Kulturelle Stereotype - das "Heilige Gefäß", die "Porzellan-Puppe", das "Karamell-Bonbon" und die "Schlampe"

Kulturelle Stereotype - das "Heilige Gefäß", die "Porzellan-Puppe", das "Karamell-Bonbon" und die "Schlampe"

Schaufensterpuppe
Schaufensterpuppe — Bildnachweise

Stellen wir uns vor, dass jemand mit einem kulturell völlig anderen Hintergrund, sagen wir ein Außerirdischer von einem anderen Planeten, nach Georgien kommt. Wenn dieser Außerirdische eines Tages einige georgische Fest-Tische oder Begräbnismahlzeiten besucht hat, könnte er einige logische Schlussfolgerungen daraus ziehen (nehmen wir an, der außerirdische Georgien- Besucher hat eine gewisse Begabung mit Bezug auf analytische Fachkenntnisse). Vermutlich würde eine der Schlussfolgerungen über die georgischen Frauen folgende sein:

Die "georgische Frau" ist eine qualitativ andere Art von Mensch. Die "georgischen Frauen" werden von "georgischen Familien" in Serie produziert und der gesamte Prozess wird von mystischen und besorgten Mächten überwacht.

Die "georgische Frau" ist ein gemeinsames Produkt der Erde und des Himmels, und das macht sie einzigartig im Vergleich zu jeder anderen Frau auf der Welt. Um genauer zu sein, liegt diese Einzigartigkeit im Phänomen der "georgischen Frau"; sie ist ein moralisches Projekt, welches sich von allen anderen vorhandenen biologisch-psychologischen Projekten unterscheidet.

Obwohl die "georgische Frau" einen biologischen Körper besitzt, kann sie dennoch nicht als ein biologisches Wesen betrachtet werden, weil sie im Unterschied zu Männern und Frauen anderer Staatsbürgerschaften und anders als Menschen im Allgemeinen keinen biologischen Bedürfnissen unterworfen ist. Außerdem ist ihre Lebendigkeit auf die Fortpflanzung beschränkt, die eine Essenz der "georgischen Frau" verkörpert - sie ist das "Heilige Gefäß" und dazu verpflichtet, dessen Klarheit zu schützen und sich dessen Verpflichtungen zu fügen. Das lebenslange Ziel einer Frau muss es sein, ihre mütterlichen Verpflichtungen gegenüber dem Heimatland, Gott und der Familie zu erfüllen und ihr gesamtes Leben ihrem Mann und ihren Kindern zu widmen.

Es gibt mehrere Eigenschaften, die die Funktion eines reinen "Heiligen Gefäßes" stören: Unabhängigkeit, Eigensinn, Furchtlosigkeit, Intellekt, Individualismus, etc. Bedenkt man aber die Vortrefflichkeit des "Heiligen Gefäßes", so erkennt man, dass die erwähnten Eigenschaften zur Grundlage für die Marginalisierung von Frauen führen müssen, denn dem dominierenden kulturellen Diskurs zufolge stören diese Eigenschaften Frauen und führen sie in die Irre, hinfort vom "wahren Sinn und Zweck" ihres Lebens.

Der erwähnte Diskurs bleibt eher unbemerkt und im alltäglichen Leben nicht identifizierbar, er wird nur während des so genannten "georgischen (Fest-)Tisches" ziemlich sichtbar. Der "georgische Tisch" und die georgischen Trinksprüche zählen zu den besten Methoden, um kulturelle Werte zu verstehen, da die Trinksprüche das idealste und wünschenswerteste Modell der Dinge präsentieren und sich in ihnen anerkannte kulturelle Werte manifestieren.

Auf die Frauen zu trinken ist ein integraler Bestandteil des modernen "georgischen Tisches" ganz gleich, ob Frauen bei Tisch anwesend sind oder nicht. Das Glas auf die Hausfrau wird getrennt erhoben, um die Dankbarkeit für die Gastfreundschaft auszudrücken; der besondere Trinkspruch auf die Frauen wird im Allgemeinen für Schwestern, Mütter, und Töchter ausgesprochen; und das ist genau der Punkt, an dem wir das idealisierte Modellbild der "georgischen Frau" klar erkennen können.

Genau dieser Trinkspruch stellt das „Musterstück Frau“ als schüchterne, tugendhafte, edle, karitative, zartfühlende und gehorsame Frau, gute Hausfrau, gute Mutter, geduldsame, sich sorgende und fleißige Person dar. Interessanterweise sind Eigenschaften wie Furchtlosigkeit, Unabhängigkeit, Intellekt, Bildung, Selbstachtung und Eigensinn nicht in diesem Musterstück enthalten. Diese Tatsache scheint sonderbar, wenn man bedenkt, dass der "georgische Tisch" ein Treffpunkt ist, um die Traditionen und Geschichte des Landes mit dem Ziel darzulegen die "historische georgische Identität" aufrecht zu erhalten. Nimmt man dies für bare Münze, so wäre es angebracht, wenn sich das „Musterstück Frau“ auf Erfahrungen bedeutender georgischer Frauen stützen würde – Persönlichkeiten der georgischen Geschichtsschreibung wie die Heilige Nino, Königin Shushanik, Königin Tamar, Maia Tskneteli oder Märtyrerin Ketevan. Würde man diese Frauen aus der gegenwärtigen Perspektive bewerten, so erschienen sie eher männlich als weiblich; keine von ihnen ist gehorsam, schüchtern, dauerhaft mit der Hauswirtschaft beschäftigt, schwach, versteckt sich hinter dem Mann, nicht-individuell oder von passiver Natur. Im Gegenteil sind sie aktiv, tapfer und kompromisslos, Eigenschaften die als männlich betrachtet werden. Einerseits wird die Bedeutung dieser Frauen in unserer Kultur hervorgehoben - ihre Vornamen werden bei der Namensgebung für georgische Töchter bevorzugt - aber andererseits müssen diese Töchter, die mit den gegebenen kulturellen Anforderungen konfrontiert werden, im Vergleich zu ihren Namensvettern völlig unterschiedliche Personen mit ganz anderen Prioritäten im Leben werden.

Tatsächlich haben wir es hier mit einem historischen Bruch zu tun – was zum Standard des historischen Erbes erklärt wird und nach allgemeiner Akzeptanz verlangt, ist in Wirklichkeit überhaupt kein historischer Standard - und mehr noch, hat damit überhaupt nichts gemeinsam (tatsächlich mag diese Behauptung übertrieben klingen, besonders wenn man bedenkt, dass es schwierig ist den wahren kulturellen Standard während verschiedenen Zeitabschnitten zu identifizieren; zusätzliche Forschung ist erforderlich, aber beruhend auf den verfügbaren Quellen bleibt diese Aussage logisch). Zum Beispiel ist es einerseits absurd, sich Königin Shushanik als eine gehorsame und bescheidene Frau vorzustellen; ganz im Gegenteil war sie eine Frau mit festen Grundsätzen, die ihre Position verteidigte und ihren eigenen Mann und ihre Kinder aufgrund ihrer individuellen Ansichten, ihres Glaubens und ihren Vorstellungen ablehnen musste. Andererseits ist es hart, sich einen Trinkspruch für das Ideal solch einer Frau beim so genannten "georgischen Tisch" vorzustellen. Obwohl die Lebensgeschichte von Königin Shushanik jahrzehntelang in Schulen unterrichteten wurde, war der Inhalt der Geschichte insbesondere auf ihre Hingabe für den Glauben und das Heimatland ausgerichtet, wohingegen ihre persönlichen Eigenschaften wie innere Freiheit, Individualismus, Furchtlosigkeit und Unabhängigkeit ignoriert wurden.

