Arbeitszeiten, die zum Leben passen

Arbeitszeiten, die zum Leben passen

In der aktuellen Tarifauseinandersetzung der Metall- und Elektroindustrie geht es nicht nur um Lohnerhöhungen, sondern vor allem auch um eine tarifvertraglich verbriefte Option auf Arbeitszeitverkürzung mit Entgeltzuschuss. Warum diese Forderung ein zentrales Element zeitgemäßer Gleichstellungspolitik mit Reichweite über die betreffende Branche hinaus ist, begründen Katrin Mohr, Politische Sekretärin beim Vorstand der IG Metall und Dorothee Schulte-Basta, Referentin für Sozialpolitik der Heinrich-Böll-Stiftung.

Vater mit Kind auf ParkbankUrheber: StockSnap. Public Domain.

Gäbe es einen kollektiven Stoßseufzer der erwerbsarbeitenden Bevölkerung im 21. Jahrhundert, so lautete er wohl: „Mehr Zeit!“ Mehr Zeit für Spielplatz und Schulaufgaben, für den wöchentlichen Einkauf mit der gebrechlichen Tante, für die Pflege des dementen Vaters – und für all die anderen Sorge- und Kümmertätigkeiten, die mindestens genauso lebensnotwendig sind wie Erwerbsarbeit.

Eine bessere Vereinbarkeit von beidem, die wünschen sich laut einer aktuellen Umfrage über 90 Prozent der von der IG Metall befragten Beschäftigten. Der Mehrheit von ihnen geht es dabei vor allem um Regelarbeitszeiten von höchstens 35 Stunden pro Woche und um die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit kurz- oder mittelfristig an private Bedürfnisse anpassen zu können. Bei diesen Wünschen unterscheiden sich Frauen und Männer kaum – in der täglichen Arbeitswirklichkeit dagegen umso mehr.

Die geteilte Arbeitswelt

Die einen – überwiegend Frauen, aber zunehmend auch engagierte Väter oder Männer die Angehörige pflegen – geben Sorgetätigkeiten den Vorrang. Ihre Erwerbstätigkeit richtet sich zumeist nach der Zeit, die ihnen Kinderbetreuung oder Pflege übriglassen. Viele arbeiten Teilzeit oder unterbrechen ihre Berufstätigkeit ganz. Die anderen – überwiegend Männer, aber zunehmend auch gut ausgebildete Frauen mit interessanten Berufen – setzen die Erwerbsarbeit an erste Stelle und versuchen, alles andere in der Zeit zu erledigen, die ihnen dann noch bleibt. Gestresst sind dabei fast alle.

Doch wer zur ersten Gruppe gehört, ist außerdem massiv von Armut bedroht: Laut dem aktuellen Familienreport des zuständigen Bundesministeriums erzielt derzeit nur ein Drittel der Mütter mit Kindern unter acht Jahren ein eigenes Einkommen oberhalb der Existenzsicherungsschwelle. Von den Vätern mit Kindern im gleichen Alter schaffen das dagegen 80 Prozent. Folgerichtig errechnete die Hans-Böckler-Stiftung, bezogen auf alle persönlichen Alterseinkünfte, einen durchschnittlichen „Gender Pension Gap“ von 53 Prozent. Mag das im Einzelfall auch durch Einkünfte des Ehepartners ausgeglichen werden, so bleibt das Risiko von Altersarmut bei Frauen mit 16,3 Prozent deutlich höher als bei Männern mit 12,6 Prozent, wie der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung feststellt. Maßnahmen wie die Anrechnung von Kindererziehungs- oder Pflegezeiten bei der gesetzlichen Rentenversicherung können die erwerbsbiografisch bedingten Renteneinbußen nicht annähernd ausgleichen.

