Die Kämpferin der Schmetterlinge

Die Kämpferin der Schmetterlinge

Portrait

Jineth Bedoya arbeitet für die größte kolumbianische Tageszeitung El Tiempo. Sie berichtet seit vielen Jahren über bewaffnete Konflikte in Kolumbien und deren zivile Opfer. Die allgegenwärtige Korruption, die mangelnde Rechtsstaatlichkeit und Straflosigkeit sind ihre Themen. 2000 wurde Bedoya von Paramilitärs entführt und vergewaltigt, als sie eine Reportage über den von Paramilitärs kontrollierten Waffenhandel in einem Gefängnis in Bogotá schreiben wollte. Drei Jahre später wurde sie erneut entführt, diesmal von der FARC. Jineth Bedoya ist heute eine der wichtigsten Stimmen im Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen. Der 25. Mai, der Tag ihrer ersten Entführung, ist heute in Kolumbien der offizielle „Tag der Erinnerung an die Opfer sexueller Gewalt“.

Jineth Bedoya LimaJineth Bedoya. Urheber: Hector Fabio Zamora Pabon. Alle Rechte vorbehalten.

In den Körper der Kolumbianerin Jineth Bedoya ist ein Teil der dunklen Geschichte Kolumbiens eingraviert.

Jineth wurde von drei Männern einer paramilitärischen Gruppe entführt, befand sich zehn Stunden in ihrer Gewalt, wurde gefoltert und vergewaltigt. Eine Gruppe, die kein Blutvergießen und keine Gewalt scheut, um ihre parapolitischen Ideen und ihr Streben nach Macht umzusetzen. Jineth trägt die Narben dieses Tages bis heute.

Ihre Augen strahlen immer noch die Trauer und Traurigkeit über das aus, was ihr an diesem besagten 25. Mai vor 17 Jahren angetan wurde. Trauer über die Gewalttaten, die unzähligen Mädchen und Frauen von kriminellen Banden, organisierten Guerillagruppen, staatlichen Akteuren oder gar Familienmitgliedern angetan werden. Jineth ist immer noch voller Empörung, wenn sie über die Straflosigkeit in ihrem Fall spricht. Die gleiche Straflosigkeit, die sich wie eine Seuche über den Großteil aller Gewalttaten an Frauen in Kolumbien legt. Aber Jineth ist nicht nur empört. Sie ist gleichzeitig voller Courage, Hoffnung, Liebe, Stärke, Solidarität und Unnachgiebigkeit.
An einem Tag sieht man sie auf einer Demonstration in Tumaco, der „Hauptstadt“ des Coca-Anbaus, wie sie Opfern von sexueller Gewalt Mut zuspricht. Am nächsten Tag trifft man sie in einem Gerichtsgebäude, wo sie die drei Männer identifiziert, die sie damals unter Drogen gesetzt, entführt und vergewaltigt hatten – nur weil sie ihre Arbeit machte. Ihre Arbeit als Vollblutjournalistin. Die Gegenüberstellung steht sie ohne Tränen durch. Diese bewahrt sie sich für andere Momente auf.

Heute wiegt Jineth weniger als 45 Kilo. Ihre Erfahrungen haben sie gezeichnet. Doch trotz ihrer fragilen Erscheinung: Ihr Körper ist ihre Rüstung. Sie kämpft nicht nur für ihre Rechte, sondern auch für die vieler anderer. Der 25. Mai, der Tag, an dem ihr Schreckliches widerfahren ist, ist heute per Präsidialdekret ein nationaler Gedenktag. Als Tag, an dem der Würde der Frauen, die zu Opfern sexueller Gewalt im Kontext des kolumbianischen bewaffneten internen Konflikts gemacht wurden, gedacht wird.

Bis zum Jahr 2000 hat Jineth als Journalistin, bewaffnet mit einem Notizbuch und Gummistiefeln,  gewagte Berichterstattungen über den kolumbianischen Konflikt veröffentlicht. Sie wurde bedroht und hat ein Attentat überlebt. Trotzdem hat sie zahlreiche kritische Bücher veröffentlicht und wurde somit zu einer der anerkanntesten Kriegsberichterstatterinnen in Kolumbien. Dann wurde sie selbst Teil einer jener grauenvollen Geschichten, über die sie sonst berichtete.

Seitdem hat sie alles ausgestanden und überstanden, was man sich vorstellen kann. Auch die skeptischen Nachfragen derer, die ihre Geschichte nicht glaubten und sie dazu zwangen, das Erlebte detailliert zu wiederholen. Sie musste von den Tritten ins Gesicht erzählen. Von den physischen und psychischen Gräueltaten.  

