"Open Sourcing the Neighborhood" - Ein Gespräch mit Saskia Sassen

"Open Sourcing the Neighborhood" - Ein Gespräch mit Saskia Sassen

Saskia Sassen auf der re:publica 2014Saskia Sassen auf der re:publica 2014. Urheber: re:publica. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Migration bereichert unsere Städte, unsere Politik, Wirtschaft und Kultur. Was aber haben Digitalisierungsprozesse damit zu tun - und wie können sie die Entstehung lebendiger, vielseitiger Städte unterstützen? Saskia Sassen, geboren 1949 in Den Haag, Niederlande, lehrt als Soziologin und Wirtschaftswissenschaftlerin an der Columbia University und der London School of Economics. Die „Star-Soziologin“ ist unter anderem bekannt für ihre Analysen über internationale Migration und das urbane Zusammenleben.  Carolin Wiedemann hat mit ihr über Entwicklungsprozesse durch Migration und über die Digitalisierung des öffentlichen Raums gesprochen.

Frau Sassen, Sie forschen seit bald 30 Jahren zur Entwicklung von Städten. Zwei Entwicklungen könnten das Zusammenleben dort tiefgreifend verändern: Die zunehmenden Migrationsbewegungen und die Digitalisierung des öffentlichen Raums.

Diese beiden Entwicklungen bieten eine große Chance für die Stadtentwicklung. Je nachdem, wie die Politik die Digitalisierung einsetzt, wie viel Freiraum sie den Menschen lässt, können neue Formen des Zusammenlebens in hybrideren Gemeinschaften entstehen. Migranten sind eine Bereicherung für Städte, für Politik, Wirtschaft und Kultur. Das sind Menschen, die den Mut und die Kraft hatten, ins Ungewisse zu ziehen, an Orte zu gehen, wohin sie nicht eingeladen wurden, wo sie niemanden kennen. Denken Sie doch mal ans Silicon Valley - die meisten der brillianen Erfinder dort sind Einwanderer.

Über das Innovationspotential in „Frontier Zones“ haben Sie schon vor zehn Jahren geschrieben. Damit meinten Sie Grenzzonen, in denen sich Akteure aus verschiedenen Welten treffen, ohne dass es dafür festgelegte Regeln gäbe.

Diese „Frontier Zones“ sind aktueller denn je. Territoriale Grenzen wurden früher vom Zentrum eines Landes aus immer als sehr weit weg erachtet. Heutzutage befinden sich solche Zonen, in denen nationalstaatliche Grenzziehungen aufeinandertreffen, aber tief in den Zentren, in den Städten. Sie haben sich in den so genannten Global Cities entwickelt, jenen Knotenpunkte, durch die die globalen Flüsse von Kapital, Gütern, Informationen, Dienstleistungen sowie Migranten strömen, und an denen sie gesteuert, gemanagt und kontrolliert werden sollen.

Die neuen transnationalen und transversalen Bewegungen schaffen damit in den Städten aber auch Raum, an dem Regeln noch nicht festgelegt sind und wo deshalb auch noch Neues entstehen und aus bestehenden Hierarchien ausgebrochen werden kann. Benachteiligte und Ausgeschlossene können von dort aus agieren und sichtbar werden und eigene Initiaven entwickeln.

Das zeigte sich in Deutschland etwa in der selbstorganisierten Protestbewegung der Flüchtlinge, die in Berlin über eineinhalb Jahre lang den Oranienplatz besetzten.

In den letzten Jahren hat sich allerorts Protest auf eine neue Art organisiert. Wie im Fall der Occupy Bewegungen weltweit, die dagegen protestierten, dass der öffentliche Raum zunehmend durch das Finanzsystem geordnet wird, dass kleine Läden zerstört wurden, genauso wie gegen die Kontroll- und Steuerungsversuche von oben, die sich im Rahmen der Digitalisierungsdebatte deutlich zeigen.

Sie kritisieren, dass es in aktuellen Vorschlägen zur Smart City zu sehr darum gehe, Städte mithilfe digitaler Technologie effizienter zu organisieren und sie dafür stärker zu zentralisieren.

Ja, solche Vorschläge könnten auch das Innovationspotential von Neuankömmlingen hemmen.

Wie sehen diese Vorschläge denn aus?

