Frauen in Georgien: Gleichberechtigung der Geschlechter wiedererlernen

Frauen in Georgien: Gleichberechtigung der Geschlechter wiedererlernen

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Frauen in Georgien: Gleichberechtigung der Geschlechter wiedererlernen

Georgien, ein Land im Südlichen Kaukasus, versucht sich zu einem europäischen Staat zu entwickeln, ohne seine besten Werte und Traditionen zu verlieren. Gender Politik ist einer der Maßstäbe für demokratische Entwicklung; für Georgien ist es auch eine Geschichte des Dialogs mit Europa.

Es wird oft angenommen, dass die Frauenbewegung im Kaukasus mit der Errichtung der Sowjetunion begann. Lela Gaprindashvili, Professorin an der Staatlichen Universität Tiflis, erforschte die Ursprünge der Frauenbewegung im Südlichen Kaukasus und fand Antworten in der Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Tbilisi war ein sehr interessanter Ort im 19. Jahrhundert. Der gesamte Kaukasus vermischte sich hier - der Norden und der Süden, Europa und zur gleichen Zeit Russland. Zu dieser Zeit begannen wirklich auch schon europäische Ideen Georgien über die russische Sprache zu erreichen. Später, als die Georgier begannen regelmäßig nach Europa zu reisen und sich mit der Kultur zu befassen, erfuhren sie die europäische Umgebung unmittelbar und wurden selbst zu Boten dieser Ideen.

Mitte des 19. Jahrhunderts veröffentlichte das englische Paar John Stuart Mill und Harriet Taylor ein Papier, "Die Befreiung von Frauen", welches europäische Frauen aufforderte unabhängig zu werden. Die Idee verbreitete sich schnell überall in Europa.


Lela Gaprindashvili
Die erste Frau in Georgien, die diese Idee aufgriff und gleichgesinnte Unterstützer suchte war Ekaterine Gabashvili. Sie wird als eine der ersten Feministinnen angesehen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts brauchte sie fast 20 Jahre, um die erste Schule für Frauen zu eröffnen, wo Nähen und Stickarbeit unterrichtet wurden. Die Studenten dieser Schule begannen Aufträge entgegen zu nehmen und Geld zu verdienen. Solche Schulen wurden in der Hauptstadt und in mehreren Regionen eröffnet. Die Idee war sehr populär. Ihre Entwicklung wurde hauptsächlich durch aristokratische Kreise gefördert, die mit allen europäischen Ideen dieser Zeit vertraut waren, besonders von Anastasia Tumanishvili-Tsereteli und Ekaterina Melikishvili-Meskhi. Diese Frauen leisteten einen enormen Beitrag dazu, Ausbildung von Frauen zu ermöglichen. Deshalb stimme ich nicht mit der Meinung überein, dass die Bolschewiken und die Marxisten uns Ausbildungsmöglichkeiten gaben. Die Frauenbildung in Georgien ist ein Produkt des georgisch-europäischen Dialogs und der Frauenbewegung.

Zwei europäische Schriftstellerinnen - die österreichische Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner und die Engländerin Marjory Wardrop - hatten den stärksten Einfluss auf die georgische Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts. Die Pazifistin Bertha von Suttner besuchte Georgien in 1879 auf Einladung von Ekaterine Dadiani, Prinzessin von Mingrelien, und verbrachte gemeinsam mit ihrem Mann 9 Jahre im Land.


Lela Gaprindashvili
Bertha von Suttner war mit vielen angesehenen Persönlichkeiten in Georgien vertraut. Genau während der Zeit ihres Besuchs begann eine Debatte in den Medien - Männer klagten Frauen an ihre Arbeit im Haushalt zu vernachlässigen, von der Mode abhängig zu werden und darüber ihre traditionelle Rolle in der Familie zu vergessen. Georgische Frauen erwiderten, dass eine ungebildete Mutter, die in der Gesellschaft keine Anerkennung findet und keinen Beruf ausübt, keine gute Lehrerin für ihr Kind sein kann und daher sollten Frauen eine vollständige Ausbildung erhalten und an der Lösung aller gesellschaftlich relevanten Problemen beteiligt werden.

