Der ökologische Umbau wird nicht die Triebkraft der Beschäftigung sein

Der ökologische Umbau wird nicht die Triebkraft der Beschäftigung sein

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Debatte

Der ökologische Umbau wird nicht die Triebkraft der Beschäftigung sein

Diese Einschätzung äußerte Mascha Madörin beim zweiten Fachgespräch des Gunda-Werner-Instituts zu Care Ökonomie. Sie stimmt mit Blick auf die beschäftigungspolitischen Versprechen des grünen New Deal nachdenklich und wirft die Frage auf: Wieviel Care Ökonomie steckt im grünen New Deal?

Care Ökonomie…

Der Begriff der Care Ökonomie wird sehr verschieden verwendet, immer aber geht es darum, ausgehend von Sorge- und Versorgungsarbeit „Das Ganze der Ökonomie“ in den Blick zu nehmen.

Care Ökonomie bezeichnet einerseits eine feministische kapitalismuskritische Perspektive, andererseits auch ein konkretes Wirtschaftsfeld, dass als solches aber immer erst perspektiviert werden muss, denn es kann, von Haushaltsökonomie über Subsistenzarbeit bis zu versorgenden – bezahlten und unbezahlten – Arbeiten, alles umfassen.

Wie die Umweltökonomie macht auch die Care Ökonomie sichtbar, dass Märkte auf einem Polster agieren: auf einem Polster von Regeneration der Natur bzw. von Sorgearbeit. Märkte externalisieren ökologische und soziale Kosten, d.h. diese gehen nicht in Preise ein.

Eine zentrale Frage der Care Ökonomie lautet: „Wie denken wir uns die politische Ökonomie der personenbezogenen Dienstleistungen für alle im Unterschied zur Autoproduktion für alle?“ Für Mascha Madörin ist dies auch eine der grundsätzlichen Zukunftsfrage, sie kann neben der ökologischen Frage nicht unberücksichtigt bleiben.

und grüner New Deal:

Zentral im grünen New Deal ist die Fokussierung auf industrielle (Groß)Technik und ihre Transformation, es wird darin z.B. entworfen, wie eine „Autoproduktion für alle“ grün werden kann.

Im Gegensatz zur politischen Ökonomie der Autoproduktion, die grün weitergedacht und so politisch handlungsweisend wird, beinhaltet eine politische Ökonomie der personenbezogenen Dienstleistung – kurz: Care Ökonomie – das widerständige Potential, dass sie die kapitalistische Perspektive auf Re/Produktion immer auch – mehr oder weniger – in Frage stellt.

Wie aber kommt Care Ökonomie in den grünen New Deal, wenn dessen Kern lautet: „Keine Politik gegen die Wirtschaft“ (Sven Giegold, Jungle World, 25. Februar 2010)?

Sven Giegold meint jedoch auch weiter, „dass es kein Widerspruch ist, einerseits einen „grünen New Deal“ zu fordern und sich andererseits zu überlegen, ob man nicht auf lange Sicht schöner leben kann als im Kapitalismus.“

Was hier nicht als Widerspruch gelten soll, aber dennoch nach zweigleisigem Vorgehen aussieht, ist dem Thema Care Ökonomie jedoch bereits inhärent: Forderungen bezüglich einem konkreten Wirtschaftsfeld und die Systemfrage.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Care Ökonomie einerseits als eigenständiges Thema zu behandeln ist, anderseits aber auch Anschlussstellen zum grünen New Deal und seinen Debatten bietet.

Gemeinsame Debatten um Werte

Care Ökonomie und grüner New Deal stellen gemeinsam die Forderung nach anderem Wirtschaften.

Um eine gemeinsame Botschaft für ein anderes Wirtschaften zu verbreiten, bieten sich Instrumente der Umweltökonomie an, so z.B. der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI), der neben ökologischen Komponenten auch wohlfahrtsstiftende Komponenten wie Haushaltproduktion und ehrenamtliche Arbeit einbezieht (vgl. Roland Zieschank zum NWI beim ersten Fachgespräch Care Ökonomie, PDF).

Die gemeinsame Botschaft lautet: Der Bruttoinlandsprodukt (BIP) bildet lediglich einen illusionären Wohlstand ab, ist allein auf Umsatz fixiert und vernachlässigt qualitative Aspekte – als politisch handlungsleitendes Instrument ist er völlig unzureichend. Der alternative Index wirft Fragen auf wie: Was ist Lebensstandard, was ist gutes Leben, was gute Arbeit? Fragen, die das GWI in weiteren Fachgesprächen beleuchten wird (mehr: Einladung Lebenskonzepte).

Lebensstandard – für dessen Berechnung der BIP im Übrigen auch nie gedacht war – hängt nicht nur ab von Kaufkraft, verfügbarem Einkommen, sondern z.B. von Haushaltskosten, Leistungen des Staates, Freizeit oder eben auch von verfügbarer Zeit für unbezahlte Arbeit, für Care Work.

