Doi Moi und Geschlechterwandel in Vietnam

Doi Moi und Geschlechterwandel in Vietnam

Seit der Kolonialzeit, den Dekolonisierungskämpfen, den verschiedenen Besetzungen und den sich verändernden ökonomischen Ausrichtungen ist Vietnam permanentem gesellschaftlichen Wandel und kulturellen Diskontinuitäten ausgesetzt. Heinz Schütte kommt in Hanoi, eine nachsozialistische Moderne, gar zu dem Schluss, dass zumindest Hanoi „im Laufe des 20. und in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts mehr Wandel als Kontinuität erlebt“ habe. 

Ein großes Plakat in englischer und vietnamesischer Sprache und einer Vietnamesin im Stil  der US- 50er Jahre, das für den Tourismus in Vietnam wirbtwirbt
Überall in Vietnam werben riesige Werbetafeln für einen westlicheren Lebenstil. Für Kristoff Kerl wird damit auch ein ganz bestimmtes Bild von Weiblichkeit transportiert.


 

Doi Moi und Geschlechterwandel in Vietnam: Eine einleitende Auseinandersetzung mit der Fotoarbeit Doi Moi von Moritz Unger unter Berücksichtigung der Kategorie Geschlecht

„Wir sollten versuchen, die Unterwerfung im wesentlichen als Konstituierung von Subjekten zu begreifen.“ (1) (Michel Foucault, „Zwei Vorlesungen“)

Seit der Kolonialzeit, den Dekolonisierungskämpfen, den verschiedenen Besetzungen und den sich verändernden ökonomischen Ausrichtungen ist Vietnam permanentem gesellschaftlichen Wandel und kulturellen Diskontinuitäten ausgesetzt. Heinz Schütte kommt in Hanoi, eine nachsozialistische Moderne gar zu dem Schluss, dass zumindest Hanoi „im Laufe des 20. und in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts mehr Wandel als Kontinuität erlebt“ (2) habe. Eine weitere bedeutende, und für die momentane gesellschaftliche Verfasstheit Vietnams grundlegende Transformation wurde in den 1980er Jahren mit der Doi Moi (3) Phase eingeleitet. Mitte der 1980er Jahre hatte sich die zuvor schon bescheidene Wirtschaftslage Vietnams weiter verschlechtert. Als Reaktion auf diese Entwicklung beschloss die KP Vietnams auf dem 6. Parteikongress im Dezember 1986, die strikte Planwirtschaft durch privatwirtschaftliche Elemente zu ergänzen, also eine Liberalisierung der Wirtschaft und somit einen schrittweisen Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft einzuleiten. (4) Als Konsequenz dieser kontrollierten Liberalisierung und der dadurch ausgelösten hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten kam es in Vietnam zu der Ausbildung einer wachsenden Mittelklasse, die sich zumindest in Hinblick auf ihr Konsumverhalten an westlichen Gesellschaften orientierte. Verwoben ist mit dieser Neuausrichtung auf Konsum und der expandierenden Mittelklasse eine neue Ordnung und Disziplinierung des (städtischen) Raumes und damit der (städtischen) Lebensweisen.

Jedoch ist diese Expansion der westlichen konsumorientierten Ordnung  und Kultur und die Ausdehnung der mit ihnen verbundenen neuen Diskurse keineswegs allumfassend. Vielmehr verorten sich diese neben weiterhin bestehenden Diskursen. So existieren in Vietnam und in der urbanen Metropole Hanoi nach wie vor kulturelle und ökonomische Modelle, die zwar durch die zunehmende Expansion der kapitalistischen Ordnung verstärkt unter Druck geraten, sich dieser jedoch weiterhin entziehen und diskursive Gegenmodelle zum hegemonialen westlich-kapitalistischen Modell darstellen. (5) Diese Widerständigkeit äußert sich z.B. in der den Plänen der KP sich widersetzenden Nutzung des öffentlichen Raumes. Während die KP im Zuge ihrer Bemühung, urbane Räume in „Konsumtempel“ zu verwandeln, sich bemüht zeigt, das auf der Straße sich ereignende Leben aus dem Stadtbild zu vertreiben, um u.a. TouristInnen einen „angenehmen“ und „sicheren“ Aufenthalt zu ermöglichen, scheint dieser Wandel an einigen Gebieten spurlos vorbeizugehen. Dabei bedienen sich die BewohnerInnen dieser Gegenden u.a. der Bestechung, um die Durchsetzung der Verordnungen zu unterwandern. (6)

