Doi Moi. Fotoarbeit, Berichte und Erläuterungen

Doi Moi. Fotoarbeit, Berichte und Erläuterungen

Der Himmel ist grau, das Taxi rast, sich dauerhupend an Mopeds vorbeischlängelnd, auf dem Flughafenzubringer gen Airport Noi Bai. Wer hupt, hat Vorfahrt; wer größer ist, nimmt Rücksicht – außer den Bussen: Grundregeln einer Art organisierten Anarchie im Straßenverkehr Hanois. Der Him­mel über Hanoi ist meist grau. Wochen­lang sieht man nicht die Sonne. 

Skyline Hanoi vom Hô Tai-See aus. Es ist nebelig
Die Skyline von Hanoi vom Hô Tai-See aus aufgenommen. — Bildnachweise

Inhaltsverzeichnis:
  1. Abschied von Hanoi
  2. Die Marilyn Hanois ist tot
  3. Fotosafari zu den Billboards
  4. Die Kabelfrauen Hanois
  5. Paare
  6. Fußnoten
  7. Verwendete Literatur

 

„So entlehnen die Waren ihre ästhetische Sprache beim Liebeswerben der Menschen. Dann kehrt das Verhältnis sich um, und die Menschen entlehnen ihren ästhetischen Ausdruck bei den Waren.“ (1) (Wolfgang Fritz Haug)

 

Abschied von Hanoi

Der Himmel ist grau, das Taxi rast, sich dauerhupend an Mopeds vorbeischlängelnd, auf dem Flughafenzubringer gen Airport Noi Bai. Wer hupt, hat Vorfahrt; wer größer ist, nimmt Rücksicht – außer den Bussen: Grundregeln einer Art organisierten Anarchie im Straßenverkehr Hanois. Der Him­mel über Hanoi ist meist grau. Wochen­lang sieht man nicht die Sonne. Aber es ist kein Grau, das melancholisch stimmen würde, es ist ein helles diffuses Grau, wie das Standlicht einer Softbox in einem Fotostudio. Heute ist das Grau anders. Schon früh ist Wind aufgekommen und es braut sich ein Gewitter zusammen. Auch Gewitter sind nichts Ungewöhnliches – es gibt sie täglich – aber es ist viel zu früh. Normalerweise entlädt sich die drückende Schwüle des Tages erst am Abend in einem reinigenden Gewitterguss, der die feuchte Hitze und die verdreckte Luft, deren Staub sich über den Tag in alle verschwitzten Poren gesetzt hat, über Nacht vergessen lässt. „Wie viel bis Airport?“ „300.000 Dong.“ „Nein 200.000, es kostet sonst immer 200.000 Dong!“ Diskussionen über sechsstellige Summen, die eigentlich nur ein paar Euros sind. Für uns geht es ums Prinzip, für den Fahrer um einen satten Tagesverdienst, vielleicht um Existenzielles.

Die Flughafenautobahn schlägt eine Schneise durch die im satten Grün stehenden Reisfelder. Der junge Reis hat ein besonderes Grün, ein frisches Lindgrün. Sehr intensiv, wenn der Himmel, wie meist, diffus grau ist. Nun, in Erwartung des Gewitters, ist das Grün eher dunkel und satt. Reisanbau ist hier Handarbeit. Mühevoll bestellen die Bäuerinnen, barfuss durch das Wasser watend, die Felder. Wie seit Jahrhunderten. Traditionell schützen sie ihre Häupter mit den typischen konischen Reisstrohhüten vor der leicht unterschätzten Intensität der nicht zu sehenden Sonne. Wie ihre Vorfahren nutzen sie keine Maschinen zum Pflügen, sondern vertrauen auf die stoische Kraft ihrer Wasserbüffel.

Und in all dieser Tradition stehen sie wie UFOs auf kleinen Betoninseln in den Wasserzellen der Reisfelder: riesige Billboards. Sie preisen eine andere Welt an. Sie sind wie Brückenpfeiler des Molochs Hanoi, der immer mehr, immer schneller in die Breite wächst, Dörfer und Nachbarstädtchen verschluckt. Die Reisfelder verschwinden nach und nach, um den Fabriken, den Malls, den Hochhäusern, den Golfplätzen und Retortensiedlungen Platz zu machen. Ich glaube nicht, dass die UFOs als Freunde kommen. Ich kenne ihre Anpreisungen. Ich komme aus ihrer Welt, bin ein Alien in Vietnam. „Lassen Sie uns raus, 300.000 Dong zahlen wir nicht, es kostet immer 200.000.“ Der Fahrer schweigt, zeigt keine Emotionen, er hupt und rast. Rechts und links fliegen die bedrohlich über den Reisfeldern stehenden Billboards vorbei. Gerade weil ich aus ihrer Welt komme, stimmen sie mich melancholisch. „Sie gehören hier einfach nicht her“, denke ich.

