Die zweideutige Botschaft der „Mancession“ für die amerikanischen Frauen

Die zweideutige Botschaft der „Mancession“ für die amerikanischen Frauen

Mann am Zug (schwarz-weiß)Anzugträger ohne Ziel. Urheber: Fabio Ibrahim. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

USA

Waren Frauen weniger betroffen von der Großen Rezession 2007 bis 2009 in den Vereinigten Staaten als Männer? War diese Rezession vielleicht tatsächlich eher eine „Mancession“, in der Hauptsache eine Rezession der Männer, wie manche behaupten? Wohl kaum. In Anbetracht der anhaltenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, was die Armutsquote, die Entlohnung, in Hinsicht auf unbezahlte Arbeit im Haushalt und die geschlechtsspezifische berufliche Segregation der Beschäftigten in den Vereinigten Staaten angeht, ist für viele amerikanische Frauen das Schlimmste noch nicht vorbei.

Die schwerwiegende Rezession von 2007 bis 2009, die schlimmste Wirtschaftskrise in der Geschichte des Landes seit der Großen Depression in den 1930er Jahren, traf die Vereinigten Staaten zu einem Zeitpunkt, als die Stellung erwerbstätiger Frauen stärker schien denn je : Frauen nehmen in zwei Dritteln der amerikanischen Haushalte die Ernährerrolle oder die der Co-Ernährerin ein. Sie stellen inzwischen fast 50 Prozent aller US-Arbeitnehmer und sind verantwortlich für 83 Prozent aller Verbraucherausgaben. Sie besitzen 89 Prozent der US-Bankkonten und 51 Prozent des gesamten privaten Vermögens. Als Gruppe genommen haben sie einen Kapitalwert von über 5 Billionen US-Dollar an Konsumentenkaufkraft – mehr als die gesamte Wirtschaftskraft Japans.

Während der Rezession sind Frauen seltener arbeitslos gewesen als Männer, was einige der amerikanischen Medienunternehmen dazu veranlasste, die US-Rezession zur „Mancession“ zu deklarieren. Zwei Drittel der seit 2007 mit Beginn der amerikanischen Rezession weggebrochenen 11 Millionen Arbeitsplätze waren von Männern besetzt. Im August 2009 lag die Arbeitslosigkeit der Männer bei 11 Prozent, während 8,3 Prozent der weiblichen Arbeitskräfte arbeitslos waren, was den größten geschlechtsspezifischen Unterschied in der Verteilung der Arbeitslosigkeit der Nachkriegszeit bedeutet. Laut Arbeitsmarktanalysen waren die vorwiegend männlichen Beschäftigten im Baugewerbe und in der Fertigung seit 2007 in den Vereinigten Staaten um 39 Prozent zurückgegangen, während Stellen im Gesundheitswesen, in denen Frauen in höherem Maße beschäftigt sind, sogar um 4,5 Prozent anstiegen. Außerdem ist damit zu rechnen, dass Frauen in den meisten der etwa 12 Berufsfelder vornehmlich im Gesundheits- und Sozialwesen --, die laut Vorhersagen im nächsten Jahrzehnt am stärksten anwachsen werden, dominieren werden. Dies ist nicht weiter überraschend in Anbetracht des stetig steigenden Bedarfs der amerikanischen Gesellschaft, zu einem Zeitpunkt da die Baby-Boomer-Generation in den Ruhestand tritt, begleitet von zunehmender altersbedingter Bedürftigkeit und nachlassender Gesundheit.

Allerdings handelt es sich bei dieser scheinbar guten Nachricht in Wahrheit allenfalls um ein zweischneidiges Schwert. Es weist auf die fortdauernde Geschlechtertrennung auf dem US-Arbeitsmarkt hin, die mit einem beständigen geschlechtsspezifischen Lohngefälle einhergeht. Mehr als 50 Jahre nachdem der Oberste Gerichtshof der USA beschlossen hat, dass Rassentrennung verfassungswidrig ist, sind Männer und Frauen auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt immer noch getrennt und ungleich: 2009 verdienten Frauen in Vollzeitarbeit auch weiterhin nicht mehr als 77 Cent für jeden Dollar, den ihre männlichen Kollegen für die gleiche Arbeit bekamen. Ein neues US-Gesetz für gerechtere Bezahlung, der Lily Ledbetter Fair Pay Act von 2009, soll zur Bekämpfung der Lohnungleichheit beitragen, indem er es den Frauen erleichtert, ihren Arbeitgeber zu verklagen. Doch die Einhaltung dieser wie anderer Gleichstellungsgesetze in der Arbeitswelt muss noch stärker forciert werden, sollen sie etwas bewirken. In der Tat sind nach den erheblichen Anstrengungen für mehr integrative Berufe in den 1970er und 80er Jahren die Fortschritte in der Abschaffung der beruflichen Geschlechtertrennung in den Vereinigten Staaten, unabhängig vom Bildungsstand der Arbeitssuchenden, seit Mitte der 1990er Jahre vollständig ins Stocken geraten. Die Wahrscheinlichkeit der Beschäftigung von jüngeren Amerikanerinnen in integrativen Berufen ist gegenüber der von älteren Frauen nicht angestiegen. Auf dem ethnisch vielfältigen US-Arbeitsmarkt werden typische „Frauenberufe“ am häufigsten von hispanischen Frauen besetzt, am seltensten von asiatischen Amerikanerinnen. Das Lohnniveau in den Vereinigten Staaten - wo die Einkommensungleichheit auf dem Arbeitsmarkt in den letzten Jahrzehnten insgesamt noch gestiegen ist – ist zudem unter den Beschäftigten in den überwiegend von Frauen ausgeübten Berufen besonders niedrig, darunter fallen viele der Stellen in den sogenannten „Wachstums-Kategorien“ des US-Markts -- Privathaushalte, Gesundheitswesen und häusliche Pflege.