Vor dem Hintergrund dieser durch Doi Moi ausgelösten Expansion einer am westlichen Kapitalismus orientierten Ordnung und dem Fortleben von dazu im Widerspruch stehenden präkapitalistischen Lebensentwürfen, lassen sich für das heutige Vietnam eine Vielzahl an gesellschaftlichen Spannungen und Widersprüchen feststellen, die sich auf verschiedenen kulturellen, sozialen und ökonomischen Ebenen artikulieren. Eine wichtige Rolle innerhalb dieser kapitalistischen Modernisierung der vietnamesischen Gesellschaft fällt dabei den erst seit Doi Moi erlaubten und auch heute noch von der KP mit Argusaugen beäugten riesigen Billboards zu, denen sich die Arbeit „Doi Moi“ (7) von Moritz Unger, Meisterschüler von Urs Lüthi an der Kunsthochschule Kassel, widmet. Unger beschreibt die ursprüngliche Motivation zu seiner Arbeit als das Bemühen „die Spannungen und Gegensätze zwischen Tradition und Moderne, asiatischer und westlicher Kultur, Sozialismus und Kapitalismus, die diese Leerplakate für mich illustrierten“ (8) zu dokumentieren und künstlerisch zu inszenieren. Im Kontext dieser Auseinandersetzung zwischen kapitalistischer Modernisierung und dem Festhalten an anderen Gesellschaftsmodellen kommen den riesigen Werbeplakaten zumindest zwei wesentliche Aufgaben zu: Zum einen sind sie Mittel zum Zweck, um den Menschen Bedürfnisse nach Waren einzupflanzen und somit das kapitalistische System mit seinem inhärenten Streben nach Expansion am Leben zu erhalten und zu reproduzieren. (9) Zum anderen nehmen Billboards als Träger gesellschaftlicher Diskurse mit der Zurschaustellung ihrer (zumeist weiblichen und sexualisierten) Modelle Einfluss auf die Subjektivierung. Judith Butler beschreibt in der Einleitung zu ihrem Werk „Psyche der Macht – Das Subjekt der Unterwerfung“ den Prozess der Subjektivation als grundlegend abhängig „von einem Diskurs, den wir uns nicht ausgesucht haben, der jedoch paradoxerweise erst unsere Handlungsfähigkeit ermöglicht und erhält. (10) Das heißt, dass die Konstituierung von Subjekten sich immer in Abhängigkeit von Diskursen vollzieht, wobei dies nicht so zu verstehen ist, dass die Diskurse losgelöst von den Subjekten existieren. Vielmehr verhält es sich so, dass die Diskurse in ihrer Entstehung und Reproduktion wiederum von den Subjekten abhängig sind.

In Bezug auf die Konstruktion von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen statten Diskurse Menschen mit dem Wissen darüber aus, welches Verhalten oder welche Inszenierung des Körpers der gesellschaftlichen Norm von Weiblichkeit bzw. Männlichkeit entspricht oder welche Geschlechterentwürfe mit Sanktionen belegt sind und Disziplinierungen nach sich ziehen. Dieses Wissen wird den Subjekten durch die Diskurse eingeschrieben, so dass es in internalisierter Form vorliegt. Nur so ist es möglich, dass die sozial konstruierten Geschlechterunterschiede häufig mittels biologistischer Erklärungsmodelle legitimiert werden.