„Ich gehöre hier nicht her“, weiß ich und gerade das macht dieses Land so wunderbar. Die Billboards waren mir sofort bei meiner Ankunft auf der ersten Fahrt in die unbekannte Welt aufgefallen. „Die musst du fotografieren“, hatte ich mir vorgenommen. Seit ich in New York war, habe ich damit begonnen leere Plakatwände zu fotografieren und zu sammeln. Leere Plakate, die mit ihrer Leere die Leere ihrer Versprechungen, die Versprechungen unserer gar schrecklich nüchternen aufgeklärten Gesellschaft so eindeutig entlarven, aber einen auch unendlich alleine lassen. Leere Versprechen, die über der Fülle der Reisfelder stehen. Hier in Vietnam erscheint mir dieses Bild beinahe unerträglich stark, schließlich bin ich hier als Alien selbst ein Botschafter dieser leeren Versprechen.

Warum habe ich mich während der letzten drei Monate nicht auf das Moped gesetzt und bin zum Flughafen raus gefahren, um all diese drohende Leere zu dokumentieren?! Ich hatte Angst. Angst die Stadt zu verlassen und mich dem wahnsinnigen Verkehr auszusetzen, zwischen den niemals Rücksicht nehmenden Bussen über die Autobahn zu fahren, am Rand zu stoppen, um zu fotografieren. So Vieles war neu in Hanoi. So fremd, so bunt, so voll, dass ich die Leerplakate beinahe vergessen habe. So viel Neues, dass es in drei Monate gar nicht hineinpassen wollte. Ich lasse das Fenster herunter und fotografiere im Vorbeirauschen alle Billboards, die ich erhaschen kann. Schlechte Bilder. Verwackelt, verschwommen. Busse und Laster fahren ins Bild. Ich ärgere mich maßlos. Zur Wut gesellt sich der Schmerz schon fahren zu müssen. Wann kommt man schon mal wieder ins wunderbare Vietnam? Wir zahlen 300.000 Dong.

 

