Getrennt marschieren - vereint argumentieren

„Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.”

Lieber Herr Schiller, dass mag vielleicht mal ganz gut gegolten haben, als alles ein bisschen einfacher war. In unserer heutigen Zeit ergibt sie sich leider nicht mehr von alleine. In der heutigen Welt bedeutet Würde mehr als die Abdeckung grundständiger Bedürfnisse wie Hunger und Obdach - Unversehrtheit, Räume, Möglichkeiten, die über Notwendigkeiten hinausgehen, auch das hat und muss im Kontext von Würde Wertigkeit haben. Fehlen diese, zum Beispiel durch Fluchterfahrung oder diskriminierende gesellschaftliche Erfahrungen mit dem Thema sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität, dann steht nichts weniger zur Debatte als eben diese Würde.

Das Expert*innentreffen „Queer and Here” wirft ein Licht auf die besondere Schutzbedürftigkeit queerer Menschen mit Fluchterfahrung.

Die im Februar 2018 eröffnete Arabische Bibliothek Bayatna gleich neben dem Berliner Schloss ist für ein deutschlandweites Expert*innentreffen eine optimale Umgebung. Ihr weißes hohes Gewölbe, ihre leicht verschiebbaren Regalelemente, ihre lichte, aber dezente Beleuchtung beeindrucken sowohl Besuchende, als auch Workshop- und Kongressteilnehmende.

Auf Einladung der Kooperative des Gunda-Werner-Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Mentor*innenprogramm des Zentrums für Migranten, Lesben und Schwule (MILES) fand hier 2019 auf Initiative des syrischen Studenten Mohammad Dalla - das bundesweite Expert*innentreffen „Queer and Here” statt.

Eingeladen waren rund 25 queere Initiativgründer*innen, Verbandsmitarbeiter*innen und Vernetzungskünstler*innen mit Fluchthintergrund. Sie alle sind sozialpolitisch aktiv. Sie alle sind interkulturelle Pionier*innen. Sie alle wollen etwas verändern. Sie alle haben einen tiefen Respekt vor der Unterschiedlichkeit aller Lebensformen.

Nun, worum geht es ihnen?

Obwohl der europäische Gerichtshof in der Direktive 2013/33/EU die besondere Schutzbedürftigkeit bestimmter geflüchteter Personengruppen spezifizierte, obliegt es weiterhin den einzelnen Staaten, ob sie queere Geflüchtete in die interpretationsoffene Direktive miteinbeziehen. Obwohl namentlich nicht erwähnt, sind diese in vielen Punkten indirekt angesprochen. In einigen Ländern werden die ersten Schritte in die richtige Richtung unternommen. Und in Deutschland? Dem Land, das erst 2017 die Ehe für Alle geöffnet hat und sich damit nicht gerade zu den Vorreiter*innen in Fragen der Gleichberechtigung und der Sachverständigkeit bezüglich der die sexuelle Identität betreffenden Diversität zählen kann?

In Deutschland ist nicht viel passiert.

Bis auf ein kleines gallisches Dorf – Berlin 2015 – hat noch kein weiteres Bundesland die besondere Schutzbedürftigkeit queerer Personen erkannt beziehungsweise in seine Handlungsmaximen aufgenommen. Wie kann es sein, dass selbst hier zwei, drei Jahre nach der großen Aufregungen von 2015 und 2016 die themenspezifische Projektlage mehr und mehr zurückgefahren wird? Sieht so nachhaltige Inklusion oder Integration aus? Eine Frage, die viele engagierte LSBTIQ-Personen mit Fluchthintergrund umtreibt. Eine Teilnehmerin spricht aus, was alle, die sich am heutigen Tag im Bayatna zusammengefunden haben, denken: „It's unfortunate that you have to fight for the rights, that have already been given.”

Dabei war dieses erste Treffen ein erfolgreicher Aufschlag. Wie funktioniert Politik in diesem Land? Wie kann man mit begrenztem Rechtsstatus Lobbyismus betreiben? Wie die Entscheidungsträger:innen auf die Herausforderungen aufmerksam machen? Wie kann man Personen mit LSBTIQ-Hintergrund, die in Unterkünften ohne geschütze Räume untergebracht sind, ohne staatliche Unterstützung bestmöglich schützen? Und dazu passend basal: Wie lässt sich Wohnraum finden? Auf welchen Ebenen lassen sich Formen des Empowerments an- und umsetzen? Wie kann sich die einzelne Person gegen Frustration und das Gefühl der Vergeblichkeit der Bemühungen schützen?

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Während der Workshops vereint sich das Expert*innenwissen. Die psychosozialen Hilfsstrukturen prekär, der politische Wille zur Unterstützung opportun zur medialen Präsenz, die Verantwortlichkeiten gehen im strukturell-personalen Netz der verschiedenen Entscheidungsebenen verloren. Wie abhelfen? Explikation von Bedürfnissen und Forderungen, Interessenarbeit, wissenschaftliche Untersuchungen initiieren, Handlungsrichtlinien ausarbeiten in evtl. Anlehnung an andere, von der besonderen Schutzbedürftigkeit betroffenen Gruppen, Kooperation mittels Interessengemeinschaftsgründung, Vernetzung, langfristige Ausrichtung und Aufmerksamkeit. Einzeln wirken, gemeinsam walten. Also im Kern: Explifizieren und Solidarisieren.

Der Initiator Mohammad Dalla hat bewiesen, dass Ideen – konsequent verfolgt – Menschen zusammenbringen und Synergien schaffen können. Diese aufzunehmen und weiterzuverfolgen liegt jetzt an uns, damit sinngemäß in den Worten eines Teilnehmers, Leute die später kommen, eine bessere Struktur vorfinden.

Und Herr Schiller, nocheinmal in Ihren Worten?

„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!”

Worauf also warten? Auf geht’s.

Lesen Sie auch den Artikel „Queer and Here!” von Mohammad Dalla, Initiator des Expert*innennetzwerkes, auf unserer englischen Seite. Darin berichtet er über die Erfahrungen von queeren Geflüchteten in Deutschland. Als Minderheit innerhalb der Minderheit, benötigen queere Gelüchtete und jene, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität flüchten, einen besonderen Schutz. Mohammad Dalla fordert mehr Sichtbarkeit, nationale Richtlininen zur besonderen Schutzbedürftigkeit und Forschung zu den Erfahrungen von queeren Geflüchteten - als nötige Schritte für Sicherheit und Würde für alle.