Das Schweigen der Männer - viel Lärm um nichts.

Das Schweigen der Männer - viel Lärm um nichts.

„Das Schweigen der Männer ist symptomatisch für das Verhältnis zwischen Mann und Frau“. „Männer scheinen derzeit eher von Schuldgefühlen geplagt“. „Es geht um Fragen der Beziehungen, der Lebensstile und die Frage der Generationen“. Dieser starke Tobak von Eckhard Kuhla, Vorsitzender von Agens e.V., eröffnete am 27. Juni 2011 die Diskussionsveranstaltung „Mann Frau - wie soll’s weiter gehen?“.

Antifeministische Parole auf Litfaßsäule, in grün und blau
„Das Schweigen der Männer ist symptomatisch für das Verhältnis zwischen Mann und Frau“, meint Eckhard Kuhla von Agens e.V.


 

Das Schweigen der Männer - viel Lärm um nichts.

Veranstaltungsbericht zu „Mann-Frau wie soll's weiter gehen? - ein Sommernachmittagsalptraum am 27.06.2011 im Wissenschaftszentrum Berlin (WZB)

„Das Schweigen der Männer ist symptomatisch für das Verhältnis zwischen Mann und Frau“. „Männer scheinen derzeit eher von Schuldgefühlen geplagt“. „Alle spüren seit einigen Monaten: so kann es in der Geschlechterpolitik nicht weitergehen“. „Es geht um Fragen der Beziehungen, der Lebensstile und die Frage der Generationen“. Dieser starke Tobak von Eckhard Kuhla, Vorsitzender des erst seit 2010 bestehenden Vereins Agens e.V., eröffnete am 27. Juni 2011 die Diskussionsveranstaltung „Mann Frau - wie soll’s weiter gehen?“ am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Agens e.V. begreift sich als Sprachrohr einer „Befreiungsbewegung für Männer“, die eine Kultur des „MITeinanders von Männern und Frauen“ anstrebt, tut sich jedoch in der kurzen Zeit seines Bestehens eher durch antifeministisch-antagonistisches Auftreten hervor, das eine Kultur des GEGENeinanders befördert. (1)

Die Veranstaltung ausgebucht. Viele Besucher_innen mussten den Beiträgen vor einem Bildschirm draußen vor der Tür lauschen. Das Interesse an Gender Fragen aus maskulinistischer Perspektive schien den neuen bewegten Männern Recht zu geben: es war noch nie so groß wie heute – und die Widerstände gegen das Feministische an Gender ebenfalls. Schon im Vorfeld startete der Direktor der WZB-Abteilung „Ungleichheit und soziale Integration“, Jens Alber, in der FAZ (2) einen Frontalangriff auf die „verzerrte Realitätskonstruktion“ der Gleichstellungsarbeit „ohne Logik“ und damit auf seine Chefin und WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger. Logisch, dass Allmendinger, die gleichzeitig Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt Universität zu Berlin ist, bei so viel Qualifikation in einer Person gleich fünf antifeministisch argumentierenden Podiumsgästen gegenüber sitzen musste. Neben Jens Alber und Birgit Kelle, der Vorsitzenden von „Frau 2000 plus e.V“ und Vorstandsmitglied von „New Women for Europe“, waren gleich drei Vertreter_innen des Verein Agens e.V. eingeladen:

Prof. Dr. Gerhard Amendt, Gründer des Instituts für Gender and Generation Research an der Universität Bremen und Agens-Gründungsmitglied; der anfangs zitierte Eckhard Kuhla, wie Amendt Mitbegründer des Männer-Rechts-Vereins sowie Monika Ebeling, ehemalige Gleichstellungsbeauftragte und ebenfalls Agens Mitglied. 5:1 also für die, die dagegen sind – eine Konstellation, die Agens unverständlicherweise im Nachgang der Veranstaltung als „Diskursverweigerung“ bezeichnete.

Kuhla erhielt zuerst seine 10 Minuten und griff tief in den antifeministischen Mottenschrank, um vorgeblich Neues zu beschreiben. Seine bereits zitierten Eingangsstatements sollten deutlich machen: er und sein Verein warten augenblicklich sehnsüchtig auf den „natürlichen Generationswechsel in der Frauengeneration von der 50+ hin zur 30+, vertreten durch Ministerin Schröder“. Als er Alice Schwarzer, die 2011 ihren 69. Geburtstag feiert, als Vertreterin der hoffentlich bald abzulösenden 50+ Generation vorstellte, erschall das erste Gelächter im Saal.