Die Marilyn Hanois ist tot

Sie war weg. Nicht dass ich es selber gesehen hätte, aber es wurde mir gesagt. Ich hatte darum gebeten mir ein zweites, ein besseres Foto von ihr zu schicken, aber vergebens. Als ich das erste Mal durch die engen Straßen der Hanoier Altstadt, mit ihren schmalen Häusern und den im Kolonialstil gehaltenen Fassaden, gelaufen war, sprang mir das unglaubliche Kabelgewirr ins Auge, das sich wie eine Fortsetzung des quirligen Treibens auf der Straße von Haus zu Haus hangelte. Bäume wurden in vietnamesischer Pragmatik zu Kabelmasten. Die Häuserfassaden von Kabelgewirr verschleiert. An Kreuzungen hingen die schwarz ummantelten Kupferkabel wie riesige düstere Spinnennetze über dem Geschehen. Manchmal so tief, dass ein höher gewachsener Europäer sich darin hätte verfangen können. Es war Abend und ich vom Flug noch benommen. Auf merkwürdige Art und Weise erinnerte mich die Atmosphäre an jene der künstlichen Hoteltempel von Las Vegas: Venetian, Paris, Innen und Außen verwischen dort in den riesigen Hotelhallen, in denen ganze Stadtteile mit Marktplätzen und Kanälen zusammengepfercht werden, zu einer Inszenierung des alten Paris, des alten Venedigs. Die Decken sind diffus beleuchtete Kuppeln, auf die Himmel und Wolken gepinselt wurden. Dort ist 24 Stunden lang ein wohltemperierter Sommerabend. Unwirklich und dumpf ist es in den dämmrigen Hotelhallen, in dem Abklatsch der Realität. Wie an diesem Abend in Hanois Altstadt. Die Fassaden, eng an eng zusammengerückt, und auch die Straßen auf enge Gassen reduziert. Das Leben spielt sich auf der Straße ab. Vor den Ladengeschäften, in denen zugleich gewohnt wird, werkelt man an Mopeds, kocht, spielt und trinkt. Dumpf klang das muntre Treiben, das Hupen des nicht abreißenden Stroms von Mopeds an diesem lauen Frühlingsabend. Von einer Dachterrasse aus, auf der wir uns zum Abendessen niedergelassen hatten, beobachtete ich die für mich so surreale Szenerie. Das hier war nicht Las Vegas, es war das Gegenteil, es war echt. Am Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Mann auf sein Knie gelehnt und rauchte eine Zigarette. Hinter ihm war der Raum bunt erleuchtet. Schwarze Kabelstränge, die vor dem Fenster hingen, zerschnitten seine Silhouette, negierten ihn, nahmen ihn gefangen. Es wirkte bedrohlich und inszeniert, aber auch sehr vertraut – surreal eben.
Von Kabeln zerschnitten, so lehnte auch sie da. Hinter dem alten Wasserspeicher in der Quan Thanh Straße. Bestimmt 10 Meter hoch überragte sie in lasziver Pose den Kreisverkehr. Neben den überbordenden Blumenläden mit dem in Plastikmanschetten gefassten Blumenmeer. Direkt über dem Brautmodengeschäft. Sie erinnerte mich sofort an Marilyn. Wie in Bert Sterns Fotobuch The complete last sitting mit Marilyn Monroe war ihr Gesicht von Striemen zerschnitten, durch die sie dennoch kokettierend mit Liebesaugen herunter blickte.
Monroe hatte sich diese Wunden selber zufügt. Sie ließ sich die Negative des Fotoshooting für die Vogue von Stern zuschicken, um von ihrem Recht an den Bildern, auf dem sie stets bestand, Gebrauch zu machen. (2) Über die Hälfte der Bilder, die ihr nicht gefielen, ixte sie mit einer Haarnadel und Edding aus. Stern schreibt fassungslos: „I have to admit I felt some anger at her at that moment. Not that she didn‘t like all my pictures, but she‘d been so destructive about it! Why couldn‘t she have picked up the phone and said, „Let‘s go over these together“? (…) She hadn‘t just scratched out my pictures, she‘d scratched out herself.“ (3) Zwei Wochen nach der Sichtung der Bilder beging Monroe Selbstmord. Vor diesem Hintergrund sind die ausgeixten Bilder in ihrer Dramaturgie die stärksten Bilder in Sterns Fotoband. Die von Kabeln ausgeixte unbekannte Werbeschönheit über dem Brautmodengeschäft hatte eine ähnliche Dramaturgie. Im Gegensatz zu Marilyn hatte sie sich aber nicht selbst ausgeixt, sondern irgendjemand oder irgendetwas hatte ihr Gesicht zerschnitten. Vielleicht nutzte sie die Kabellage auch nur als Schleier, durch den sie schamhaft blickte, um nicht gleich alles von sich preis zu geben, vielleicht war sie auch eine schwarze Witwe in ihrem Netz.

Ich hielt mit dem Moped am Straßenrand um ein Foto von der Marilyn Hanois zu machen. Der überschäumende Nachmittagsverkehr brodelte an mir vorbei. Hupen. Ich machte schnell ein Foto. Später, zurück in Deutschland, ärgere ich mich: zu schnell gemacht, zu verwackelt, unscharf. Und nun ist sie weg. Abgehängt, vielleicht war sie zu schwer verletzt.

 

Fotosafari zu den Billboards

Ich war zurück in Vietnam. Der Reis stand mittlerweile gelblich. Es war wieder dieses Softbox Grau. Trotzdem brannte beim Mopedfahren die Mittagssonne auf den freien Unterarmen. Viele Frauen in Vietnam tragen weite Herrenhemden, an die zusätzlich Stoffpartien zum Schutz gegen die Sonne an den Händen, im Nacken und im Gesicht genäht sind. Die Vietnamesen scheinen die Sonne zu fürchten, wie auch den Regen. Von beidem gibt es reichlich in Vietnam. Wenn sich abends die Gewitter entladen, kann es schon mal passieren, dass die alte Kanalisation kapituliert und aus den engen Straßen Flüsse werden, auf denen der Müll des Tages treibt. Als ich vor drei Monaten Hanoi verlassen hatte, musste man noch keine Helme tragen. Die vielen Verkehrstoten ließen aber doch die Helmpflicht folgen. Es handelt sich bei den nun fast alle Häupter zierenden Helmen allerdings eher um dünne Styroporhäubchen, als um einen echten Schutz. Dafür gibt es sie in allen Farben und Ausführungen. Sogar mit Hutkrempe für die Damen. Viele Herren nutzen einfach ihre altbewährten Vietkonghelme. Über Nacht war eine ganz neue Branche entstanden, die an den Hauptverkehrsstraßen ihre Ware feilbietet: Die Helmbranche. Wie gesagt, man ist pragmatisch und kreativ in Vietnam. Nun, da ich das zweite Mal nach Vietnam gekommen war, fühlte ich mich in der Unvertrautheit sofort daheim. Nun würde ich es endlich wagen zum Flughafen raus zu
fahren. Hoffentlich würde die alte Honda mitmachen, das Benzin reichen. Auf der anderen Seite des Roten Flusses gab es nicht mehr an jeder Ecke eine kleine Mopedwerkstatt oder die illegalen Benzinverkäufer, die aus Coca-Colaflaschen meist irgendwie ge­strecktes Benzin verkaufen.

