Stereotype Geschlechterbilder in Krieg und Frieden

Stereotype Geschlechterbilder in Krieg und Frieden

Die Geschlechterrollen im Krieg waren Jahrhunderte lang über viele Kulturen hinweg stereotyp verteilt: Männer kämpften mit Waffen, Frauen jedoch nicht – von wenigen Ausnahmen abgesehen. Das beginnt sich langsam zu ändern, nicht zuletzt durch die in vielen Ländern steigende Anzahl von Soldatinnen. Diese Geschlechterrollen, die Produkt historisch-gesellschaftlichen Entwicklungen sind, werden im kollektiven Bewusstein jedoch biologisiert: Männern wird Aggression, Gewaltbereitschaft und Tapferkeit zugeschrieben, Frauen hingegen Passivität, Friedfertigkeit und Mütterlichkeit. Männer werden als natürlich kriegerisch, Frauen als natürlich friedfertig angesehen.

 

Auf beiden Seiten stehen damit je zwei Leitbilder: auf der einen Seite „Soldat“ und „Staatsmann“ und auf der anderen „schöne Seele“ und „Kriegermutter“ (spartan mother). Kriegern und Politikern stehen Frauen gegenüber, denen in diesem Diskurs die widersprüchlichen Rollen von „natürlicher Trösterin“ oder „mütterlicher Patriotin“ zugewiesen sind.

 

Überhöht wird dies im extremen Nationalismus und Militarismus. Cynthia Cockburn und Meliha Hubic stellen fest: „Der nationalistische Diskurs zielt darauf ab, eine dominante, hyperaktive und kampfbereite Männlichkeit und eine domestizierte, passive und verwundbare Weiblichkeit ins Leben zu rufen.“ Frauen werden darin zum verletzbaren und zu schützenden Symbol nationaler Identität. Beide Rollen sind gerade in ihrer scheinbaren Gegensätzlichkeit elementar für die Inszenierung militarisierter Geschlechtercharaktere, sie gehören zusammen, ergänzen sich wechselseitig und bilden dadurch die Basis für die gesellschaftliche Legitimierung von Gewalt.

Solche Stereotypen führen in vielen Gesellschaften zu einer engen Verknüpfung von Männlichkeit mit Gewaltbereitschaft. In Kriegs- und Krisenzeiten werden solche aggressiven Männlichkeitsvorstellungen besonders geschürt, sie werden zu tragenden Bestandteilen „hegemonialer Männlichkeit“, auch wenn sie den Ideen und der Praxis vieler Männer widersprechen. Siehe dazu „Hegemoniale Männlichkeit“.

Männer sind jedoch nicht überall und nicht gleichermaßen an gewalttätigen Prozessen beteiligt. Zum Teil verweigern sie die ihnen zugedachte Rolle, zum Beispiel als Kriegsdienstverweigerer und Deserteure oder durch Flucht vor Zwangsrekrutierung. Siehe dazu „israelische Militärdienstverweigerer“.

Frauen sind nicht nur Opfer gewaltsamer Konflikte. Sie können an einer gewaltsamen Konfliktkultur beteiligt und mitverantwortlich sein für die Eskalation von Konflikten, indem sie Gewalt gegen „den Feind“ direkt oder indirekt legitimieren – zum Beispiel als Angehörige sozialer Gruppen, als Waffenproduzentinnen, Krankenschwestern, Schmugglerinnen oder Mütter und Gattinnen. Manche Frauen üben selbst Gewalt aus, andere bestärken und animieren Männer in der Gewaltausübung. Beispiele für die Mittäterschaft und Einbindung von Frauen in Gewaltstrukturen sind die KZ-Wärterinnen oder die Ehefrauen von SS-Männern in der Zeit des Nationalsozialismus, die ihre Männer anfeuerten.

Frauen und Männer haben unterschiedliche Zugänge zu Gewaltmitteln. Das gilt erstens für den Bereich des staatlichen Gewaltmonopols: Weltweit gesehen gibt es nach wie vor nicht viele Polizistinnen und Soldatinnen, auch wenn diese Zahlen fast überall steigen und ein Indikator für die Stellung der Frau im jeweiligen Staat sind. Zweitens haben Männer im Falle interpersonaler Gewalt die stärkeren Körperkräfte und benutzen öfter Waffen. Bei sexualisierter Gewalt sind in 98 Prozent aller Fälle Männer die Täter und Frauen die Opfer. Siehe dazu „Soldatinnen“.

Allerdings sind bei allen sonstigen Gewaltdelikten Männer mehrheitlich nicht nur Täter, sondern auch Opfer. Männer töten, verletzen, berauben und beleidigen in erster Linie andere Männer. Auch in vielen heutigen Kriegen sterben – entgegen geläufigen Annahmen in feministischen Kreisen - vorwiegend Männer. Ein Beispiel dafür ist das Massaker in Srebrenica an rund 8.000 muslimischen Männern, ein anderes der Kosovo-Krieg, wo sogar drei von vier getöteten ZivilistInnen männlich waren. Das „Liu Institute“ vermutet deshalb in seinem „Human Security Report 2005“, dass, „sieht man von sexueller Gewalt ab, Männer und nicht Frauen verwundbarer sind, was die Effekte bewaffner Konflikte anbelangt.“

Bei bewaffneten Konflikten sind Frauen häufig als Vermittlerinnen zwischen Kriegsparteien aktiv. Sie sind oft ein wichtiger Teil von Friedensallianzen, halten soziale Netzwerke und Verbindungen mit dem „Feind“ aufrecht oder sind nach Beendigung eines Konfliktes die ersten, die solche Kontakte wieder aufnehmen. Dies ist jedoch nicht Ausdruck einer besonderen biologischen Neigung zum Frieden, sondern Konsequenz ihrer sozialen Rollen: Frauen tragen die Verantwortung für Kinder und andere Familienangehörige, sie haben von klein auf gelernt, auf Vermittlung zu setzen. Siehe dazu „Frauenfriedensgruppen“.

Aber es gibt auch Frauen in paramilitärischen Gruppen oder bewaffneten Bewegungen. Frauen beteiligten sich in antikolonialistischen Befreiungskämpfen, zum Beispiel in Algerien, oder in Guerillagruppen, zum Beispiel in Nicaragua, El Salvador oder Guatemala. Auch in den innerstaatlichen Konflikten in Afrikas, beispielsweise in Liberia oder Sierra Leone, waren Frauen als Kombattantinnen eingebunden, was in der Praxis jedoch vielfach bedeutete, vor allem Sexsklavinnen für die Kommandeure zu sein. In solchen Gesellschaften wurden Frauen in Nach-Konfliktzeiten gesellschaftlich ausgegrenzt und diskriminiert, unter anderem indem ihr rechtlicher Status heruntergestuft wurde (Beispiel Algerien) oder ihnen kein Status als Ex-Kombattantinnen zuerkannt wird (Beispiel Guatemala und Nicaragua). Siehe dazu „Befreiungsbewegungen und Geschlechterkampf“.

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