Gewalt an Frauen in der Türkei: „Das Wegsehen der anderen“

Gewalt an Frauen in der Türkei: „Das Wegsehen der anderen“

Interview

Täglich werden in der Türkei bis zu fünf Frauen umgebracht. Emine Akbaba hat Beweisvideos gesammelt und Fotos von Tatorten gemacht. Über sich selbst sagt sie, dass sie nicht mehr weiß, wie sie das Gesehene verarbeiten soll.  

Kleider hängen unter einenm VordachKleider hängen unter einenm Vordach. Urheber: Emine Akbaba. Alle Rechte vorbehalten.

 Sie haben in ihrem neuesten Projekt „Precious Blossom“ Tatorte in der Türkei fotografiert, an denen Gewalt an Frauen verübt wurde. Ist das etwas, das Sie schon länger umtreibt?

Emine Akbaba: Das erste Mal, dass ich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen in der Türkei in Berührung kam, war durch den Fall einer jungen Studentin aus Mersin, Özgecan Aslan. Sie wurde 2015 von einem Fahrer eines Minibusses umgebracht, nachdem sie sich gegen seine versuchte Vergewaltigung gewehrt hatte. Das war das erste Mal, dass international über Frauenmorde in der Türkei berichtet wurde. Ich war damals für mein Studium in Dänemark und weiß noch, wie meine Schwester mir eine SMS geschrieben hat. Wir waren beide schockiert ob der Gewalt. Die Frau wurde zerstückelt und verbrannt und dann wie Abfall im Fluss entsorgt. Ich konnte das nicht fassen. Ich wollte also verstehen, wie so etwas passieren kann. Und dafür wollte ich in die Stadt des Geschehens reisen, nachvollziehen, was passiert ist.

Sie haben dafür selbst den Tatort aufgesucht und nicht nur diesen einen. Wie sind Sie bei der Arbeit vorgegangen?

Es gibt eine Plattform, Kadin Cinayetleri, auf der auf einer türkischen Landkarte gezeigt wird, wo wie viele Frauen getötet wurden. Das war die Grundlage für meine Arbeit. Ich habe mir die Orte angeguckt. Dort stehen auch die Namen der Opfer, Todestag, Geburtstag, wer sie wie umgebracht hat und aus welchem Grund. Überwiegend war der Grund für einen Frauenmord der Wunsch nach Scheidung. Ich habe dann die Namen gegoogelt und die Nachrichten verfolgt. Die Homepage sagt, dass zwischen 2010 und Mai 2017 1675 Frauen umgebracht wurden. Aber es sind sehr viel mehr Frauen, davon kann man ausgehen. Ich habe außerdem verschiedene NGOs kontaktiert, die sich mit dem Schutz von Frauen beschäftigen und mit ihnen über die aktuelle Lage gesprochen. Seit dem Putschversuch in der Türkei am 15. Juli 2016 wurden allerdings über 1000 solcher NGO’s geschlossen, weil ihnen die staatlichen Gelder gestrichen wurden.

Ich habe dann die Haltestelle in Mersin herausgefunden, an der die Studentin Özgecan Aslan auf den Bus gewartet hat, nachdem sie mit einer Freundin in einem Einkaufszentrum war. Ich bin dort selbst in so einen Bus eingestiegen. Auch ich war, wie das Opfer, als einzige Person, alleine mit einem Fahrer in einem Minibus und ich hatte Angst. Es fühlte sich total surreal an und ich war sehr betroffen.

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Damit haben Sie sich selbst einiges zugemutet. Sie sind während der Arbeit alleine in der Türkei unterwegs gewesen. Haben sich dabei Schwierigkeiten aufgetan?  

Bei dieser Arbeit habe ich ja die Orte des Geschehens aufgesucht. Dadurch hatte ich nicht so viele Probleme mit Behörden - verglichen mit anderen Arbeiten war es also relativ einfach. Das einzig schwierige war, den Frauen gerecht zu werden. Ich möchte sie angemessen repräsentieren, ihren Geschichten gerecht werden und nichts verfälschen. Und, egal zu welchem Thema ich arbeite, ich möchte immer zur Expertin auf diesem Gebiet werden. Ich möchte in das Thema eintauchen und so viel darüber erfahren, wie ich kann. Mir reicht es nicht, von zuhause zu recherchieren. Auch, wenn das dazugehört. Es ist mir egal, ob die Arbeit gefährlich ist. In diesem Fall wollte ich wissen, wie die Tatorte aussehen, wollte den Toten Namen und Gesichter geben. Ich habe mich gefragt, wie sie sich gefühlt haben. Waren sie allein, haben sie sich gewehrt, wurde ihnen auf offener Straße Gewalt angetan und niemand hat geholfen oder ist es heimlich passiert?