Meine Fahrt zu den Leerplakaten führte mich am großen schlammigen Roten Fluss entlang an den Stadtrand, wo ich über eine 180° Kurve auf die gewaltige Thang Long-Brücke stieß. Durch die lange Kurve fahrend fiel mein Blick auf das Eingangstor der Wohnsiedlung Ciputra. Eine merkwürdige Mischung aus Triumphbogen und Brandenburger Tor, hinter dem sich die reichen Ausländer in einer bewachten Retortenstadt vor dem echten Hanoi und seinen Menschen verschanzen. Von hier aus fahren sie jeden Morgen in die internationalen Konzerne und Organisationen, welche sie leiten. Die alten Kolonialherren und Kriegsgegner sind zurück, aber diesmal kommen sie nicht mit Waffen, sondern mit Waren, Entwicklungshilfe und Kooperationsangeboten.

Die Brückenstraße führt an einem kommunistisch anmutenden Monument vorbei. Zwei nierentischartige Betonflügel, leicht versetzt aneinander gelehnt, symbolisieren die vietnamesisch russische Freundschaft. Vom Eisensockel haben sich rotbraune Rostflecken am Beton gebildet. Straßenhändlerinnen strecken dem Verkehrsstrom Baguettes und Pomelos entgegen, bevor sich die Brücke endgültig vom Ufer löst und sich über den Strom des Roten Flusses erhebt. Ich erreichte das andere Ufer und da standen sie an der Autobahn, aufgereiht wie eine Perlenkette. Billboard an Billboard. Viele davon leer. Dahinter Fabriken und die Mall Melinh PLAZA, in ehemalige Reisfelder gepflanzt. Ein Wasserbüffelkalb hatte sich auf die Fahrbahn verirrt. Ich hielt am Fahrbahnrand und lichtete die Billboards ab. Eines nach dem Anderen. Ich hielt an, der Verkehr brauste hupend vorbei. Busschaffner schrien mich aus der Tür lehnend an. LKWs donnerten vorbei. Ich fuhr weiter, hielt an, lichtete ab. Die Gänge hakten, der Motor säuft ab, ich fuhr weiter, hielt an und lichtete ab. Desto weiter ich mich vom Fluss entfernte, desto weniger Fabriken standen auf den Reisfeldern. Die Fabriken wuchern vom Fluss die Autobahn entlang ins Landesinnere. Bauern bestellten ihre Felder unter den leeren Versprechungen der Billboards. Ich hielt an, lichtete ab und fuhr weiter. Die Bauern konnten nicht fassen, was ich da tat, lachten, winkten. Ich lächelte zurück. Ein Mann bot mir ein Kind an. Mein Lächeln gerann. Von einigen Billboards sprühten Funken, es wurde geschweißt.

Es waren technische, kalte Konstruktionen, in deren Struktur sich diejenigen zu verfangen schienen, die sie errichteten. Groß, stählern und kalt. Deplatziert, ohne Sinn, nur um ihrer selbst willen. Maskulin ragten sie in den Himmel wie Phalli. Das Alien lichtete ab. Unter manchen Billboards waren kleine Zelthäuschen aus Werbeplanen errichtet, in denen die Arbeiter, welche die Billboards bauten, mit ihren Familien wohnten. Bedrohlich standen die Billboards wie deplatzierte Gerippe in der Landschaft. Andere Stahlskelette wurden gerade mit neuen Versprechungshäuten bespannt. Auf vielen Reisfeldern wurden Grabstätten errichtet. Die Ahnen wachen über die Felder. Ich lichtete ab.

