Genderqueere Identitätsentwürfe in den antillischen Gegenwartliteraturen

Genderqueere Identitätsentwürfe in den antillischen Gegenwartliteraturen

Antillische Gegenwartsliteraturen werden seit mehreren Jahren verstärkt von einer globalen Leserschaft rezipiert. Jene Texte bieten einen facettenreichen Raum zur kritischen Auseinandersetzung mit postkolonialen Identitätsaushandlungen. Diese Eigenschaft ist eng mit den kolonialen Geschichten der tropischen Inselregion verbunden.

Alte englische Karte der Karibischen See
Antillische Gegenwartsliteraturen bieten einen facettenreichen Raum zur kritischen Auseinandersetzung mit postkolonialen Identitätsaushandlungen. — Bildnachweise

Antillische Gegenwartsliteraturen werden seit mehreren Jahren verstärkt von einer globalen Leserschaft rezipiert. Zur aktuellen literarischen Popularität dieser Region trägt sicherlich die Tatsache bei, dass innerhalb von neun Jahren zwei Literaturnobelpreise an anglokaribische Autoren verliehen wurden. (1) Jene zunehmende Rezeption fiktionaler Texte aus der antillischen Karibik kann jedoch nicht nur mit einer der Region zugeschriebenen ethnozentrischen Exotik erklärt werden. Vielmehr bieten jene Texte einen facettenreichen Raum zur kritischen Auseinandersetzung mit postkolonialen Identitätsaushandlungen. Diese Eigenschaft ist eng mit den kolonialen Geschichten der tropischen Inselregion verbunden. Die drei Jahrhunderte lang währende britische, französische, niederländische und spanische Kolonialisierung und Plantagenwirtschaft haben die westindischen Inseln zu einem transozeanischen Kreuzungspunkt von Migrationen und Kulturtraditionen werden lassen. Auch die wirtschaftliche Ausbeutung billiger Tagelöhner_innen aus China und Indien nach Abschaffung der Sklaverei hat zu jenen erzwungenen multiethnischen Gesellschaften geführt, die mittels eigener Kulturproduktionen hinsichtlich Küche, Musik, Tanz und Literatur ein transkulturelles Zusammenspiel aus Farben, Klängen, Geschmäckern und Sprachen praktizieren: die créolisation (2). Jene geschichtlichen Erfahrungen haben aber auch dazu geführt, dass in der Karibik zu verortende individuelle und kulturelle Identitätskonstruktionen von Brüchen, Rissen, Diskontinuitäten und Hybridität geprägt sind, die sich binären Oppositionen entziehen und immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. Karibische Realität lehrt dabei, dass die zentralen Identitätskategorien class, race und gender im Rahmen identitärer Aushandlungen weder klar voneinander abgegrenzt noch als geschlossene Entitäten betrachtet werden können. Gerade die transkulturellen Identitätskonstruktionen bieten eine inspirierende Fundgrube zur literaturwissenschaftlichen Untersuchung genderqueerer Positionierungen in postkolonialen Kontexten.

Denn die Entessentialisierung von Identitäten erfährt in den antillischen Gegenwartsliteraturen eine zunehmende Thematisierung. Jene Unabgrenzbarkeit postkolonialer Subjektivität eröffnet gleichzeitig einen fiktionalen Raum, um queere Diskurse transdifferenter (3) Selbstfindungen denk- und lesbar zu machen. Dass antillische Gegenwartstexte auch als Erprobungsräume genderqueerer Positionen verstanden werden können, soll im Folgenden anhand zweier anglophoner Erzählungen schlaglichtartig in Bezug auf die Inszenierungen von Körperlichkeit und der multiplen Überlappung soziokultureller Kategorien aufgezeigt werden. Es handelt sich dabei um die Romane „Sirena Selena” (2000) und „The Pagoda” (1998) die von den afrokaribischen Autorinnen Mayra Santos-Febres aus Puerto Rico und Patricia Powell aus Jamaika verfasst wurden.

 

Karibische Grenzgänger_innen

Beide Werke stellen Figuren in den Vordergrund, deren Geschlechterrollen sich der Heteronormativität aufgrund ihrer Transgeschlechtlichkeit entziehen. So wird in „Sirena Selena“ der Weg einer gleichnamigen Protagonistin nachgezeichnet, die sich zunächst als Strichjunge auf den Straßen San Juans den Lebensunterhalt verdient. 15-jährig wird sie schließlich von der bekannten puertoricanischen Drag Queen Martha Divine aufgelesen. Martha erkennt Serenas großes Talent, gefühlvolle Boleros singen zu können und verschafft ihr einen Job als Entertainment-Künstlerin im Travestiekabarett ihres eigenen Clubs Blue Danube. Sirenas Karriere scheint ihren Höhepunkt zu erreichen, als ein Hotelier aus der Dominikanischen Republik ihr die Möglichkeit bietet, im Rahmen einer festen Anstellung regelmäßig ein Unterhaltungsprogramm in seinem Hotel El Conquistador zu bestreiten.

Doch um den Job zu bekommen, muss Sirena zunächst vor einer Jury vorsingen, in der auch der reiche dominikanische Hotelier Hugo Graubel sitzt. Er ist von Sirenas Erscheinung als „Transfrau“ fasziniert, fühlt sich von ihr sexuell angezogen und will sie verführen. Daher bietet er Sirena an, sie für eine Show auf seinem privaten Anwesen außerhalb von Santo Domingo zu buchen. Im Rahmen dieses Vorschlags soll Sirena bereits zwei Tage vor dem Event anreisen, um sich entsprechend vorzubereiten. Sirena willigt ein und lässt sich dort – zum Entsetzen von Hugo Graubels Ehefrau - auf ein erotisches Abenteuer mit dem Hotelier ein. Am Ende wartet ihre Mentorin Martha Divine vergeblich in der dominikanischen Hauptstadt auf Sirenas Rückkehr und kehrt ohne sie nach Puerto Rico zurück. Um einen chinesischen Vertragsarbeiter, der in den 1880er Jahren als junges Mädchen von seinem Vater an einen Händler verkauft und nach Jamaika verschifft wird, geht es in „The Pagoda“. Lowe – obwohl bereits als junger Mann verkleidet an Bord – wird auf der Überfahrt von seinem Händler Cecil, der einst afrikanische Sklav_innen in die Karibik importierte und sich nun auf den Kuli-Handel (4) spezialisiert hat, in einem Versteck entdeckt. Cecil verschleppt Lowe in seine Schiffskabine und vergewaltigt ihn mehrfach. Lowe kann bei ihm in der Kabine versteckt bleiben, wird mit Nahrung versorgt und muss sich nicht als Kuli an der harten körperlichen Arbeit auf dem Schiff beteiligen. Aufgrund der Vergewaltigungen wird er schwanger und gebärt kurz nach der Ankunft in Jamaika seine Tochter Liz. Schnell ist klar, dass Lowes weibliche Geschlechtsidentität in Verbindung mit seiner chinesischen Herkunft auf der Insel verborgen bleiben muss, da sein Weg ansonsten in die Zwangsprostitution führt. Daher arrangiert Cecil eine Heirat zwischen Lowe und Miss Sylvie, einer Frau afrokaribischer Herkunft, die vor Jahren ihren Ehemann, einen Freund Cecils, ermordet hat. Aufgrund ihrer Tat sucht auch sie Schutz in einer neuen Identität. Nach der Heirat ziehen Lowe und Miss Sylvie die Tochter Liz in der Rolle von Vater und Mutter groß. Zwischen beiden Eheleuten entwickelt sich im Laufe der Zeit eine erotische Paarbeziehung. Beide werden jedoch von Cecil mit ihren jeweiligen Geheimnissen erpresst und müssen sich seinen Vorstellungen der Lebensführung fügen. So muss Lowe zwar nicht auf den Plantagen als Tagelöhner schuften, aber einen Gemischtwarenladen in einem kleinen jamaikanischen Dorf namens Manchester führen. Miss Sylvie soll sich dagegen zurückgezogen um Lowes und Cecils Tochter kümmern. Viele Jahre später stirbt Cecil bei einem Brandanschlag auf Lowes Laden. Für Lowe und Miss Sylvie – beide gehen mittlerweile auf die sechzig zu – eröffnen sich dadurch Chancen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. So entwickelt Lowe die Idee, ein Begegnungshaus für chinesische Einwanderer auf der Insel zu errichten. Miss Sylvie dagegen strebt für einen Neuanfang ins Ausland. Am Ende schaffen es beide nicht, ihre unterschiedlichen Vorstellungen in die Partnerschaft zu integrieren und trennen sich.

 

„Bodies that matter“ - Narrationen queerer Körperinszenierungen

Die queeren Identitäten der Protagonist_innen Sirena und Lowe gewinnen in beiden Romanen an Plastizität aufgrund ihrer Körperinszenierungen. Diese Inszenierungen bilden auch eine Projektionsfläche für die Sehnsüchte und Ängste anderer Romanfiguren. So werden in „Sirena Selena“ minutiös die aufwendigen Vorbereitungen zur Verwandlung der knabenhaften Sirena in eine schillernde Bolerosängerin beschrieben. Als Martha Divine den überdimensional großen Penis ihres Schützlings abbinden muss, um Sirena eine weibliche Erscheinungsform beim Vorsingen zu geben, sagt sie: „Ah mija, I can’t wait for you to start taking hormones to see if that thing shrinks a little. I am going to have to start charging you more, to cover the cost of the extra tape.“ Auch die genderkonnotierten Wahrnehmungen, welche Sirena bei ihren Betrachter_innen hervorruft, können polarisierender nicht sein. So sieht der Verehrer Graubel in ihr eine „wicked boy-woman gracefully setting the stage for her intricate love song.“ Seine Ehefrau Solange sieht in ihr dagegen eine eheliche Bedrohung. Für sie ist Sirena ein groteskes „monster“ mit „traces of adolescence, the incipient Adam’s apple on her throat, the feet, the hands that were to big for her height...“.

Auch Lowes Körperlichkeit wird in „The Pagoda“ detailreich beschrieben. So trägt dieser normalerweise einen angeklebten Oberlippenbart. Nachdem sein Gemischtwarenladen abgebrannt ist, beschließt Lowe jedoch, den Kunstbart nicht mehr zu tragen. Anfänglich ist dies für ihn sehr ungewohnt: „He felt especially naked without the mustache and vulnerable, and he wondered if it had been such a good idea to abandon it.“ Bereits dieses kleine fehlende Merkmal seiner äußeren Erscheinungsform lässt Lowe seine Geschlechtlichkeit weiblicher bzw. verletzlicher empfinden: „For after forty years he wore his costume like a glove, like a second skin. After forty years there was nothing womanly about him, not even his voice, which was a soft harsh bark, its octaves mellowing with time.“

Sein biologisches Geschlecht offenbart Lowe in einer dramatischen Szene seinem Mitarbeiter Omar: „Lowe howled, tearing at the mesh merino, tearing at the swaddling band, plucking at the knobby nipples of his breasts, soothing the thin wisps of fur at his groin.“ Diese Offenbarung führt bei Omar zu hysterischen Reaktionen und Flucht: „’Oh God, Mr. Lowe.’ Omar was starting to cry...croaked...disappeared“. Viele weitere Textstellen, die aus Platzmangel hier nicht zitiert werden können, verweisen auf geschlechtliches Grenzgänger_innentum als subversive Körperakte, die sich dem Gesetz der Binarität entziehen und vor dem Hintergrund soziokulturell heterogener (post-)kolonialer Gesellschaften vielfältige Konfliktlinien zeichnen.

 

Class, Race und Gender als transdifferente Zugehörigkeiten

Lowe und Sirena handeln als narrative Figuren nicht nur immer wieder von Neuem ihre genderqueeren Positionierungen aus. Vielmehr finden sich in diesen Positionierungen auch hinsichtlich der sozialen Kategorie race Einschreibungen, die soziale Marginalisierungen hervorrufen und abgeschlossene identitäre Grenzziehungen unmöglich machen. So wird Serena als „negro“ mit „black curled hair“ und „tanned skin“ beschrieben, die in einer armen Stadtrandsiedlung aufwächst und sich nach dem Tod der Großmutter zunächst auf der Straße durch das Sammeln von Blechbüchsen und mit Prostitution durchschlägt. Auf dem Höhepunkt ihrer Showkarriere blickt Sirena mit Grauen auf ihre Vergangenheit als Strichjunge zurück und schwört: „Opportunity doesn’t knock twice...I’m never, never going back to the streets.“ Die spätere erotische Beziehung zum hellhäutigen Hotelier Graubel setzt schließlich eine für beide Seiten profitable, aber hierarchische und durch colour geprägte Beziehung in Szene, bei der Sirena ihren glamourösen Charme als „Drag Princess“ innerhalb jener Machtsstruktur ausspielen kann.

Auch der asiatischstämmige Lowe kommt aus armen Verhältnissen. Seine im Süden Chinas lebenden Eltern hielten sich mit gelegentlichen Handwerksarbeiten des Vaters über Wasser. Durch die Überseefahrt nach Jamaika hört Lowe auf, eine arme Chinesin vom Land zu sein und wird zum ausgebeuteten Kuli, was ihm eine soziokulturelle Brandmarkung durch andere karibische Bevölkerungsgruppen beschert. Seine männlich konnotierte Kleidung und seine damit nach außen kommunizierte Geschlechtsidentität bewahrt Lowe jedoch vor einer weiteren gewalttätigen Stigmatisierung als Frau in der brutalen heteronormativen Welt der Siedler, Händler und ehemaligen Sklaven. Dies wird vor allem deutlich, als Lowe vom Menschenhändler Cecil, dem eine pinke Hautfarbe zugeschrieben wird, ausgelacht wird, weil er sich darüber beschwert, bei seiner Ankunft auf Jamaika von niemandem nach seinen Lebenswünschen gefragt worden zu sein. Cecil kommentiert verächtlich: „You, the only Chinese woman on the island. Is that? What do you think they would have done with you? Miss China Doll. Miss China Porcelain. You know what them do with the Chinese women in British Guinea. In Cuba. In Trinidad? Bring them to whorehouse. Is that what you wanted?“. Die zitierten Stellen machen deutlich, wie sich in beiden Romanen herkunftsbezogene Perspektiven der Marginalisierung mit genderqueeren Identitätsperformances überlappen und dadurch den Figuren eine komplexe, von Brüchen gezeichnete Tiefe verleihen.

Grundsätzlich offenbaren die fiktiven Figuren beider Romanbeispiele eine postkoloniale Kontextualisierung queerer Körper- und Lebenspraktiken, welche binär konstruierten Geschlechterkategorien radikal entgegentritt. Die fiktiven Identitätsentwürfe ermöglichen auf der Rezeptionsebene eine Ausweitung des Erfahrungshorizonts, da hier sich überlappende Geschlechter- und Herkunftskategorien als ambivalent, prozessual und konstruiert dargestellt werden. Die Aushandlungen dieser Identitätspositionierungen problematisieren dabei aus der Genderperspektive rassistische und koloniale Bedeutungszusammenhänge. Abschließend bleibt festzuhalten, dass „Sirena Selena“ und „The Pagoda“ Räume zur Kritik am hetero- und eurozentrischen Wissen über Geschlechterrollen anbieten. Sie reihen sich damit in eine junge insulär-karibische Textlandschaft ein, die seit den 1990er Jahren heteronormative Geschlechterpositionen zunehmend in Frage stellt (5) und aus der erzählerischen Perspektive des globalen Südens dazu beiträgt, ein Bewusstsein für den Konstruktionscharakter binärer Zwangsidentitäten zu schaffen.


Fußnoten:
(1) So erhielten 1992 der auf St. Lucia geborene Schriftsteller und Dichter Derek Walcott sowie 2001 der auf Trinidad geborene Schriftsteller Vidiadhar Surajprasad Naipaul die begehrte Ehrung.
(2) Der Begriff geht auf den martinikanischen Essayisten und Literaten Édouard Glissant zurück. Er beschreibt damit in seinem Essay „Traité du Tout-Monde“ (dt. Übersetzung „Traktat über die Welt“) die Beziehung verschiedener kultureller Elemente, die an einem Ort der Begegnung aufeinander treffen und dabei einen unkontrollierbaren Vermischungsprozess in Gang setzen, dessen Ausgang nicht vorhersehbar ist.
(3) Die Begrifflichkeit der Transdifferenz kann als eine übergeordnete Kategorie für all jene Konzepte verstanden werden, die sich mit Modellen des Dritten, der sogenannten Unreinheit und der Vermischung beschäftigen. Die Anwendung jenes Begriffs erlaubt es, die durch eine Differenzsetzung ausgeschlossenen Momente der Unsicherheit, Unentscheidbarkeit und Widersprüchlichkeit in Identitätsbildungsprozessen zu beschreiben.
Nähere Ausführungen dazu in: Breining, Helmbrecht 2002.
(4) Der Begriff Kuli bezeichnet ostasiatische Tagelöhner_innen, die zwischen der Mitte des 19. und 20. Jahrhunderts nach Mittel- und Südamerika verschifft wurden. Sie arbeiteten zu Dumpinglöhnen vor allem auf den karibischen Zucker-, Tabak- und Kaffeeplantagen.
(5) Weitere Beispiele für die prosaische Thematisierung queerer Genderidentitäten und sexueller Orientierungen sind z.B. „La nada cotidiana“ der kubanischen Autorin Zoé Valdes, „La travesía secreta“ des kubanischen Autors Carlos Victoria, die Kurzgeschichtensammlung „Nocturno y otros desamparos“ des puertoricanischen Schriftstellers Moises Agosto-Rosario und der Roman „La Patografía“ des puertoricanischen Autors Ángel Lozada.

Verwendete Literatur:

  • Breining, Helmbrecht (2002): Multiculturalism in contemporary societies: perspectives on difference and transdifference. Erlangen: Univ.-Bibliothek.
  • Glissant, Édouard (1997): Traité du Tout-Monde. Paris: Gallimard.
  • Lozada, Ángel (1998): La patografía. Colonia del Valle: Éd. Planeta Mexicana.
  • Moises, Agosto-Rosario (2007): Nocturno y otros desamparos. San Juan: Terranova Ed.
  • Powell, Patria (1998): The Pagoda. New York: Knopf.
  • Santos-Febres, Mayra (2000): Serena Silena vestida de pena. Barcelona: Mondadori.
  • Valdés, Zoé (1995): La nada cotidiana. Barcelona: Emecé Ed.
  • Victoria, Carlos (1994): La travesía secreta. Miami: Ed. Universal.

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