Sie haben selbst türkische Eltern und sprechen die Sprache fließend. Gibt es darüber hinaus Dinge, die Sie bei der Arbeit beachtet haben?

Es war ein Vorteil, dass ich Türkisch spreche, die Kultur kenne und auch optisch nicht auffalle. Ich habe meist gar nicht erwähnt, dass ich Journalistin bin, wenn ich irgendwo Fotos gemacht habe und angesprochen wurde. Stattdessen gebe ich mich lieber als Studentin aus. Außerdem muss ich mir häufig einen Ehemann ausdenken, damit ich von Männern in Ruhe gelassen werde. Aber wirklich bedroht gefühlt habe ich mich dort noch nie. Aber ich verhalte mich in der Türkei total anders. Ich würde niemals mit roten Lippen, Nagellack und Eyeliner in der Türkei rumlaufen.

Ist das Aussehen ein häufiger Grund für Anfeindungen?

Absolut. Wie bei Cansu zum Beispiel. Sie ist die einzige Frau, die sich für diese Arbeit frei von mir fotografieren ließ und auf einem Foto erkennbar ist. (Anm.d.Red.: das Foto ist Teil der Arbeit, allerdings nicht hier zu sehen). Als ich sie kennenlernte, erzählte sie mir, dass sie auf der Straße wegen ihrer Kleidung beleidigt wurde. Das ist nicht banal oder harmlos. Es ist der Anfang. Keiner hat das Recht über deine Kleidung zu urteilen. Sie war empört, als sie darüber gesprochen hat. Sie kann das nicht begreifen. Das selbe gilt für mich: Ich bin eine religiöse Person, ich bin Muslimin. Und ich denke, du kannst nicht die Grundrechte einer Person beschränken und das mit der Religion begründen. Aber genau das passiert sehr oft.

Sie haben sich also optisch angepasst. Was hat diese Arbeit noch mit ihnen gemacht?

Die ganze Arbeit war sehr belastend. Ich habe mir während meiner Recherche viele Tatvideos angesehen und mich wahnsinnig aufgeregt. Ich weiß nicht, wie ich das verarbeiten soll und merke, dass ich inzwischen schon ziemlich abgestumpft bin.

Ich habe mir dann ungefähr 50 Fälle rausgesucht und eine Collage aus Porträts von Opfern gemacht, die ich online gefunden habe. Die hingen bei mir an der Wand und haben mich verfolgt. Jedes Mal, wenn meine Schwester oder ich daran vorbeiliefen, haben wir gemeint, jemanden zu erkennen, die wir kennen.

Die Fotos, die Sie selbst angefertigt haben, zeigen zwei Personen und ansonsten nur Tatorte. Sieht man sie, ohne etwas darüber zu wissen, meint man es wären einfach sehr schöne Aufnahmen, von idyllischen Orten. Was steckt dahinter?

Unter dem Orangenbaum, den man auf einem der Fotos sieht, wurde einer Frau von ihrem Ehemann die Kehle aufgeschnitten. Ich fand den Ort erst nicht, also habe ich einen alten Mann angesprochen. Er bot mir einen Tee an und unterhielt sich mit mir, allerdings nicht über die Tat. Am nächsten Tag war ich wieder dort, er wollte nicht mehr mit mir sprechen, aber schloss die Augen und sagte mir: „Da drüben, in der Ecke, da ist es passiert.“ Ich war früh morgens da, um ein schönes Licht einzufangen. Ich möchte die Tatorte von ihrer schönsten Seite zeigen, so wird der Kontrast zu den grausamen Taten, die dort passiert sind, noch stärker.

War es schwierig, mit Menschen über dieses Thema ins Gespräch zu kommen?