Dies wiederum wirkt sich auf das Familieneinkommen aus: In den Vereinigten Staaten unterhalten mehr als 2,1 Millionen der Ehefrauen, deren Männer durch die schwere Rezession arbeitslos geworden sind, ihre Familien mit Niedriglohneinkommen. Zudem decken Frauen immer noch drei Viertel der unbezahlten Hausarbeit in den Vereinigten Staaten ab - unabhängig von der Berufstätigkeit von Frauen und Männern. Deshalb liegt in den Vereinigten Staaten die Last der zusätzlichen unbezahlten Hausarbeit zwangsläufig zum größten Teil auf den Schultern der Frauen und Mädchen, sobald Familien gezwungen sind, ihr Konsumverhalten umzustellen. Berücksichtigt man zudem noch die Tatsache, dass weniger arbeitslose Frauen als Männer Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung beziehen und dazu noch für einen kürzeren Zeitraum, ist es nicht weiter verwunderlich, wenn während der Rezession die Armutsrate der von Frauen geführten Haushalte auf über 31 Prozent angestiegen ist; 19 Prozent aller amerikanischen Kinder leben derzeit in Armut.

Diese Zahlen - und die Auswirkungen der schweren Rezession auf die amerikanischen Frauen - wären noch gravierender, wären da nicht die Sofortmaßnahmen der Obama-Administration gewesen, allen voran der American Recovery and Reinvestment Act (ARRA) 2009 und der Jobs for Main Street Act 2010, die die Vergabe von Essensmarken aufstockten, Steuererleichterungen für Familien mit Kindern einrichteten (auch wenn wenige davon direkt auf Frauen abzielten), zusätzliche Unterstützung bei der Krankenversicherung für Arbeitslose boten und Stellen im Bildungsbereich und im Gesundheitswesen, dem Sammelbecken weiblicher Angestellter, sicherten. Dies ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass die Konjunkturprogramme der US-Regierung für 2009 und 2010 in erster Linie in die Arbeitslosenversicherung und die Infrastruktur flossen, beides Bereiche, in denen Frauen weniger profitieren, weil bei den Arbeitsplätzen, die Frauen typischerweise innehaben, soziale Leistungen und Altersvorsorge sowie Betriebsrenten eher die Ausnahme sind . Viele weitere Milliarden sind vorrangig in “shovel ready“-Projekte geflossen, Stellen im Baugewerbe, wo Frauen weniger als 15 Prozent der Branche ausmachen, anstatt die Konjunkturspritzen dem sozialen Sektor mit seiner hauptsächlich weiblichen Belegschaft zukommen zu lassen.

War die US-Rezession also tatsächlich männlich und die Erholung weiblich, wie einige Beobachter meinten? Wohl kaum. In Anbetracht der immer noch bestehenden Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bei Lohn, Armutsrate, in Bezug auf unbezahlte Arbeit im Haushalt, und der geschlechtsspezifischen beruflichen Segregation der Beschäftigten in den Vereinigten Staaten, ist diese Nachricht nicht nur extrem vereinfachend, sondern schlichtweg falsch. In der Tat, und das obwohl die schwere amerikanische Rezession zum Juli 2009 offiziell für beendet erklärt wurde, ist für viele Frauen und ihre Familien in den Vereinigten Staaten, insbesondere farbige Frauen mit Kindern auf niedrigem Einkommensniveau, das Schlimmste noch nicht vorbei. Die Konjunkturfonds der Bundesstaaten gehen zur Neige und eine Neuauflage ist äußerst unwahrscheinlich, angesichts des schlimmsten Staatsdefizits in der Geschichte der USA und den jüngsten politischen Verschiebungen im Kongress. Sozialleistungen in ganz Amerika werden anstatt gestärkt und ausgebaut jetzt auch noch radikal von den Bundesstaaten beschnitten, um die verfassungsrechtlichen Auflagen eines ausgeglichenen Haushalts zu erfüllen. Und ein Ende ist nicht absehbar.

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