"Sie kontrollieren unser Leben noch immer." Ausgrenzung und Verfolgung von travestis in Argentinien

"Sie kontrollieren unser Leben noch immer." Ausgrenzung und Verfolgung von travestis in Argentinien

weibliche* shilouette mit der unterschrift travesti es cultura auf einer Mauer mit abblätternder FarbeIn Buenos Aires gibt es eine überaus lebendige LGBTI-Szene. Doch der Anschein sexueller Freiheit trügt. Urheber: Libertinus. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.


 

"Sie kontrollieren unser Leben noch immer." Ausgrenzung und Verfolgung von travestis in Argentinien

Inhaltsverzeichnis:

  1. Die Situation in Argentinien und die Akteure
  2. Interview mit Marcela Romero, Präsidentin von ATTTA (Asociación de Travestis, Transexuales y Transgéneros de Argentina), Buenos Aires 2008.
    Interview und deutsche Übersetzung Anja Feth.

Buenos Aires ist für vieles bekannt: europäische Küche, lebendige Literatur-, Film- und Theaterszene, Fußballclubs wie Boca Juniors und River Plate – und natürlich Tango. Die Stadt ist in den letzten Jahren zu einem beliebten Reiseziel geworden – auch weil die Folgen der Wirtschaftskrise 2001 einen Aufenthalt am Río de la Plata insbesondere für Europäer_innen und US-Amerikaner_innen erschwinglich machte. Eine spezifisch homosexuelle Klientel wird zudem gelockt durch ein breites Angebot an einschlägigen Restaurants, Clubs, Tangobars, Hotels u. a. m. Doch der Anschein sexueller Freiheit trügt. Gewiss wurde in den letzten 28 Jahren, seit Rückkehr zur Demokratie, viel erreicht, und schwul-lesbisches Leben mag in Buenos Aires heute einfacher sein als im Rest der Region. Trotzdem ist die Freiheit der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität begrenzt. Wer gegen die binäre heterosexuelle Geschlechternorm verstößt, hat im Alltag mit vielerlei Diskriminierung zu kämpfen. Dies gilt für Schwule, Lesben, insbesondere aber für Travestis (1), weil die argentinische Mehrheitsgesellschaft nicht akzeptieren will, dass biologische “Männer” sich nicht als solche fühlen, nicht so aussehen und leben möchten. In der formellen Ökonomie des Landes bekommen sie selten eine Chance, weshalb vielen nur der Weg in die Sexarbeit bleibt. Auch deshalb sind sie der Polizei auf besondere Weise ausgeliefert. Was dies alles für den Alltag von travestis bedeutet und wie sie sich gegen gesellschaftliche und staatliche Diskriminierung wehren, davon erzählt das nachstehende Interview mit Marcela Romero, Päsidentin einer einschlägigen argentinischen Nichtregierungs-organisation mit Sitz in Buenos Aires.

 

ATTTA

Die Abkürzung steht für Asociación de Travestis, Transexuales y Transgéneros de Argentina. ATTTA gründete sich 1993 und setzt sich für die Rechte von travestis, Transsexuellen und Transgender in Argentinien und Lateinamerika ein. Die Organisation ist Teil und zentraler Sitz des Netzwerks Red Latinoamericana y del Caribe de Personas Trans, Travestis, Transexuales y Transgéneros. In den 1990er Jahren engagierte sich ATTTA zusammen mit anderen argentinischen NGOs erfolgreich für die Abschaffung der Polizeierlasse in Buenos Aires.

 

Polizeierlasse

Edictos policiales [Polizeierlasse] ermöglichten der Polizei von Buenos Aires bis Ende der 1990er Jahre einen nahezu unbeschränkten Zugriff auf Prostituierte, Homosexuelle, travestis und das sexuelle Gewerbe der Stadt. Die Polizei konnte Prostituierte, Homosexuelle und travestis willkürlich festnehmen und stundenlang auf der Wache festhalten. Oftmals war dies mit Erniedrigungen und körperlicher Gewalt verbunden. Als sich an diesen Praktiken auch nach der Rückkehr Argentiniens zur demokratischen Staatsform (1983) nichts änderte, gründeten die Betroffenen verschiedene Initiativen, um für ihre Rechte, insbesondere die Abschaffung der Polizeierlasse, zu kämpfen. Neben ATTTA entstanden u. a. die Asociación de Mujeres Meretrices Argentina (AMMAR) und die Comunidad Homosexual Argentina (CHA). Durch die Kooperation mit bekannten argentinischen Nichtregierungsorganisationen wie dem Centro de Estudios Sociales y Legales (CELS) gelang es Ende der 1990er Jahre durchzusetzen, dass die Stadt Buenos Aires die Polizeierlasse für ungültig erklärte. An deren Stelle trat 1998 das Gesetz zum städtischen Zusammenleben (Código de Convivencia Urbana oder Código Contravencional).

 

Gesetz zum städtischen Zusammenleben

Nach einer anfänglich sehr liberalen Variante wurde das Gesetz zum städtischen Zusammenleben mehrfach verschärft. In seiner aktuellen Fassung aus dem Jahr 2004 sind Angebot und Nachfrage sexueller Dienstleistungen im öffentlichen Raum nicht verboten. Jedoch wird dafür ein Mindestabstand von 200 Metern zu Wohnhäusern, Bildungsstätten und religiösen Einrichtungen gefordert. Da es in der dicht bebauten Stadt fast keinen Ort gibt, wo diese Bedingungen gegeben sind, wird regelmäßig gegen die Norm verstoßen. Dies wiederum ermöglicht es der Polizei gegen die Sexarbeiter_innen vorzugehen.

 

Festnahmen zur Festellung der Identität

Um die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten, hat die Polizei in Buenos Aires u. a. die Befugnis Personen festzunehmen, um deren Identität zu ermitteln. Da viele travestis entweder keinen Ausweis besitzen und/oder diesen ablehnen, sind sie besonders häufig von dieser Art der Festnahme betroffen.


Es folgt ein Interview mit Marcela Romero, Präsidentin von ATTTA, Buenos Aires 2008. Interview und deutsche Übersetzung Anja Feth.

Bitte erzähle von ATTTA. Was macht eure Organisation, wofür setzt Ihr euch ein?

  • Die Arbeit unserer Organisation zielt auf die Rechte von Trans*Personen [personas trans]. In Argentinien existiert diesbezüglich immer noch polizeiliche Verfolgung. Es gibt repressive Gesetze und Polizeierlasse aus der Militärdiktatur, die immer noch gegen die Trans*Community angewendet werden. Derzeit gelten solche Erlasse in 14 argentinischen Provinzen. Auf deren Basis werden unsere Kolleginnen [compañeras] zwischen 24 Stunden und 30 Tagen inhaftiert, und sie müssen Strafen zwischen 50 und 500 Pesos (2) zahlen. Deshalb sagen wir, dass die Demokratie für uns noch nicht gekommen ist. Oftmals erfahren wir bei Festnahmen verbale und natürlich auch physische Gewalt durch die Polizei.
    ATTTA interveniert politisch. Wir stellen Forderungen, organisieren Demonstrationen...Wir sind die größte argentinische Trans*Organisation, ein landesweites Netzwerk. In den Provinzen haben wir insgesamt 18 Referentinnen, die sich gegen Trans*Phobie [transfobia] engagieren. Wir sprechen übrigens von Trans*Phobie, nicht von Homophobie, denn unsere Problematik ist anders gelagert. In Argentinien gibt es keine öffentliche Politiken für unsere Community. Wir sind aus dem System ausgeschlossen und werden diskriminiert: seitens unserer Familien, in den Bereichen Bildung, Gesundheit..., wir haben keinen Zugang ohne Diskriminierung. Wir fordern Rechte als Bürgerinnen. Aktuell haben wir ein Gesetz für Geschlechtliche Identität (3) vorgelegt. Zum Beispiel ist unser Ausweis für uns gar nicht gültig, weil darin nicht die Person ausgewiesen wird, die frau [una] ist. Die Tatsache, dass wir kein Dokument haben, das unsere Identität ausweist, erschwert uns den Zugang zu vielen Dingen.

Habt ihr Verbindungen zu Organisationen in anderen Ländern?

  • Ja. Wir haben unser Organisationsmodell in das übrige Lateinamerika getragen. Unser Büro ist gleichzeitig die Zentrale des Red Latinoamericana y del Caribe de Personas Trans, Travestis, Transexuales y Transgéneros. Dieses Netzwerk umfasst 15 Länder. Selbstverständlich stehen wir alle für das Gleiche: dem “Nein zur Trans*Phobie”. Das Netzwerk setzt sich seit drei Jahren dafür ein, in den Regierungsagenden berücksichtigt zu werden. Und natürlich in den Agenden der Kooperationspartner. Für die existieren wir doch gar nicht.

Was sind Kooperationspartner?

  • Das sind Geldgeber wie beispielsweise der Worldfund, der Global Fund, Lusida, OPS [Panamerikanische Gesundheitsorganisation], und alle Menschenrechtsorganisationen. Wir zeigen den Regierungen und ganz Lateinamerika, dass wir eine vulnerable Bevölkerungsgruppe sind und in den Dokumenten berücksichtigt werden müssen. Man erwähnte uns darin als Männer, die Sex mit Männern haben – unsere Geschlechtsidentität wurde nicht respektiert. Deshalb haben wir uns mit den Regierungen zusammengesetzt, uns als Bevölkerungsgruppe sichtbar gemacht. Zum Beispiel konnten wir die Indikatoren des Worldfund in unserem Sinne beeinflussen und werden nun unter den vulnerablen Bevölkerungsgruppen aufgeführt.

Wie habt ihr es geschafft, so professionell zu abeiten?

  • Zunächst einmal war es für uns wichtig zu erkennen, dass uns das LGBT-Kollektiv (4) in seinen Projekten nicht mit drin hatte. Unsere Geschlechtsidentität wurde nicht respektiert; sie haben uns in Lateinamerika total unsichtbar gemacht. Dann haben wir angefangen, uns selbst sichtbar zu machen und Orte der Entscheidungsfindungen, die Runden Tische zu besetzen. Den Ort, der uns zusteht, damit man unsere Stimme hört und nicht ein Herr in Anzug und Krawatte oder eine Dame für uns sprechen. Denn solche Personen stehen nicht um drei, vier Uhr morgens [auf der Straße], sie wissen nicht, was Sexarbeit ist. Sie wissen nicht, was es heißt, auf einem Polizeirevier festgehalten, misshandelt und vergewaltigt zu werden. Sie wissen nicht, was es heißt, sich als Trans*Person und mit HIV in einem Krankenhaus zu befinden, wo die eigene Geschlechtsidentität nicht respektiert wird. Das alles haben wir in diesen Jahren gezeigt. 2006 wurde das Red Latinoamericana das erste Mal zu einer Sitzung der Vereinten Nationen eingeladen. Das war unser erster Schritt. Dann wurden wir letztes Jahr zum Treffen der OAS [Organisation Amerikanischer Staaten] in Panama eingeladen. Dort haben wir unser Gesetz für Geschlechtliche Identität vorgestellt und dargelegt, welche Probleme es mit sich bringt, einen Ausweis zu haben, der die Person nicht identifiziert. So haben wir nach und nach Räume besetzt, uns sichtbar gemacht und die Finanzierung unserer Arbeit erreicht. Es war wichtig, uns zusammenzuschließen und von den lateinamerikanischen Schwulenorganisationen zu lösen.

Was ist deine Perspektive auf Polizeigewalt in anderen lateinamerikanischen Ländern im Vergleich zu hier?

  • Ja, die gibt es. Wir wissen, dass es Gewalt in Mittelamerika gibt. In El Salvador, Honduras, Guatemala, Costa Rica gibt es Gewalt- bzw. Hassverbrechen gegen unsere Community. Wir arbeiten mit den Kolleginnen aus Mittelamerika zusammen und wollen diese Gewalt sichtbar machen. Wir werden in Lateinamerika zwar durch trans*phobe Hassverbrechen getötet, werden in der Statistik aber als Männer ausgewiesen.

Und im Fall der Hauptstadt Buenos Aires? Wie siehst du das im Vergleich zum Rest des Landes?

  • Die Hauptstadt ist nicht mehr als ein Schaufenster Argentiniens. Die argentinische Realität liegt im Landesinneren: die Gewalt, die Verfolgung, Armut. Unsere Community lebt unterhalb der Armutsgrenze, aber nicht weil wir das wollen, sondern weil man uns nicht vorankommen lässt, weil es Gesetze gibt, die uns verfolgen. Buenos Aires ist ein Schaufenster, nicht mehr: nur das Schöne zeigen, sonst nichts. Wenn du aber die Avendia General Paz (5) überquerst, bist du gleich in einer anderen Welt. Du überquerst diese Straße und du weißt nicht, ob die Polizei dich umbringt, festnimmt, erpesst, ob sie dir Geld abnimmt...

Das heißt aber, dass die Abschaffung der Polizeierlasse die polizeiliche Praxis in der Stadt Buenos Aires stark beeinflusst hat?

  • Ja, in Buenos Aires haben wir das geschafft, aber die Verfolgung ist immer da, das Schmiergeld, die Zuhälterei wie wir sagen. Die Zuhälterei des Staates, der Regierung gibt es weiterhin. Sie kontrollieren unser Leben noch immer. Die Kolleginnen aus unserer Community kommen zum Arbeiten in die Hauptstadt, denn hier gibt es eine stärkere Wirtschaft, mehr Geld. Sie kommen aber auch aufgrund der Repression, der sie in ihren Provinzen ausgesetzt sind, aufgrund der polizeilichen Verfolgung.

Seit der Abschaffung der Polizeierlasse gibt es in Buenos Aires ein Gesetz zum städtischen Zusammenleben, das euch auch Vorgaben macht. Hat sich das Verhalten der Polizei vor diesem Hintergrund in den letzten zehn Jahren stark verändert?

  • Ich würde sagen, dass es sich nicht verändert hat – in Anführungszeichen. Es hat sich nicht verändert, weil die Polizei ihre Macht weiterhin missbraucht und nach wie vor unsere Menschenrechte verletzt. Wir sind für sie wie eine Statistik. Die Polizei verlangt weiterhin unsere Papiere, sie stellt uns weiterhin Verweise [actas] aus, und in vielen Fällen schlägt sie die Mädchen noch immer. In der Hauptstadt liegen entsprechende Anzeigen aus den Stadtteilen Flores oder Constitución vor. Das sind Gegenden, wo die Mädchen von der Polizei geschlagen und misshandelt werden.

Welche Rolle spielt die Regierung?

  • Die Regierung ist scheinheilig, weil sie die Realität nicht zeigen will. Sie will nicht zeigen, dass wir existieren, dass 99% der Kolleginnen rechtlose Sexarbeiterinnen sind. Dass wir zur Sexarbeit kommen, weil wir keine Chancen haben. In unserem Leben können wir nicht wählen, was wir sein wollen und wenn wir Sexarbeiterinnen sein wollen, erfahren wir auch Gewalt [también somos violentadas]. Es gibt in Argentinien keine Rechte als Sexarbeiter_in. Die Scheinheiligkeit der Regierungen besteht darin, dass sie uns nicht auf den Straßen sehen wollen und dass sie nicht anerkennen, dass unsere Community in den Regierungspolitiken vergessen wird. Ich sage immer, dass die aktuelle Regierung und die vorherigen eine Schuld gegenüber unserer Community haben, eine Schuld der sozialen Einbindung. Das Wichtigste wäre für uns die Abschaffung aller Polizeierlasse und das Gesetz für Geschlechtliche Identität.

Dokumentiert ATTTA Gewalt- und Missbrauchsvorfälle? Und wenn ja, was macht ATTTA mit den Daten? Werden diese veröffentlicht?

  • Ja. Wir gehen damit an die Öffentlichkeit, in Argentinien und bei der OAS. Und wir geben sie anderen internationalen Menschenrechtsorganisationen. Letztes Jahr hatten wir 15 tote Kolleginnen zu beklagen. Diese Fälle sind bis heute nicht aufgeklärt, weil die Polizei selbst darin verwickelt ist [asesinatos hechos por la misma policía].

Kommen wir noch einmal auf das Gesetz zum städtischen Zusammenleben zu sprechen. Kritisiert ATTTA das Gesetz oder akzeptiert sie es?

  • Nein, wir akzeptieren das Gesetz nicht, denn wir fordern Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum. Wir wollen uns im öffentlichen Raum frei bewegen können.

Und das Gesetz fordert mehrere hundert Meter Mindestabstand...?

  • Ja, 200 Meter von einer Kirche, 200 Meter von einer Schule, 200 Meter von einem Wohnhaus, immer 200 Meter. Aber die Kolleginnen leben im Zentrum, sie leben in der Stadt. Sie stehen morgens auf, gehen mittags essen oder einkaufen...So oder so werden sie festgenommen oder bekommen Verweise, weil sie sich im öffentlichen Raum bewegen.

Und mit welcher Begründung?

  • Mit der Ausrede, dass sie gerade Sexarbeit ausübt. Ich sage immer, das sind Statistiken, die die Polizei macht. Um Statistiken zu haben und häufig auch, um sagen zu können, dass sie arbeitet. In deinem Privatleben kannst du dich jedenfalls nicht ohne Angst bewegen. Wenn ich jetzt Lust habe rauszugehen, um etwas zu kaufen oder um spazieren zu gehen – weil ich das Recht habe rauszugehen, mich zu zerstreuen, Schaufenster anzuschauen –, dann kann ich doch nicht davon abhängig sein, dass die Polizei mir einen Verweis ausstellt, weil sie mich kennt. Das ist polizeiliche Verfolgung.

Kommt so etwas täglich vor?

  • So etwas kommt täglich vor, ja. Dazu kommt, dass viele der Kolleginnen ihre Rechte nicht kennen. Sie nehmen das als etwas Alltägliches.

Unterscheidet die Polizei zwischen den Mädchen? Zum Beispiel zwischen Mädchen aus der Provinz oder aus dem Ausland, die vielleicht keine Papiere haben? Ich habe gehört, dass die Polizei so etwas ausnutzt.

  • Na klar, die Polizei nutzt alles aus, weil wir keine Rechte haben, die uns schützen. Wenn du keinen Ausweis hast – und ich wiederhole, dass die Mehrheit von uns keinen hat, weil es sie nicht interessiert, einen Ausweis zu haben, der sie nicht identifiziert, weil du mit dem Dokument nichts machen kannst, keinen Kredit kriegen kannst, nichts. Sie haben keinen Ausweis und wenn du Ausländerin bist, hast du auch keinen Ausweis. Was die Polizei macht ist: herauskriegen, welches die Ausländerinnen sind, diese verfolgen und Geld abknöpfen. Das passiert überall auf der Welt.

Kommen wir zum Stadtteil Palermo. Was bedeutet es für euch, dass dort das erste offizielle Rotlichtviertel [zona roja] der Stadt eingerichtet wird?

  • Für uns ist das ein Schritt, nicht mehr, für das Recht der einzelnen Person. Die Personen, die dort sind, sind Sexarbeiterinnen. Sie müssen ihre Rechte bekommen. Wir haben von der Regierung Toiletten und bakteriologische Mülleimer gefordert; Beleuchtung; dass sich die Polizei fernhält, denn bislang pflegte die Polizei den Kunden Geld abzunehmen. Aber das ist nicht alles. Wir fordern eine andere soziale Einbindung, dass wir wählen können. Die Kolleginnen haben keine Möglichkeit zu wählen. Um leben zu können, ist das Einzige was ihnen bleibt, die Sexarbeit. Denn du musst essen und Miete bezahlen.