Eine sehr einflussreiche soziale Institution - die Orthodoxe Kirche - erkennt heutzutage die schwache und passive Rolle der Frau an und erhält diese sogar weiterhin Aufrecht. Die Position der Kirche, dass Frauen für die Erbsünde von Eva verantwortlich sind, verpflichtet Frauen dazu, für diese Sünde gegen die Menschheit durch ihren Schmerz und schwierige Geburten, durch Kindererziehung und das Widmen des eigenen Lebens für andere zu zahlen. Trotz alledem bleibt eine Frau ein sündiges Wesen, und ihr ist es untersagt den Altar zu betreten und den Gottesdienst zu halten (es gibt keine weiblichen orthodoxen Priester), heilige Dinge während der Menstruation oder nach der Niederkunft zu berühren (z.B. Kerzen, Ikonen, Chrisam; obwohl der Patriarch Frauen seit Kurzem teilweise erlaubt hat, in der Kirche zu beten und in sie einzutreten, auch wenn sie "unrein" sind). Gleichzeitig betrachtet die Kirche den Mann als "Kopf" und Oberhaupt einer Frau und bekennt sich während der religiösen Hochzeitszeremonie dazu.
In der Realität ist dieser religiöse Diskurs weder veraltet noch ohnegleichen. In der frühen Periode des Christentums waren Frauen wie Männer Anhänger von Christus (die Mehrheit der Anhänger waren damals Frauen), und im Rahmen der Gottesanbetung wurden sie damals nicht als mehr sündig im Vergleich zu Männern betrachtet, welche Gott näher standen. Gemäß der christlichen Logik wurden Männer und Frauen als Einzelpersonen als gleich angesehen. Die Marginalisierung von Frauen und die Nichtzulassung zum Gottesdienst aufgrund ihrer Sündigkeit, entstanden erst später, als die christliche Kirche zur dominierenden Kraft wurde und die reine Lehre Christi mit Aspekten des vorchristlichen Glaubens vermischt wurde. Der christliche Kirchenlehrer und Philosoph des IV.-V. Jahrhunderts Augustinus schrieb: "Wenn Gott gewollt hätte, dass eine Frau eines Mannes Oberhaupt wäre, hätte Er sie aus seinem Kopf geschaffen; wenn Gott gewollt hätte, dass eine Frau der Sklave eines Mannes wäre, hätte Er sie aus seinem Bein geschaffen; aber weil Gott wollte, dass eine Frau Freund und Gemahlin des Mannes werde, so wurde die Frau aus der Rippe des Mannes geschaffen".

Kehren wir zurück zu den modernen georgischen Stereotypen über die Fraulichkeit. Aus der Perspektive der dominierenden Kultur kann zwischen vier Typen von Frauen unterschieden werden:

  • das "Heilige Gefäß"
  • die "Porzellan-Puppe"
  • das "Karamell-Bonbon"
  • die "Schlampe"

Der georgische gesellschaftliche Marktplatz hat nur diese vier Kategorien anzubieten. Eine Frau muss einer der oben erwähnten Kategorien angehören, um sozialen Status und eine Rolle zugeschrieben zu bekommen. Beweglichkeit ist unter diesen Kategorien möglich, aber der Status "Schlampe" kann nie in einen anderen Status umgeändert werden (obwohl jeder andere Status durch den Status "Schlampe" ersetzt werden kann).

Wie bereits erwähnt, ist das "Heilige Gefäß" ein Tandem aus Heiligkeit und einem bescheidenen Leben – die Frau als Mutter. Außerdem können wir sagen, dass eine georgische Mutter ihr Kind mehr liebt als jede andere Mutter in der Welt und deshalb verdient sie den höchsten Respekt in der Welt. Diese Position in der Gesellschaft ist die ehrbarste und höchste, die eine Frau erreichen kann.

