Bericht: Fachtagung „Männerleiber- Körperlichkeit zwischen Sein und Tun“

Bericht: Fachtagung „Männerleiber- Körperlichkeit zwischen Sein und Tun“

Teilnehmer_innen des Workshops stehen im Halbkreis.
Workshop "Männer - Stimme - Körper" — Bildnachweise

Man ist nicht als Mann geboren, man wird es: Männerleiber- Körperlichkeit zwischen Sein und Tun

 

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“, lautet das bekannte Zitat von Simone de Beauvoir. Das Forum Männer und das Gunda-Werner-Institut drehten den Spieß um und boten im Rahmen der Fachkonferenz „Männerleiber- Körperlichkeit zwischen Sein und Tun“ am Samstag, den 05. November 2011 auch dem Diskurs um die Konstruktion des männlichen Körpers einen Raum. Hier wurde mehr als 50 Teilnehmenden die Möglichkeit gegeben sich mit Fragen rund um den männlichen Körper auseinanderzusetzen. Das Format der Konferenz ließ nicht nur einen theoretischen Einblick in Form eines Vortrags in die Thematik zu, sondern bot mit einer Körperübung, einer Podiumsdiskussion und verschiedenen Workshops auch Anlass sich mit spezifischen Themen auseinanderzusetzen.

 

Körper und Geschlecht
In ihrem Eröffnungsvortrag gelang es Anke Abraham deutlich zu machen, dass auch Männerkörper der sozialen Konstruktion unterliegen. Soweit der „männliche Körper“ ernst genommen werden will, muss er sich bestimmten Geschlechternormen und männlich konnotierten Eigenschaften unterwerfen. Passen sich Menschen diesen Normen nicht an, kann dies erhebliche Folgen für die Betroffenen mit sich bringen. Das Gefühl sich mit dem eigenen Körper nicht verbunden zu fühlen, kann Irritation oder schweres Leiden mit sich bringen. Eine Inszenierung von Köpernormen wirkt sich wiederum auch auf das Innere aus, auf die Gefühlswelt. Diese untrennbare Einheit von Körper und Empfindung kann, wenn im Einklang miteinander, zur Qualitätssteigerung des Lebens beitragen. Andererseits, so Abraham, kann sich eine Störung dieser Gesamtheit negativ auf die „menschliche Existenz“ von Jungen und Männern auswirken. Dies kann zu selbst zerstörerischen Körperpraktiken wie Ritzen und Koma-Saufen bis hin zur Selbsttötung führen. Mit gestörten Körperkonzepten und deren Folgen beschäftigen sich die Teilnehmer_innen im Anschluss an den Vortrag in einem Workshop von Harry Friebel.

Geschlechtliche Identitäten werden von Vorbildern beeinflusst, so Abraham. Gelingt es diesen, die starre Kategorie eines männlichen Körpers zu durchbrechen, so können auch andere Männer und Jungen von dem Bild neuer „männlicher Idole“ profitieren. Doch wagen wir einen Blick auf mögliche Vorbilder, so wird deutlich, dass auch diese im Konstrukt der Geschlechterbinarität gefangen sind. So bleibt für mich die Frage offen, welche Anstöße und Unterstützung Männer außerdem dazu ermutigen könnten, mit Bildern von neuen Männerkörpern zu experimentieren und alten Rollenbildern den Rücken zuzudrehen. Ein erster Schritt für Männer, um sich Freiräume zu erkämpfen, wäre nach Abraham eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und die Anerkennung seiner Verletzlichkeit. Auch Männer sollen sich „vom Körper etwas sagen lassen“.

Körperpraxis - praktische Erfahrungen
Um sich nach diesem theoretischen Einstieg tiefergehend mit Körperlichkeit und Männlichkeit auseinanderzusetzen, wurden parallel vier verschiedene Workshops angeboten. Der erste Workshop von Rolf Pohl handelte von dem soldatischen Körper und militarisierter Männlichkeit. Im zweiten wurde den Männern die Möglichkeit geboten, auf Anke Abrahams Appell einzugehen und sich während einer Körperreise mit dem Sozialpädagogen Jens Gerdes den eigenen Gefühlen und Empfindungen hinzugeben. Auch Harry Friebel knüpfte mit seinem Workshop zu Jungen und Körperkonzepten an den Einstiegsvortrag an.

gendersensible Deutung der Penisbeschneidung
Volker Handke, Geschlechterforscher und Referent des Workshops "gendersensible Deutung der Penisbeschneidung" gelang es einen guten Überblick über deren weltweiten Praxen zu geben. Ebenfalls wurden die verschiedenen Argumente, die für die Beschneidung sprechen können, deutlich. Dies sind auf der einen Seite medizinische Gründe, wie die Körperhygiene, und auf der anderen Seite religiöse Sitten, die für eine Befürwortung von Penisbeschneidung sprechen können. Penisbeschneidung soll außerdem, so eine aktuelle Debatte, als HIV- Prophylaxe in afrikanischen Ländern bekannt gemacht werden.

