Frauen in Paraguay

Frauen in Paraguay

Flagge ConamuriFlagge Conamuri. Urheber: lorena pajares. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Gespräch zwischen Regine Walch, Programmkoordinatorin im Regionalbüro Cono Sur der Heinrich Böll Stiftung in Santiago de Chile und Magui Balbuena1, Gründungsmitglied und Koordinatorin der Frauenorganisation “La Coordinadora Nacional de Organizaciones de Mujeres Trabajadoras Rurales e Indígenas (CONAMURI)”, Paraguay

Regine Walch: Die Zahlen, die das Observatorio Laboral del Servicio Nacional de Empleo veröffentlicht hat, zeigen, dass in Paraguay die Eingliederung der Frauen in den Arbeitsmarkt zunimmt. Sie zeigen aber auch ganz deutlich, dass das Geschlecht ein diskriminierender Faktor ist. Die Frauen konzentrieren sich vor allem im informellen Sektor, was geringere soziale Absicherung und größere Unsicherheit bedeutet. Im tertiären Sektor sind mit einem Anteil von fast 70% überwiegend Frauen beschäftigt. Was heißt das in Bezug auf die Einkommenslage? Frauen erhalten in der Regel einen Lohn, der um 30 % niedriger liegt als der durchschnittliche Lohn der Männer. Ganz besonders benachteiligt sind die Frauen, die in der Landwirtschaft arbeiten. Sie erhalten im Durchschnitt 50% weniger Lohn als die Männer.

Magui, Du bist Aktivistin von CONAMURI und kämpfst vor allem für die Rechte der Landfrauen und indigenen Frauen. Wie siehst Du die spezifische Lage dieser Gruppe von Frauen? Mit welchen Problemen sehen sich die Frauen hauptsächlich konfrontiert?

Magui Balbuena: Um es klar zu sagen, in unserem Land, in Paraguay, existiert nach wie vor sexuelle Diskriminierung mit all den damit verbundenen Konsequenzen. Und das, obwohl Frauen etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen. Frauen erhalten niedrigere Löhne als die Männer, allein weil sie Frauen sind. Das ist sozusagen institutionalisiert; selbst in den staatlichen Institutionen befinden sich Frauen in derselben Lage, es ist quasi Naturgesetz. Für die Frauen auf dem Land ist die Lage noch viel schlimmer. Wir Bäuerinnen, wir leisten in der Landwirtschaft die Arbeit, aber diese wird nicht beachtet; im Gegenteil, sie wird unsichtbar gemacht, sie erscheint noch nicht einmal in den offiziellen Statistiken.

Dies wird ermöglicht durch tief in der Gesellschaft verwurzelte Gewohnheiten und Vorurteile und durch das daraus resultierende Verhalten des Einzelnen. Die Bäuerin in Paraguay muss sich um ihre kleine Farm kümmern, ihre Tiere hüten und, wenn sie danach nachhause kommt, für ihre Töchter und Söhne sorgen, schauen, dass sie, wenn sie in die Schule gehen, ihre Stifte nicht vergessen, dass sie etwas zu essen haben etc. Während dessen ruht sich ihr Lebensgefährte schon aus, sieht fern oder geht schlafen, wenn die Frau dann noch Hausarbeiten erledigt. Auf diese Weise erhält sich das Patriarchat. Es ist sehr schwierig über die Geschlechterbeziehungen zu sprechen, insbesondere wenn man die stillschweigende Ungleichheit in unseren eigenen kleinen alltäglichen Handlungen, Zuhause oder in der Gemeinschaft, nicht akzeptiert.

Wenn wir über die Probleme der Landfrauen und indigenen Frauen sprechen, dann muss man unbedingt auch die schrecklichen Gesundheitsschäden erwähnen, die die Agrarindustrie mit ihrer Expansionspolitik verursacht, deren Folge die Vertreibung der ländlichen Gemeinschaften ist. Eine unserer Hauptsorgen gilt den Gesundheitsschädigun­gen bei Frauen durch Kontamination und das Versprühen von giftigen Pflanzenschutzmitteln, es gibt Fälle von Krebserkrankungen oder Unfruchtbarkeit und bei schwangeren Frauen besteht die Gefahr, dass sie beschädigte, deformierte Kinder zur Welt bringen. Die Vergiftung kann sogar zum Tod führen.

Regine Walch: Mit welchen Schwierigkeiten und Probleme bezogen auf Familie, Erziehung, Gesundheit und Gewalt haben die Bäuerinnen und indigenen Frauen zu kämpfen?