Stadtverwaltungen diskutieren zum Beispiel, immer mehr Sensoren im öffentlichen Raum zu verteilen und etwa alle möglichen Geräte in großen Büros oder öffentlichen Gebäuden, wie Klimaanlagen, automatische Türöffner und Lichtschalter in Erfassungsmaschinen zu verwandeln, die Informationen über die Menschen aufzeichnen. Vordergründig macht das Städte sicherer und umweltfreundlicher. In Songdo in Südkorea soll bis 2020 ein zentrales Computernetz verschiedene Gebäude, Straßen und Autos so steuern, dass niemand mehr im Stau stehen muss und nicht unnötig Energie verbraucht wird.

Und was ist daran problematisch?

Über die Verbindung der einzelnen Informationen würden sich Profile der Stadtbewohner anlegen lassen, die der Politik und der Marktforschung dienen. In so einer Stadt wären die Menschen nur noch Faktoren in einem reibungslosen Gesamtsystem: Wenn immer alles überwacht wird, verhalten sich die Leute wie es erwartet wird, dann kann nichts Unerwartetes mehr entstehen, dann bleibt kein Raum für die Bewohner, etwas auszuprobieren, kreativ zu sein. Dann lassen sich auch keine neuen Formen des Zusammenlebens erproben, die aber elementar sind für die Integration der neu Zugezogenen, von Migranten und Flüchtlingen.

Ist das realistisch? Dass sich solche Städte wie Songdo durchsetzen? Dass das Zusammenleben von Menschen dem Funktionieren einer Maschine gleicht, das komplett gesteuert wird?

Nein, ich denke nicht. Genauso wenig wie sich Migration steuern lässt - trotz aller Versuche der EU, sämtliche Migranten mit dem digitalen System Eurodac zu erfassen. Es ist fraglich, ob Menschen in einem System wie Songdo leben wollen und könnten. Menschen leben in Städten, gerade weil die sich darüber definieren, dass sie im unerwarteten Wandel bleiben durch die permanent neuen Aktivitäten ihrer Bewohner. Eine Stadt wie Songdo wäre in meinen Augen gar keine Stadt mehr. Lebendige Städte entwickeln sich aller Versuche der Steuerung zum Trotz nicht nach Plan.

Und digitale Technik lässt sich auch nicht nur zur Planung von oben einsetzen, sondern bietet auch neue Organisationsmöglichkeiten für Migrantinnen  und Migranten, für Stadtentwicklungen „von unten“, wie Sie es bereits ansprachen.

Digitale Netzwerke werden typischerweise als global erachtet, doch die neuen digitalen Technologien unterstützen lokale Initiativen und Bündnisse in verschiedenen Stadtvierteln: Nachbarschaften organisieren etwa über gemeinsame E-Mail-Verteiler Schlafplätze für Neuankömmlinge, Sprachlehrer . Kleine Initiativen entwickeln Apps zur Orientierung für Flüchtlinge. Und eine eher arme Nachbarschaft hat in New York die App „Emergency Nanny“ erfunden: Mit der kann man über das Handy sehen, wer in der Umgebung spontan ein Kind hüten könnte. Ich nenne das „Open Sourcing the Neighborhood“.

Da übernehmen die Menschen dank der neuen digitalen Organisationsmittel auch staatliche Aufgaben.

Stadtverwaltungen sollten sich ein Beispiel an diesen Initiativen und ihrer Organisationsform nehmen. Denn die alte Dame aus dem Vorort, das Kind, der Fabrikarbeiter, sie haben alle ein Wissen über die Stadt, das das Zentrum der Stadt, die Verwaltung, nicht hat - das darf nicht vernachlässigt werden. Sonst wird die Entwicklung von digitalen Geräten, eben auch von den digitalen Anwendungen in der Stadt eher von wirtschaftlichen Interessen bestimmt, von großen Konzernen, die die Menschen als Konsumenten ansprechen und nicht als Akteure. Stadtregierungen sollten sich dafür einsetzen, jene digitalen Geräte zu entwickeln, die dazu dienen, die Intelligenz der Bewohner voll auszuschöpfen.

Arbeiten denn nicht auch manche Stadtverwaltungen bereits mit Tools, die ihnen ermöglichen, die Stimmen der Bewohner besser zu hören?

Das Boston Municipal Government etwa zeigt mit einer ganz simplen Anwendung, wie sich digitale Innovationen gut „von unten“ einsetzen lassen: Über eine App können die Bewohner die Stadtverwaltung über Schlaglöcher informieren - dieses Beispiel scheint banal. Aber es steht für zwei wichtige Vorteile, die digitale Technologien für die Stadt haben könnten: Erstens kann der Bürgermeister sich gleich darum kümmern, die Schlaglöcher zu reparieren, und zweitens werden die Leute durch so eine App mobilisiert. Ihnen wird damit klar gemacht: Mein Wissen ist wichtig.

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