Marjory Wardrop, die Schwester des englischen Gesandten im Kaukasus, war in Georgien sehr beliebt. Sie studierte georgisch, übersetzte und veröffentlichte erstmals in Europa das bedeutendste Gedicht von Shota Rustaveli, dem Dichter und Denker der georgischen Renaissance des 12. Jahrhunderts. "Des Löwen Welpen sind gleich, seien sie männlich oder weiblich", - Dieser Ausdruck aus "Der Recke im Tigerfell" wurde von der britischen Romanschriftstellerin bewundert. Bei ihrer Forschung erkannte sie, dass die Idee der Gleichheit von Frauen in Georgien nicht neu war. Immerhin sollte diese Idee nicht sonderbar für einen Staat scheinen, der seine Blütezeit in einer Periode erlebt hatte, als er von einer Frau, der legendären Königin Tamar, regiert wurde.


Lela Gaprindashvili
Sowohl Männer als auch Frauen bewunderten die Tatsache, dass Marjory Georgisch sprach. Und all dies fand zur Zeit einer allgemeinen Politik von Russification statt, als die georgische Sprache in Schulen verboten war. Damals war sogar die Veröffentlichung eines Lehrbuches in georgischer Sprache eine Revolution. Deshalb waren die Anstrengungen von Europäern, die georgische Kultur zu fördern, sehr wichtig. Marjory Wardrop schrieb, dass Georgien keine Angst vor Europa und seinen Werten haben sollte.

Im späten 19. Jahrhunderts wurden sozialdemokratische Ideen in Georgien sehr populär. Nicht nur Aristokraten schlossen sich der Frauenbewegung an. Kato Mikeladze, die Tochter eines berühmten georgischen Journalisten, hatte ihre Ausbildung gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Brüssel erhalten und kehrte 1910 nach Georgien zurück. Sie gründete die erste bedeutende „Suffragist“ Bewegung in Kutaisi, Westgeorgien. Die Zeitung Stimme von Georgiens Frauen veröffentlichte Übersetzungen der interessantesten europäischen Feministinnen. Ihre Kampagne war erfolgreich: Vier Prozent der Delegierten im ersten Parlament Georgiens gewählt in 1918 waren Frauen.

Während der sowjetischen Periode gab es eine Straße im Zentrum von Tiflis, die nach Clara Zetkin benannt war. 1991, nachdem Georgien seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, wurde diese Straße und viele weitere umbenannt. Der Internationale Frauentag am 8. März wurde abgeschafft. Statt dessen wurde Muttertag gefeiert. Erst 2002 wurde der 8. März erneut als ein gesetzlicher Feiertag festgelegt.

Bis heute wird dieser Feiertag jedoch bloß als ein Tag wahrgenommen, um Frühling und Schönheit zu feiern. Wie schon in sowjetischen Zeiten erwähnt fast niemand Frauenrechte, aber Frauen erhalten noch immer Blumen als Geschenk. Siebzig Jahre sowjetische Stagnation machten es ziemlich schwierig, Diskussionen über Gender Belange in unserer Gesellschaft wiederaufzunehmen. Der 8. März ist ein entscheidendes Datum für Frauenorganisationen, aber sie sind innerhalb der Gesellschaft noch immer nicht populär.


Eka Agdgomelashvili
Während der sowjetischen Periode war die Gleichberechtigung der Frau Teil der staatlichen Politik, nicht Ergebnis der Entwicklung der Frauenbewegung; aber betrachtete wurde sie als eine Errungenschaft der bolschewistischen Revolution. Sofort nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor der Staat seine wichtigste Funktion als Hauptideologe. Diese Funktion wurde unter den Medien, Schulen und Einrichtungen sowie der Kirche aufgeteilt, deren Einfluss stetig wächst. Im heutigen Georgien kämpfen ausschließlich Frauenorganisationen um die erhöhte Teilnahme von Frauen an politischen Prozessen. Der ganze Rest - die Medien, politische Parteien und die Familie als eine soziale Einrichtung - arbeiten in die entgegengesetzte Richtung und versuchen die traditionelle Rolle von Frauen wiederaufleben zu lassen.

Rusudan Kervalishvili kam über die Geschäftswelt zur Politik. Sie führt den Vorsitz beim Rat für Geschlechtergleichheit im georgischen Parlament. Der Rat wurde 2009 gegründet. Die Anzahl von Frauen im gegenwärtigen Parlament ist fast dieselbe wie in 1918, lediglich fünf Prozent. Nur acht von 150 Parlamentsabgeordneten sind Frauen.

Rusudan Kervalishvili ist die Vizesprecherin des georgischen Parlaments und die Vorsitzende des Rats für Geschlechtergleichheit im georgischen Parlament.

Ich wuchs in einer kommunistischen Gesellschaft auf, als noch ein Denkmal einer Frau und eines Mannes mit Hammer und Sichel vor dem Gebäude des heutigen Parlaments stand. Diese Frau und dieser Mann waren wirklich absolut gleich. Die gekreuzten Hammer und Sichel besagten, dass in dieser geschlossenen Gesellschaft alles bezüglich Geschlechtergleichstellung und Freiheit in Ordnung war. Es gab in dieser Hinsicht keine Probleme. Heute lässt uns diese sowjetische Ideologie lächeln und wir fragen uns, wohin all diese Probleme verschwunden sein könnten. Wir überlebten eine 20-jährige Periode des Konflikts, aber wo bleibt die Teilnahme von Frauen an dessen Lösung? Im Friedensprozess? Dieselben Probleme treten überall in der Kaukasus Region auf - wo sind die Frauen? Sind unsere Frauen am Friedensprozess nicht interessiert? Das ist doch nicht wahr! Männer treffen Entscheidungen infolge derer ihre eigenen Familien, Frauen und Kinder leiden. Leider ist das die Wirklichkeit der jüngsten Zeit im Kaukasus und weltweit.
Eines der ersten Ergebnisse der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Nichtregierungsorganisationen und dem Geschlechter Rat ist die Verabschiedung eines Gesetzes über die Gleichstellung der Geschlechter durch das georgische Parlament im Jahr 2010. Jetzt müssen wir Mechanismen für seine Durchführung entwickeln - sonst bleibt die Gleichheit nur auf dem Papier bestehen.


Rusudan Kervalishvili
Ich persönlich denke, und hier stimmen die meisten Vertreter des NGO Sektors mit mir überein, dass wir vorläufig spezielle Maßnahmen anwenden sollten. Zum Beispiel sollten jene Parteien, die bei den Wahlen innerhalb der Partei die höchste Anzahl von Frauen auf den ersten zehn Mandatsplätzen auflisten, besondere Anerkennung von der Gesellschaft erfahren. Wenn sich die Gesellschaft dafür nicht interessiert, ist es normal, wenn Frauen im nächsten Parlament nicht gut vertreten sein werden. Der Wunsch von Frauen, in die Politik einzutreten, lässt einen grossen Teil der Gesellschaft oft nur lächeln, wenn nicht Lachen. Eine Frau will da mitmachen? Bitte! Es gibt Frauen! Nein, es gibt sie nicht! Tatsächlich ist die Anzahl von Frauen in der Politik so klein, dass sie die Gesamtheit von Schmerz und gesellschaftlichen Bedürfnisse nicht vermitteln kann.


Eka Agdgomelashvili
Ich kann nicht behaupten, dass es wenig Frauen in politischen Parteien gibt. Jedoch zeigen Analysen, dass sie häufig einfache Arbeiten, zum Beispiel die Verbreitung von Informationen während Wahlkampagnen oder Öffentlichkeitsarbeit durchführen. Am Ende sind Frauen immer irgendwo am unteren Ende der Parteiliste zu finden, was natürlich ihre Chancen reduziert ins Parlament zu kommen. Und selbst wenn wir über Frauen sprechen die es geschafft haben aktive politische Persönlichkeiten zu werden, muss ich sagen, dass dies das allgemeine Bild nicht verändert. Ich habe die Rhetorik von weiblichen Politikern vor den Wahlen analysiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass keine dieser Frauen daran interessiert war Frauen als eine soziale Gruppe zu vertreten. Es gibt keine einzelne politische Partei die Probleme, welche Frauen betreffen, in Betracht ziehen würde, ganz zu schweigen von dem Versuch diese Probleme zu lösen.
Der deutliche Rückgang der Anzahl von Frauen in Machtpositionen in Georgien ist nicht ohnegleichen. Diese Tendenz ist in allen postsowjetischen Ländern offensichtlich. Das bedeutet, dass das Geschlechtergleichgewicht in der Sowjetunion künstlich geschaffen wurde und dem Zahn der Zeit nicht widerstehen konnte.

Eka Aghdgomelashvili
Wir sprechen über die Teilhabe an der Macht. Wir sprechen über eine patriarchische Kultur, und bitten darum, dass Männer freiwillig die Macht mit Frauen teilen. Das geschieht nur in Märchen. In Europa mussten Frauen wirklich um ihre Rechte kämpfen, um das zu erreichen. Und in Georgien können wir nur dazu auffordern, dass die politischen Parteien unsere Empfehlungen berücksichtigen.
In Georgien sprechen wir häufig über den Kult der Hochachtung für Frauen als einen Teil unserer Tradition. Jedoch bestätigt das wahre Leben diese These nicht immer. Eines der ernstzunehmendsten und dringendsten Probleme der Gender Bewegung in Georgien ist häusliche Gewalt. 2009 führte der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen zum ersten Mal eine groß angelegte Studie in Georgien durch, die zeigte, dass fast ein Drittel von Frauen physischer oder psychologischer Gewalt von Männern begegnen. Liberali, eine beliebte Zeitschrift, widmete diesem Thema einen Artikel.

Natia Guliashvili
Gemäß der Studie geben ungefähr 34 Prozent der 2000 befragten Frauen mindestens einen Grund an, der es rechtfertig, wenn ein Mann seine Frau prügelt. Das ist schrecklich! Frauen glauben, dass ein Mann das Recht hat seine Frau zu prügeln, wenn sie untreu ist. Es gibt einen ziemlich hohen Prozentsatz von Frauen - ungefähr 30 Prozent - denen von ihren Männern nicht erlaubt wird, Freunde oder Verwandte zu sehen.
Natia hat gerade die Universität absolviert und glaubt, dass junge Leute in Georgien noch ziemlich unreif sind und lieber auf Kosten ihrer Eltern leben, anstatt sich um ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit zu bemühen.

Natia Guliashvili
In den letzten Jahren sind solche Studien sehr häufig durchgeführt worden, und ich höre dennoch diese Klischees, dass die wichtigste Sache für eine Frau der Haushalt und die Erziehung der Kinder ist. Unsere Gesellschaft versteht noch nicht, dass eine Frau zuerst an ihre Karriere anstatt an Ehe denken kann. Die Statistiken beweisen es ebenso: An Universitäten sind Studentinnen männlichen Studenten zahlenmäßig überlegen, aber nach dem Abschluss erhalten im Allgemeinen die Jungen eine Anstellung, während die Mädchen heiraten und sich dem Familienleben widmen. Ich denke, dass die Auferlegung von Klischees nicht nur Frauen sondern auch Männer betrifft. Von der frühen Kindheit an wird Jungen beigebracht, dass Mann die Familie leiten muss; sie werden oft mit mehr Rechten und Aufgaben belastet, als ihnen lieb ist.
Um die Rolle von Frauen im Rahmen der Traditionen der georgischen Gesellschaft besser zu verstehen, fuhren wir in die Berge. Das Gebiet Svanetien in Georgien wird als der höchste bevölkerte Ort in Europa betrachtet - um die 2400 Meter über dem Meeresspiegel. Svanetier sind stolz auf die Tatsache, dass sie während ihrer tausendjährigen Geschichte keinen Herrscher hatten. Wie in anderen Gebirgsgegenden Georgiens, so wurde auch hier im Mittelalter eine Militär-Demokratie etabliert. Die berühmten svanetischen Türme - wo sich ganze Familien verbargen, um sich vor Angriffen von Feinden zu schützen, sind heute Besichtigungsattraktionen für Touristen. Und um mehr über ihre Traditionen zu erfahren, gingen wir ins Museum. Ethnographin Dali Paliani erklärt, dass „der Älteste", in Svanetien genannt „Makhvshi", von einer Generalversammlung gewählt wurde an der sowohl Männer als auch Frauen teilnahmen. In friedlichen Zeiten war „Makhvshi“ ein Richter, und in Zeiten des Krieges führte er die Armee. Die wichtigsten Probleme der Gemeinschaft wurden von der Generalversammlung gelöst.

