Gaga!? Die vielfältige Geschlechterforschung und ihre Gegner

Gaga!? Die vielfältige Geschlechterforschung und ihre Gegner

Geschlechterforschung wird angegriffen, als unwissenschaftlich, unnütz und ideologisch abgewertet und ihre Abschaffung gefordert. Dieser Artikel skizziert die Grundlinien der Geschlechterforschung. So erweist sich, dass die Angriffe an ihr vorbeigehen und eher selbst ideologisch motiviert sind.

Die Kampagne "'#4genderstudies" hat am 18. Dezember 2017 bei einem Aktionstag die Vielfalt der Gender Studies deutlich gemachtDie Kampagne "'#4genderstudies" hat am 18. Dezember 2017 bei einem Aktionstag die Vielfalt der Gender Studies deutlich gemacht – Urheber/in: Joanna Kosinska. Public Domain.

Verschiedene Kräfte greifen heute die Geschlechterforschung an: die rechtspopulistische Partei AfD, ultrareligiöse Kreise und antifeministische Männerrechtler*innen von liberal bis rechtsaußen. Sie argumentieren meist pauschal und abwertend, während sie auf die Theorien, Forschungen oder Ergebnisse der Geschlechterforschung kaum eingehen. So heißt es: „Gender ist gaga!“ und nicht „Die Untersuchungen z.B. über Frauengesundheit sind theoretisch und methodologisch unwissenschaftlich, weil…“. Teils fordern sie die Abschaffung der Geschlechterforschung, was die Freiheit der Wissenschaft bedroht, die immerhin im Grundgesetz garantiert ist. Wenn man unter Antifeminismus die Strömungen versteht, die gegen Geschlechterforschung, "Gender", Feminismus oder Geschlechtergleichheit mobilisieren, sind diese Angriffe meist dem Antifeminismus und nicht einer (informierten) Geschlechterkritik zuzuordnen.

Die Angriffe kommen fast ausschließlich von außerhalb der Wissenschaft. Dabei ist zu bedenken, dass sich die Geschlechterforschung ja in wissenschaftsinternen Debatten und Evaluierungen bewähren und durchsetzen musste. Sie hat sich also der wissenschaftlichen Kritik bereits umfassend gestellt und setzt sich weiter damit auseinander. Die Hauptvorwürfe an sie lauten:

  1. Sie sei nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch. Diese Behauptung wird vertreten, ohne sie anhand von konkreten Untersuchungen oder auch nur relevanten Fällen aus der Geschlechterforschung zu belegen. Insofern erweist sie sich selbst als ideologisch.
  2. Sie verweigere sich der natürlichen oder biologischen Wahrheit, dass es nur zwei Geschlechter gibt.
  3. Sie fördere Homosexualität und Perversionen, im Extremfall auch sexuellen Missbrauch: Dieser Vorwurf ist besonders unverständlich, da erst die Geschlechterforschung seit 1980 den sexuellen Missbrauch aufgedeckt und kritisiert hat.
  4. Sie sei unnütz, fantasiere über 86 Geschlechter, Unisex-Toiletten oder das Sternchen* für den geschlechtsneutralen Plural und koste den Steuerzahler rausgeschmissenes Geld.

Im Folgenden will ich nun Grundlinien der Geschlechterforschung sehr knapp zusammenfassen. Es wird zu sehen sein, ob diese Vorwürfe an die Geschlechterforschung tatsächlich zutreffen und etwas mit ihr zu tun haben. Auf einzelne Forschungsfelder oder verschiedene Richtungen kann ich nicht eingehen, sondern hier nur auf einige Handbücher[1] hinweisen.

Geschlechterforschung als Geschlechter- und Gesellschaftskritik

Was ist Geschlechterforschung? Darunter werden die vielfältigen Ansätze gefasst, die sich mit Geschlecht in Kultur und Gesellschaft wissenschaftlich-kritisch auseinandersetzen. Sie arbeiten interdisziplinär, bauen auf verschiedenen Theorieansätzen auf und setzen eine Vielzahl empirischer Methoden ein. ‚Geschlecht’ bedeutet dabei ein sich weit öffnendes Netz wissenschaftlicher Fragen und eben keine Ideologie – es ruft dauernd Fragezeichen auf. Und diese Fragen richten sich zum einen auf die soziale und kulturelle Bedeutung von Geschlecht: Sind z.B. Männer durch die Biologie zum ‚Kämpfer’ oder ‚Täter’ bestimmt, oder existiert eine Bandbreite von Männlichkeiten zwischen der hegemonialen und den untergeordneten Formen? Wie werden verschiedene Geschlechterbilder und -normen kulturell geschaffen und institutionell verankert? Zum anderen fragt die Geschlechterforschung, warum und wie Geschlecht soziale Ungleichheiten begründet: Warum leisten Frauen weiterhin den Löwenanteil der Versorgungsarbeit, und haben geringere Löhne und politische Macht? Warum fallen einige Jungen aus der Bildung heraus? Geschlecht wird als Strukturkategorie von Ungleichheit verstanden. In intersektionaler Sicht wird gefragt, wie es mit anderen Ungleichheitskategorien wie Klasse, Migration oder Begehren zusammenwirkt. In diesem Sinne versteht sich die Geschlechterforschung als Geschlechter- und Gesellschaftskritik, die sowohl die vorherrschenden Ansätze zu Geschlecht und zu Gesellschaft, wie auch ihre eigenen Konzepte kritisch hinterfragt. Ihre Ergebnisse sind meist wichtig für Reformen und den sozialen Wandel: Einige Leitthemen waren die unbezahlte Versorgungsarbeit und die bezahlte Care-Arbeit, die sexuelle Vielfalt, die Gewalt im Geschlechterverhältnis, die globale Geschlechterungleichheit und Wege zur Geschlechterdemokratie.

In den Angriffen wird manchmal nicht zwischen Geschlechterforschung, Feminismus oder Gender Mainstreaming unterschieden. Deswegen eine paar Worte zur Klarstellung: Die Geschlechterforschung arbeitet im Feld der Wissenschaft auf der Grundlage von Theorien und empirischen Untersuchungen, wobei sie den Stand der Forschung, auch ihre eigenen Ergebnisse, kritisch bearbeitet und weiterführt. Zugleich hat sie sich im Austausch mit der Praxis entwickelt und steht im Dialog mit ihr. Ähnlich verhält es sich mit dem Spannungsfeld zwischen Geschlechterforschung und Feminismus. Sie kann und wird Forschungsfragen aus der Praxis und den feministischen Debatten beziehen. Aber sie wird sie für die empirische Forschung kritisch methodisch aufbereiten und sie von ihrer Beobachterposition her unabhängig bearbeiten. Wenn sie diese Distanz nicht einhält, verfehlt sie ihren Sinn und kann der Praxis nicht das zurückgeben, was diese braucht, nämlich theoretisch und methodisch ausgewiesene Ergebnisse. Eben das Bewusstsein der unterschiedlichen Positionen der Geschlechterforschung, der Praxis und des Feminismus ermöglicht einen fruchtbaren Austausch.

Gesellschaftliche Gestaltung oder die Macht der Gene?

In einem ist sich die sehr diverse Geschlechterforschung einig: Geschlecht stellt keine eindeutige biologische Bestimmung oder gar ein Schicksal dar, sondern wird durch kulturelle und soziale Prozesse in bestimmten Kontexten gestaltet. Das zeigen schon die vergleichende Ethnologie oder die Geschichtswissenschaft: Am Beispiel etwa von kriegerischen Königinnen in Westafrika oder den kinderversorgenden Vätern bei den Trobriandern haben sie dargelegt, wie sich Geschlecht weltweit unterscheidet. Die Grundthese lautet knapp: Geschlecht ist sozial konstruiert. Der englische Begriff dafür lautet ‚Gender‘.

