Mental Health

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Feministischer Zwischenruf

Sichtbarkeit für Unsichtbares zu schaffen, politische Handlungsfähigkeit in ein tabuisiertes und schambesetztes Feld zu pflanzen, ist nicht einfach. Vor allem wenn man dafür auf echte Biographien zurückgreift. Ich rede von seelischer Gesundheit.

Woman touching her face.Woman touching her face. – Urheber/in: Andrei Lazarev via unplash. Public Domain.

Dear normally crazy viewers,

Sichtbarkeit für Unsichtbares zu schaffen, politische Handlungsfähigkeit in ein tabuisiertes und schambesetztes Feld zu pflanzen, ist nicht einfach. Vor allem wenn man dafür auf echte Biographien zurückgreift. Ich rede von seelischer Gesundheit.

Dass der ICD10 als internationales Klassifikationssystem psychischer Erkrankungen unbedingt und immerfort zeitnah auf Kritik von Betroffenen reagieren muss, hat unter anderem die Geschichte der Pathologisierung von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit gezeigt. Ein Leben und Überleben mit und ohne Diagnose, mit und ohne psychiatrischen Zugriff, mit und ohne Medikamentierung kann sehr unterschiedlich verlaufen.

Auch in der TV-Serienlandschaft widmen sich diverse Produktionen dem Thema Mental Health und erweitern darüber das Register soziopolitischer Gegenwartsdiskurse. Im Gegensatz zu vielen körperlichen Behinderungen oder Erkrankungen sind Spleens, Ticks, Essstörungen, Depressionen, Ängste, Manien, Traumatisierungen, Paranoia und Psychosen nicht auf den ersten Blick erkennbar. Das kann vor Vorurteilen schützen, trägt aber auch zur gesellschaftlichen Unsichtbarkeit bei. Einige Erkrankungen zeigen sich erst im Handeln, in der zwischenmenschlichen Interaktion. Andere finden ausschließlich im Inneren statt und werden – vielfach aufgrund sozialer Unerwünschtheit in der Leistungsgesellschaft – auch von Betroffenen unterdrückt, nicht artikuliert, nicht ins Leben integriert und damit in einen Zustand des Schwelens gebracht. Die Dethematisierung vor sich selbst, dem Umfeld und der Gesellschaft nährt das Tabu des Verrücktseins. Das ist nicht nur für die Lebensqualität Betroffener und Angehöriger miserabel. Angesichts der Tödlichkeit einiger psychischer Erkrankungen ist es auch fatal.

Sookee ist Rapperin und Feministin, politisch und in Partylaune, kämpferisch und harmoniebedürftig. Widersprüche sind eine ihrer leichtesten Übungen, wie sich auf 6 Solo-Releases und dutzenden Kollabos nachhören lässt. Sookee lebt in Berlin und streut von dort aus Idealismus und kritische Analysen auf internationale Bühnen, Podien, Squats, Feuilletons und in die Biographien vieler Menschen.

Serien geben viel Raum für individuelle Entwicklungen

Serien bieten, ähnlich wie Romane, für die Charakterentwicklung von Figuren viel Platz. Das Format eignet sich daher um diskursive Zuwendung anzubieten. So stellen etwa United States of Tara mit Toni Collette in der Hauptrolle und 13 Reasons Why mit Hannah Baker als Protagonistin den Umgang mit seelischen Erkrankungen ins Zentrum, die auf der Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und individuellem Erleben beruhen.

Tara wird eine dissoziative Identitätsstörung diagnostiziert. Sie entscheidet sich gegen die Einnahme von Medikamenten, um ihre künstlerische Kreativität und sexuelles Empfinden nicht zu verlieren. Die Figur konfrontiert ihre Familie konkret mit den Folgen ihrer Erkrankung. Die jugendliche Protagonistin in 13 Reasons Why hingegen erzählt eine andere Geschichte. Hannah Baker schildert rückblickend die Monate bis zu ihrem Suizid. Alles, worunter sie leidet, sind Mobbing, Slutshaming, Victim Blaming und mangelnde Unterstützung. Psychisch krank ist sie nicht.  13 Reasons Why wurde wegen seiner tendenziösen Romantisierung von Hannas Erlebnissen und mehr noch der full frontal Ästhetisierung ihrer Selbsttötung und der Nachahmungsgefahr, die sich aus einem Stoff mit solchem Identifikationspotential ergeben kann, heftig kritisiert. Die Macher*innen der Serie haben mit reichlich Sekundärmaterial auf diese Kritik reagiert und der Serie somit in Teilen ihre fiktive Distanz genommen. Mit Beginn der zweiten Staffel findet sich zu jeder Folge ein Disclaimer, der den nachfolgenden Inhalt ankündigt und dem Publikum die Möglichkeit professioneller Unterstützung Kontakte an die Hand gibt.

Wie umgehen mit Autismus?

Anders als bei Hannah und Tara wird im Falle der von Keir Gilchrist gespielten autistischen Hauptfigur in Atypical kein traumatisches Ereignis zum Ausgangspunkt der Geschichte genommen. Sam Gardner befindet sich wie die meisten Teenager*innen im inneren Aushandlungsprozess des Erwachsenwerdens, inklusive dem sexuellen Erwachen, der Abnabelung von den Eltern und der Suche nach einem stimmigen Lebensentwurf. Und sicherlich: Es gibt nicht die eine Form, sondern unzählige Varianten von Autismus. Insofern kann eine Serie nie genügen und wird in der Tendenz immer pauschalisierend erzählen. Was sie aber auf jeden Fall mittels der zusätzlichen Charaktere ermöglicht, ist die Darstellung des Umgangs mit der betroffenen Person und der Betroffenheit von Angehörigen, Freund*innen und weiteren Menschen im Umfeld.

Eine Serie, die das Potenzial hat, Sehgewohnheiten und Rezeptionsstrategien gehörig durchzurütteln, ist die australische Produktion Please Like Me um den schwulen Josh Thomas.  Fast alle Charaktere sind schräg oder schrullig, leiden explizit unter einem psychischen Druck, brechen zusammen und kommen in die Psychiatrie. Die Übergänge sind fließend. Jede einzelne Figur struggelt sich durch Überforderungen und das Mühen um Liebe und Anerkennung durchs Leben. Allen voran die von Hannah Gadsby gespielte Hannah: Sie ist als depressiv diagnostiziert und psychiatrisiert und gerät immer wieder in Momente, in denen sie sich massiv selbst verletzt. Dennoch sind es weder Mitleid noch Sensationalismus, die die Verbindung zu ihr und den anderen Figuren ausmachen.

Vielmehr erlaubt die realistische Färbung der Serie immer wieder die Beobachtung, dass Diagnosen und Psychiatrisierung nicht die Demarkationslinie für Gesundheit und Krankheit sein müssen. Dass zwischen Kategorialem und Klassifikation viel Raum ist, dass einfühlsam praktiziertes Expert*innenwissen Leben retten kann, dass aber die Betroffenenperspektive nun mal das Zentrum der Lebensrealität und damit unhinterfragbar ist. Dass ein Zuviel des Mental Load irgendwann zu einer verkapselten - womöglich diagnostizierbaren - Schieflage in der mentalen Gesundheit werden und erheblichen Leidensdruck verursachen kann. Dass letztlich jede Person in diesem graduellen Feld im Laufe einer Biographie Berührungspunkte hat, Einblicke gewinnt, Erfahrungen macht, dass im Prinzip jeder Charakter, ob real oder fiktiv vor nichts in der Welt gefeit ist. Das alles machen die genannten Serien sichtbar und besprechbar. Das ist ihr großes Verdienst.

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