Feminismus als Comic – die beste Geschichtsstunde

Feminismus als Comic – die beste Geschichtsstunde

In den aktuell mit viel Verve geführten feministischen Debatten geht der Blick auf die Geschichte oft verloren. Dabei könnten wir viel von unseren Vorgängerinnen aus den letzten zwei Jahrtausenden lernen. Drei Comics von Antje Schrupp und Patu, Pénélope Bagieu und Julia Zejn geben einen guten Überblick darüber, wen man kennen und was man lesen sollte.

Unerschroken 1 - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen von Pénélope Bagieu — Bildnachweise

Die deutschsprachige Comicszene ist weiblicher geworden: Beim Blick in die Frühjahrsprogramme der Verlage ist das nicht zu übersehen. Auch immer mehr feministische Comics finden sich auf diesen Listen. Liv Strömquist, die schwedische Künstlerin, deren eigenwilliger Zeichenstil und klare feministische Kante in ihrer Heimat legendär sind, ist mittlerweile auch in Deutschland zum Superstar avanciert. Doch neben dezidiert aktivistischen Büchern gibt es neuerdings Comics, die sich der Geschichte des Feminismus widmen und deren Mission es ist, die Vorgängerinnen von Beauvoir, Butler und Crenshaw aus der historischen Versenkung zu holen. Warum sich die Lektüre lohnt? Viele der Problematiken, die wir aktuell diskutieren, waren früher schon einmal Thema. Was läge da näher als von unseren feministischen Vorgängerinnen zu lernen? 

Kleine Geschichte des Feminismus von Antje Schruppt und Patu — Bildnachweise
Einen kompakten Überblick über die Geschichte des Feminismus haben die Journalistin Antje Schrupp und die Zeichnerin Patu schon 2015 veröffentlicht. Bemerkenswert ist das im Unrast Verlag erschienene Büchlein aus zwei Gründen: Zum einen machen die zwei Autorinnen schon im Titel deutlich, dass sie sich der geografischen Grenzen ihrer Arbeit durchaus bewusst sind. Ihre Kleine Geschichte des Feminismus trägt den Zusatz im euro-amerikanischen Kontext. Was eigentlich normal sein sollte für Bücher, die fast ausschließlich Denker*innen aus Europa und den USA vorstellen, wird doch regelmäßig unterschlagen. Der zweite Grund, der diesen Sachcomic lesenswert macht, ist die Vielfalt der Thesen und Positionen der vorgestellten Feministinnen.

So entdeckt man im Kapitel über das Mittelalter die französische Philosophin Christine de Pizan, deren allegorische Erzählung Stadt der Frauen (1405) auf jeder feministischen Lektüreliste stehen sollte. De Pizan gilt übrigens als die erste Französin, die von der Schriftstellerei leben konnte. Eine andere tolle Frau, die man kennen sollte, ist die US-amerikanische Wanderpredigerin Sojourner Truth. Als ehemalige Sklavin prangerte sie schon im 19. Jahrhundert die Verschränkung von Sexismus, Rassismus und Klassismus an, die wir heute mit dem Ansatz der Intersektionalität untersuchen. An manchen Stellen hätte man sich allerdings mehr Fakten und weniger historisch-geografische Vermischungen gewünscht, z.B. im Kapitel zur Antike. Auch ist das Buch sehr textlastig, dem Comic wird nicht immer genug Raum gegeben. Als Inspiration, welche Autorinnen der letzten 2000 Jahre man unbedingt lesen sollte, eignet es sich aber auf jeden Fall.

