Individuelle und gesellschaftliche Folgen der sexualisierten Gewalt an Kindersoldat_innen

Individuelle und gesellschaftliche Folgen der sexualisierten Gewalt an Kindersoldat_innen

Ehemalige Kindersoldatin aus Uganda beim Kartenspiel.Ehemalige Kindersoldatin aus Uganda beim Kartenspiel. Rita Schäfer sagt, Jugendprogramme sollten gemeinsam mit sozial marginalisierten jungen Männer und Frauen initiiert werden, die auf bestehende Erfahrungen in Prä-/Post-Konfliktländern aufbauen. Urheber: Endre Vestvik. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Individuelle und gesellschaftliche Folgen der sexualisierten Gewalt an Kindersoldat_innen

Möglichkeiten der Aufarbeitung

(Input zum GWI Fachgespräch "Sexualisierte Gewalt an Mädchen und Jungen im Kontext bewaffneter Konflikte" in der hbs 10.12.2013)

Als grundlegende Gender-Aspekte im Kontext von bewaffneten Konflikten ist zu beachten: Geschlechterungleichheiten beziehen sich keineswegs nur auf die Macht- und Gewaltverhältnisse zwischen Frauen und Männern, die bereits vor Kriegen etabliert wurden, während Kriegen verstärkt werden und sich in geschlechtsspezifischer – insbesondere in sexualisierter - Gewalt niederschlagen. Die komplexen lokalpolitischen, gesellschaftlichen und familiären Probleme in Nachkriegsländern resultieren auch aus den Hierarchien zwischen Männern und Jungen mit verschiedenem Status. Diese verstärken Versorgungsnot, Perspektivlosigkeit und Traumata. So werden die Konflikte über Männlichkeitszuschreibungen und maskulines Selbstverständnis in und nach Kriegen intensiviert. Denn in manchen Regionen und Ländern waren unerfüllbare Ansprüche an junge Männer und die Demütigung Jugendlicher durch Alte die Gründe für die freiwillige Kriegsteilnahme der Jungen.

Beispiel Uganda
Uganda ist hierfür ein Fallbeispiel. Diese lokalspezifischen Dynamiken sind in Uganda in die koloniale und nachkoloniale Geschichte des Landes einzuordnen, zumal regionale Disparitäten zwischen dem prosperierenden Süden (Baganda Königreich) und dem marginalisierten Norden (aride Regionen, vor allem von Nomadengesellschaften und Kleinbauern besiedelt) von den britischen Kolonialherren geschaffen wurden, und die einzige außerlandwirtschaftliche Einkommensmöglichkeit der jungen Männer im Norden der Militärdienst war. Nur im Dienste der britischen Kolonialarmee konnten sie den inzwischen monetarisierten Brautpreis erwirtschaften, der für Eheschließungen und die Anerkennung als vollwertige Männer gesellschaftlich verlangt wurde. Hingegen erhielten Männer im Süden Zugang zu kolonialer Schulbildung und konnten auf Jobs in der prosperierenden Plantagenwirtschaft, im Handel und Transport oder im Kolonialapparat hoffen. Diese Arbeitsmöglichkeiten waren in die kolonialen Machtverhältnisse eingepasst und boten partikulare Aufstiegsperspektiven. Diese regionalen Unterschiede setzten sich nach der politischen Unabhängigkeit 1962 fort und verschärften sozio-ökonomische Probleme und Konflikte zwischen Männern im Norden. Hinzu kamen verschiedene Diktaturen, die zudem Distinktionen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen im Norden verstärkten und lokale Entwicklungsförderung abermals verschleppten. Auch seit der Amtsübernahme durch Yoweri Museveni 1989 wurden die wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen dem Norden und Süden nicht reduziert. Gelder, die für den Wiederaufbau des Nordens nach dem Krieg zur Verfügung standen, wurden veruntreut. So sind insbesondere junge Ex-Kämpfer im Norden mit großer Existenznot, mangelnden Bildungs-, Berufs- und Einkommensmöglichkeiten und Perspektivlosigkeit konfrontiert.

Geschlechterpolitischer Machtaspekt: Gerontokratie
Besonders wichtig ist es also für friedens- und gender-politische Konzepte und Planungen, die ausgeprägte soziale Schichtung und die gerontokratischen Strukturen in vielen (afrikanischen) Post-Konfliktgesellschaften zu beachten und zeithistorisch zu kontextualisieren. Eine isolierte Zustandsbeschreibung – etwa von Frauen oder Kindersoldaten als Kriegsopfern - reicht nicht, denn sie verkennt die Problemkomplexität; verzerrte Wahrnehmungen und daraus abgeleitete Projektansätze können sogar problemverstärkend wirken. Gender als Machtkategorie und geschlechtsspezifische Hierarchien beziehen sich auch auf Gerontokratie; hier geht es um die Machtansprüche alter, ranghoher Männer, es sind vor allem vergleichsweise wohlhabender Land-/Viehbesitzer und Repräsentanten politisch einflussreicher Familien, die auf die Wiederherstellung von Kultur und Tradition pochen. Bei ihrer Selbstinszenierung als Traditionshüter und Ordnungsstifter ist zu beachten, dass die politisch mächtigen Alten die Ressourcenkontrolle beanspruchen und Ehen arrangieren. Sie wählen junge Partnerinnen aus, oder Eltern – auch allein erziehende Mütter – bieten ihre Töchter aus Existenznot als Ehefrauen an. Dies werten junge Ex-Kämpfer als Angriff auf ihre Männlichkeit, schließlich haben viele im Krieg „bush wives“ geheiratet und mit diesen Kinder gezeugt. Sie haben also wie mächtige Alte gehandelt und damit etablierte Hierarchien zwischen Männern unterschiedlichen sozialen Status durchbrochen. Allerdings verstehen und definieren sich auch rangniedrigere Kindersoldaten als erwachsene Männer.

