100 Jahre Frauentag: 100 Jahre und noch immer jung?

Deutschland

100 Jahre Frauentag: 100 Jahre und noch immer jung?

Foto: Prof. Dr. Birgit Meyer

Prof. Dr. Birgit Meyer
Natürlich haben wir viel erreicht seit 1911, dem Jahr, in dem Frauen in Deutschland weder das Recht auf eine akademische Berufsausübung besaßen - trotz Zugangsrecht zu den Universitäten – noch das aktive und passive Wahlrecht!  Ganz abgesehen davon, dass sie als Ehefrauen durch das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 nicht nur ihr Vermögen sondern fast alle Rechte an ihren Ehemann abtreten mussten.
Heute, im Jahre 5 der Regierungsverantwortung durch eine Bundeskanzlerin, sehe ich allerdings nach wie vor eine historische Berechtigung, den Internationalen Frauentag als „jung“ im Sinne von noch nicht eingelösten Versprechungen zu begehen. Wir sollten das historische Bewusstsein schärfen für die fraglosen aber auch fragilen Erfolge und auch für die noch nicht erfüllten Forderungen nach dem Abbau von Diskriminierungen bei uns sowie weltweit.

Die Lohnunterschiede bei gleicher Arbeit betragen in Deutschland fast ein Viertel, und in Spitzenpositionen der Wirtschaft  oder Wissenschaft sitzen Männer nach wie vor fast unter sich: Der Frauenanteil in den Top-Positionen der Wirtschaft beträgt 3,2% und in der Professorenschaft rd. 15%. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder in Form von Vergewaltigung, Missbrauch, Nötigung füllen Frauenhäuser und Beratungsstellen. Auch Armut ist leider immer noch weiblich. Traditionelle Rollenbilder über „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ schränken in Köpfen und Strukturen wirkliche Wahlfreiheit für beide Geschlechter immer noch ein.

Die Verhältnisse sind unübersichtlicher, komplexer und schwieriger geworden. Es treten heute vielfältigste Unterschiede zutage, an den sich gesellschaftliche Diskriminierungen fest machen können: Alter, nationale Herkunft, Einkommen und Schicht, gesundheitlicher Zustand, sexuelle Orientierung und andere soziodemographische Merkmale sind neben dem Geschlecht wirksam. Und es kommt noch die aktuelle gesellschaftspolitische Dimension hinzu: Je mehr traditionelle Lebensentwürfe und Wünsche von Unsicherheiten und Enttäuschungen geprägt sind, desto stärker die Versuchung, mit Macht und Gewalt oder Ritualen rüder Männlichkeit die „richtige“ Lösung herbei zu führen.
Und je globaler und vernetzter wir sind, desto weniger können uns autoritäre Regime, Machtwechsel, Hungerkatastrophen, Kriege, religiöse Fundamentalismen oder militarisierte Männlichkeiten in ihren Auswirkungen auf unsere Geschlechterdynamiken unberührt lassen.
Wachsam zu sein und das bislang Erreichte zu verteidigen und weiter zu führen in Richtung auf die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie und Menschenrechten steht an. Da gibt es noch viel zu tun in den nächsten 100 Jahren!



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