gelegt und wie eine Beute zur Schau gestellt. Offiziere aller Waffengattungen defilieren an ihr vorbei. Sobald es ihr Zustand erlaubt, wird sie aus dem Krankenhaus in eine Militärkaserne verschleppt. Es beginnt eine Zeit der Rotation durch verschiedene Kasernen des Landes – und der Folter, über die Yessie nie im Detail sprechen wird.

Sie wird von einem Militärgericht zu über 40 Jahren Haft verurteilt und schließlich in das Frauengefängnis Punta de Rieles gebracht. Ein Woche vor dem Putsch der Militärs am 27. Juni 1973 werden neun Frauen – kurz darauf auch neun Männer – zu Geiseln des Staates erklärt, denen für den Fall einer weiteren Aktion der Tupamaros mit Erschießung gedroht wird. Erneut werden die Geiseln in Militärkasernen verschleppt, wo sie die nächsten drei Jahre unter barbarischen Bedingungen in winzigen Verliesen dahinvegetieren.

Beim Bataillon Florida wird Yessie Macchi in eine Zelle mit Elisa Michelini gesperrrt, der Tochter des wenig später im Mai 1976 von den Militärs in Buenos Aires ermordeten Senators der Frente Amplio, Zelmar Michelini. Kurz darauf werden sie in die Kaserne „La Paloma“ im Stadtteil Cerro von Montevideo verlegt. In den Nachbarzellen befinden sich auch andere Gefangene. Hier im härtesten aller Kerker lernt Yessie einen Mitgefangenen, Mario Soto, kennen, mit dem sie sich durch ein in die Zellenwand gebohrtes Loch verständigen kann. Mit der Zeit entwickelt sich unter schwierigsten Verhältnissen eine „klandestine Romanze“. Dank der Solidarität eines Wachsoldaten gelingt es ihnen, zwei oder drei Mal zusammen zu sein, und Yessie schlägt ihm vor, hier, am unwirtlichsten aller Orte, ein Kind zu zeugen. Mario willigt trotz der unabsehbaren Folgen ein.

Ihre Entscheidung ist für Yessie ein Akt der Rebellion, eine Entscheidung für das Leben inmitten einer Atmosphäre des Todes. Um zu verhindern, dass ihre Schwangerschaft als Ergebnis einer Beziehung zu einem Soldaten oder einer Vergewaltigung ausgegeben werden kann, geben die beiden ihre Liebe bekannt und offenbaren ihren Wunsch zu heiraten. Die zu erwartende Reaktion der Militärs ist ihre sofortige Trennung.

Als ihre Schwangerschaft wenig später offenkundig wird, kommt es zu einem Gipfeltreffen der Militärs. Sie fällen die Entscheidung, die beiden Frauen – und alle anderen weiblichen Geiseln – in das Frauengefängnis Punta de Rieles zurückzuverlegen. „Für mich war die Schwangerschaft also glimpflich ausgegangen. Für meinen Compañero Mario traf das keineswegs zu. Er wurde drei Monate lang gefoltert, nur um den Namen dessen zu erfahren, der unsere Zusammenkunft ermöglicht hatte. Danach war er völlig traumatisiert, was schließlich in einer Krebserkrankung mündete, an der er am 27. Juni 1980 starb.“

Ihre gemeinsame Tochter Paloma wird im Gefängnis geboren, aber nach wenigen Monaten von der Mutter getrennt und fortan von den Großeltern großgezogen.

Das Ende der Geiselhaft brachte zunächst keine Erleichterung. Die Bedingungen im Frauengefängnis Punta de Rieles, in dem zeitweise mehrere Hundert weibliche politische Gefangene inhaftiert waren, waren äußerst hart.