Ein weiteres Gebiet, bei dem es Kuhla mit der Genauigkeit von Zahlen nicht so genau nahm, war seine Behauptung, das „letztes Jahr von Schröder mutig geschlossene GenderKompetenzZentrum“ habe „mehr als 30 Mitarbeiter“ gehabt. Ein Redebeitrag aus dem Publikum von Sebastian Scheele, einem Ehemaligen dieser Mitarbeiter_innen, stellte indes später richtig: im GenderKompetenzZentrum waren zu keiner Zeit mehr als sechs Mitarbeitende, die meisten davon in Teilzeit, beschäftigt. Hinzugefügt sei auch, dass die Schließung des Zentrums nicht von Kristina Schröder, sondern bereits unter ihrer Vorgängerin Ursula von der Leyen angestoßen wurde. Zu Schröders Amtsantritt war es also bereits „beschlossene Sache“. So konnte man sich von Anfang an des Eindrucks nicht erwehren, dass es Kuhla im Grunde um weit Handfesteres, als um den Austausch von emotionalen Männer-Befindlichkeiten ging. Spätestens als er bemängelte, bei der Gründung des BMFSFJ-Referates „Gleichstellungspolitik für Männer und Jungs“ im Dezember 2009 (3) sei das ursprünglich in den Konzeptionen enthaltene Wort „Eigenständigkeit“ weggefallen, war allen Anwesenden klar: hier greifen gierige Männerhände nach den Fördertöpfen „der Frauen“.

Auch an Drohgebärden mangelte es „den Männern“ nicht, die sich Anfeindungen ausgesetzt sehen, die laut Kuhla „hart an der Grenze des juristisch Zulässigen“ seien. Dieses war der erste Streich im Schlagabtausch, der durch ein von Agens frisch herausgegebenes und nun Dank der Veranstaltung auch gut promotetes Buch „Schlagseite - MannFrau kontrovers“ abgerundet wurde. Darin würde Kuhla zufolge die „Geschlechterpolitik mit Schlagseite“ und ihren „schwerwiegenden Folgen auch auf volkswirtschaftlicher Seite“ behandelt. Den Hinweis, worin solche Folgen bestünden, blieb er allerdings an diesem Abend ebenso schuldig wie die wissenschaftlich fundierten Argumente für seine Behauptungen.

Keine Fakten schuldig blieb dagegen Allmendinger, die in ihrem Kuhla folgenden Eingangsstatement Daten zur Erwerbsarbeit und den Rentenansprüchen der beiden Geschlechter bot. Danach ist das Arbeitsvolumen von Männern und Frauen sehr unterschiedlich, da „Männer meist Vollzeit beschäftigt und demgegenüber Frauen mit 68% vor allem in Teilzeitarbeit oder geringfügig beschäftigt“ sind. Zwar ist das Arbeitsvolumen der Frauen seit 2007 gestiegen, jedoch beobachtet die Forschung „eine Umverteilung von wenigen Vollzeit erwerbstätigen Frauen hin zu vielen Frauen in Teilzeiterwerbstätigkeit“. In der Lebensverlaufsperspektive stellte Allmendinger nach wie vor einen „Frauen-Kinderknick“ fest, wohingegen Männer mit Kindern sogar durchschnittlich mehr arbeiten, als Männer ohne Kinder. Dies gilt selbst „bei den jungen Kohorten“ gemäß aktuellem Mikrozensus.

Bei dem dieser Tage vieldiskutierten Thema „Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen“ hat sich laut Allmendinger von 2006-2009 „nichts getan“, somit sei es „keine Frage der Zeit“. Auch bei Frauen in der Wissenschaft ist kein großer Wandel zu attestieren. Mit Blick auf die Rentensituation machte Allmendinger nicht nur einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, sondern auch zwischen Ost und West aus. Witwenrenten von West-Frauen betragen 70% der Männerrenten. Da die Eigenansprüche von Frauen im Westen deutlich niedriger liegen, wäre, so Allmendinger, der „Heiratsmarkt eine attraktive Option für Frauen“. Großes Gelächter im Saal. In Ostdeutschland bietet sich ein anderes Bild, da Ost-Frauen aufgrund ihrer längeren Erwerbsbiographien weit höhere Rentenansprüche als West-Frauen erworben haben, die jedoch in beiden Teilen Deutschlands immer unter denen der Männer liegen.