 

Die Kabelfrauen Hanois

Ach, all die Liebesaugen, die einem von den Häusern herab zuzwinkerten. Die erste Kabelfrau hatte ich in der Kim Ma Straße entdeckt, gegenüber dem New Sake. Ein kleines japanisches Restaurant, das unscheinbar an dieser großen vierspurigen Straße liegt. Es war bereits dunkel und einer meiner ersten Abende in Hanoi, und sie, hell erleuchtet wie sie war, warf ihre Liebesblicke durch das Kabelgewirr, das sich in der Mitte der vier Spuren von Mast zu Mast hangelte. Später, als ich alleine mit dem Moped durch Hanoi fuhr, erblickte ich sie überall, an allen Ecken, ihren Blicken war nicht zu entkommen. Kabelfrauen überall in der Stadt. Da beschloss ich zurück zu blicken, sie abzulichten und zu sammeln. Vielleicht ließ sich verstehen, wer sie waren, die mit den Schleiern, mit den zerschnittenen Gesichtern, die Bondagegirls, die schwarzen Witwen. Graham Greene beschreibt die Vietnamesinnen in Der stille Amerikaner als bernsteinfarbene zerbrechliche Vögelchen mit zwitschernden Stimmchen. (4) Waren die Kabel Gitterstäbe? In der Kurzgeschichte In einem Regen der vietnamesische Gegenwartsautorin Pham Thi Hoai, sind die jungen Frauen so schutzbedürftig, dass sie sogar vom häufigen Regen gefährdet sind: „Die jungen Mädchen sind sehr zerbrechlich. Bei so einem Regen haben sie Angst, geradewegs ins Meer gespült zu werden.“ (5) Eine von ihnen traf ich immer morgens auf meinem Weg zur Universität, wo ich ein wenig unterrichtete. Immer an der gleichen Kreuzung. Keiner, dem sie nicht ihre halb ängstlichen, halb kokettierenden Blicke durch die schwarzen Gitter zugeworfen hätte. Neben ihr eine Flasche REVITALIFT WHITE von L‘OREAL.

Auch NIVEA verkauft hier Bleichungscreme. In derselben Verpackungsform, in der NIVEA bei uns seine Bräunungscreme verkauft. Dasselbe Produkt nur mit umgekehrter Wirkung. NIVEA hat verstanden: Tue so, als ob du ihnen geben könntest, was sie eigentlich niemals haben können. Zeig ihnen, dass genau das, was sie nicht haben können, ihr innigster Wunsch ist. Den Weißen immer sonnengebräunte Haut. Den Bernsteinfarbenen immer Bleiche. Ying und Yang im permanenten Ungleichgewicht.

Weiß wollen vietnamesische Frauen sein, weiß wie zerbrechliches Porzellan. Sie meiden die Sonne, in der sie verdorren könnten. Und wenn man sie selbst fragt? Dann antworten die meisten jungen Frauen in Vietnam so etwas Ähnliches wie: „Frauen sind nett, anziehend und charmant und Männer stark und groß“. Ein Frauenbild, das wohl traditionell durch den Konfuzianismus geprägt ist, in dessen hierarchischer Weltanschauung Frauen weniger wert sind und ihrem Mann wie einem Herrscher zu dienen haben. Nach der konfuzianischen Lehre sollten junge Frauen zu folgenden Tugenden erzogen werden: Eine Frau hat geschickt in der Hausarbeit zu sein und ist harmonisch und schön. Sie wählt ihre Worte mit Milde und ist ebenso mild in ihrem Charakter (6). (7) Gegen die Amerikaner spielte der organisierte Widerstand der Frauen allerdings, ganz unzart, eine entscheidende Rolle. Nach dem Vorbild der in Vietnam als Revolutionärinnen verehrten Trung Schwestern, die der Legende nach den Märtyrertod wählten, um sich gegen die chinesische Herrschaft zu wehren, (8) lehnten Frauen sich als legendäre Long Haired Army mit Demonstrationen, aber auch mit Waffengewalt gegen die Amerikaner und deren Verbündete auf. “During the 1968 general insurrection not a few Americans were surprised to see bar-girls, laundresses and girl-students using machine-guns and hand-grenades to attack them.” (9) Heute sind sie wieder schwach und zerbrechlich, definieren sich selber so.

Warum hat Marilyn sich ausgeixt? Sie hat die perfekte Hülle, die sie für alle war, zerstört, von der ihr Ich unwiederbringlich getrennt wurde. Weil ihr wahrer Charakter dem Warencharakter der Marilyn anheim gefallen war, konnte sie nicht mehr Norma Jeane Baker sein. Im Gegensatz zu Waren können Menschen nicht losgelöst von ihrer Haut existieren.

