Interview: Gitti Hentschel im Gespräch über feministische Positionen in der Debatte um Pädophilie

Interview: Gitti Hentschel im Gespräch über feministische Positionen in der Debatte um Pädophilie

Gitti Hentschel
Gitti Hentschel — Bildnachweise

Interview: Claire Horst

Als Mitbegründerin der Taz, hat Gitti Hentschel die »Pädophilen-Bewegung«, um die die derzeitige Debatte kreist, in ihrer Zeit als Redakteurin miterlebt.

In welcher gesellschaftlichen Situation haben sich die damaligen Diskussionen um die ­»Pädophilen-Bewegung« abgespielt?

Diese Zeit war von der Idee von Befreiung und von der antikapitalistischen Bewegung geprägt. Dazu gehörte ganz wesentlich der Wunsch, eine freie Sexualität leben zu können. Andere Lebensmodelle auszuprobieren, andere Partnerschaftsmodelle, Wohngemeinschaften, Liebe ohne Trauschein, all das richtete sich gegen den alten Mief der Bundesrepublik. Das bedeutete einen gesamtgesellschaftlichen Konflikt. Die Thematik von sexualisierter Gewalt an Frauen und sexuellem Missbrauch wurde damals erst allmählich bekannt. Wir Feministinnen thematisierten in dieser Phase die Vergewaltigung in der Ehe, die ja zum Beispiel noch kein anerkannter Straftatbestand war. In diesen Zusammenhängen wurde uns vorgeworfen, wir wollten die Familie kaputtmachen. Der Feminismus hat viele Maßstäbe gesetzt, doch auch Männer, die sich als emanzipiert verstanden, empfanden vieles davon als Affront. Einige Männer versuchen, etwas dagegen zu setzen, beispielsweise mit Porno-Provokationen, die teilweise auch in der Taz stattgefunden haben.

Wie stark haben Sie die Position der Feministinnen beispielsweise in der Taz-Redaktion empfunden?

Ich habe Anfang der achtziger Jahre das Thema der sexualisierten Gewalt, damals haben wir ­sexuelle Gewalt gesagt, an Kindern in der Berichterstattung aufgegriffen. Es war überhaupt nicht selbstverständlich, dass das so in die Zeitung kam. Ich habe auch bundesweit die Problematik der Vergewaltigung von Frauen und der entsprechenden Gerichtsprozesse zum Thema gemacht, die die Frauen oft als zweite Vergewaltigung erlebten. Darüber hat es heftige Konflikte auch in der Taz gegeben. Ich habe in Gerichtsberichten auch problematisiert, dass zum Beispiel ein Erzieher eine geringe Bewährungsstrafe für sexu­ellen Missbrauch an schutzbefohlenen Kindern bekommen hatte. Er durfte zwar nicht mehr in der gleichen Einrichtung arbeiten, aber in jeder anderen. Da hat sich zu der Zeit kaum jemand drüber aufgeregt. Für meine Positionierung bin ich öfter attackiert worden, teilweise auch von Taz-Männern, aber auch von Frauen.

Pädophilen-Aktivisten inszenieren sich ja als unterdrückte Minderheit. Besteht in Wahrheit ein gesellschaftlich verbreiteter Wunsch, sexu­elle Gewalt zu bagatellisieren?

Vieles haben wir damals gar nicht so differenziert durchschaut oder gewusst. Zum Beispiel haben ja – und das läuft heute zum Teil auch noch – Männer, die sich nicht als Pädophile geoutet oder gesehen haben, das Bild der verführerischen Lolita aufgebaut. Also dass junge Mädchen ältere Männer verführten – oder bezogen auf Jungen, die wollten es doch selber. Das wurde auch von Linken vertreten oder gelebt, und wenn wir Feministinnen dies im Zusammenhang mit sexuellem Mißbrauch stellten, galten wir als prüde oder verklemmt. Es gab in der Taz einen Mann, der offen pädophile Positionen vertreten hat. Allerdings war er eine Randfigur, die wir nicht so ernst genommen haben. Vielleicht wollten wir das Ausmaß der Problematik auch nicht wahrhaben.