Dem Blick in die Vergangenheit der Erwerbstätigkeit folgte der Blick in die Gegenwart der aktuellen Lebensentwürfe, die Allmendinger in unterschiedlichen Studien (Shell Studie, WZB Studie) als weitgehend gleich zwischen beiden Geschlechtern bezeichnete: Junge Männer wie Frauen wollen beispielsweise gleichermaßen viel Geld verdienen oder sie wollen erstaunlicherweise auch genauso oft dünn sein. Anders ist, was das jeweils andere Geschlecht über das eigene denkt: Nur knapp über 60% der Männer glauben, dass es Frauen wichtig sei, finanziell unabhängig sein. Männer wollen zu 60% Kinder, wobei Frauen diesen Kinderwunsch nur von 40% ihrer potenziellen Partner erwarten. Allmendinger kritisierte mit diesen Ausführungen die Stereotypisierungen im gesellschaftlichen Geschlechterdiskurs, dessen Realitäten, auch diese Feststellung ließ sie nicht aus, von Männern bestimmt sind, die sich nach wie vor „mehrheitlich in den entsprechenden Positionen“ befinden. Deutlich wurde vor allem eins: Allmendingers Ausführungen basierten allesamt auf belastbarem Zahlenmaterial und hoben sich allein dadurch wohltuend von der geschlechterideologischen Agitation ihrer Vor- wie auch Nachreder_innen ab.

Prof. Dr. Gerhard Amendt wurde im Anschluss um eine Kommentierung gebeten, konzentrierte sich jedoch in einem zusammenhangslosen Statement lediglich darauf, seine Ansichten zur Gewaltdebatte kund zu tun. Ihm zufolge würde Gewalt in Partnerschaften und Familien in Deutschland sehr einseitig gesehen und wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse aus den USA zur Symmetrie in Gewaltverhältnissen außer Acht gelassen. Er verstieg sich zu Aussagen, wie „man muss Gewalt als etwas Gemeinsames erleben“, weswegen Gewalt „nicht gesellschaftlich sondern auf Paarebene“ behandelt werden müsse, indem alle Beteiligte „durch professionelle Hilfe ins Gespräch gesetzt werden“ sollen. Auch wenn darin eventuell das vielleicht nützliche Körnchen an Wahrheit der verschiedenen Formen und vergeschlechtlichen Dynamiken von Gewalt enthalten sein sollte, ließ Amendt konkrete Hinweise auf Forschungsliteratur ebenso vermissen wie Hinweise zur Umsetzung. Dabei wäre es doch sehr interessant gewesen, zu erfahren, wie beispielsweise eine von ihrem Mann vergewaltigte oder geschlagene Frau zu einer lösungsorientierten Therapiesitzung mit ihrem Peiniger motiviert werden sollte? Insgesamt zeigte sich das Publikum durch unwilliges Murren von solchen Verharmlosungstendenzen in der Gewaltdebatte betroffen. Ein Journalist äußerte diesen Unmut auch in einem späteren Redebeitrag.

Als nächstes war Birgit Kelle an der Reihe, die keine Fronten zwischen Mann und Frau forderte, sondern mehr Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsleben. Seltsamerweise eines der Hauptthemen der durch das feministisch motivierte Gender Mainstreaming (4) und der Einführung von Vätermonaten angestoßenen neuen Familienpolitik. Ihr wichtigster Beitrag bestand darin, die Bundesrepublik Deutschland noch mal daran zu erinnern, dass es in anderen Ländern auch anders geht: in der Schweiz z.B. erwirbt laut Kelle jede Frau für die Erziehungsarbeit ihrer Kindern Rentenansprüche, die mit jenen von Erwerbstätigen gleich behandelt werden. Kelle selbst sei Mutter von vier Kindern und habe damit neben ihrer Teilzeitstelle eine Vollzeitstelle zuhause, lamentierte sie, was sie jedoch nicht davon abhielt das Vereinbarkeitsthema nicht als „Frauen-, sondern als „Mütter- und Väterthema“ und „Privatsache“ zu bezeichnen. Ein US-amerikanischer Hörer griff diese Problematik zu einem späteren Zeitpunkt auf, indem er bemerkte, in Deutschland würden die Kinder um eins von der Schule nach Hause geschickt und es würde erwartet werden, „dass da jemand ist, der sich um sie kümmert“.