Arbeitszeitverkürzung darf nicht länger Willkür sein

Wenig verwunderlich also, dass diejenigen, die voll erwerbstätig sind, ihren Wunsch nach mehr Zeit für die Familie so selten verwirklichen: Viele können es sich finanziell einfach nicht leisten. Das jedenfalls gaben fast 60 Prozent der Beschäftigten in der IG Metall-Befragung als Grund an. Wer dennoch versucht, Arbeitszeit zumindest befristet zu reduzieren, ist auf das Wohlwollen und Verständnis von Vorgesetzten angewiesen. Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung zu diesem Thema zeigen, dass verbindliche betriebliche oder überbetriebliche Regelungen zur Absenkung von Arbeitszeit bislang kaum existieren. In der Metall- und Elektroindustrie kann gerade mal ein Zehntel aller Betriebe entsprechende Vereinbarungen vorweisen, aber keine davon sieht einen Entgeltzuschuss vor.
Deshalb fordert die IG Metall, einen individuellen Anspruch auf Arbeitszeitreduzierung im Tarifvertrag zu verankern. Beschäftigte sollen ihre regelmäßige Arbeitszeit ohne Begründungszwang für zwei Jahre auf bis zu 28 Stunden in der Woche reduzieren und danach wieder auf ihre ursprüngliche Arbeitszeit zurückkehren können.  Für diejenigen, die Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder in Schicht arbeiten, soll es dafür einen Entgeltzuschuss geben.

Arbeitgeber müssen die Realität anerkennen

Diese Forderung zielt nicht nur auf eine zeitliche und finanzielle Entlastung der jeweiligen Beschäftigten ab, sondern auf die grundsätzliche Akzeptanz von Arbeitszeitreduzierung. Wer sie in Anspruch nimmt, soll nicht länger als Bittstellerin oder auch Bittsteller auftreten müssen, als Einzelne, die aufgrund persönlicher Probleme eine individuelle Ausnahme von dem benötigen, was noch immer oder schon wieder als „Normalarbeitsverhältnis“ gilt: Wochenarbeitszeiten von mindestens 35 Stunden in einigen Tarifbereichen der IG Metall, und 38 Stunden plus X in vielen anderen Branchen. Eine garantierte Absenkungs-Option schafft dagegen Verbindlichkeit und Allgemeingültigkeit. Sie würde – gerade in Verbindung mit dem Entgeltzuschuss – mehr männliche Beschäftigte motivieren, Arbeitszeit zu reduzieren und entsprechend mehr Zeit für Familie und Haushalt einzusetzen. Für Frauen dagegen böte eine solche Tarifregelung Anreize, bei Kindererziehung oder Pflegetätigkeit nicht automatisch in eine kurze und damit schlechter bezahlte Teilzeitbeschäftigung zu wechseln, die sich allzu häufig als lebenslange Falle entpuppt. In vielen Familien wäre eine gleichberechtigtere Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit zwischen beiden Partnern möglich.

Würde es der IG Metall gelingen, ein solches Arbeitszeitmodell tariflich zu verankern, würden nicht nur die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie davon profitieren. Es würde gesellschaftlich Maßstäbe setzen und damit – so ist zu hoffen – auch in anderen Branchen und auf gesetzlicher Ebene Fortschritt hin zu Arbeitszeitregelungen bringen, die dem Bedürfnis der Beschäftigten nach mehr Selbstbestimmung und Vereinbarkeit Rechnung tragen. Denn das, was heute als „Normalarbeitsverhältnis“ behauptet wird, ist ein Modell aus dem vorigen Jahrhundert – so überholt wie Rohrpost oder Schreibmaschinen. Deshalb wird es allerhöchste Zeit, dass sich die Arbeitgeber, die anderen so häufig Modernisierungsstau vorwerfen, hier bewegen. Seit Jahren verlangen sie den Beschäftigten mit dem Verweis auf digitale Kommunikation und globale Märkte mehr Flexibilität ab. Jetzt ist es an ihnen, eine veränderte Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen. Eine Wirklichkeit, in der Frauen wie Männer beides tun: Fürsorge leisten und Geld verdienen. „Normal“ können in Zukunft nur noch Arbeitszeiten sein, die zu diesem Leben passen.

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