Eine Auseinandersetzung wurde geführt, als die Indianerkommune in die Redaktion aufmarschierte. Da waren Jungen – Kinder eben – dabei, die das Recht auf freie Sexualität für sich selbst in Anspruch genommen haben und forderten, dass sie sich ihren erwachsenen Sexualpartner selbst aussuchen dürften. Wir waren zum Teil unsicher, wie wir damit umgehen sollten. Natürlich haben wir Kindern eine eigene Sexualität zugestanden, aber untereinander und nicht mit Erwachsenen. Aber zu der Zeit gab es noch keine Erfahrungen oder vertieftes Wissen zu dem Thema. Dass bei Kindern und Jugendlichen, die ungleiche Sexualität leben, sage ich jetzt mal, oft auch frühere Missbrauchserfahrungen bestehen, war nicht so bekannt. Die Auseinandersetzung um Möglichkeiten und Grenzen der sexuellen Freiheiten hatte gerade erst begonnen.

Würden Sie heute sagen, dass diese Offenheit der Diskussion ein offensives Auftreten der Pädophilen überhaupt erst ermöglicht hat?

Auch unter uns Feministinnen haben wir sehr heftig diskutiert. Einige waren ambivalent. Eine Mitstreiterin etwa, die selbst einen Pädophilen kannte und beobachtet hatte, dass er eine Fähigkeit hatte, auf Kinder zuzugehen und dass das für die Kinder anziehend war. Diese Dynamik haben wir nicht durchschaut. Das Machtverhältnis zwischen Ungleichen wurde damals längst nicht so klar wie heute thematisiert. Hätten wir trotzdem anders damit umgehen können? Rigider vielleicht? Es sind viele unterschiedliche Faktoren aufeinandergetroffen, die ein widersprüchliches, heute kaum noch nachvollziehbares Verhalten hervorgebracht haben. Dazu gehört sicher auch, dass auch linke Männer, die sicher nichts mit Pädophilen zu tun hatten, uns Feministinnen Prüderie und Engstirnigkeit vorwarfen. Prüde wollten wir natürlich nicht sein, zumal freie, selbstbestimmte Sexualität ja auch ein Aspekt von Feminismus ist. Ich glaube außerdem, dass in einer männlich dominierten Gesellschaft Sensibilität in Bezug auf Pädophilie unterentwickelt ist, weil viele Männer Geschlechterfragen insgesamt weniger sensibel angehen. Im Vordergrund stand bei linken Männern auch nicht die Vorstellung von wirklicher Geschlechteremanzipation, sondern die von einem freiheitlichen, vielleicht eher promisken Leben, einem Leben frei von Zwängen. Mit den Pädophilen wollten viele zwar nichts zu tun haben, sich aber auch nicht genau positionieren. Feministinnen, die das problematisiert haben, hatten da einen schlechten Stand.

Zudem wurden wir – wie heute auch – von Maskulistengruppen attackiert, auch wenn sie anders genannt wurden. Die waren gut organisiert, Männer aus der Mitte der Gesellschaft. Ich habe zum Beispiel von ihnen Drohbriefe bekommen, weil ich viel über sexualisierte Gewalt an Kindern gearbeitet habe. Sie haben sich darin fürchterlich empört und sie beschrieben, wie sehr vor allem die »armen Väter« unter den Frauen leiden würden. Ihnen würden die Kinder entzogen und sie würden zu Unrecht beschuldigt.

Welche Art von Umgang mit ihrer Vergangenheit wünschen Sie sich jetzt von den Grünen oder auch von der Taz?