Die "Porzellan-Puppe" ist eine hübsche, attraktive Frau (für das "heilige Gefäß" ist es nicht notwendig, hübsch zu sein), die nichts weiter zu tun hat als nur hübsch zu sein, um einem Mann ästhetisches Vergnügen zu bereiten. Sie ist auch Ausdruck des Prestiges eines Mannes und wird als "wertvolles Schmuckstück" in der Gesellschaft angesehen. Die "Porzellan-Puppe" hat das Potenzial, um zum "heiligen Gefäß" zu werden (aber kann auch als "Schlampe" enden).

Bezüglich des "Karamell-Bonbons" - diese Kategorie bedeutet auch, hübsch zu sein, aber anders als die "Porzellan-Puppe" mit ihrer feinen Schönheit, ist das "Karamell-Bonbon" sexuell vulgär. Das "Karamell-Bonbon" ist ehrlicher und freudvoller als die "Porzellan-Puppe", und schließlich ist es eine Süßigkeit und kann dementsprechend sehr wohlschmeckend sein. "Karamell-Bonbons" haben eine Chance, zum "heiligen Gefäß" zu werden, aber es ist wahrscheinlicher, dass sie sich zur "Schlampe" wandeln.

Die "Schlampe" ist weder eine Prostituierte, die ihren eigenen Körper für Geld verkauft, noch eine Verräterin, die ihren Mann hintergeht – sie ist eine "Schlampe", Punkt! Sie ist eine Frau, die sexuelles Verlangen von Männern befriedigt. Frauen dieser Kategorie werden von Männern gehasst, aber zugleich brauchen die Männer sie.

Längerfristig ist die Zahl der kulturellen Wahlmöglichkeiten für Frauen auf zwei begrenzt: Das "Karamell-Bonbon" und die "Porzellan-Puppe" sind ab einem bestimmten Alter mehr oder weniger die einzigen Abstufungen und am Ende gehört eine Frau entweder der ersten oder der letzten Kategorie an.

Beruhend auf ihrem kulturellen Wahrnehmungsmodell fordern Männer, dass Frauen die folgenden vier Funktionen erfüllen:

  • Schwester, Mutter oder Mutter seiner Kinder - anständige Frau
  • Gegenstand des ästhetischen Vergnügens
  • Gegenstand für die sexuelle Leidenschaft und Faszination
  • Gegenstand für die Befriedigung von sexuellem Verlangen

Das ganz natürliche und menschliche Bedürfnis nach Freundschaft mit einer Frau fehlt unter den oben aufgezählten Forderungen der Männer. Diese Tatsache kann logisch erklärt werden, wenn wir uns daran erinnern, dass die kulturellen Stereotype die Gleichheit von Mann und Frau nicht anerkennen. Freundschaft ist allerdings nur zwischen Akteuren möglich, denen gleiche Fähigkeiten zugesprochen werden. Der Glaube an stichhaltige und andere Unterschiede zwischen Männern und Frauen lässt die Freundschaft zwischen ihnen absurd erscheinen und lässt deshalb nur die Möglichkeit jener vier Typen von Beziehungen zu, die oben angeführt wurden.

Es ist eine interessante Tatsache, dass diese Funktionen künstlich festgelegt wurden und voneinander distanziert bleiben; sie überschneiden sich nicht, was ebenso normal gewesen wäre. Gemäß den kulturellen Normen kann eine Mutter von Kindern keine leidenschaftliche Liebhaberin sein; eine Frau wird dazu gezwungen, eine Wahl unter widersprüchlichen Auswahlmöglichkeiten zu treffen.

Diese theoretischen Konstrukte sind tatsächlich nur sehr grob und können nicht die Realität widerspiegeln; deshalb wird die Existenz anderer Positionen und Kategorien nicht ausgeschlossen. Dieser Aufsatz ist lediglich ein Versuch, die vorherrschende Tendenz der Mehrheit der Bevölkerung im Land darzustellen.

 

 

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