Entgegen solcher Beobachtungen und des von Allmendinger gelieferten statistischen Materials war sie der Meinung „in Deutschland haben wir kein Problem, Frauen sind gebildet, ihnen stehen alle Türen offen“. Sie stellte lediglich die Fragen: „Was ist mit den Familien?“; „wie können Frauen ins Erwerbsleben einsortiert ohne dass Kinder aussortiert werden?“ und „wollen das die Familien“, dass die Frau „als einziges Angebot“ arbeiten geht? In der folgenden Diskussion verhedderte sich dann mehrfach in den Widersprüchen ihrer eigenen Ansprüche an sich selbst als berufstätige Übermutter, die die „Wahlfreiheit“ schon habe, denn „alle Strukturen sind da“.

Augenfällig war vor allem ein Widerspruch: Frau Kelle forderte mehrmals explizit, dass der Staat nicht in die private Entscheidung von Eltern intervenieren solle. Aber gleichzeitig solle die Regierung für die Erziehung von Kindern eine Art „Gehalt“ zahlen, was für sie merkwürdigerweise keine staatliche Einmischung darstellt.  
Monika Ebeling, hingegen stolperte nicht über die Familie, sonder darüber, dass sie sich als ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar „auch in der Männerpolitik weitergebildet“ habe. Weil sie zu sehr  „auf Männer fixiert“ war und „nicht genug auf Frauen fokussierte“, wurde sie 2011 abgewählt. Ihre Hauptkritik beschrieb eben jenes, der unvollständigen Ablösung von Frauenpolitik durch Gender Mainstreaming (5) geschuldete, Dilemma, was darin kulminiere, dass bundesweit „keine einheitliche Sprachregelung und Aufgabenfeldbeschreibung“ bezüglich Frauen- beziehungsweise respektive Gleichstellungsbeauftragten gelte. Zudem fehle ihr Evaluation und Qualitätsmanagement in der Gleichstellungspolitik.

Könnte man hier mit ihr Kritik zumindest ein Stück weit mitgehen, so stellte Ebeling sogleich mit ihren weiteren Aussagen wie die „Gleichstellung ist erreicht“, es werde nur „exklusive Frauenförderung praktiziert“ oder „Männernetzwerke fehlen an allen Orten“ grundsätzlich in Frage, inwieweit sie überhaupt an wahrer Gleichstellungspolitik interessiert ist? Ein Redebeitrag aus dem Publikum, der sich die gesamte Diskussion differenzierter wünschte, fragte später genauer nach, welche Männernetzwerke sie eigentlich meine – eventuell jene weit verbreiteten Old Boys Networks, die oft Frauen am Aufstieg hinderten? Hierauf hatte sie keine Antwort parat. Vielleicht mögen dies nicht unbedingt Ebelings „Wunschmänner“ sein, die sie sich „aktiver“ wünscht. Statt Männerdominanz sieht sie überall „Seilschaften von Frauen“, die sicher auch für die „Dauerprotektion“ alleinerziehender Mütter verantwortlich sind, der sie die Effizienz abspricht. Nach Ebelings Auffassung tobe „bei Trennung und Scheidung […] der Geschlechterkampf“. Der „fröhlich-freundliche Vater, der zur Verfügung steht, wird außen vor gelassen“. Deswegen lautete Ebelings Forderung, dass bundesweit einheitliche Stellen für Gleichstellungsbeauftragte ausgeschrieben werden, die ihre Parteilichkeit aufgeben müssten. Obendrein müssten Männer ebenso Gleichstellungsbeauftragte werden dürfen wie Frauen, was zurzeit ausgeschlossen sei – ein Faktum, das auch Jens Alber aufregt, der sich ansonsten nach eigener Aussage „lieber heute als morgen auf einen solchen Posten bewerben würde“. Ebeling will endlich „Frauen- und Männerthemen“ gleichrangig behandeln. Ihrem Eindruck nach geschehe dies nicht, weswegen die „aktuelle Gleichstellungspolitik in einer tiefen Krise“ stecke: „entweder sie geht unter oder erfindet sich neu“.

