Getrennt marschieren - vereint argumentieren

Getrennt marschieren - vereint argumentieren

In der heutigen Welt bedeutet Würde mehr als die Abdeckung alltäglicher Bedürfnisse - Würde ist auch Unversehrheit, Räume, Möglichkeiten, die über Notwendigkeiten hinausgehen. Besonders queeren Geflüchteten ist dieser besondere Schutz oft vorenthalten. Das Expert*innentreffen “Queer and Here” wirft ein Licht auf die besondere Schutzbedürftigkeit queerer Menschen mit Fluchterfahrung.

Die im April diesen Jahres eröffnete Arabischen Bibliothek Bayatna gleich neben dem Berliner Schloss ist eine optimale Umgebung um ein deutschlandweites Expert*innentreffen abzuhalten. Auch wenn die Straße, in der sie sich befindet – die Breite Straße – Ortsunkundige leicht in den Genuss eines ungewollten Ausflugs in die Berliner Peripherie führen kann, sind ihr weißes hohes Gewölbe, ihre leicht verschiebaren Regalelemente, ihre lichte, aber dezente Beleuchtung einen Besuch, einen Workshop, einen Kongress wert.

Auf Einladung der Kooperative des Gunda-Werner- Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Mentoring Programm des Zentrums für Migranten, Lesben und Schwule (MILES) fand hier auf Initiative des syrischen Studenten Mohammad Dalla - das bundesweite Expert*innentreffen  “Queer and Here” statt. Eingeladen waren ungefähr 25 queere Initiativgründer*innen, Verbandsmitarbeiter*innen und Vernetzungskünstler mit Fluchthintergrund. Sie alle sind aktiv. Sie sind interkulturelle Pioneere. Sie wollen etwas verändern. Sie alle haben einen tiefen Respekt vor der Unterscheidlichkeit aller Lebensformen.

Zum thematischen Einstieg lauschen wir einem der bedeutenden deutschen Dichter zum Thema Würde:

"Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst”

Lieber Friedrich, dass mag vielleicht mal ganz gut gegolten haben, als alles ein bisschen einfacher war. In unserer heutigen Zeit ergibt sie sich leider nicht mehr von alleine. In einer hochkomplexen und vernetzen Welt ist Würde auch Unversehrheit, Räume, Möglichkeiten, die über Notwendigkeiten hinausgehen.

Obwohl der europäische Gerichtshof in der Direktive 2013/33/EU die besondere Schutzbedürftigkeit bestimmter geflüchteter Personengruppen spezifizierte, obliegt es weiterhin den einzelnen Staaten, ob sie queere Geflüchtete in die interpretationsoffene Direktive miteinbeziehen. Obwohl namentlich nicht erwähnt, sind diese in vielen Punkten indirekt angesprochen. In einigen Ländern, passieren die richtigen Schritte in die richtige Richtung. Und in Deutschland? Dem Land, dass erst 2017 die Ehe für Alle geöffnet hat und sich damit nicht gerade zu den Vorreiter*innen in Fragen der der Gleichberechtigung und der Sachverständigkeit bezüglich sexuell-identitäter Diversität zählen kann? In Deutschland ist nicht viel passiert. In der Mitte Europa also nichts neues.

Wie kann es sein, dass bis auf ein kleines gallisches Dorf – Berlin 2015– noch kein weiteres Bundesland die besondere Schutzbedürftigkeit queerer nicht-heterosexueller Personen erkannt beziehungsweise in seine Handlungsmaximen aufgenommen hat? Und wie kann es sein, dass sogar hier die themenspezifische Projektlage mehr und mehr zurückgefahren wird? Eine Frage von vielen Fragen, die engagierte LSBTIQ-Personen mit Fluchthintergrund treibt. Oder noch einmal anders in den Worten einer Teilnehmerin: “Its unfortunate that you have to fight for the rights, that have already been given.”

Dabei war dieses erste Treffen ein erfolgreicher Einstieg ins Thema. Wie funktioniert Politik in diesem Land? Wie kann man mit begrenztem Rechtsstatus Lobbyismus betreiben? Wie die Entscheidungsträger*innen auf die Herausforderungen aufmerksam machen? Wie kann man Personen mit LSBTIQ-Hintergrund, die in Unterkünften ohne geschütze Räume untergebracht sind ohne staatliche Unterstützung bestmöglich in Schutz nehmen? Und dazu passend basal: Wie läßt sich Wohnraum finden? Auf welchen Ebenen lassen sich Formen des Empowerments ansetzen? Wie kann  sich die einzelne Person gegen Frustration und dem Gefühl der Vergeblichkeit der Bemühungen schützen?

Während der Workshops kommen die Expertisen zusammen. Die psychosoziale Hilfsstrukturen sind prekär, der politische Wille zur Unterstützung opportun zur medialen Präsenz, die Verantwortlichkeiten gehen im strukturell-personalen Netz der verschiedenen Entscheidungsebenen verloren. Was muss her? Vernetzung, Interessensarbeit, Explikation von Bedürfnissen und Forderungen, wissenschaftliche Untersuchungen, ausgearbeitete Handlungsrichtlinen, Anlehnung an andere von der besonderen Schutzbedürftigkeit betroffenen Gruppen, Kooperation mittels Interessensgemeinschaftsgründung, langfristige Ausrichtung und Aufmerkamkeit. Einzeln wirken, gemeinsam walten.

Der Initiator Mohammad Dalla hat bewiesen, dass Ideen – konsequent verfolgt – Menschen zusammenbringen und Synergien schaffen können. Diese aufzunehmen und weiterzuverfolgen, liegt jetzt an uns, damit sinngemäß in den Worten eines Teilnehmers, Leute die später kommen, eine bessere Struktur vorfinden.

Und Friedrich, was sagst du dazu?

"Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!”

Worauf warten wir? Auf geht’s.

Lesen Sie auch den Artikel "Queer and Here!" von Mohammad Dalla, Initiator des Expert*innennetzwerkes, auf unserer englischen Seite. Darin berichtet er über die Erfahrungen von queeren Geflüchteten in Deutschland. Als Minderheit innerhalb der Minderheit, benötigen queere Gelüchtete und jene, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität flüchten, einen besonderen Schutz. Mohammad Dalla fordert mehr Sichtbarkeit, nationale Richtlininen zur besonderen Schutzbedürftigkeit und Forschung zu den Erfahrungen von queeren Geflüchteten - als nötige Schritte für Sicherheit und Würde für alle.​

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