Die komplexe (Um-)Gestaltung der Geschlechterverhältnisse während langer Kriegsjahre zeigt sich daran, dass einerseits das System der in Zentral-, Ost- und Nordostafrika verbreiteten Alterklassen teilweise fortgesetzt wird. Diese muss jeder Mann durchlaufen, wobei Männer über 30 Jahren von den Alten noch nicht als vollwertige und gleichberechtigte Erwachsene akzeptiert werden. Andererseits interpretieren Kindersoldaten diese Strukturen gezielt neu und verändern sie situationsspezifisch. So beanspruchen minderjährigen Anführer Respekttitel wie Alte, die ihre Seniorität und Macht betonen. Auf diese Weise orientieren sie sich an etablierten Hierarchien zwischen Männern, die sie in Guerillakontexte transformieren.

Mancherorts setzten mächtige Alte die Jungen unter Druck, Kämpfer zu werden, an anderen Orten geraten auch einzelne ausbeuterische Alte ins Visier der minderjährigen Kombattanten. Unterschiedlich wird mit dem Kontrollanspruch der Alten auf spirituelle Kräfte umgegangen: Während einige Alte wegen ihres Missbrauchs spiritueller Kräfte gezielt angegriffen werden, können andere Alte (auch alte Frauen) ihr Leben retten, wenn sie bereit sind, die jungen Kämpfer mit magischen Abwehr- und Schutzmitteln auszustatten. Neben heiligem Wasser und anderen magisch-potenten Emblemen konsumieren Kindersoldaten auch Drogen, die von Warlords und Drogenhändlern in die Kriegsgebiete geschafft werden – oft im Windschatten von Kleinwaffentransporten. Für die vielfach mangelernährten und HIV-positiven Kindersoldaten haben die Drogen noch fatalere Folgen als für Erwachsene, neben der Sucht sinkt die Hemmschwelle für große Grausamkeiten an Feinden oder der eigenen Bevölkerung. Die Kindersoldaten, die bei ihrer Zwangsrekrutierung häufig selbst sexuell malträtiert wurden, brechen Inzest-Tabus, die für den Ahnenkult auch in christlichen oder islamisch beeinflussten Gebieten nach wie vor wichtig sind, das erschwert ihre Reintegration nach einem Friedensschluss. Zahllose männliche Kindersoldaten werden mit sexuellen Gewaltakten in die Guerillaeinheiten sozialisiert, anschließend werden sie von Kommandanten und Warlords gezwungen, selbst gegen Feinde und oft auch gegen die eigene Bevölkerung sexuelle Gewalt auszuüben. Falls sie homosexuelle Handlungen ausführen müssen, ist die Reintegration in militarisierte und homophobe Gesellschaften besonders schwierig.

Defizitäre Ansätze in Reintegrationsprojekten
Entgegen dieser ambivalenten und widersprüchlichen Rollen als Täter und Opfer und entgegen des maskulinen Selbstbewusstseins etlicher Jugendlicher, die sich als Männer verstehen und autoritäre Herrschaftsansprüche der Alten in Frage stellen, reduzieren etliche Reintegrationsprojekte für Kindersoldaten die jungen Ex-Kämpfer auf den Status unmündiger Kinder; auch ein „mütterlicher Sorgeansatz“ ist anzutreffen. Gleichzeitig werden die Ex-Kämpferinnen oft nicht von diesen Projekten erreicht, darüber hinaus werden sie als egoistische Prostituierte oder aufmüpfige Unruhestifterinnen von ihrem sozialen Umfeld angeprangert, vor allem wenn sie sich nicht einfach dem Diktat der Alten/Eliten fügen. Ihre Grenzüberschreitungen, etwa als junge Mütter an Tötungen anderer Menschen mitgewirkt zu haben, gilt als Unordnung, als Verkehrung der Geschlechterordnung; mit ihrer Ausgrenzung will man einen Schlussstrich unter die Kriegszeit ziehen und zu der von alten Männern (und mancherorts von wenigen alten Frauen) dominierten „Normalität“ zurückkehren. Indem alte und neue Eliten auf die fraglose Wiederherstellung der Vorkriegsordnungen pochen und ihr Agitieren als Rückkehr zu idealisierten Traditionen und der Wiederherstellung von harmonischer Ordnung ausgeben, verweigern sie jungen Ex-Kämpferinnen den Zugang zu den Füllhörnern der Entwicklungs-/Friedensförderung, stigmatisieren und marginalisieren sie.