Ab 1980 zeichnet sich das Ende der Militärdiktatur ab. Die Militärs verlieren das Referendum zu einer Verfassungsreform. Am 1. März 1985 tritt schließlich eine neu gewählte Zivilregierung ihr Amt an, begleitet von der größten Demonstration, die Uruguay bis dahin erlebt hatte. Die Freiheit der Gefangenen ist nun das oberste Ziel. Am 10. März kommt das Gros der Gefangenen, denen kein Delikt „gegen Leib und Leben“ zur Last gelegt wurde, frei. Wieder sind Hunderttausende auf den Beinen, um sie zu empfangen. Es ist ein Volksfest. Am 14. März 1985 öffnen sich endlich auch für die letzten 63 politischen Gefangenen – unter ihnen Yessie Macchi – die Gefängnistore.

Die ersten Tage und Wochen der Freiheit sind wie ein Rausch. „Wenn ich durch die Straßen in unserem Viertel spazierte, haben die Leute mich umarmt, haben geweint und immer wieder gesagt, verzeih mir, wir haben nicht gewusst, was sie mit euch gemacht haben.“ ---„Dann kam die Zeit, die wir die Depression nach der Freilassung nennen.“


Das „Trauma der Freiheit“

Die Wiedereingliederung in das Alltagsleben nach so vielen Jahren Gefängnis war für die freigekommenen Frauen extrem schwer. „Freiheit heißt nicht, dass sie dir die Türen vom Knast aufmachen. Die Freiheit zu erlangen dauert viel länger.“ Die familiären Beziehungen waren zum Teil sehr belastet, viele Partnerschaften gingen nach so vielen Jahren der Trennung in die Brüche. Eine neue Liebe zu finden war schwer. „Ein Mann, der 15 Jahre gefangen gewesen ist und mit 40 rauskommt, ist ein Held. Eine Frau, die 15 Jahre gefangen gewesen ist und mit 40 rauskommt, ist eine Alte.“ Die Verantwortung für die Kinder oblag zumeist den Frauen, und die ökonomische Situation war sehr angespannt. Es war nicht leicht, einen neuen Job zu finden. Die erste Zeit war „wie ein Taumeln“.

Die Doppelbelastung der Frauen brachte es mit sich, dass sie auch in ihrer politischen Präsenz zurückgedrängt wurden. Hinzu kam die erneute Konfrontation mit den vertikalistischen Strukturen der politischen Linken, die zum Rückzug, zur Privatisierung vieler Frauen führten. In einem ak-Interview beschreibt Yessie Macchi, dass die Frauen sich angesichts der männlichen Machtstrukturen buchstäblich „entwaffnet“ gefühlt hätten. „Plötzlich hingen wir in etwas drin, was für uns schon ein Anachronismus war. … Wir mussten uns einfügen in eine Welt, die wir weitgehend hinter uns gelassen hatten.“


Die Mühen der Legalität

Nach ihrer Haftentlassung engagiert sich Yessie Macchi in verschiedenen sozialen und politischen Projekten. Ihr Interesse an der Frauenbewegung erwacht, in der MLN versucht sie eine Frauenkommission zu etablieren und zu stärken. Es geht ihr um die Organisierung eines feministischen Raums. Sie thematisiert die Diskriminierung der lohnarbeitenden Frau, den Sexismus, die Gewalt in der Familie, das Recht auf Abtreibung.

Einen ersten Job findet sie bei einem Hilfswerk, das sich um entlassene Gefangene und Rückkehrer aus dem Exil kümmert. Danach arbeitet sie als Hörfunkjournalistin für das Radio CX 44 Panamericana, das 1988 von den Tupamaros, die sich mittlerweile als legale politische Bewegung neu konstituiert haben, übernommen worden war. Das „Radio de la gente“ ist bald eines der meist gehörten des Landes. Yessie ist u.a. für das Programm „Vamos Mujer“ zuständig, in das sich die Hörerinnen direkt einschalten können. Ihre Arbeit findet ein abruptes Ende, als das Radio 1994 nach militanten Protesten gegen die Auslieferung baskischer Flüchtlinge nach Spanien, bei denen das Radio eine mobilisierende Rolle spielt, geschlossen wird.

Yessie Macchi ist Gründungsmitglied von ACA (Amigas de la Comunicación Alternativa) und der linken Nachrichtenagentur COMCOSUR (Comunicación Participativa desde el Cono Sur), für die sie bis zu ihrem Tod das Programm Comcosur Mujer betreut.