Jens Alber sah sich im Anschluss an Ebeling „normativ stark dem Gedanken der Diskriminierungsfreiheit“ verpflichtet – was vom Publikum als sehr löblich und positiv aufgenommen wurde. Deswegen bedauerte auch er die „Verengung der Gleichstellungsdebatte auf Frauenpolitik“, denn für ihn sind „Klasse und Migration heute determinierender als Frauenungleichheit“. Um das zu untermauern zog er Statistiken „des internationalen Arbeitsamtes“ (das als Institution leider nicht existiert, vielleicht meinte er die Internationale Arbeitsorganisation) zu Rate und beruft sich auf Repräsentationserfolge von Frauen z.B. in Parteien und Parlamenten, die sich alle auf 30-40% beziffern. Er attestierte: „hier ist etwas im Fluss, wir können nicht so tun, als seien wir noch in den 60er Jahren“. Als Beispiel der vernachlässigten Männer führte Albers an: „90% aller tödlichen Arbeitsunfälle Männer“. Er fragte: „für welche Bereiche wollen wir den Gleichheitsgedanken betreiben?“ Daraus resultiere seine Skepsis gegenüber „der Quote“, die er als „obrigkeitsstaatliches Mittel“ empfindet, das unzureichend sei „für Menschen, die in komplexen Zusammenhängen leben“. Denn wenn man über Quoten spräche, wäre die Frage wichtig: „[…] für welche Dimension sozialer Ungleichheit“? Und: „Wenn Quote, wie hoch soll sie denn sein?“

Auch hier hat Allmendinger eine Lösung parat: die „critical mass“ soll es sein. Die bereits von Alber selbst zitierten 30-40% Frauen in der bundesdeutschen Parteien- und Parlamentslandschaft. Dieser Erfolg der Frauen sei übrigens, so die Beobachtung einer Frau aus dem Auditorium, „Wunder über Wunder“ gerade der 40 % Quote in eben jenen Parteien geschuldet, die bisher im Übrigen auch nicht überschritten wurde. Beim Thema Quote als sogenanntes „obrigkeitsstaatliches Mittel“ widersprach Allmendinger Alber entschieden. Sie fand seine Einwände „zynisch“, denn erstes Kriterium war schon immer die Ausbildung: „Solange Männer nicht als Kindergärtner ausgebildet sind, solange können sie nicht quotiert werden“.

Es entspann sich eine rege Diskussion: Laut Allmendinger helfe es schon viel, wenn man Erwerbstätigkeit nicht als Privatsache auffasse. Sie zog Beispiele der staatlich garantierten Kinderbetreuung in Finnland heran, weil das „tatsächliche Wahlmöglichkeit“ böte. In Deutschland wären Männer „so gut wie nicht teilzeiterwerbstätig“ und wenn es keine Kinderbetreuung unter 3 Jahren gäbe, fehlten einfach die „Gelegenheitsstrukturen“. Allmendinger sieht Männer „von den entsprechenden Unternehmen unter Druck, die Elternzeit nicht auszubauen, weil sonst die Karriere zu Ende wäre“. Sie wünschte sich deswegen, dass „Lebensverlaufsstrukturen mit Unterbrechungen für Kindererziehung, Elternpflege möglich sind“. Nach wie vor sei der „Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt erschwert nach Pausen“. Allmendinger verwehrte sich auch dagegen, dass „Frauen erst dann Probleme bekommen, wenn sie Kinder haben“. Das sei schlicht falsch – „auch Frauen ohne Kinder werden diskriminiert, wenn es um den Aufstieg in die Führungspositionen geht“.

Ferner war das von Alber betriebene Unterschiedsranking in  „sekundäre oder tertiäre Ungleichheiten“ aus Allmendigers Perspektive nicht nachvollziehbar und leiste keinen Beitrag zur Problemlösung. Sie sprach damit einen Aspekt an, der später in einem weiteren Publikumsbeitrag von Dr. Regina Frey vom genderbüro Berlin als „Intersektionalitätsdebatte, die schon lange in den Gender Studies geführt werde“ benannt wurde. Statt Diskriminierung additiv und Diskriminierungsmerkmale konkurrent zu denken, müsse es um diesbezügliche Überschneidungen, Wechselwirkungen und Verknüpfungen gehen und Albers solle dazu doch mal Stellung beziehen – was er allerdings bis zum Schluss nicht tat. Mindestens 5:1 an dieser Stelle für eine gequälte Zuhörer_innenschaft, die sich von Antifeminist_innen wie Kuhla die „Zweckmäßigkeit der Gender Theorie und ihre Professionalität und damit auch die Gender Studies“ gerade nicht in Frage stellen ließ.

