Die unsichtbare Gilde. Weihnachten ohne Kind, im Geheimbund der Kinderlosen

Die unsichtbare Gilde. Weihnachten ohne Kind, im Geheimbund der Kinderlosen

Feministischer Zwischenruf

Mit den Kindern zu Oma, mit Oma und Kindern zur Tante, mit Kindern ohne Papa zu den Frankfurtern. Hauptsache, am 24. glänzen Kinderaugen unterm Weihnachtsbaum. Weihnachten ist Familienzeit, und die Kinderlosen stehen leicht fassungslos neben den Logistikmarathons ihrer Freundinnen und Freunde.

Ponys in Regenbogenfarben
We are familiy! - Die Hymne der kinderlosen Wahlfamilie, nicht nur zu Weihnachten und seit den 80ern.... — Bildnachweise

Mit den Kindern zu Oma, mit Oma und Kindern zur Tante, mit Kindern ohne Papa zu den Frankfurtern. Hauptsache, am 24. glänzen Kinderaugen unterm Weihnachtsbaum. Weihnachten ist Familienzeit, und die Kinderlosen stehen leicht fassungslos neben den Logistikmarathons ihrer Freundinnen und Freunde. Sind sie getrennt oder neu verpartnert, mit weiteren Kindern entsteht ein kompliziertes Origami aus Planungen, Zugfahrten, Mami schon im November mitteilen, dass die neue Freundin Vegetarierin ist und sicher keine Gans essen wird, weshalb dann auch die kleinere bestellt werden kann und so weiter und so weiter.

Ich bin eine von den Kinderlosen, und die Kinderlosigkeit fällt an Weihnachten ganz schön auf. Da feiern sie, sofern sie restgläubig sind, dass ein Kind geboren wurde. Und alle, die man sonst mal aus der Kleinfamilie loseisen konnte, um etwas zu unternehmen: am 24. sind sie garantiert nicht verfügbar. Mitleidig fragen sie, ob man bei ihnen mitfeiern möchte. Möchte man nicht. Zu intim.

Die unsichtbare Gilde - Geheimbund der Kinderlosen

In solchen Situationen bin ich dann immer froh, dass ich in der Geheimloge, der Gilde der Kinderlosen bin. Mit denen kann ich mir ein passendes Weihnachten zurechtbasteln.

Ja, wir sind eine Art Geheimbund. Denn die Kinderlosen werden generell bemitleidet. Natürlich erst dann, wenn sie deutlich über 40 sind – und das ja nun wohl nichts mehr wird. Sie haben es irgendwie nicht geschafft, Beruf, Mann, tickende Uhr und die eigene Sehnsucht übereinander zu kriegen, meinen die meisten Eltern und sind gottfroh, dass sie es irgendwie hingebogen haben. Den Sprung gemacht, auf die andere Seite, die normale, wo all die anderen Eltern sind - zum Beispiel auch die eigenen, die nach Enkeln gedürstet haben. Wir sind geblieben, einfach auf der einen Seite geblieben. Und konnte man bis paarundvierzig noch verkünden, man habe keinen Kinderwunsch, mit der Parenthese: aber vielleicht kommt er ja noch! - so wird es ab etwa 45 eine feststehende Tatsache. Ich. Bleibe. Kinderlos.

Warum war da kein Kinderwunsch?

Alle Kinderlosen sind da durch gegangen. Durch die Fragen. Warum war da kein Kinderwunsch? Hat ihn etwas verstellt, das ich versäumt habe wegzuräumen? War ich zu anspruchsvoll mit meiner Prämisse, dass der Vater nicht nur verbal, sondern wirklich die Hälfte der Sache schultert – wodurch der damalige Freund in der kritischen Phase um die vierzig ausfiel – jedenfalls in meiner Vorstellung. Wie komme ich damit zurecht, dass nahezu alle meine Freundinnen und Freunde in Kleinfamilien verschwunden sind, die ich manchmal abends besuche, wenn das Kind dann mal eingeschlafen ist, wobei sie selbst nach einer halben Stunde unverholen zu gähnen beginnen, der Schlafmangel...

Und natürlich die Kardinalfrage: Werde ich es bereuen? Ab diesem Alter, in dem Zeit und Körper zusammen einem die Entscheidung einfach wegnahmen. Das ist eine Weile schon unangenehm. Eine Weiche ist gestellt, und es gibt kein zurück mehr. Ich bin und bleibe anders als die gesellschaftliche Norm.

Heide Oestreich ist Redakteurin der taz, die tageszeitung und betreut dort vor allem die Geschlechter- und Gesellschaftspolitik. 2004 erschien von ihr das Buch "Der Kopftuchstreit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam". 2009 wurde sie vom Journalistenverband Berlin Brandenburg für ihre langjährige Berichterstattung über unbewußte Geschlechterklischees mit dem Preis "Der lange Atem" ausgezeichnet.

Was viele Eltern und junge Frauen nicht wissen: Mit diesen Fragen ist man in der Regel nach ein, zwei Jahren fertig. Abgeschlossen. Man hat sich an gähnende Eltern, die alle drei Wochen erkältet sind und doch nicht zur Party kommen können, gewöhnt. Man hat die Lücken, die die Elternschaft ins Freundesgefüge reißen, gefüllt, mit frisch Geschiedenen und Getrennten, mit Singles und mit anderen Kinderlosen. Oder mit Älteren, deren Sinnstiftungsobjekte sie bereits wieder zum Auslandsjahr in Bolivien und Studieren in Marburg verlassen haben. Wir sind viele. Auch wir Kinderlosen sind viele. Und wir haben ein sehr uneingeschränktes Leben. Wir müssen uns nicht mit dem deutschen Vereinbarkeitswahnsinn inklusive Beziehungskrise auseinandersetzen. Wir verabreden uns viel, kochen, trinken, ich habe eine Kino-Flatrate-Karte: So oft ich will, geh ich ins Kino, maile vorher herum, wer mit will – und oft finden sich dann Kinderlose an der Kinokasse ein.

Es gibt ein gutes kinderloses Leben

Was viele nicht wissen: Es gibt ein gutes kinderloses Leben. Es gibt intensivere Freundschaften, schöne und weite Reisen, es gibt die Freiheit, mit niemandem in nervigem Haushalts- und Planungsdauerkrieg zu liegen und fünf Menschen mit 10 Wünschen in jeder Sekunde zu berücksichtigen. Man ist offener der Welt gegenüber, weil man für die Welt und die vielen anderen Menschen, die nicht meine Kinder sind, Ressourcen frei hat. Meine kinderlose Nachbarin organisiert den halben Mieterprotest in Kreuzberg. Meine kinderlose Freundin hilft syrischen Flüchtlingen. Wir sind nicht so zwangsläufig binnenfixiert, wir können wunderbar in der Welt leben. Die aus so viel mehr besteht als aus Kleinfamilien.

Wir sind Weltbürgerinnen. Wenn ich mit anderen Kinderlosen in meinem Alter rede, dann höre ich keinen Frust und keine Angst vor irgendeinem einsamen Alter. Dann höre ich von Plänen, viel Arbeit auch, aber auch Engagement, Teilnahme an der Welt. Die Einsamkeit, die kann jeden einholen. Aber uns wahrscheinlich eher nicht, weil wir sehr genau wissen, was uns unsere Freunde und Sozialkontakte wert sind. 

„Kinder sind ein prima Hundeersatz“

Wir sind ein Geheimbund. Denn dass wir Kinderlosen eigentlich ein glückliches Leben führen, das können diejenigen, die ihr Glück von der Kleinfamilie abhängig gemacht haben, kaum glauben. Ja, sie erfüllen die Norm. Das ist erst mal einfacher. Wir sind die Komischen, außen. Sie sind drinnen. Aber dann stoßen sie auf das Kleingedruckte, die Kosten ihres Modells, die oft verschleiert werden, weil es die Norm bleiben soll. Wir dagegen müssen erst einmal da durch, dass wir „abweichen“. Das ist nicht so leicht und kann dauern. Aber wenn man das geschafft hat, ist man freier. Unser Lebensglück ist nicht abhängig von der Schicksalsgemeinschaft Familie. Und ja, ich starre manchmal versonnen in der U-Bahn in ein Babygesicht. Aber noch länger starre ich eigentlich in der U-Bahn Hundegesichter an. Mit Katharina Rutschky selig (kein Kind, ein Spaniel) würde ich sagen: „Kinder sind ein prima Hundeersatz“.

Diese Weihnachten: Lachs in Blätterteig (Kompromiss mit Vegetariern) mit Freund, Kind von Freund, Mutter des Kindes, getrenntem anderen Freund, dessen Kind bei der Mutter ist, Exfreundin vom Freund (kinderlos), noch einem getrennten Vater und vielleicht kommt auch noch der Single, auch kinderlos, vorbei. Will sagen: So richtig kinderlos ist man sowieso nie, die springen ja überall rum, die Kinder der Beziehung, die Paten- und die Nachbarskinder und Kinder von FreundInnen. Aber wir Kinderlosen, wir werden trotzdem die Kraft des Geheimbundes spüren.

5 Kommentare

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Isabel

Danke! Danke für diesen wunderbaren, treffenden Artikel. Balsam auf meiner Seele. Wunderbar geschrieben. Schöne Weihnachten aus dem Berliner Umland.

Georg Schloss

O je, der Artikel klingt zwischen den Zeilen ziemlich frustriert. Mir tun die Menschen leid, die nichts mit dem Fest der Familie anfangen koönnen. Ihr Hedonismus wird verdeckt durch Rabulistik. Und was heißt da restgläubig? Besser so als ungläubig. Wie stark der Glaube einem Menschen beim Sterben hilft habe ich vor kurzem beim Tod meines Vater erlebt. Wo andere jammern hat er Stärke und Vertrauen im Gluaben gezeigt, im Kreise der Familie.

In Wahrheit sind die Kinderlosen die Verlierer und -innen unserer Gesellschaft.

Jona

Vielen Dank. Ich bin Ende dreissig und mir ist vor zwei Jahren eine große Last von der Seele gefallen, als ich im Gespräch mit einer (glücklichen) kinderlosen Ende-40er Frau fest stellte, dass gar nicht jeder Kinder haben muss. Die eigene Familie und gesellschaftliche Normen machen es jedoch schwer dieser Möglichkeit positiv entgegen zu blicken. Deswegen vielen Dank für den Artikel.

Mary

Find ich toll! Wenn ich keine Kinder hätte, würde ichs auch so machen! Bemerkenswert wie gut Sie mit diesem Artikel "hinter" die Kulissen des (schönen und anstrengenden) Familienlebens geblickt haben. Initiativen erlebe ich dennoch auch häufig von Elternseiten aus. Und auch nicht nur zu Eltern-/Kinderthemen. Mein Fazit: Am besten ist immernoch einfach selbst gut leben und andere ebenfalls gut leben lassen, egal wie es gestaltet wird. Denn nichts hat nur eine einzige (schöne Außen-)Seite.

Almuth Wessel

Mir fällt bei den Kommentaren auf, dass es ähnlich abläuft wie bei den Kommentaren zu Sexarbeit und Prostschges. In BEIDEN Fällen gibt es Leute, die auf die Konventionen pfeifen und sich ihren eigenen Reim aufs Leben machen - so oder so - und in BEIDEN Fällen gibt es die ideologiebelasteten Kommentare der "Gegenseite" (in diesem Fall von einem gewissen Georg Schloss) , die es einfach nicht auf sich beruhen lassen können, wenn jemand ein anderes Lebenskonzept zu haben wart als sie. Anstatt die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen und eben mit dem Mäntelchen wenn schon nicht der Nächstenliebe, so doch vielleicht mit der Toleranz zu bedecken, müssen sie unbedingt ihren Senf dazu geben im Sinne von "Du arme Sau... was bist du doch für ein(e) Looser(in), weil Du nich tso leben willst wie ich." Weil eben nicht sein kann was nicht sein darf... Dazu , dass es anscheinend eine typisch deutsche Befindlichkeit ist, jedem Furz ein weltanschauliches Mäntelchen umzuhängen, will ich hier mal gar nichts sagen.

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