Die konstruktivistische Geschlechterforschung hat die These in zwei Punkten zugespitzt, wobei nicht alle anderen Forschungsrichtungen zustimmen: Erstens kommt Geschlecht nicht aus einem sozialen ‚Wesen’ von Frauen oder Männern, sondern es wird durch das soziale Wissen, insbesondere die Diskurse darüber, „wie Geschlecht sein soll“, geformt und vermittelt. In ihrem alltäglichen Leben stellen die Menschen ihre Vorstellung von ihrem Geschlecht dar, sie verkörpern den coolen Typen oder den sensiblen Vater oder die kluge und sexy Führungsfrau. In anderen Worten, entsprechend diesem Wissen wird Geschlecht ‚gespielt’, performativ dargestellt. Es erweist sich als Effekt von Gender-Diskursen und Wissen.

Zum Zweiten ist auch die Wahrnehmung der geschlechtlichen Körper, also von Sex, durch die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten, insbesondere die Sprache geformt. Auch wenn Biolog*innen oder Mediziner*innen durch das Mikroskop blicken, interpretieren sie ihr Material sprachlich und formen es dabei kulturell. Dabei verarbeiten sie den wahrgenommenen ‚Geschlechtskörper’ und setzen sich mit ihm auseinander. Das Verhältnis von ‚Biologie’ und ‚Kultur’, von biologischer Körperlichkeit und ihrer Wahrnehmung und sprachlich-kulturellen Verarbeitung, ist heute eine Schlüsselfrage für die Geschlechterforschung.

Die konstruktivistischen Ansätze behaupten allerdings keineswegs, dass Geschlecht beliebig wählbar wäre und Menschen gar zwischen verschiedenen Gendern hin- und herspringen könnten. Denn indem Geschlecht als Natur aufgefasst und so im Wissen verankert wird, wird es zur Herausforderung wie zur Zwangsnorm für die Menschen, die ihre Selbstbilder und Lebensentwürfe in Auseinandersetzung damit entwickeln und gewinnen. Keine Frau, keine Lesbe und keine Mann-zu-Frau-Transsexuelle entgeht etwa der Anforderung, sich mit weiblichen Körpernormen wie „schön und schlank Sein!“ auseinanderzusetzen und ihren eigenen Weg zu finden, wenn auch auf verschiedene Weisen. Die Geschlechterforschung beschäftigt sich mit den Zwängen, den Ambivalenzen und den Freiheitschancen, die dem Geschlecht innewohnen. Sie führt die Frage von Simone de Beauvoir radikal fort, was es heißt, dass man ‚zur Frau oder zum Mann gemacht wird’ und was alle Geschlechter damit machen und machen können.

Allerdings ist die Frage weiter offen, wie sich soziale und biologische Einflüsse vermischen und miteinander wechselwirken. Die Geschlechterforschung hat die einlinige biologische Festlegung aus dem 19. Jahrhundert durchbrochen, die davon ausging, dass Menschen durch ‚die Biologie’ in zwei Geschlechter auseinanderfallen und dadurch programmiert sind: die einen zum Autobauen und die anderen zum Kinderwickeln. Die Gene sind nicht allmächtig, auch wenn das gerade in Bezug auf Männer behauptet wird. Auch in der biologischen Forschung gibt es wichtige neue Ansätze dazu etwa in der Forschung zu Hormonen, zur Entwicklungsbiologie oder der Gehirnforschung[2]. Aber wie Kultur, Gene und Hormone in der Konstruktion der Geschlechter zusammenwirken, ist ein sich öffnendes Forschungsfeld.

Vom Nutzen der Geschlechterforschung

Aus dieser Skizze der Geschlechterforschung lässt sich entnehmen, dass die antifeministischen Vorwürfe an ihr vorbeigehen. Die Ideologie-Unterstellung fällt eher auf die zurück, die sie dauernd ohne ernsthafte Belege verbreiten. Die Frage der Biologie wird in Teilen der Geschlechterforschung ernsthaft weiter diskutiert, bildet jedoch nur ein Forschungsfeld von vielen anderen. Die Forschungen zu sexueller Vielfalt und LGBTTI[3] beschäftigen sich mit Homosexualität, Transsexualität, Intersexualität und tragen zu einem differenzierteren Genderwissen bei. Insofern vermitteln sie Grundlagen zu einer eigenständigen individuellen Auseinandersetzung damit und wirken einer heteronormativen Abwertung und Ausgrenzung entgegen. Man kann schon nachfragen, welches Bild von freien Menschen, Sexualität und Wissenschaft zugrunde liegt, wenn das zur ‚Förderung von Perversion’ umgemünzt wird.   