Alber lenkte stattdessen die Debatte auf die Kinderbetreuungsfrage, bei der Menschen auch die Möglichkeiten haben müssten „ungleiche Wahlen“ zu treffen: „Denn wenn wir diese Wahlentscheidung nicht ernst nehmen, unterstellen wir ihnen ein falsches Bewusstsein“. Auf seinen Appell, solche „freiheitlichen Entscheidungen von Individuen seien zu respektieren“ erntete er signifikanten Beifall aus dem Publikum. Allmendinger legte allerdings auch da Fakten nach: zurzeit stünden nur rund 20% Kindergartenplätze für unter Dreijährige zur Verfügung, die „Wahlfreiheit“ sei also nicht da. Kelle bleibt davon unbeeindruckt und zitiert eine europäische Mütterstudie, laut derer 60% der Mütter gerne zuhause bleiben würden. Man müsse „solche Studien auch ernst nehmen“. Alber schlug sich, vom Moderator zur Antwort genötigt, zum ersten und einzigen Mal auf Seiten Allmendingers, will „entideologisieren“ und ruft dazu auf, „pragmatisch zu denken“. Man solle sehen, „dass wir in zunehmend heterogenisierten Gesellschaften leben“. Zuwanderung erfordere „Bildung und frühes gegenseitiges Lernen und Kontakt in Kitas“, weswegen er gegen das allgemeine Kindergeld und für eine Kita-Förderung sei – eine Forderung, die Allmendinger sicher unterstützen würde.

Den aktuellen Bezug stellte dann wieder der insgesamt ausgewogen und geschickt agierende Moderator Werner A. Perger her, der das schlagseitige Schlagwort des „Schweigens der Männer“ aufgreift und auf die Jugendproteste in Griechenland verweist, von denen er unausgesprochen anzunehmen scheint, dass sich darin vor allem junge Männer „empören“. Kuhla nahm diesen Ball auf und wiederholte erneut die Forderung seines Vereins, Männer müssten kapieren, dass die Gender Fragen auch sie angingen. Er bezeichnete die „Gender Politik in Landes- und Bundesparlamenten“ als „Durchwinkprojekte“, wofür er unbequeme Unruhe aus dem Saal erntete.
Ebeling war gegen Ende der Diskussion noch mal wichtig zu fragen, , was die „Perspektive“ sei und was die „jungen Männer und Frauen wollen“? Dies nutzte der ansonsten teilnahmslose Amendt zu einem Schluss-Statement, in dem er eine Veränderung der Mentalitäten einforderte – bei Frauen und Männern, jedoch nicht ohne eine weitere, altbekannte Attacke auf „die Quote“ zu reiten. Seiner Auffassung nach gäbe es Widerstand dagegen bei jungen Männern und Frauen in der Wissenschaft, aus „Angst vor Verzerrung von Wettbewerb“ und der Unsicherheit darüber „was man selber wert ist“. (6)

Dass sich Amendt mit seinen Einstellungen in nicht so guter, alter Gesellschaft befindet, verdeutlichte ein weiterer Publikumsbeitrag: schon 1912 gründetet sich der „Bund für die Bekämpfung der weiblichen Emanzipation“. Damals wie heute ist der Widerstand gegen die Quote und die Emanzipation der Frau also ein Widerstand von „zutiefst getroffenen Männern“, wie Allmendinger später in ihrem Schlussbeitrag feststellte.

Albers ließ in seinem Abschlussstatement verlauten: „wer in den 70er Jahren nicht Feminist war, konnte kein Universalist sein – aber die Zeiten ändern sich“. Er sei „ermutigt durch [die Ministerin] Schröder“, die durchaus ein Bewusstsein habe, „dass wir in neuen Zeiten leben“. Hier wurde etwas herbei geredet, was sich weder im Verlauf der Diskussion noch durch Daten statistisch decken lässt und dessen Signifikanz über Stammtischniveau leider selten heraus kam. Daher erschien der Austragungsort WZB als Ort der Wissenschaft und nicht als Ort für eine schillernde Runde von Gästen mit höchstens Talkshow Niveau der gänzlich falsche Platz, um den vielleicht nicht ganz falschen Fragen mit den auf jeden Fall falschen Leuten nachzugehen. Das WZB hätte besser daran getan, eine wissenschaftlich fundierte und rein forschungsbasierte Diskussion um beispielsweise die Möglichkeiten und bestehenden Umsetzungslücken der Strategie Gender Mainstreaming, die ausdrücklich Männer und Frauen miteinbezieht beziehungsweise adressiert, zu ermöglichen – ein Thema, das momentan trotz seiner Antworten auf alle oben genannten Gesellschaftsfragen leider keine Konjunktur zu haben scheint.