Dali Paliani
Der Stock, den ich in meiner Hand halte, wird „MIJVRA" genannt. Er wurde vom Ältesten getragen, der als ein Vermittler während Streitigkeiten agierte. Svaneti war ein freies Territorium und dementsprechend lösten seine Bewohner einheimische oder wirtschaftliche Auseinandersetzungen selbst. Natürlich wurden die meisten Entscheidungen von Männern getroffen; aber am Diskussionsprozess nahmen sehr häufig auch Frauen teil und brachten ihren Einfluss zur Geltung. Die Ansichten von Frauen wurden nicht ignoriert. Frauen hatten eine Hauptaufgabe und Funktion sowohl in der Familie, als auch in der Gemeinschaft. Natürlich nahmen Frauen nicht am svanetischen Ritual teil einen Ikonen-Eid abzulegen, aber sie konnten ihre Meinungen auf gleicher Augenhöhe mit Männern ausdrücken.

Svaneti entwickelt seit mehreren Jahren aktiv den Fremdenverkehr. Das Arbeitspensum hat zugenommen und die Frauen vor Ort sind wieder zu Anführern geworden - für Frauen ist es leichter, Arbeit im Dienstleistungssektor zu finden. Darin widersprechen die harten Gesetze der Berge, die im Mittelalter begründet wurden, der modernen Wirklichkeit. Trotzdem eine Frau eine Familie unterstützen kann, im öffentlichen und im Familienleben spielt sie nur eine sekundäre Rolle, nach dem Mann.

Vor zehn Jahren gründete Rusudan Nakani die erste und einzige Frauen-NGO der Gebirgsregion. Vor ganzen drei Jahren stellte die Organisation ihre Arbeit ein. Rusudan besitzt nun ein kleines Geschäft. Ihr zufolge sind die Hauptprobleme von Frauen in diesem Gebiet häusliche Gewalt, die fast nicht existierende politische Tätigkeit von Frauen, Abhängigkeit von der öffentlichen Meinung und Klischees. Rusudan hofft, dass eine neue Generation mehr Glück haben wird.

Rusudan Nakani
Meine Generation ist bereits verloren, denn während die Jahre vorüberziehen gibt es immer weniger Initiativen und wir sind immer mehr von alltäglichen Problemen gefesselt. Wir haben viele Zugeständnisse gemacht und ich will nicht, dass unsere Kinder dasselbe wiederholen. Und wir brauchen Unterstützung aus der ganzen Gesellschaft, so dass ihre Leben nicht auch vergebens vorbeigehen, so dass sie etwas Freiheit haben, so dass sie ihre Leben sinnvoll verbringen.

Eine andere Region - Marneuli. Aserbaidschaner leben hier - eine der größten nationalen Minderheiten in Georgien. Die Probleme sind hier ähnlich - ein niedriger Grad an politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten, Vorurteile, so gut wie totale Abhängigkeit von Frauen von ihren Familien. Die Tatsache, dass sie die Amtssprache nicht kennen, verschlimmert die Situation. Leila Suleimanova führt eine einzigartige Organisation unter dem Namen „Vereinigung von aserbaidschanischen Frauen Georgiens". Sie glaubt daran, dass Ausbildung zum Schwerpunkt werden muss. In zehn Jahren haben ungefähr 50.000 Menschen an verschiedenen von der Organisation angebotenen Programmen teilgenommen. Im Integrationszentrum kann man Georgisch und Englisch lernen, rechtliche Beratung erhalten und sogar einen neuen Beruf erlernen - zum Beispiel, wie man Teppiche webt.


Leila Suleimanova
Wir versuchen Frauen für öffentliche Aktivitäten zu begeistern, für Wahlen, um zumindest im Stande zu sein grundlegende Probleme des täglichen Lebens in ihren eigenen Gemeinden beheben zu können. Je mehr Frauen in der Kommunalverwaltung vertreten sind, desto mehr soziale Probleme werden gelöst werden und desto einfacher wird es für die Frauen selbst in dieser Gesellschaft zu leben.

Statistiken belegen, dass in 48 Prozent der Familien eine Frau das Haupteinkommen verdient oder genau soviel zum Familienbudget beiträgt wie ihr Mann. Dennoch werden Frauenrechte auf dem Arbeitsmarkt weiterhin missachtet.

Eka Agdgomelashvili
Einige Änderungen, die kürzlich am Arbeitsrecht vorgenommen wurden, können als diskriminierende Vorgehensweisen aufgefasst werden. Zum Beispiel verbietet das Gesetz einem Auftraggeber nicht eine schwangere Frau oder eine Frau mit kleinen Kindern zu feuern oder sie trotz gleicher Qualifikationen nicht einzustellen. Dadurch entsteht für berufstätige Frauen eine ungleiche Basis im Vergleich zu Männern. Hinzu kommt noch, dass vor zwei Jahren die Sozialleistung für den Mutterschaftsurlaub abgeschafft wurden.