Eine Schlussbemerkung zum Nutzen der Geschlechterforschung. Gegenwärtig verändern sich die Gesellschaft wie auch die Geschlechterverhältnisse grundlegend. Wir stehen vor grundlegenden Herausforderungen wie dem demographischen Wandel und der Alterung mit ihrem Pflegebedarf, der Neuverteilung von Arbeit – der Care-Arbeit wie der schwindenden Lohnarbeit, der Zukunft der Demokratie. Man wird sie nur verstehen und ihnen begegnen können, wenn ihre Geschlechterdimension wahrgenommen und erforscht wird. Wer wird wen pflegen, wer wird wo und wie arbeiten, wer kann wie teilhaben in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft? Wer die Geschlechterforschung abschaffen will, will verhindern, dass über die geschlechtliche Ungleichheit und die mögliche Gleichstellung in diesen Prozessen wissenschaftlich informiert diskutiert wird. Das sind häufig die gleichen, die die biologistische Lösung aus dem 19. Jahrhundert, den Ernährer und Hausvater und seine Hausfrau, für völlig veränderte Verhältnisse propagieren.

Weiterhin denken viele Menschen darüber nach, wie sie sich mit Geschlechterbildern und -normen auseinandersetzen und damit umgehen wollen: Junge Frauen und Männer wollen überwiegend Gleichheit in ihren Partnerschaften, viele Väter wollen Elternzeit nehmen und LGBTTI-Personen fordern Gleichheit und Anerkennung auch im Alltag. In anderen Worten, Geschlecht ist reflexiv geworden, Menschen denken darüber nach und gestalten ihr Leben dadurch freier. Auch wenn das Verunsicherungen bringt, eröffnet das Reflexivwerden des Geschlechts und die Einsicht seiner sozialen Konstruktion individuelle Freiheitsräume. Wer Geschlechterforschung und wissenschaftliches Geschlechterwissen bekämpft, will diese Freiräume einschränken oder abschaffen. Aber Forschung und Wissenschaft haben immer wieder den Beton von Einschüchterung und Kontrolle durchbrochen und sie wachsen und blühen weiter.

 

[1] Becker, Ruth, Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung - Theorie, Methoden, Empirie, Springer VS 2010, http://www.springer.com/de/book/9783531171708

Beate Kortendiek, Birgit Riegraf und Katja Sabisch (Hg.): Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. Wiesbaden: Springer VS 2018 (Im Erscheinen).

Aulenbacher, Brigitte; Meuser, Michael; Riegraf, Birgit: Soziologische Geschlechterforschung. Eine Einführung, Springer VS 2010, http://www.springer.com/de/book/9783531155845

Horlacher, Stefan, Jansen, Bettina, Schwanebeck, Wieland (Hrsg.): Männlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch. Springer VS 2016  http://www.springer.com/de/book/9783476023933

[2] Kerstin Palm (2015): Das Biologische ist auch sozial. Tagesspiegle vom 8.9.2015 https://www.tagesspiegel.de/wissen/serie-gender-in-der-forschung-2-das-biologische-ist-auch-sozial/12288880-all.html

Kerstin Palm (2017): Biologie: materielle Dimensionen von Geschlecht in biologisch-kritischer Perspektive. In: Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung (2018), https://link.springer.com/referenceworkentry/10.1007%2F978-3-658-12500-4_137-1

[3] Unter dieser Abkürzung werden verschiedene geschlechtliche Lebensweisen und Identitäten zusammengefasst: Lesbisch, Schwul (Gay), bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell

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