„Sie haben mir als Frau Schreckliches angetan. So schrecklich, dass ich davon nicht einmal in der  richterlichen Anhörung gesprochen habe“, gesteht sie.

Trotz allem gibt sie nicht auf. Mit unermüdlicher Stärke sucht sie weiter nach der Wahrheit und fordert Gerechtigkeit für sich und Hunderte von Frauen, denen Gewalt widerfahren ist.  

Sie ist für Rosa Elvira (ermordet und auf einen Ast gespießt) auf die Straße gegangen und hat Gerechtigkeit gefordert. Für die Jugendlichen, die mit Säure verätzt wurden, für die zwangsrekrutierten und von der Guerilla vergewaltigten Mädchen, für die Frauen, die von ihren Männern geschlagen oder erschossen wurden, für sich selbst und für diejenigen, die folgen, damit sie nicht mehr zu Opfern gemacht werden.  

„Ich fühle mich oft sehr machtlos. Am liebsten würde ich allen helfen, aber ich kann es leider nicht. Ich versuche so vielen wie möglich zur Seite zu stehen. Ich bin eine von ihnen und manchmal ist ihr Schmerz größer als mein eigener“, hat Jineth in zahlreichen internationalen Interviews beteuert.

Inmitten ihres großen Engagements ist sie als Vertreterin der Opfer des bewaffneten Konfliktes nach Havanna geflogen und hat die Kommandanten der FARC aufgefordert, im Zuge des Friedensvertrags zur Suche nach der Wahrheit auch bei sexuellen Straftaten beizutragen. Mit dieser gleichen Courage hat sie auch einen General des Militärs herausgefordert und ihn mit der Frage konfrontiert, ob er der Auftraggeber hinter ihrer Vergewaltigung gewesen sei.

Ihr Fall wurde der Interamerikanischen Menschenrechtskommission vorgelegt und 2014 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. Der Staat bot ihr daraufhin eine Entschädigungszahlung von lächerlichen 8000 Dollar an. Jineth hat keinen Cent davon angenommen. Genauso wie sie jede Aufforderung, in die Politik zu gehen, zu vergessen oder gar das Land zu verlassen, abgelehnt hat.
Sie erlaubt sich keinen Schritt zurück. Nicht einmal als sie feststellt, dass ihr Telefon von staatlichen Akteuren abgehört wurde, oder als sie erneut Drohungen erhielt und ihr Leben seitdem von Leibwächtern bewacht wird. Aber sie trägt keine kugelsichere Weste. Im Gegenteil, sie steckt sich Schmetterlingsbroschen an ihre Kleidung. Schmetterlinge als Symbol für die Verwandlung der Frauen, denen sie helfen konnte: ihre Schmetterlingsarmee, mit der sie Stärke und Gerechtigkeit versprüht. 

„Man kann den Glauben zurückgewinnen, man kann wieder lernen zu träumen (…) Der physische und spirituelle Schmerz erlaubt es dir, dich in etwas Positives zu verwandeln.“ Trotz ihrer Geschichte, trotz der Bedrohungen, Jineth lebt. Nichts hat sie gebrochen. Sie atmet Hoffnung, Entschuldigung und Stärke aus. Sie ist zur Anführerin geboren und begegnet stoisch der schrecklichen Gewalt, die alle betrifft.
Inspiriert von ihrer Stärke, ihrem Lächeln, ihrer tiefen Donnerstimme und ihren Tränen hat Kolumbien heute ein Medienobservatorium zu geschlechtsspezifischer Gewalt.  Dieses Zentrum dient der Beobachtung der Berichterstattung. Eine notwendige Maßnahme in einem Land, das nach Mexiko die höchste Zahl an Gewalttaten gegen Frauen vorweist. Jedes Jahr werden mehr als 18 Millionen Gewalttaten gegen Frauen registriert. Ca. 1000 davon sind Morde durch Schusswaffen, Erdrosselung oder Schläge.  

Dank Jineth, der Vollblutjournalistin, ist sich Kolumbien darüber bewusstgeworden, was sexuelle Gewalt gegen Frauen bedeutet, und hat dagegen rechtliche Maßnahmen ergriffen. Zahlreiche Gesellschaftsgruppen haben sich der Kampagne „Es ist nicht der Moment um zu schweigen“ angeschlossen und gehen gegen Straflosigkeit vor. Dank Jineth wissen die Frauen, dass sie nicht alleine sind und dass niemand sie erneut zu Opfern machen kann.

Danke, danke, danke, Jineth und entschuldige, dass wir nicht da waren, um alles zu verhindern.  
In dem Körper von Jineth Bedoya ist auch ein Teil der ergreifenden Geschichte Kolumbiens eingraviert.

Übersetzerin: Hanna Thiesing

 

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