Da in einer Gesellschaft jedoch nie lediglich ein Diskurs zu Geschlecht existiert, sondern auf Grund der Intersektionalität von Kategorien wie race, class und gender immer eine Vielzahl verschiedener Geschlechterdiskurse bestehen, gibt es innerhalb einer Gesellschaft nicht bloß eine Weiblichkeit bzw. eine Männlichkeit, (11) sondern eine Pluralität an Geschlechtlichkeiten. Diese konstituieren sich in Abgrenzung zueinander und konkurrieren miteinander um den Zugang zu sozialem, kulturellem und ökonomischem Kapital. (12) Dass bedeutet zum Beispiel, dass Weiblichkeiten nicht nur qua Relationalität zu Männlichkeiten, sondern auch in ihrem Verhältnis zu anderen Weiblichkeiten sozial konstruiert werden.

Historisch betrachtet unterliegt die Kategorie Geschlecht einem permanenten Prozess der Neuverhandlung, in dem die jeweiligen hegemonialen Weiblichkeits- bzw. Männlichkeitsentwürfe innerhalb einer bestehenden Gesellschaftsformation bestimmt werden, d.h. es wird ein Weiblichkeits- bzw. Männlichkeitsideal definiert, das den Individuen einer Gesellschaft als Norm gilt. Eine besondere Virulenz erhalten diese diskursiven Auseinandersetzungen in Zeiten gesellschaftlicher, kultureller oder ökonomischer Umbrüche und Transformationen und der damit einhergehenden Neuverteilung der Zugänge zu ökonomischen, sozialen und kulturellen Ressourcen. Insofern sind die im Zuge des Doi Moi wie Pilze aus dem Boden schießenden Billboards nicht bloß als Werbeträger für ein bestimmtes Produkt zu verstehen, sondern sie sind gleichzeitig Träger und Ausdruck eines mit der zunehmenden Ausbildung einer Konsumgesellschaft um sich greifenden neuen Geschlechterdiskurses, der eine sexualisierte und an Weißsein orientierte Weiblichkeit propagiert.


Fußnoten:
(1) Butler 2001, S.7.
(2) Schütte 2010, S.20.
(3) Doi Moi: vietnamesisch für „neues Zeitalter“.
(4) Schütte 2010, S.107f.
(5) Ebd., S. 37.
(6) Ebd., S. 25-27.
(7) Die Arbeit Doi Moi von Moritz Unger (2009) besteht aus 39 Paaren. In diesen Artikel hat lediglich eine Auswahl von sechs Paaren Eingang gefunden.
(8) Unger 2009, S.7.
(9) Haug 1973, S. 65f.
(10) Butler 2001, S.8.
(11) Für Gender als nützliche Kategorie der historischen Analyse vgl. Scott 1994, S. 52; zur Intersektionalität vgl. Degele/Winkler 2009.
(12) Für die bestehenden Hierarchien unter den verschiedenen Männlichkeiten hat die australische Soziologin Raewyn Connell das sehr fruchtbare Konzept der hegemonialen Männlichkeit entwickelt, vgl. Connell 1994.

Verwendete Literatur:

  • Butler, Judith (2001): Psyche der Macht – Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
  • Connell, Robert W. (1999): Der gemachte Mann. Opladen: Leske + Budrich.
  • Degele, Nina; Gabriele Winker (2009): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: Transcript.
  • Haug, Wolfgang Fritz (1973): Kritik der Warengesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
  • Schütte, Heinz (2010): Hanoi, eine nachsozialistische Moderne. Berlin: regiospectra Verlag.
  • Scott, Joan Wallach (1994): „Gender, Eine nützliche Kategorie der historischen Analyse“. In: Nancy Kaiser (Hg.): Selbst Bewusst. Frauen in den USA. Leipzig: Reclam.
  • Unger, Moritz (2009): Doi Moi. Unveröffentlichte Examensarbeit. Kassel: Universität der Künste Kassel.

Verwandte Inhalte

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben