Performing Gender: Gender und das Theater der Unterdrückten

Performing Gender: Gender und das Theater der Unterdrückten

Performing Gender: Gender und das Theater der Unterdrückten

Frauengruppe Osadía in Argentinien (Foto: © Aki Krishnamurthy)
Frauengruppe Osadía in Argentinien (Foto: © Aki Krishnamurthy)

Von Aki Krishnamurthy

Geschlechterrollen und Genderbilder werden in unserem täglichen Leben ständig produziert und reproduziert. Das heißt: Es sind nicht nur Gesetze, ökonomische Machtverteilung und soziale Konventionen, die ungleiche Geschlechterverhältnisse festschreiben, sondern auch und gerade unsere Sprache und unsere verkörperlichten Handlungen. Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler hat dies mit dem Begriff der „Performativität“ von Gender beschrieben.

Was liegt also näher, als sich mit Gender auf einer körperlich-sinnlichen Weise auseinanderzusetzen - mit zwei fundamentalen Elementen des Theaters: Sprache und Körper? Die Verknüpfung von Gender und Theater scheint verlockend. Doch wie genau? Und wozu?

Gender und Theater

Die Kategorie Gender bezeichnet das soziale Geschlecht von Menschen und kann nicht unabhängig von Machtverhältnissen gedacht werden. Das patriarchale Wertesystem, in dessen Zentrum die Norm der Heterosexualität in Verbindung mit klassischen Zuschreibungen von Männlichkeit und Weiblichkeit steht, birgt eine Fülle von Unterdrückungsmechanismen. Das Theater der Unterdrückten bietet eine wunderbare Möglichkeit, diese Unterdrückungsmechanismen nicht nur sichtbar und erfahrbar zu machen und sie dabei zu analysieren, sondern auch nach konkreten Transformationsmöglichkeiten zu suchen.

Jede/r kann Theater machen, alle können Schauspielen – sogar SchauspielerInnen! Dies ist die Grundannahme des Theater der Unterdrückten (TdU), das als politisch-pädagogisches Instrument - wie der Name bereits suggeriert - auf die Analyse und das Aufbrechen von Unterdrückungsverhältnissen zielt. Diese Form des Theaters wurde von dem kürzlich verstorbenen brasilianischen Theatermacher Augusto Boal entwickelt, der in radikaler Weise die Hierarchien zwischen aktiven Schau¬spielern und passiven Zu¬schau¬ern im konventionellen Theater hinterfragt hat.

Zur Methode des Theaters der Unterdrückten

Das TdU ist eine Theaterform, die ungerechte Machtverhältnisse anklagt und versucht, Handlungsalternativen für die Überwindung dieser Machtverhältnisse aus Perspektive der Unterdrückten zu suchen, sowie diese theatralisch zu erproben. Boal beschreibt TdU als „theatralisches Arsenal“, das dazu dient, sich hegemonialen Diskursen zu widersetzen -, immer mit dem Ziel gesellschaftlicher Transformation: „Schluss mit einem Theater, das die Realität nur interpretiert, es ist an der Zeit, sie zu verändern.“ (Augusto Boal) Wichtig ist, dass im die unterdrückte Person nicht als deprimiertes bzw. resigniertes Opfer betrachtet wird, sondern vielmehr als eine Persönlichkeit, die eine Ungerechtigkeit erfährt und auch versucht, gegen diese vorzugehen, um eigene Wünsche und Interessen durchzusetzen, (zunächst) jedoch dabei scheitert.

Die am meisten verwendete Technik dieser Methode ist das Forumtheater. Das Forumtheater stellt eine theatralisierte Frage an das Publikum zu einem Konflikt, den es zu lösen gilt. Ein Forumtheaterstück basiert auf den persönlichen Erfahrungen der SchauspielerInnen und zeigt eine Situation, die ein bestimmtes ungleiches Machtverhältnis in der Gesellschaft repräsentiert, welches wir zu überwinden suchen. Das Publikum wird auf die Bühne eingeladen, um gemeinsam mögliche Handlungsalternativen zu suchen und aufzuzeigen und wird somit zum/zur ZuschauspielerIn. Durch das eingreifende Handeln der ProtagonistInnen werden Handlungsmöglichkeiten zur Veränderung der eigenen Situation und des Umfeldes erprobt.

Immer mehr Forumtheaterstücke weltweit

Inzwischen gibt es weltweit eine Vielzahl von Theater der Unterdrückten-Gruppen, die auf kreative Weise eine Auseinandersetzung mit sozialen Missständen in ihrem Umfeld anregen (siehe z.B. www.theatreoftheoppressed.org). Und es ist sicherlich kein Zufall, dass sich unzählige Forumtheaterstücke mit dem Thema Gender befassen.