Unerschrocken 1 - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen von Pénélope Bagieu — Bildnachweise
Die französische Zeichnerin Pénélope Bagieu will mit ihrem Comic Unerschrocken, der auf Französisch unter dem bedeutungsvolleren Titel Les Culottées (Reprodukt 2017-2018) erschienen ist (das französische „culotté“ bedeutet auf Deutsch frech, aber auch draufgängerisch, ist also sowohl positiv wie negativ besetzt. Ursprünglich kommt das Adjektiv von der „culotte“, der langen Unterhose oder Kniebundhose; AdR), etwas Ähnliches erreichen wie Schrupp und Patu. Ihr zweibändiges Werk richtet sich vor allem an jüngere Frauen, denen Bagieu zeigen will, wie viele spannende Kriegerinnen, Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen es in den letzten zwei Jahrtausenden gab. Doch auch Erwachsene können in dem Buch einiges entdecken, denn Bagieus Comic sprengt alle geografischen, linguistischen und kulturellen Grenzen: So porträtiert sie z.B. die chinesische Kaiserin Wu Zetian, die liberianische Feministin und Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee, die kurdisch-syrische Freiheitskämpferin Naziq Al-Abid, die gegen die osmanischen und französischen Kolonialherren aufbegehrte, und vier Schwestern, „Las Mariposas“, die in den 1950er-Jahren in der Dominikanischen Republik gegen Diktator Rafael Trujillo kämpften. Auch die afghanische Rapperin Sonita Alizadeh hat ihren Platz im Buch.

Nicht porträtiert hat Bagieu die großen Namen des europäischen Feminismus, über die man ohnehin schon genug in anderen Büchern lesen kann. Die Lebensgeschichten der unerschrockenen Frauen, auf die Bagieu sich konzentriert, hat sie anhand von Dokumenten und Biografien rekonstruiert. Jedes Datum und jede Aussage sollten sitzen. Ein bisschen summarisch kommen manche Porträts wegen ihrer Kürze trotzdem daher. Auch hier gilt: Bagieus Comic ist eine gute Inspirationsquelle, um anschließend selbst weiterzulesen.

Drei Wege von Julia Zejn — Bildnachweise
Einen ganz anderen Weg, die Geschichte des Feminismus im Comic zu verarbeiten, hat die deutsche Zeichnerin Julia Zejn eingeschlagen. Ihr erstes Buch, Drei Wege, ist Ende 2018 im avant-verlag erschienen. Zejn stellt darin drei Lebensgeschichten einander gegenüber: Ida ist Hausmädchen bei einer reichen Berliner Familie, es ist 1918 und der Erste Weltkrieg ist fast vorbei. Marlies kommt aus einer Arbeiter*innenfamilie, jobbt in einem Café und freundet sich 1968 mit einem Aktivisten des Berliner Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) an. Selin hat gerade ihr Abitur geschafft, lässt sich durch das Berlin von 2018 treiben und schmiedet keine Zukunftspläne. Alle drei sind als Frauen in gesellschaftlichen Strukturen gefangen, die es ihnen nicht erlauben, ihr Leben so zu führen wie sie es gern wollen.

Julia Zejn vermeidet es in ihrem Comic gekonnt, einfachen Erklärungsmustern oder Verallgemeinerungen aufzusitzen. Auch fügt sie keine Erklärtexte in die Erzählung ein, die z.B. historische Begebenheiten erläuterten. Vieles wird im Fluss der Ereignisse klar, im Zusammenspiel von Bild, Text und Leerraum zwischen den Panels. Drei Wege ist damit eindeutig Literatur und von einem Sachcomic so weit entfernt wie nur möglich. Einsichten in historische Zustände liefert der Comic aber trotzdem. Eben diese Mischung aus historischer Grundlage, Erzähl- und Zeichenkunst macht Zejns Buch so spannend. Am Ende wünscht man sich doch glatt, es hätte doppelt so viele Seiten gehabt. Ob ein zweiter Band in Planung ist, hat die Autorin noch nicht verlauten lassen. Wir hoffen es!

Lilian Pithan studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Romanistik und Anglistik in Tübingen und Paris. Seit 2013 arbeitet sie als freiberufliche Journalistin in Berlin, wo sie Projekte zu interkulturellem und grafischem Journalismus leitet. Sie ist Redakteurin des deutsch-arabischen Kulturmagazins FANN und Kuratorin der Arabisch-deutschen Literaturtage Berlin. Daneben arbeitet sie als Übersetzerin für Französisch und Englisch.

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