Auf die Publikumsfrage an Alber, warum diese Veranstaltung denn sein musste, hatte er ungeachtet der seit langem geführten Abwehrkämpfen (Antifeminist_innen gegen Gender, feministische Gender Vertreter_innen gegen Antifeminist_innen) nur die Antwort parat, er sei froh, dass nun die Diskussion eröffnet sei, weil er „immer auf der Seite der Diskriminierungsopfer“ wäre. Er halte Agens im Übrigen nach eigenen Recherchen ausdrücklich nicht für einen „Männerkampfbund“. Das erstaunte neben Allmendinger auch das Publikum. Einige junge WZB- Doktorandinnen, die in ihren Redebeiträgen heftig gegen die Agens-„Argumente“ argumentierten, bekamen den „Kampfgeist“ des Vereins in seinem späteren Veranstaltungskommentar prompt zu spüren. Ihre Inhalte wurden pauschal als von „Jungfeministinnen“ stammend abgewertet - eine als Diffamierung gemeinte Adelung, die sich die jungen bewegten Frauen in Zeiten des gefürchteten F-Wortes vermutlich nicht von sich aus angeheftet hätten.

Allmendinger griff deren Steilpässe dankbar auf und lief schließlich, weil ihr das Schlusswort vorbehalten war, nach Aufforderung der Moderation „aufs leere Tor zu“ und „schoss ein“: Sie teile diese Meinung, dass Agens kein Männerkampfbund sei, „ausdrücklich nicht“. Sie habe sich jedoch „nach langen Diskussion dafür ausgesprochen“, diese Veranstaltung durchzuführen - weil: „Wir haben so wunderbare Argumente; niemand will sie hören“. Sie vergaß auch nicht zu erwähnen, dass sie sich im Vorfeld „angemacht“ fühlte und „als Ignorantin“ dargestellt wurde. Sie sieht somit „die Gefahr eines Backlashs“ durchaus als gegeben. Ihr Ergebnis der Veranstaltung sei, „dass wir hier es mit Gefühlslagen zu tun haben, die empirisch nicht belegt sind“.

Das „Schweigen der Männer“ erwies sich also als viel altbekannter und altbackener Lärm um nichts – nur schade, dass diesem „nichts“ so viel Raum und (bezahlte Arbeits-)Zeit von WZB-Mitarbeiter_innen eingeräumt wurde. Das wahre Schweigen fand hingegen an ganz anderen Orten statt: die weiße, heteronormative Mittelstands- beziehungsweise Oberschichtskonstruktion von Gleichstellungsthemen wie Frauen in Führungspositionen verwunderte scheinbar nur den Autor dieses Artikels und niemanden der Anwesenden. Nicht ein Publikums- oder Redebeitrag befasste sich mit der „natürlich“ heterosexuellen und gegengeschlechtlichen Paarkonstruktion, plus oder minus Kinder, als Basis für Familien- und Rentenmodelle. Was sonderbar ist, denn die vollkommene Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften beispielsweise auch im Steuer- und Rentenwesen, ist ein aktueller Streitpunkt der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung, genauso wie die ökonomische und steuerliche Doppeldiskriminierung von lesbischen Frauen, die einmal als Frauen, und zweitens weil sie in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften leben, statistisch benachteiligt sind. Hier wurde die Chance zu einer wahrhaft inklusiven Gleichstellungsdebatte und Allianzenbildung vergeben. Dabei hätten Allmendingers Renten-Statistiken diese zusätzlichen intersektionalen Schlussfolgerungen unterstützt, ohne neue Informationen in die Diskussion einfließen lassen zu müssen. Es wäre für sie ein Einfaches gewesen, das Thema Frauenarmut und die finanzielle Abhängigkeit von Männern, beruhend auf der fortgesetzten Arbeitsmarktdiskriminierung von Frauen, in Bezug zu Debatten um den Abbau des Sozialstaats statt Aufbau des heterosexuellen Familienstaats zu setzen. Bedauerlich zudem, dass Allmendinger keine der vielen Statistiken zur Hand hatte, die belegen, dass Migrationshintergrund und/oder nicht-weiße Hautfarbe zwar, wie von Alber behauptet, massiv zu rassifizierten Ungleichheiten führen – diese Ungleichheiten aber jeweils von Männern und Frauen unterschiedlich und vor allem unterschiedlich gravierend erlebt werden. Solche Befunde sind ohne weiteres auch auf die fortgesetzte Benachteiligung von Behinderten und allen weiteren Ungleichheitskategorien in unserer Gesellschaft übertragbar und hätten Albers fehlendem Intersektionalitätsverständnis sicher auf die Sprünge geholfen. Und zuletzt: wer spricht in trans-nationalen, trans-feministischen, trans-gender Zeiten eigentlich nur noch von Männern und Frauen, wenn selbst bundesdeutsche Stammtische durch Sportidole wie Caster Semenya mitgekriegt haben: es gibt mehr als zwei Geschlechter. Hier schwiegen sich die anwesenden polarisierenden und polarisierten Männer wie Frauen aus. Zwischengeschlechtliches und Zwischentöne waren nicht auszumachen.