So arbeitet Mirella Galbiatti in Buenos Aires in einem Mütterzentrum mit der Frauengruppe Osadía zusammen mit der Verfasserin dieses Texts, in der zuletzt ein Forumstück zu häuslicher Gewalt erarbeitet wurde. Diese Erfahrung zeigte einmal mehr, wie vielseitig und bereichernd dieser Lernprozess ist - und wie emanzipierend er sein kann! Bereits die Erarbeitung des Theaterstücks erzeugte bei den Frauen mehr Selbstbewusstsein im Bezug auf sich und ihre Wünsche und im Umgang mit ihrem Körper und ihrer Stimme.

Aber auch für die zahlreichen ZuschauspielerInnen, die bei den verschiedenen Aufführungen auf die Bühne kommen und Vorschläge umsetzen, bedeutet diese Teilnahme an der Suche nach Alternativen zu der oft selbst erlittenen Geschlechterungerechtigkeit einen wichtigen Schritt, um die bestehenden Verhältnisse zu hinterfragen.

Das Transformationspotenzial von TdU zeigt sich auch an den Erfolgen der jahrelangen Arbeit der größten TdU Bewegung der Welt Jana Sanskriti in West-Bengalen, Indien. Sanskriti ist bereits seit mehr als einer Dekade aktiv. Ihre Forumtheatergruppen setzen sich aus der ansässigen ländlichen Bevölkerung zusammen. Eines der Forumstücke, schon hunderte Male aufgeführt, handelt von der Mitgift und der schlechten Behandlung der Frau im Haushalt der Schwiegereltern. In jenen Dörfern, in denen Jana Sanskriti eine jahrelange Präsenz aufweisen kann, ist ein Rückgang von Mitgiftforderungen zu verzeichnen. Es zeigt sich, dass TdU wichtige Impulse für gesellschaftliche Transformation geben kann. Im Falle Sanskriti muss berücksichtigt werden, dass die Arbeit stark in den Gemeinden verwurzelt ist und ein Aktivismus in den verschiedensten Bereichen des Gemeindelebens existiert.

Das Theater der Unterdrückten in Deutschland

Auch in Deutschland wird die Methode des TdU in verschiedenen Kontexten angewandt. Das Paulo Freire Institut Berlin (PFI), das vor allem in der Friedensbildung und Konflikttransformation in Deutschland und Lateinamerika tätig ist, arbeitet in verschiedenen Projekten und Fortbildungen mit der Methode des TdU. In der Arbeit mit MenschenrechtsaktivistInnen, LehrerInnen, JugendbildungsarbeiterInnen und auch JournalistInnen helfen die Methoden des TdU, eigene Stärken zu erkennen, aber auch mögliche Verbündete zu identifizieren. Und nicht selten spielt Gender eine wichtige Rolle bei den analysierten Konflikten. Vor allem vor dem Hintergrund festgefahrener Konfliktlinien bietet die kreative und körperlich-sinnliche Herangehensweise eine Möglichkeit, gewohnte Handlungsmuster zu überdenken.

Das Theater ermöglicht die Spiegelung von Wirklichkeit in einer ästhetisierten Form. Sie eröffnet einen neuen Zugang zur Analyse und Selbsterkenntnis. Im theatralischen Raum können symbolische Handlungen erprobt und soziale Realitäten reflektiert und in Frage gestellt werden. Insbesondere dadurch, dass verschiedene Sinne einbezogen werden, regt Theaterarbeit die Phantasie an und trägt damit zur Überwindung von Blockaden der eigenen Handlungsfähigkeit bei. Und sie ist eine reizvolle Möglichkeit, sich mit Gender auseinanderzusetzen.

Vor diesem Hintergrund ist der dreitägige Forumtheater-Workshop im Rahmen der Veranstaltungswoche „Gender is Happening“ zu verstehen. Gender Happening will die vielseitige, positive und kreative Auseinandersetzung mit Gender ermöglichen und öffentliche Aufmerksamkeit zum Thema Gender erzeugen. Beides lässt sich mit einem Forumtheater-Workshop wunderbar verbinden.

Alle, die Lust haben, sich spielerisch mit dem Thema Gender mal auf etwas andere Weise auseinanderzusetzen, sind herzlich eingeladen!

Aki Krishnamurthy

Aki Krishnamurthy

Aki Krishnamurthy ist Diplom-Politikwissenschaftlerin (+Lateinamerikastudien). Seit 2006 ist sie Mitarbeiterin des Paulo Freire Instituts Berlin. Sie ist Referentin des PFI im Conosur (Buenos Aires) und tätig im Arbeitsbereich Gender und Friedensarbeit. Seit Mai 2008 lebt sie in Argentinien und arbeitet in emanzipativen Theaterprojekten (Theater der Unterdrückten) mit Frauen und Jugendlichen aus marginalisierten Stadtvierteln von Buenos Aires. Zudem ist sie in Fortbildungen für das Theater der Unterdrückten tätig. Sie ist Projektleiterin von „Patriarchales Erbe und Gender“, einem kreativen Bildungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Permanenten Versammlung für die Menschenrechte La Plata.
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