Ursprünglich habt ihr in der Straße Godoy Cruz gearbeitet. Warum war es notwendig von dort in den Rosedal (6) zu wechseln und jetzt erneut den Ort zu verändern?

  • Aus der Straße Godoy Cruz mussten wir wegen der Anwohner_innen [vecinos] weg. Es gab dort viele Schwierigkeiten. Wir sind dann erst in den Rosedal, aber dort gibt es einen Club und viel Publikumsverkehr. Es kam zu vielen Aggressionen. Leute kamen rein, um Stress zu machen. Die Polizei kam rein, um den Kunden und den Sexarbeiterinnen Geld abzuziehen. Jetzt haben wir einen anderen Ort, wo es diesen Publikumsverkehr nicht gibt. Wer dahin geht, sucht eine Sexarbeiterin.

Stimmt es, dass ihr in der Straße Godoy Cruz Drohungen seitens der Anwohner_innen ausgesetzt wart?

  • Das gibt es nach wie vor in der ganzen Stadt. Das gleiche Problem haben die Mädchen in Flores, die Mädchen in Constitución. Sie werden regelmäßig von Anwohner_innen bedroht, viele geschlagen. Das geht so weiter, das geht so weiter.

In der Zeitung liest man davon nichts.

  • Nein. Wir haben demnächst einen Termin mit dem Polizeirevier in Flores, denn die Anwohner_innen wollen die Mädchen dort nicht. Es gibt eine Übereinkunft, dass es einen Ort in Flores geben soll, wo die Mädchen nachts arbeiten können. Aber das betrifft nur die, nicht nachts da sind.

Zum Schluss noch eine Frage: In meinem Reiseführer erscheint Buenos Aires als das Paradies für Schwule in Lateinamerika. Wie seht ihr das?

  • Das, was dort gezeigt wird, hat mit uns nichts zu tun. Ich wiederhole: Für uns ist Buenos Aires nur ein Schaufenster, aber die Realität in Argentinien ist eine andere. Wir können nicht nur von der Stadt sprechen; es muss über das ganze Land geredet werden. Uns scheint das eine Lüge, denn es gibt weiterhin Gesetze, die uns diskriminieren. Für uns ist das eine Lüge.

Fußnoten:
(1) Im lateinamerikanischen Kontext hat die Bezeichnung travesti eine andere Bedeutung als das deutsche Wort “Transvestit”. Letzteres bezeichnet biologische Männer, die gerne “Frauenkleidung” tragen. Travesti ist dagegen eine Identitätskategorie, die sich Menschen angeeignet haben, welche das ihnen bei Geburt zugewiesene biologische Geschlecht ablehnen.
(2) Diese Beträge entsprachen zum Zeitpunkt des Interviews einem Wert zwischen 12 und 120 Euro.
(3) Damit zielt ATTTA auf die rechtliche Anerkennung der geschlechtlichen Identität einer Person, unabhängig ihres biologischen oder ihr bei Geburt zugewiesenen Geschlechts. Damit verbunden wäre das Recht auf Änderung von Namen und Geschlecht in Ausweisdokumenten. Mehr dazu unter www.attta.org.ar.
(4) Die Abkürzung steht für Lesbianas, Gays, Bisexuales, Transgéneros (auf Deutsch abgekürzt im Akronym LSBT für lesbisch, schwul, bisexuell und trans*).
(5) Trennt das Territorium der Hauptstadt von der angrenzenden Provinz Buenos Aires.
(6) Der Rosedal gehört zur Parkanlage Parque Tres de Febrero, auch Bosques de Palermo genannt, eine der größten öffentlichen Grünanlagen in Buenos Aires.


 

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