Magui Balbuena: Die Kleinbäuerin lebt ein einfaches Leben, begrenzt auf ihr Haus. Ihr Leben ist patriarchal geprägt. Selbst wenn sie selbstbewusst ist, Aktivistin und in einer Organisation arbeitet, kann sie nicht frei über ihr Leben und ihren Körper entscheiden. Wenn sie aus dem Haus geht, um an Versammlungen teilzunehmen, wird sie oft schräg angesehen. Sie kann nur gehen, wenn sie vorher das Essen vorbereitet und fertig auf den Tisch gestellt, die Wäsche gewaschen und das Haus gesäubert hat.

In der Geschichte waren die Frauen verantwortlich dafür, das Land wieder aufzurichten, als es in Zeiten des Krieges in Ruinen lag. Gleichzeitig waren sie aber von der Gesellschaft ausgeschlossen. Der Zugang zu Bildung und Gesundheit ist, auch wenn es sich allmählich etwas gebessert hat, längst nicht für alle Frauen gegeben; diese Frage gehört nicht zu den Prioritäten der Entscheidungsträger. Es gibt keine staatliche Politik, die sich ausschließlich auf den weiblichen Teil der Bevölkerung richtet. Der Analphabetismus ist weiterhin sehr hoch und für die Kleinbäuerinnen und indigenen Frauen ist eine Fachausbildung nach wie vor ein Luxus.

Die Sterblichkeitsrate bei schwangeren Frauen ist eine der höchsten des Kontinents. Zudem ist die Zahl der Schwangerschaften bei heranwachsenden Frauen alarmierend hoch. Das Parlament hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, sich die Vorschläge, die die sozialen Bewegungen zur Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit der Frauen vorgelegt haben, anzusehen. Besorgniserregend ist, dass die Zahl der Fehlgeburten als Folge der Vergiftung mit Pflanzenschutzmitteln der genmanipulierten Monokulturen, wie dem Soja, im Inneren des Landes enorm zugenommen hat, obwohl es weder eine offizielle Bestätigung noch offizielle Registrierung dieses Besorgnis erregenden Tatbestandes gibt.

Ein anderes gravierendes Problem ist die massive Abwanderung von Jugendlichen, speziell von jungen Frauen in die Stadt. Viele von ihnen gehen über die Grenze (nach Brasilien), um Arbeit zu suchen. Wegen des fehlenden Zugangs zu Arbeit oder zum Studium und vor allem wegen der extremen Armut der Familien fällt es auf die jungen Frauen zurück, Verantwortung für ihre ökonomische Lage zu übernehmen.

Regine Walch: Magui, Deine Tochter ist Aktivisten bei CONAMURI. Was charakterisiert die Lage der jungen Frauen und wie artikulieren sie sich politisch?

Magui Balbuena: Die politisch aktive Jugend ist dabei, eine führende Rolle innerhalb der sozialen Bewegungen zu übernehmen. Besonders in Paraguay befinden wir uns in einer äußerst positiven Entwicklungsphase und beobachten, dass sich die Jugendlichen mit viel Begeisterung und Enthusiasmus in den Organisationen engagieren.

Allerdings gibt es noch viele Vorurteile zu überwinden und es ist noch viel politische Bildung nötig. Aber wir sind auf einem guten Weg. Die Aktivierung der Jugendlichen gelang durch die Bildungsarbeit der Bewegungen, hierbei bekommt das neue Ausbildungsinstitut IALA Guaraní2, eine Initiative von CLOC und Via Campesina3 in Paraguay, eine weitreichende Bedeutung. Als Gegenentwurf zu den imperialistischen Politiken, mit denen die Bevölkerung veräußert und die jungen Leute zum Konsumismus getrieben werden, haben wir das Konzept der Agrarökologie entwickelt. Bei CONAMURI tun wir viel, damit sich junge Frauen und Männer im Rahmen unserer Aktivitäten beteiligen, nicht nur in Ausbildungsprogrammen, sondern auch bei der “Campaña de la Semilla”, wo die Jugendlichen eine tragende Rolle spielen.

Regine Walch: Du hast 1999 CONAMURI mit gegründet. Was war der Grund? Welche Ziele verfolgt die Organisation? Welche Lösungen schlägt sie angesichts der beschriebenen Probleme vor und wie mischt sie sich ein?