Ja, sehr sogar. Eine Frau, 36 Jahre alt, hat mir ihre Geschichte erzählt. Sie wollte nicht fotografiert werden. Sie ist geschieden, lebt aber noch mit ihrem Mann in einem Haus – wegen dem Sohn. Ihr Mann hat sie immer geschlagen, irgendwann hat er versucht, sie umzubringen. Er erklärte ihr, sie müsse nur sagen, dass es wehtut, dann würde er aufhören. Diese Genugtuung wollte sie im allerdings nicht geben. Also floh sie auf die Straße. Ihr Arbeitgeber wusste bescheid. Als ich sie dort besuchte, verstand der ehrlich nicht, wieso ich darüber mit ihr sprechen wollte. „Hast du nichts Anderes gefunden?“.

Nach dem Gespräch war die Frau leider völlig durcheinander. Sie hat Albträume bekommen, weil sie so lange verdrängt hat, was mit ihr passiert und das Gespräch das alles hochgeholt hat. Das tat mir so leid. Es beschäftigt mich immer noch und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe sie gefragt, ob sie Hilfe möchte, aber sie hat schlechte Erfahrungen mit der Polizei und möchte das Erlebte zurzeit nicht aufarbeiten.

Wie reagieren Betrachter/innen, wenn sie die Bilder und die Videos sehen?

Während der Vernissage zu einer Gruppenausstellung, in der auch ein paar meiner Arbeiten gezeigt wurden, habe ich die Reaktionen der Besucher/innen gesehen. Ich bin erbarmungslos. Ich zeige Ausschnitte von Überwachungskameras und Fotos. In einem Video wurde eine Frau 25-mal erstochen, nachdem sie von ihrem Ehemann – dem Täter - schon 10 Jahren getrennt gelebt hatte. Es ist mein Ziel, das die Leute sich erschrecken. ich will nichts schönreden. Du kannst niemanden auf eine schöne Art töten. Du nimmst jemandem die Schwester, die Mutter weg.

Wo Sie gerade von Müttern sprechen. Welche Rolle spielen sie Ihrer Meinung nach in der Türkei?

Meine Fotografie wird immer stark von dem beeinflusst, was meine eigene Mutter erlebt hat. Sie inspiriert mich. Ich habe in meiner Arbeit auch schon thematisiert, dass ich Angst habe, ihre Entscheidungen zu wiederholen. Ihre Familie ist ultrakonservativ. Die verstehen nicht, warum ich noch unverheiratet bin und fotografiere. Aber ich möchte meine Freiheit behalten.

Welche Rolle spielen die Täter für Sie?

Mit den Tätern habe ich mich bewusst nicht auseinandergesetzt. Ich möchte ihnen keine Plattform geben. Einen Mörder zeige ich allerdings. In einer der vielen populären Datingshows im türkischen Fernsehen, war auch mal ein älterer Mann zu sehen. Er erzählte, dass ihm ein Ausrutscher passiert ist: Seine Frau hatte sich nicht so verhalten, wie er das wollte und er musste ins Gefängnis. Er hatte sie einfach umgebracht. Aber mit der Täterrolle hat er sich so wenig identifiziert, dass er lediglich von einem Ausrutscher sprach. Im Gegenteil: er hat sich in der Rolle des Opfers gefühlt. Als Opfer des Schicksals, weil seine Frau ihm Schande gebracht hatte.

Dating Shows?

Es geht darum, jemanden fürs Leben zu finden. Alle kennen die Personen, die dort auftreten, alle gucken das. Erdogan hat versucht, diese Shows zu verbieten, weil er sie unsittlich findet. Aber die Gesellschaft verlangt, dass Frauen heiraten, um einen gewissen Status zu erreichen. Sie sind erst ein vollwertiger Mensch, wenn sie einen Ehemann haben. Deshalb passen diese Shows eigentlich gut in den konservativen Kontext.

Sie sprechen von Ehre und Schande. Immer wieder wird das als Grund für Gewalt herangezogen. Wie erklären Sie sich die Funktionsweise und Präsenz dieses Konzepts?

Ehre ist ein sehr kompliziertes und wichtiges Konzept in muslimisch geprägten Ländern. Es ist schwer greifbar und für mich, die mit diesem Glaubenskonstrukt aufgewachsen ist, schwer zu erklären, in der Türkei ist Ehre etwas Allgegenwärtiges. Es geht dabei immer darum, was andere von dir denken, was du von dir denkst, spielt keine Rolle.

Empfinden Sie das als Kontrast zum westlichen Individualismus, in dem es oft erst mal darum geht, was man selbst für sich am wichtigsten findet und dann geschaut wird, wie sich das in den eigenen sozialen Kontexten unterbringen lässt?