Auf meiner Suche nach den Kabelfrauen hat sich mein Blick verändert. Auch begann ich mich anders durch die Stadt zu bewegen. Immer auf der Suche nach neuen Kabelfrauen schweifte mein Blick beim Moped fahren stets oben an den Fassaden vorbei. Manchmal machte ich Abstecher, ganze Ausflüge durch Straßen und Stadtteile, in die ich mich zuvor noch nicht verirrt hatte. So ist mein Hanoi auch das Hanoi der Kabelfrauen, jener zu westlichen Posen verrenkten, ambivalenten, ungreifbaren Hüllenwesen, mit den melancholischen Blicken durch das Kabelgewirr, in dem sie sich irgendwo zwischen Tradition und Moderne verfangen haben.

 

Paare

Ich frage mich selbst, wie sie zusammengefunden haben. Ich weiß nur, dass sie zusammen gehören. Die Farbfotografien der Billboardskelette dokumentieren keinen Verlust, sondern deuten einen bereits stattfindenden Prozess an. Der Ausgang bleibt offen. Durch die Ausschnitthaftigkeit der Kabelfrauen und den Blickkontakt, der durch das Kabelgewirr gesucht wird, scheint es, als ob die Werbeikonen einen Kontakt mit dem Betrachter aufnähmen. Die Oberfläche ist jedoch durch die Kabellagen mit Störungen versehen, die auf die Konstruktion und Hüllenhaftigkeit verweisen. So wären nach Haug die Billboardskelette der „Warenleib“ und die Kabelfrauen die leeren Versprechungen, die „schön präparierte Oberfläche“, (die sie nicht erfüllen können). (10)

Inhaltlich gehören die Plakatikonen auch tatsächlich auf die Billboardskelette gespannt. Formal setzen sich die grafischen Elemente der Skelettstruktur in den Kabellagen der Kabelfrauen fort.

Eigentlich kommt so zusammen, was zusammen gehört – jedoch als Paare miteinander konfrontiert und nicht als Einheit. Die deplatzierten Phallus-Gerippe mit ihrer beschwörend drohenden Leere und die schwer verletzten, zu westlichen Posen verrenkten Kabelfrauen, die Marilyns Hanois. Es entstehen Paare wie zwei Pole. Unvereinbar und unzertrennlich. In Disharmonie vereint. Ein Klischee von Männlichkeit und Weiblichkeit, ein modernes Ying und Yang, Romeo und Julia in verhängnisvoller Zweisamkeit, denn nomen est omen und da ihrer beider (Nach-)Namen, von Romeo und von Julia, nicht ihr Selbst sein können, endet Shakespeares Drama im körperlosen Tod - so wie Marilyn Monroe und Norma Jeane Baker.


Fußnoten:
(1) Haug 1972,  S. 20.
(2) Stern 1992, S. 27.
(3) Ebd., S. 28.
(4) Greene 1956, S. 12.
(5) Thi Hoai 2005, S. 92.
(6) Tu/Le Thi Nham 1978, S. 41 ff.
(7) Le Thi Nham 2005, S. 7 f.
(8) Eisenschmid 2007, S. 90 f.
(9) Tu/Le Thi Nham 1978, S. 191.
(10) Haug 1972, S. 60 f.

Der Text setzt sich aus Auszügen aus Ungers “Berichte und Erläuterungen zur künstlerischen Arbeit” zusammen.

Verwendete Literatur:

  • Eisenschmid, Rainer (Chefredakteur) (2007): Baedeker Vietnam. Ostfildern: Karl Baedeker Verlag.
  • Greene, Graham (1956): Der stille Amerikaner. Hamburg/Wien: Zsolnay.
  • Haug, Wolfgang Fritz (1972): Kritik der Warenästhetik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Stern, Bert (1992): Marilyn Monroe: The Complete Last Sitting. München: Schirmer/Mosel.
  • Thi Hoai, Pham (2005): Sonntagsmenü. Zürich: Unionsverlag.
  • Tu, Mai Thi; Le Thi Nham, Tuyet (1978): Women in Viet Nam. Hanoi: Foreign Languages Publishing House.
  • Tuyet, Le Thi Nham (2005): Images of the Vietnamese Woman in the 21st Century. Hanoi: The Gioi Publishers.
  • Die im Folgenden abgebildeten Fotografien (Paar 01-06) sind eine Auswahl aus Moritz Ungers Fotoserie “doi moi” von 2009, die insgesamt 39 Paare / 78 Bilder umfasst

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