Natia Guliashvili
Gerade wegen der Klischees in der patriarchischen Kultur, die vorgeben, dass Frauen für die Kindererziehung verantwortlich sind, könnte sich kein Mann in Georgien vorstellen Vaterschaftsurlaub zu nehmen - nur der Mutterschaftsurlaub von Frauen ist aktzeptabel. Allerdings ist solch eine Beurlaubung entweder unbezahlt oder nur sehr gering bezahlt, so dass hier wieder ein finanzieller Nachteil für Frauen entsteht. In Schweden nehmen 85 Prozent der angestellten Männer Vaterschaftsurlaub und beteiligen sich aktiv an der Erziehung ihrer Kinder; in Georgien habe ich noch nie von solch einem Fall gehört. Es existiert ein Paradox; das Parlament verabschiedet Gesetze über die Gleichheit der Geschlechter, aber all dies passiert top-down, während es eigentlich von ganz unten kommen müsste, von den Frauen selbst. Ich denke, dass diese Klischees sehr tief in unseren Frauen verwurzelt sind, und dass sie dies davon abhält, aktiv zu sein.
Jedoch gelten patriarchische Gesetze nicht für die Arbeitsmigration. Für alle 100 Männer, die das Land verlassen, um nach Arbeit zu suchen, wandern 67 Frauen aus demselben Grund aus. Häufig arbeiten sie illegal. Jede zweite Frau ist nicht im Stande nach Hause zurückzukehren, kann ihre Kinder jahrelang nicht sehen oder ist außerstande, eine eigene Familie zu gründen. NGOs drängen die Behörden, ernsthaft an diesem Problem zu arbeiten.


Rusudan Kervalishvili
Wir haben ein sehr großes Problem mit Wanderarbeitern in Europa. Der Staat muss die Rechte dieser Frauen schützen. Sie können Opfer von Menschenhandel werden. Der Aktionsplan des Gesetzes zur Gleichstellung der Geschlechter wurde beschlossen, um mit Bezug auf dieses Problem Daten zu erheben und zu sammeln. Wir schätzen es außerordentlich, dass viele Nichtregierungsorganisationen in dieser Richtung tätig sind.
Das vom Parlament verabschiedete Gesetz zur Gleichstellung der Geschlechter stellt eine neue Herausforderung für Gender Organisationen dar. Zum ersten Mal werden in Georgien alle Gesetze in Bezug auf Gender Politik überprüft werden. Bis jetzt war eine solche Untersuchung gesetzlich nicht erforderlich.
Gigi Tsereteli: Vizesprecher des georgischen Parlaments, Mitglied des Geschlechterbeirates, Präsident des europäischen Parlamentarischen Forums für Bevölkerung und Entwicklung.

Heute spricht die Gesellschaft offen über die Bedeutung der Gleichstellung der Geschlechter sowie Diskriminierung und ist sich bewusst, dass Gewalt mehr sein kann als nur physischer Missbrauch. Früher war es in Georgien nicht aktzeptabel solche Dinge zu diskutieren; es war ein Tabu. Heute sind Gesetze im Zusammenhang mit Gender bereits institutionalisiert worden, daher bleibt nun die Implementierung der Gender Politik in allen Bereichen des Lebens das Hauptproblem. Bei Gehältern, Positionen, Teilnahme an der Politik und Regierungsführung, bei geschäftlichen und öffentlichen Tätigkeiten – Diskriminierung auf der Basis von Gender sollte überall abgeschafft werden.

Heute gibt es in Georgien ungefähr 200 eingetragene Frauenorganisationen, aber weniger als die Hälfte sind aktiv. Das größte Problem ist der niedrige Zuspruch. Die Hauptprioritäten dieser Organisationen sind der Kampf gegen Armut, Arbeitsmigration, Menschenhandel, häusliche Gewalt und für die aktive Teilnahme von Frauen an der Politik.
Am Anfang des 21. Jahrhunderts muss Georgien, ein Land, das nach europäischen Werten strebt, wahre Gleichstellung zwischen Männern und Frauen noch wiedererlernen.

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