Dennoch bauen zahlreiche Geber-Ansätze vorrangig auf diejenigen, die sich lautstark und eloquent als Repräsentanten von Kultur und Tradition inszenieren. Damit opfern sie Menschen-/Frauen- und Kinderrechte. Zudem gefährdet diese Geber-Fokussierung auf die „Wiederherstellung von Ordnung“ Menschen-/Frauen-/Kinderrechtsverteidigerinnen und diejenigen, die sich für Ex-Kämpfer_innen aus einer kinder-/menschenrechtlichen Perspektive einsetzen. Die entsprechenden UN-Vorgaben und die Kinderrechtskonvention inklusive ihrer Zusätze verlangen genau das Gegenteil. Zu deren Einhaltung wären die Geber verpflichtet.
Strukturproblemen wie Korruption und Machtmissbrauch, die vielfach für die Armut der Familien vor Kriegsbeginn verantwortlich waren, und wodurch die Kinder zu den Kampfeinheiten getrieben wurden, werden abermals Tür und Tor geöffnet. Menschenrechte, Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit bleiben Papiertiger.

Prävention:

  • Wichtig sind umfassende Entwicklungsprogramme, die nicht nur auf lokale Eliten bauen, um den reibungslosen Mittelabfluss einzuhalten. Vielmehr sollten Jugendprogramme gemeinsam mit sozial marginalisierten jungen Männer initiiert werden, die auf bestehende Erfahrungen in Prä-/Post-Konfliktländern aufbauen. Schließlich gibt es sowohl in Afrika als auch in Lateinamerika und Asien erprobte Ansätze, die gemeinsam mit Jungen die Militarisierung von Männlichkeit in Frage stellen und andere Selbstdefinitionen von Männlichkeit erarbeiten. Sie berücksichtigen die HIV/AIDS-Prävention und das Erlernen von Respekt vor Frauen und Mädchen. Das öffnet Türen für Geschlechtergerechtigkeit und den Abbau von Hierarchien sowie die Reduzierung des Gewalteinsatzes zwischen Männern.
  • HIV/AIDS-Programme sollten viel stärker als bislang auf Peer-Education zwischen Jungen ausgerichtet sein, die bisherige Fokussierung: „Krankenschwestern beraten Frauen/Mütter“ verkennt die Machtverhältnisse bei sexuellen/reproduktiven Entscheidungen.
  • Gender-Ansätze sollten stärker als bislang Hierarchien zwischen Männern und die Ausgrenzung sozial marginalisierter (junger) Männer beachten, um nicht kontraproduktiv zu wirken. Jugendprogramme sollten systematisch Gender-Trainings und Aktivitäten gegen Homophobie beinhalten.
  • Auch Land- und Besitzfragen sowie die politische Partizipation, Bildungs- und Berufsperspektiven gehören auf die entwicklungspolitische Agenda, denn Armutsprobleme und massive soziale/sozio-ökonomische Ungleichheiten, die von Friedensprojekten zumeist nicht angetastet und damit reproduziert werden, treiben Jungen zu Heilsversprechern und in die Hände von Warlords. Umfassende Maßnahmen zur sozio-ökonomischen Gerechtigkeit sind vor allem in Ländern wichtig, in denen die Hälfte der Bevölkerung unter 15 Jahre alt ist.
  • Kleinwaffenkontrollen und viel stärkere Kontrollen der deutschen Waffenlobby / Rüstungsindustrie sind notwendig, um die leichte Bewaffnung junger Kämpfer zu verhindern. Die lukrativen Exportschlager aus Deutschland ermöglichen vielerorts die Aufrüstung von Guerilla-Einheiten und Kindersoldat_innen.
  • Friedens/Sicherheitspolitik und zivile Friedensförderung inkl. der Umsetzung nationaler Aktionspläne sollten Gender, konkret die Überwindung martialischer Männlichkeit, systematisch integrieren. Das ermöglicht Konfliktlösungen jenseits der Gewaltspiralen und reduziert die geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen und gegen Männer.

 

Weiterführende Informationen:
http://www.boell.de/downloads/BoellThema_1-11.pdf
http://www.frauen-und-kriege-afrika.de/autorin.php?lang=DE
http://www.vidc.org/fileadmin/Bibliothek/DP/Nadja/VIDC_Schaefer_E_Leseversion.pdf
http://www.vidc.org/fileadmin/Bibliothek/DP/pdfs/G_K/DOKU_Gestohlene_Kindheit.pdf
http://www.bundestag.de/dasparlament/2009/46/Beilage/004.html
http://www.oecd.org/dac/genderequalityanddevelopment/44896271.pdf
http://wissenschaft-und-frieden.de/seite.php?artikelID=1880
http://www.frauenrat.de/fileadmin/user_upload/zeitschrift/2010-2/KindersoldatInnen.pdf

 
 
 
 

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