Die Taz hat das Thema ja anhand eines eigenen Beispiels aufgegriffen. Es ist richtig und wichtig, genauer zu analysieren und zu problematisieren, wie wir damals gedacht und gehandelt haben. Das Thema muss unter dem Aspekt sexualisierter Gewalt an Kindern behandelt werden und man muss sich fragen: Wie kommt es, dass Pädophilie oft nicht als Gewalt gewertet wurde und wird? Die sind ja alle so nett und gehen mit den Kindern zärtlich um, wird dann gesagt. Diese Formen von Abhängigkeit und ungleichen Machtverhältnissen müssen weiter aufgearbeitet werden.

Was halten Sie davon, wenn zum Beispiel Daniel Cohn-Bendit jetzt sagt, seine eigenen Äußerungen über sexuelle Handlungen an Kindern seien nur schlechte Prosa gewesen?

Ich finde es schwierig, mich zu Dingen zu positionieren, über die ich nur irgendwo gelesen habe. Ich frage mich natürlich auch, wieso das Thema gerade jetzt im Wahlkampf so hochgezogen wird. Allgemein kann ich nur sagen, ich weiß, wie ambivalent früher der Umgang mit Kindern und Sexualität oft war. Ich habe vor meiner Zeit bei der Taz selbst Jugendarbeit gemacht, und einmal ist ein Mitarbeiter von der Toilette gekommen, völlig geplättet und verunsichert, und hat mir erzählt, ein Mädchen sei gerade aufs Klo ­gekommen, als er pinkeln musste, und wollte gucken und anfassen. Er war völlig irritiert. Wir haben zwar alle freie Sexualität auch für Kinder gefordert, aber nicht in dieser Weise. Die Frage war damals eben: Wo ist da eigentlich die Grenze, wie geht man mit so etwas um? Mein Mitarbeiter hat das Mädchen rausgeschickt. Wir haben vor allem diskutiert, ob das richtig war, weil Kinder eben neugierig sind. Heute würde ich viel aufmerksamer nachfragen, was zum Beispiel bei dem Mädchen vielleicht schon im Elternhaus los war. Aber diese Fragen haben wir uns damals nicht gestellt.

Ist die aktuelle Berichterstattung über Pädophilie eine Chance, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Mich ärgert der Begriff »Pädophilie«. Wichtig ist mir die Thematisierung von sexuellem Missbrauch an Kindern, an Mädchen wie an Jungen, gerade durch Menschen aus ihrem eigenen Umfeld. Täter oder auch Täterinnen sind ja oft gerade nicht die »Pädophilen«, die sich als solche outen und daraus eine Bewegung machen. Es sind viele aus dem eigenen Bekanntenkreis, die netten Menschen aus dem eigenen Umfeld. Diese Aufmerksamkeit fehlt mir an vielen Punkten.

Das heißt, wir sollten nicht auf die Selbstinszenierung der Pädophilen hereinfallen, sondern bei dem Thema sexualisierte Gewalt bleiben?

Ja. Das heißt aber nicht, dass man sich mit diesem Thema nicht auseinandersetzen sollte – aber man darf nicht vergessen, dass der Kontext ein anderer war. Vieles wird heute erst aufgearbeitet. Wichtig ist aber, dass weiter öffentlich gemacht wird, was tatsächlich an Missbrauch in dieser Gesellschaft läuft, an Schulen, im Elternhaus und so weiter. Eine wichtige Frage ist, wie man damit präventiv umgehen kann. Ob Erzieherinnen und Erzieher oder in der Schulpädagogik, diejenigen, die mit Kindern zu tun haben, werden zu wenig in diesem Bereich qualifiziert. Sie müssen darauf vorbereitet werden, sich angemessen zu verhalten und sexualisierte Gewalt in den Schulen und Kindergärten zu erkennen und zu thematisieren.

 

 

 
 

Gitti Hentschel

Institutsleiterin
Fon: +49 - (0)30 - 285 34-122
E-Mail: hentschel@boell.de

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2013 
 
 
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