Ja. Es geht nicht um das Individuum, wenn es um Ehre geht. Insbesondere Frauen sollen dann einfach bescheiden sein, keusch, ihre Familie repräsentieren. Als kleines Mädchen den Vater, als Ehefrau den Ehemann, als Mutter den Sohn.

Die Ehre verletzt eine Frau, in dem sie sich zum Beispiel zu freizügig kleidet, sich offen in einer Form äußert, die unangebracht erscheint. Indem sie zu laut ist. Ein türkischer Minister ließ verlauten, dass er die Frauen vermisst, die erröten und zu Boden schauen, wenn ein Mann an ihnen vorbeigeht. Das Frauenbild ist also ein sehr demütiges, meinungsloses. Die Frau soll im Hintergrund leben. Tut sie das nicht, fällt das auf die Familie zurück. Diese verliert dann ihr Gesicht und das ist mehr wert als das Glück der Einzelperson.

Wenn sie Gewalt ausüben, behalten sie allerdings ihren Ruf. Wie passt das mit religiösen Werten zusammen?

Viele Frauen werden in der Türkei umgebracht, weil sie eine Scheidung verlangen, dadurch wird der Mann entehrt. Und ein Mann ohne Ehre ist kein Mann in der Türkei. Das wiegt schwerer als das Gesetz. In ländlicheren Regionen passieren jüngst vermehrt Ehrensuizide. Es gibt ein neues Gesetz, das bestimmt, dass Täter von Ehrenmorden lebenslang ins Gefängnis kommen. Seitdem werden Frauen im Falle der Verletzung der Familienehre stattdessen zum Suizid gedrängt.

Man schließt sie dafür häufig mit einem Strick in einen Raum. Ihnen wird dann gesagt: „Du willst ja nicht, dass dein Vater ins Gefängnis kommt. Du weiß ja, wieviel Schande du über uns gemacht hast.“ Darüber wird in der Türkei kaum berichtet, aber die Leute wissen natürlich, was passiert. Früher haben die Männer ihre blutbesudelten Schwerter gezeigt, um zu beweisen, dass sie ihre Ehre verteidigt haben. Viel hat sich nicht geändert.

Wird das Thema Gewalt gegen Frauen in den Medien aufgearbeitet?

Kaum, obwohl es ein riesiges Problem darstellt. In der Türkei werden statistisch betrachtet 3-5 Frauen jeden Tag umgebracht. Und das beinhaltet noch nicht die Dunkelziffer.

Die Protagonistin Cansu, die sich von mir fotografieren ließ, wurde in Van von einem alten Mann angespuckt. „Schämst du dich nicht, dass du hier mit einem Shirt rumläufst?“ hat er ihr zugeraunt. Erst vor kurzem ging ein Video viral, in dem eine Frau in einem Bus zu sehen war, die von einem Mitfahrer geschlagen wurde, weil sie etwas Kurzes anhatte. Die Leute haben resigniert, sie schalten einfach um oder klicken so etwas weg.

Glauben Sie, dass die Regierung vom Konzept der Ehrerhaltung profitiert oder ist das hilfreich für eine funktionierende Gesellschaft?

Es spielt der Regierung in die Karten, klar. So scheren weniger Leute aus. Man findet das schlimm, aber man nimmt es an.

Hier wird häufig von einer starken feministischen Welle in der Türkei gesprochen. Haben Sie diesen Widerstand wahrgenommen?

Ja. Es gibt immer mehr sehr engagierte Frauen. Sie geben alles. Ich habe mit mehreren NGOs gesprochen: Kadın Cinayetlerini Durduracağız und Mor Çatı. Dort arbeiten Frauen ehrenamtlich neben ihren Hauptberufen und sie haben kaum Ressourcen. Seit zehn Jahren gibt es die erstgenannte Organisation, die andere noch länger. Sie dokumentieren Frauenmorde. Seitdem wird auch öfter darüber gesprochen. Ich glaube aber, bei den Männern muss etwas passieren. Sie müssen begreifen, was sie den Frauen antun. Es muss ein Umdenken stattfinden. Die Menschen müssen aufgeklärt werden darüber, dass eine Frau ein Individuum ist. Dass es eine individuelle Entscheidung ist, wie jemand lebt.

Vielen Dank für das Gespräch.

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