Später arbeitete sie eine Zeitlang in einem Projekt, welches in den marginalisierten Vierteln Montevideos Mädchen und junge Frauen betreute, um unerwünschte Schwangerschaften durch Aufklärung über Verhütung und reproduktive Rechte möglichst zu vermeiden.

Mit den Jahren wuchs ihre politische Distanz zur MLN-Tupamaros, die ab 2004 als stärkste Fraktion innerhalb der Frente Amplio an der Regierung beteiligt war. Die leider so typischen Anpassungsprozesse einer Befreiungsbewegung, die in den Regierungssesseln angekommen ist, hat sie kritisiert, ohne die Rolle einer Dauerkommentatorin einzunehmen.

In den 1990er Jahren war Yessie Macchi mehrere Male in Deutschland zu Besuch, um Projekte vorzustellen, die Erfahrungen der Tupamaros zu vermitteln und einen politischen Austausch über die Kontinente hinweg zu etablieren. In dieser Zeit sind zahlreiche Freundschaften entstanden, die über die Jahre Bestand hatten.

Es ist ein Austausch, der Spuren hinterlassen hat. Im Jahr 1992 erschien in dem damals „berühmten“ PIZZA-Buch „Odranoel. Die Linke zwischen den Welten“, einem ambitionierten Versuch, die internationalistische Linke in Deutschland und Lateinamerika in einen direkten Kontakt miteinander zu bringen, ein Interview mit ihr.

Zwischenzeitlich trafen wir Yessie auf Kuba, um ein turbulentes Wiedersehen zu feiern. Yessie war auf Einladung der Universität von Havanna für einen einjährigen Forschungsaufenthalt eingeladen worden, der eine für sie typische Wendung nahm. Als man ihr vorschlug, über „Basisdemokratie auf Kuba“ zu arbeiten, war ihre sarkastische Antwort: „Welche Basisdemokratie?“ Sie wolle lieber über neue Formen der Prostitution und die Beweggründe der Frauen, sich auf sie einzulassen, forschen. Davon wollten die Funktionäre des mittlerweile nur noch „realsozialistischen“ Inselstaats nun ihrerseits nichts wissen. Ein Vorschlag, der ins Leere lief. Dennoch war ihr Kubaaufenthalt ein „Glücksfall“. Sie verliebt sich in Rolando, der ihr später nach Uruguay folgt und mit dem sie bis zu ihrem Tod zusammenleben wird.

Den Mund halten wollte und konnte Yessie Macchi nie. Sie war in jeder Hinsicht eine Antiautoritäre, eine durch und durch rebellische Frau. Von einer Unabhängigkeit des Denkens, wie sie in politischen Organisationen – illegalen zumal – nicht gerade häufig anzutreffen ist. Sie verkörperte die „andere“ Geschichte der Tupamaros, die der Frauen, die unabgegoltene, mit der „kein Staat zu machen“ ist. Als Freundin war sie solidarisch, humorvoll und zugewandt, aber auch aufbrausend, manchmal sarkastisch und für ihre Temperamentsausbrüche gefürchtet. Oft ging mehr als Porzellan in die Brüche.

Wir haben sie 1992 bei ihrer ersten Deutschlandreise kennengelernt und seitdem regelmäßig in Hamburg, Montevideo oder Havanna getroffen. Gemeinsam planten wir, was wir scherzhaft eine „Wanderkommune“ nannten – international und an mehreren Orten des Planeten beheimatet.

Weite Strecken ihres Lebens hat Yessie Macchi in der „Höhle des Löwen“ zugebracht. „Rote Ampeln“ zu ignorieren war einer ihrer Wesenszüge. Am 3. Februar 2009 hörte ihr Herz in der Folge einer Krebserkrankung auf zu schlagen.

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Theo Bruns, Politologe, lebt in Hamburg und arbeitet dort als Verleger, Redakteur und Übersetzer.

Angela Habersetzer, Sozialpädagogin, lebte mehrere Jahre in Lateinamerika und arbeitet heute mit Jugendlichen in einer betreuten Wohngruppe in Hamburg.




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