Strong Black Lead

Strong Black Lead

Feministischer Zwischenruf

Netflix startete in diesem Sommer die Initiative „Strong Black Lead“, die die Arbeit von Schwarzen Autor*innen, Produzent*innen und Schauspieler*innen zentralisiert. Nicht nur nach dem überragende Erfolg des afrofuturistische „Black Panther“​ schon lange überfällig.

Urheber/in: freestocks.org. Public Domain.

Anfang des Jahres erfüllte der afrofuturistische „Black Panther“ eine lang gehegte Sehnsucht vieler Menschen. Der drittumsatzstärkste US- Spielfilm aller Zeiten, wurde inmitten des von Trumpismus überzogenen US-Amerika zu einem überragenden Erfolg: Der Film und seine Darsteller*innen wurden dutzendfach nominiert und ausgezeichnet. Das „Black Panther“-Universum zeigte einmal mehr die Notwendigkeit, Schwarzer kultureller Artikulation den Raum zu geben, den eine mehrheitsweiße Kulturindustrie bislang unter Verschluss hielt. Der Impact kann gar nicht genug betont und gefeiert werden. Zumal mit #OscarsSoWhite bereits 2016 die fehlende Repräsentanz von Schwarzen Protagonist*innen auf den Leinwänden und deren Wertschätzung mittels Auszeichnungen skandalisiert wurde.

Sookee ist Rapperin und Feministin, politisch und in Partylaune, kämpferisch und harmoniebedürftig. Widersprüche sind eine ihrer leichtesten Übungen, wie sich auf 6 Solo-Releases und dutzenden Kollabos nachhören lässt. Sookee lebt in Berlin und streut von dort aus Idealismus und kritische Analysen auf internationale Bühnen, Podien, Squats, Feuilletons und in die Biographien vieler Menschen.

Netflix zog diesen Sommer nach und startete die Initiative „Strong Black Lead“, die die Arbeit von Schwarzen Autor*innen, Produzent*innen und Schauspieler*innen zentralisiert.

Die Zeit, in denen halbherzig auf Diversity gebürstete Serienproduktionen einige wenige Schwarze Figuren als Sidekicks der weißen Hauptcharaktere einsetzt, scheint endlich ihre Legitimation eingebüßt zu haben. Viel mehr stehen nun auf dem Streaming-Riesen zahlreiche Serien zur Verfügung, die ihre Geschichten in Schwarzen Communities ansiedeln.

Die auf dem gleichnamigen Film basierende ebenfalls von Spike Lee produzierte Serie „She’s gotta have it“ erzählt zum Beispiel die Geschichte der jungen Malerin Nola Darling, in deren polyamourösen Leben ein Freiheitswunsch auf die Realität von sexualisierter Gewalt trifft. In ihrer Kunst sucht Nola einen Umgang mit dieser Spannung und schafft es, sowohl auf den Leinwänden der Straße von New York als auch in Galerien ihre persönliche Schwarze weibliche Sicht auf die Frage nach Selbstbestimmung und Integrität zu ergründen.

Noch stärker steht das Thema Schwarzer Identität inmitten einer überwiegend rassistischen, mehrheitsweißen Gesellschaft im Zentrum der Campus-Serie „Dear White People“. Unumwunden wird hier die Diskursmacht weißer Perspektiven als gesellschaftliche Maßgabe in Alltag, Medien, Kultur, Akademia und Politik in jeder Folge veranschaulicht, analysiert und grundlegend abgelehnt. Daneben gestaltet sich aber auch die Austragung des Konflikts um die Fraternisierung mit dem weißen Establishment zum Zwecke des sozialen Aufstiegs innerhalb der Community als wichtiger Erzählstrang aus. Im universitären Kontext sind die Charaktere rund um die Radiomacherin Sam White nicht nur in der theoretischen Debatte, sondern auch in der realen Konfrontation von rassistischen Auswüchsen umgeben. Die Serie sei rassistisch Weißen gegenüber, hieß es vielfach. Aber auch dieser Angriff wird im Plot antizipiert und zeigt ausdrucksstark, welchen Kraftakt Schwarze und Menschen of Color seit Jahrhunderten aufbringen müssen, um Rassismus die Stirn zu bieten.

Zwar verspielter und im musikalischen Gewand lädt „The Get Down“ in die Entstehungszeit von HipHop ein, aber berichtet eindrucksreich von eben diesen Überlebenskämpfen in einer von Armut zerfurchten Bronx der 1970er Jahre. Vier jugendliche Freunde treffen auf den anfänglich magisch inszenierten DJ Shaolin Fantastic, steigen mit ihm in die Welt von Graffiti, Breaking und Rap ein und riskieren Kopf und Kragen, um mit HipHop die Perspektivlosigkeit ihres Viertels zu überwinden und in eine aufregende, glanzvolle Zukunft zu führen. Der junge Poet Zeke und seine Crew blühen im neugewonnen Freiraum dieser sich mit ihnen entwickelnden Kultur auf und schaffen es sogar sich unter dem Flügel der Zulu Nation von Afrika Bambaataa, der genau wie Grandmaster Flash und Kool Herc als HipHop-historische Figuren Teil der Geschichte ist, auf die Unity-Seite der sonst von Gang Fights zermürbten New Yorker Szene zu bringen. Besonders stark sind die Anfangssequenzen der Folgen, in denen die MC-Ikone Nas dem Erwachsenen Zeke als „Books“ seine Stimme leiht. Books rappt vor feierndem Publikum retrospektiv die Geschichte seiner Jugend und entlässt uns so hoffnungsvoll in jede Episode.

Zwei wichtige Aspekte versammelt die Musical-Serie noch auf sich: Zum einen wird die Beteiligung latino-amerikanischer Jugendlicher an der Entstehung von HipHop markiert, was vielfach in der Geschichtsschreibung dieser Kultur als Schwarze Kultur unbenannt bleibt.

Zu dem sorgt Jaden Smith als Graffiti-Sprüher Dizzee alias Rumi 411 in der Lovestory mit seinem Writer-Kollegen Thor dafür, dass die HipHop-History auch um einen queeren Strang ergänzt wird.

Eine queere Selbstverständlichkeit lebt auch die Lehrerin Anissa Pierce, die ebenso wie ihre Schwester und ihr Vater als unfreiwillige Superheldin „Thunder“ in der Actiondrama-Serie „Black Lightning“ für Gerechtigkeit kämpft. Ebenso wie „Luke Cage“ versucht sie, die gefährliche Anziehung der Verantwortung, die mit ihren Kräften einhergeht, ins Leben zwischen Liebe und Familie zu balancieren. In „Luke Cage“ werden überdies Polizeigewalt, medialer Rassismus und auch Krieg innerhalb der Community in die Abenteuer der interessanten Männerfigur thematisch eingewoben. Es gibt einen auffallend solidarischen und großherzigen Umgang zwischen dem Superhelden und seinen Freundinnen, Partnerinnen und Kolleginnen.

Die liebe- und respektvolle Ehe zwischen Ruby und Stan Hill in „Good Girls“ zieht genauso die Aufmerksamkeit auf sich, wie die Performance des männlichkeitskritischen Terry Crews als Detective „Terry Jeffords“, der in der Polizeicomedy „Brookly Nine Nine“ ganz offensichtlich seine Rolle als Sprachrohr nutzt.

Alle Serien lohnen sich. Schaut sie Euch an!

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