Magui Balbuena: CONAMURI entstand vor mehr als elf Jahren, weil wir Landfrauen es für notwendig hielten, endlich wirkliche Lösungen auf unsere seit Ewigkeiten vorgetragenen Beschwerden zu finden. Es traf ja auch auf unsere eigenen Bewegungen zu, dass sie als gemischte Organisationen die Sorgen des weiblichen Teils als nicht prioritär ansahen. Die Erkenntnis, dass wir selbst in unserer eigenen Organisation ausgeschlossen waren, wo weder auf der politischen Führungsebene noch in anderen Entscheidungsorganen eine Frau vertreten war, das war der Anfang für den Prozess, eine eigene Bewegung für Bäuerinnen und indigene Frauen zu initiieren.

Sie sollte sich den Erfordernissen und auch den Ängsten der Frauen annehmen; sie sollte in der Lage sein in der Gesellschaft den politischen Diskurs, der uns bewegte, zu verbreiten; sie sollte erreichen, dass die Bäuerin als ein Subjekt betrachtet wird, das Rechte und Pflichten hat, als ein politisches Subjekt.

Zu unseren Zielen gehören z. B. Gleichheit der Geschlechter und eine neue Beziehung zwischen Frauen und Männern sowie eine Gesellschaft mit mehr sozialer Gerechtigkeit. Wir kämpfen gegen den Anbau von genmanipulierten Lebensmitteln und den Einsatz von Pestiziden durch die großen, internationalen Agrounternehmen, setzen uns für die Rettung und Bewahrung von Samengut ein, für das Recht auf eine gesunde Ernährung und unterstützen die Arbeiter in der Verteidigung ihrer Interessen gegen den Kapitalismus.

Regine Walch: Eine Frauenorganisation innerhalb oder neben einer gemischten Organisation zu gründen, ist kein einfaches Unternehmen. Auch im Fall von CONAMURI gab es viel Kritik an der Initiative. Die Männer der gemischten Organisation stellten die autonome Organisierung der Frauen heftig in Frage. Einige behaupteten, das führe nur dazu, die gemeinsame Stärke zu untergraben, andere verstiegen sich dazu, zu sagen, es wäre nur die Idee von ein paar verrückten Alten. Doch diese Verunglimpfungen haben Dich und Deine Mitstreiterinnen nicht aufgehalten. Wie habt ihr es geschafft, euch autonom zu organisieren und wie ist heute das Verhältnis zwischen euch und den Männern in der gemischten Organisation?

Magui Balbuena: Ja, es stimmt. Wir hatten während des Gründungsprozesses von CONAMURI viel zu leiden und auszuhalten. Allein die Idee, dass Frauen aus der eigenen Organisation heraus einen eigenen Raum für sich als Frauen koordinierten, weckte bei der männlichen Führungsriege Argwohn und es kam zu Konfrontationen mit ihnen. Jedoch war es nie unser Ziel, eine Feindschaft zu erzeugen oder gar die Klasse zu spalten. Im Gegenteil - indem wir als Frauen mit einem eigenen Raum für uns rechnen konnten, waren wir auch in der Lage, aus unserer Perspektive einen Beitrag zur Stärkung der Arbeiterklasse zu leisten. Genau das hat uns motiviert und hat uns geholfen vorwärts zu blicken und gab uns die Sicherheit, gegen den Strom zu schwimmen, womit wir uns ja paradoxerweise an die Seite unserer Genossen stellten.

Seither ist viel Zeit vergangen, aber wir müssen uns auch heute noch mit den Patriarchen der Organisationen auseinandersetzen. Sie haben nicht nachgelassen, immer wieder darauf zu drängen, dass CONAMURI auf sein Ziel verzichte, die Geschlechterbeziehungen so wie wir sie heute kennen zu überwinden. Aber wir arbeiten weiter zusammen und wir haben gezeigt, dass wir uns als Frauen organisieren und politische Kompromisse formulieren können. Die männlichen Führer erkennen nun an, dass das ein Erfolg der Frauen ist, und dass es keine hinreichenden Argumente gibt, sich dem Offensichtlichen zu widersetzen.

Es bleibt noch viel zu tun, weil in unserer Gesellschaft patriarchale Strukturen tief verwurzelt sind und sie nur durch eine tiefgreifende Veränderung des Bewusstseins der Männer und Frauen verändert werden wird.

Regine Walch: CONAMURI hat sich vehement in die öffentliche Debatte über die physische, psychische, ökonomische und strukturelle Gewalt gegen Frauen speziell auf dem Land und gegen indigene Frauen eingemischt. Kannst Du uns einige Beispiele geben?

