Und sie bleibt Nummer eins...

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Feministischer Zwischenruf

Mehr als die Hälfte der Deutschen wollen Angela Merkel als Kanzlerin behalten. Und, besonders schockierend: fast die Hälfte der Grünen-Wähler*Innen sprechen sich ebenfalls für die weitere Kanzlerschaft der CDU-Chefin aus.

Angela Merkel
Angela Merkel — Bildnachweise

Mehr als die Hälfte der Deutschen wollen Angela Merkel als Kanzlerin behalten. Bei der Union sind es sogar 92 Prozent. Und, besonders schockierend: fast die Hälfte der Grünen-WählerInnen sprechen sich ebenfalls für die weitere Kanzlerschaft der CDU-Chefin aus. 45 Prozent, laut Forsa. Und dies. obwohl sie die schwarz-gelbe Regierung mehrheitlich für wenig erfolgreich halten. Angela Merkel hat es geschafft. Sie allein zieht derart, dass bei Grünen-Wähler*Innen offenbar schwarz-grüne Regierungsträume entstehen.

Wie macht sie das nur? Eine Frage, die sich bereits viele KommentatorInnen gestellt haben. Der Antworten sind viele: Sie verkörpert ostdeutsche Tugenden und bildet damit immer noch ein wohltuendes Gegenmodell zu westlichen Polit-Gockeln. Sie ist Physikerin und hat deshalb ein weniger emotionales Verhältnis zur Macht – kann diese also kühler erwerben und nutzen. Ihr etwas  lahmarschiger Politikstil wird zum „weiblichen Führen“ verklärt. Und es wirkt so unglaublich modern, wenn eine Frau an der Spitze des Landes steht, das gefällt auch vielen. Angela Merkel hat sich zur Mutti der Nation stilisiert und wir Kinder danken es ihr.

Heide Oestreich ist Redakteurin der taz, die tageszeitung und betreut dort vor allem die Geschlechter- und Gesellschaftspolitik. 2004 erschien von ihr das Buch "Der Kopftuchstreit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam". 2009 wurde sie vom Journalistenverband Berlin Brandenburg für ihre langjährige Berichterstattung über unbewußte Geschlechterklischees mit dem Preis "Der lange Atem" ausgezeichnet.

So wie die Frauen doch letztlich den Alltag schmeißen, unter widrigsten Bedingungen, so lotst Mutti uns durch die Euro-Krise und hält unser Geld zusammen. Es gefällt auch vielen, dass sie offenkundig erst nachdenkt und schaut, bevor sie eine Entscheidung trifft. Dass sie eine solche dann auch durchziehen kann, zeigt etwa der Atomausstieg. Die Kritik an ihrer Zögerlichkeit ist denn auch weitgehend verstummt.

Dass solche Motive auch Grünen-WählerInnen leiten könnten, tut dennoch ziemlich weh. Denn Merkel bewegt sich weitestgehend im konservativen Mainstream: Wirtschaftsfreundliche Politik, sozialpolitisch ein paar zerredete Rentensicherungspläne, Ausländerpolitik wie gehabt – und die Frauenpolitik bleibt bei der Selbstverständlichkeit ausreichender Kitaplätze stehen. Dass Angela Merkel hier so wenig liefert und viele Grünen-Wähler*Innen sie dennoch für eine bessere Kanzlerin halten als ihren Herausforderer Steinbrück, verweist auf zwei unerfreuliche Tatsachen.

Zum einen schaffen SPD und Grüne es nicht, sich frauenpolitisch zu profilieren. Schon eine Alibi-Mutti, die frauenpolitisch wenig bietet, wirkt allein durch ihre Symbolkraft stärker, als ein ziseliertes Entgeltgleichheitsgesetz, das aber dennoch lustlos von Herrn Steinbrück vorgetragen wird. Nur 19 Prozent der Frauen wollen laut Emnid-Umfrage Steinbrück wählen. 59 Prozent dagegen Merkel.

Zum anderen, und das ist eine bittere Erkenntnis, schätzt Angel Merkel die Frauen immer noch richtig ein: Viele Frauen in Deutschland finden etwa eine Quote für die Wirtschaft zu feministisch, nölen angesichts des Kita-Ausbaus herum, dass sie aber gern zu Hause bei den Kleinen bleiben, und finden, dass eine Kanzlerin genug der Emanzipation sei. Mit anderen Worten: Merkel profitiert davon, dass alle irgendwie modern sein wollen, aber bitte nichts an ihren eingefahrenen Lebensweisen ändern möchten. Deutschland ist immer noch ein strukturkonservatives Land – und Angel Merkel hat dies längst begriffen. Weil sie Physikerin ist, weil sie ostdeutsch ist, weil sie eine Frau ist? Sei's drum, vielleicht hat sie auch einfach politisches Gespür.

 

 

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