Trotz des Versuchs, die Position der Befürworter_innen der Penisbeschneidung zu berücksichtigen, fehlte dem Workshop eine reale Vertretung, welche mit Pro-Argumenten zu einem differenzierteren Gesamtbild der Kleingruppe beigetragen hätte. So blieben kontroverse Diskussionen aus und es wurde nur am Rand auf unsere eurozentrische Brille aufmerksam gemacht.

Auch der Vergleich zwischen männlicher Penisbeschneidung und der viel bekannteren Diskussion über weibliche Genitalverstümmlung blieb bewusst aus. Dadurch wurde der Fokus nicht auf Frauen verschoben. Ein durchaus wichtiges Thema, aber nicht im Rahmen eines solchen Workshops. Dafür entstand ein geschützter Raum für eine gendersensible Auseinandersetzung zum Thema Penisbeschneidung, der von der geschlechtergemischten Gruppe dankend angenommen wurde.

Männer-Stimme-Körper
Nach einer Mittagspause ging es für viele der Teilnehmenden mit einer Körper- und Stimmübung weiter. Wir erlernten einen Kanon und achteten dabei vor allem auf unsere Atmung. Wir nahmen unseren Körper war, er wurde fühlbar. Und hatten sichtlich Spaß dabei. Ein erster Schritt hin zu einer Freundschaft mit dem eigenen Leib?

Transsexualität / Transgender
Im Anschluss folgte ein Podiumsgespräch zwischen Christian Schenk, Maik Krüger und Ammo Recla zum Thema Transsexualität und Transgender. Dabei ging es vor allem um die rechtlichen Fragen bei einer Geschlechterwandlung und um das Transsexuellengesetz. Auch hier wird drauf geachtet, dass die reproduktive Ordnung durch Transgender-Menschen nicht gestört wird. Eine Geschlechterwandlung hat endgültig zu sein. Nach diesem Gespräch wird sehr gut nachvollziehbar, welche Hürden Menschen durchleben müssen, die sich nicht in die eindeutige Zweigeschlechtlichkeit einordnen wollen oder können. Heute Mann, morgen Frau und übermorgen …? Oder einfach mal gar kein Geschlecht angeben müssen. Davon sind wir, so scheint es, leider noch sehr weit entfernt.

Doch trotz Definitionszwang des binären Geschlechts, entweder Frau oder Mann, gibt es eine Menge unterschiedlicher Namen für Transgender-Menschen oder Transsexuelle. Ammo Recla verschaffte uns einen Überblick über die Begrifflichkeiten und ihre Bedeutungen. So wird Trans* als Oberbegriff für alle Personen verstanden, für die das gelebte Geschlecht keine zwingende Folge des bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts ist.

Zum Abschluss gab es eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse aus den Workshops die in einer Speakers‘ Corner verkündet wurden. Leider blieb hier, wahrscheinlich aus zeitlichen Gründen, eine darauf bezogene Diskussion mit einem Ausblick aus. Vielleicht aber auch, weil die Teilnehmenden sich wie ich die gleiche Fragen stellten: Und was folgt jetzt? Welche Konsequenzen ziehen wir aus den Ergebnissen und Einsichten dieser Tagung? Wie dekonstruieren wir Modelle von Männlichkeiten, die keinen Raum für andere Lebenskonzepte lassen? Und wer sind wir? Die möglichen Antworten darauf könnten in einer weiteren Fachkonferenz diskutiert werden. Austauschbedarf ist, wie dieser Samstag gezeigt hat, sicherlich vorhanden.

Fazit
Gender ist auch Männersache. Die Fachtagung Männerleiber bewies es. Die vielfältigen Themen mit denen wir uns in diesem Rahmen auseinandergesetzt haben lassen erahnen wie viel Diskussionsbedarf zu diesen Themen weiterhin besteht. Es wurde besonders verständlich, welche Bedeutsamkeit Körperlichkeit für "Männer" hat beziehungsweise wie sie "Männerrollen" formt. Wer vorgegebene Männerbilder nicht leben möchte oder kann muss also auch den Freiraum haben sich körperlich zu verändern oder eine andere Beziehung zum eigenen Körper auszubauen. Wie diese Veränderung in der Praxis gelingen kann bedarf es noch ausführlicher zu beantworten. Dies könnte in einer weiteren Konferenz "Doing Gender- Undoing Männerleiber" thematisiert werden. Einen wichtigen Beitrag und Einstieg in das Thema haben das Forum Männer und das Gunda-Werner-Institut mit der Fachkonferenz an diesem Wochenende auf jeden Fall geliefert.

 

 

2011

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