Magui Balbuena: Die Gewalt gegen Frauen scheint kein Ende zu nehmen. Seit 2009 führen wir von Via Campesina aus eine Kampagne gegen die Gewalt gegen Frauen auf dem Land. Diese Kampagne hat uns vor enorme Herausforderungen gestellt, die mit nichts zu vergleichen sind. Zwischen den vielfältigen Formen, in denen sich die Gewalt gegen Frauen in Paraguay äußert, ist der Menschen- und Frauenhandel eine der schlimmsten. Der Handel mit Bäuerinnen läuft über Argentinien in die ganze Welt, während der Handelsweg für die “Ausfuhr” von indigenen Frauen, die dann in der Prostitution arbeiten müssen oder unter extremen ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, teilweise - wie halbe Sklaven - über Brasilien führt.

Regine Walch: Im Juni 2010 wurde im Sitz der Vereinten Nationen in New York Line Bareiro, eine Paraguayerin und bekannte Politologin, Feministin und Streiterin für Menschenrechte als Mitglied des Expertinnenkomitees von CEDAW4 gewählt. Ihre Kandidatur wurde von zahlreichen Organisationen der Zivilgesellschaft vorgeschlagen, hauptsächlich Frauen- und feministische Organisationen aus Paraguay und der Region. Die Frauensekretärin beim Präsidialamt und der Außenminister Paraguays unterstützte die Kandidatur explizit und Lilian Soto, die Frauenministerin Paraguays begleitete sie nach New York.

Die nächsten vier Jahre wird Line Bareiro überprüfen, welche Fortschritte die Länder, die die Konvention unterzeichnet haben, erzielt haben. Was bedeutet die Wahl von Line Bareiro und ihre Arbeit auf internationaler Ebene konkret für die Frauen in Paraguay? Welche Erwartungen bestehen?

Magui Balbuena: Die Frauen Paraguays haben nach dem Zusammenbruch der Diktatur Stroessners eine bedeutende, wichtige Präsens gehabt, z. B. bei der Entwicklung von Vorschlägen zur Veränderung der die Frauen diskriminierenden Gesetze. Auch die internationalen Foren (wie Peking) haben dazu beigetragen, diese Veränderungen voranzubringen. Line Bareiro hat einen langen Weg für die Sache der Frauen zusammen mit den Feministinnen in unserem Land zurück gelegt und hat deshalb nicht nur in Paraguay, sondern auch in anderen Ländern eine große Anerkennung erzielt. Hoffnung darf man nicht verlieren. Deshalb haben wir die Kandidatur von Line unterstützt. Es ist schwierig, etwas Substantielles für die Frauen zu erreichen. Unsere Losung ist, streiten, beharrlich sein und Vorschläge machen, genau das wird Line tun und hoffentlich hat sie dabei Erfolg.

Endnoten:
1 Unter dem Titel Magui Balbuena: Semilla Para Una Nueva Siembra (Saat für eine neue Saatzeit) veröffentlichte Elisabeth Roig ein Buch über das Leben von Magui Balbuena.
2 Instituto Agroecológico Latinoamericano - IALA Guaraní, im April 2011 eröffnet, aufgebaut und betrieben von Cloc –Vía Campesina Paraguay zusammen mit: Movimiento Campesino Paraguayo (MCP); Organización de Lucha por la Tierra (OLT); Coordinadora Nacional de Mujeres Trabajadoras Rurales e Indígena (CONAMURI); Organización de Aborígenes Independiente (ONAI); Movimiento Agrario y Popular (MAP) y Mesa Coordinadora Nacional de Organizaciones Campesinas (MCNOC). Ziel ist es, die berufliche Ausbildung für Jugendliche Lateinamerikas in Agro-Ökologie zu ermöglichen, ein integriertes nachhaltiges Produktionskonzept, um eine neue Anbauweise zu fördern.
3 CLOC bedeutet La Coordinadora Latinoamericana de Organizaciones del Campo und ist eine Dachorganisation von kleinbäuerlichen und indigenen Organisationen, die für ein alternatives Entwicklungskonzept zum Neoliberalismus kämpfen. CLOC ist die Vertretung von Vía Campesina in Lateinamerika. Vía Campesina ist eine internationale Bewegung, autonom, politisch unabhängig, ein Zusammenschluss von kleinbäuerlichen und indigenen Organisationen, kleinen und mittleren ProduzentInnen, Landfrauen, indigenen Gemeinschaften, Landlosen, Jugendlichen und ArbeitsmigrantInnen auf dem Land.
4 Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women (CEDAW), 1979 von der UN Generalversammlung angenommen.

 

 

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