Fußnoten:

(1) Vgl. Artikel über Agens e.V. und zur maskulinistischen Männerrechtsbewegung, die sich in der Nähe des rechtsradikalen Spektrums bewegt von Gesterkamp, Thomas: Die Männer-Rechte, in: taz vom 08.03.2010, http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=sw&dig=2010%2F03%2F0... (zuletzt aufgerufen am 12.07.2011).
(2) Vgl. Alber, Jens: Doppelstandards der Gleichstellung, in: faz vom 25.03.2011, http://www.faz.net/artikel/C31373/geschlechterdebatte-doppelstandards-de... (zuletzt aufgerufen am 12.07.2011).
(3) Vgl. Sauerbrey, Anna: Jungs – das neue schwache Geschlecht, im: Tagesspiegel vom 27.12.2009, http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/jungs-das-neue-schwache-geschlecht/1654424.html (zuletzt aufgerufen am 12.07.2011).
(4) Gender Mainstreaming erweitert bisherige getrennte Ansätze in der Frauen- und Männerpolitik mit dem Ziel, die Perspektive des Geschlechts (engl. „Gender“), in die Gleichstellungspolitik einzubinden und Gleichstellung als Querschnittsaufgabe aller Akteure zu verankern. Gender Mainstreaming will aufgrund der bestehenden Gleichstellungslücken de facto für Gleichstellung sorgen, weswegen es als internationale Strategie 1995 auf der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking eingeführt wurde. 1999 fand es Eingang in den EU-Vertrag von Amsterdam. Die Bundesrepublik Deutschland folgte den europarechtlichen Vorgaben und beschloss als gleichzeitiger Unterzeichnerstaat des Abschlussprotokolls der Pekinger Weltfrauenkonferenz Gender Mainstreaming als durchgängiges Leitprinzip des Verwaltungshandelns. Seit 2000 verpflichtet § 2 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien (GGO) zur Beachtung des Gleichstellungszieles bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen, vgl. http://www.genderkompetenz.info/genderkompetenz-2003-2010/gendermainstreaming/Strategie (zuletzt aufgerufen am 12.07.2011).
(5) Gender Mainstreaming sieht ausdrücklich eine Doppelstrategie vor: d.h. neben der Arbeit an den Geschlechterverhältnissen zwischen und mit Männern und Frauen, ist Frauenförderung als Förderung des nach wie vor strukturell überwiegend benachteiligten Geschlechts explizit erlaubt und vorgesehen.
(6) Aktuelle Befragungen zur Haltung gegenüber der gesetzlichen Einführung der Frauenquote widersprechen klar dem von Amendt gezeichneten Bild. Zum Beispiel erbrachte eine vom Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL im Januar 2011 in Auftrag gegebene und vom Institut TNS Forschung durchgeführte Umfrage, dass 49% der insgesamt befragten Männer und Frauen die geringe Zahl von Frauen in Führungspositionen vor allem auf berufliche Benachteiligung zurückführt und 39% der Meinung waren, dass für Frauen Kinder und Karriere schlicht nicht vereinbar seien. Gemäß einer im Juni 2011 durchgeführten Umfrage des Marktforschungsinstituts Aris für den Branchenverband Bitkom waren 55% der Frauen selbst für und nur 40% gegen eine Quote. Die Gesamtbevölkerung stimmte in derselben Erhebung mit 51% etwas weniger, aber immer noch mehrheitlich für die Quote, 43% lehnten sie ab. Dabei wollen besonders junge Frauen zwischen 14 und 29 Jahren ganz stark eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote: satte 72% aller jungen Frauen sprachen sich dafür, nicht einmal 28% dagegen aus. Die gemeinschaftliche Befragung junger Frauen und Männer im Alter zwischen 14 und 29 Jahren erbrachte zwar mit 68% erneut eine abgeschwächte, aber immer noch deutliche Mehrheit für die Quote, wohingegen sich nur 30% der Generation 65+ in derselben Umfrage damit anfreunden konnten.

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