Care Ökonomie und grüner New Deal treffen sich also in Debatten um Werte, in Debatten um Wachstum, Wohlstand, Wohlfahrt oder Gemeingüter.

Ein neuer Deal für das Wirtschaftsfeld Care Ökonomie

Der grüne New Deal bezieht sich auf das Wirtschaftsfeld der Care Ökonomie, wo es um Arbeitsplätze im Gesundheits- und Bildungsbereich geht, die es im Zuge des grünen New Deal zu schaffen oder zu verändern gilt.

Die Sektoren der Care Ökonomie werden – wie bereits in der Überschrift angedeutet – immer wichtiger für die Beschäftigung: „Ich bin sehr für ökologischen Umbau; aber das wird nicht mehr die Triebkraft der Beschäftigung sein. Die Triebkraft der Beschäftigung wird in diesem Care- und Freizeitbereich sein.“, so Mascha Mdaörin. Die Bedeutung des Bereichs, so Madörin weiter, zeigte sich z.B. in Japan während der Krise, wo als Wirtschaftsstimuli nur im Bereich der Freizeitindustrie – also in der Care Ökonomie – Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Allerdings: In Deutschland gibt es einen sehr großen Unterschied beim Median zwischen Industrie und Gesundheits- und Sozialwesen. Das heißt, wenn es immer weniger Industriearbeitsplätze gibt und immer mehr Arbeitsplätze im Gesundheitswesen, wird die gesamte Kaufkraft sinken. Deshalb wird der Kampf um höhere Löhne in dem Bereich zu einem strategischen Punkt. Der grüne New Deal, der bessere Arbeitsbedingungen in der Care Ökonomie fordert, tut dies also nicht nur für einen neuen „Gender Deal“.

Und: die Kaufkraft, die im Feld der Care Ökonomie entsteht, fließt auch hierhin zurück. Michael Dauderstädt hierzu: „Diese Kaufkraft wird sich langfristig vielleicht weniger auf Konsumgüter im engeren Sinne, sondern auf Dienstleistungen in Bereichen wie Bildung, Gesundheit und Pflege richten, die im Gegensatz zur materiellen Produktion auch die ökologischen Grenzen des Wachstums weniger gefährden.“ (Die offenen Grenzen des Wachstums, Friedrich-Ebert-Stiftung)

Care Ökonomie als erweiterte Perspektive

Über dieses Wirtschaftsfeld hinaus eröffnet Care Ökonomie als Perspektive auch den Blick auf Politikfelder, die gemeinhin nicht als Teil der Wirtschaft verstanden werden, wie z.B. Verteilung von Arbeiten in Haushalten und Familien, bürgerschaftliches Engagement etc.

Diese erweiterte Perspektive aber kann die Forderungen des grünen New Deal bzgl. des Wirtschaftsfeldes der Care Ökonomie stärken. So lässt sich z.B. mit Blick auch auf die unbezahlte Pflegearbeit deren Größendimension verdeutlichen, sowie die Notwendigkeit, Pflege auch in Zukunft durch einen Mix von marktvermittelter und unbezahlter Arbeit zu organisieren.

Damit erweitert sich aber auch der Blick: was herkömmlich als Wirtschaft bezeichnet wird, erscheint nicht mehr als einziger Ort von Produktion, andere Orte, wie z.B. Familie, werden sichtbar.

Ein guter Deal für Geschlechtergerechtigkeit?

Während der grüne New Deal von der Krise der Umwelt ausgeht, sieht die Care Ökonomie die „Krise der Gesundheitsfürsorge als nächste große Zivilisationskatastrophe“ (Mascha Madörin). Die Ausgangspunkte sind also verscheiden.

Explizit ist Gender im grünen New Deal Thema, wenn es um Arbeit im Wirtschaftsfeld Care Ökonomie geht. Der grüne New Deal soll nicht nur in der Industrie, sondern auch in den personenbezogenen Dienstleistungen neue Jobs schaffen – damit alle Geschlechter vom New Deal profitieren. Denn es wird festgestellt: In diesem Bereich sind überproportional Frauen beschäftigt. Entsprechend hält auch die grüne Bundesfrauenkonferenz den grünen New Deal für einen guten Deal für Frauen. (vgl. Bündnis90/Die Grünen Bundespartei - Bundesfrauenkonferenz 2010)

Allerdings wird Care Ökonomie so zum Inbegriff für Gender im grünen New Deal. Das ist einerseits eine verkürzte Perspektive, ermöglicht aber eben auch eine Perspektiven-Erweiterung.

Einerseits eröffnet im Anschluss daran die Frage „Wie kommt Gender in den grünen New Deal?“ die Möglichkeit, auch entlang von dessen zentralen Punkten (Technologiewandel, Finanzierung der ökologischen Transformation, Erneuerbare Energien) Gender-Perspektiven zu formulieren, wie z.B.: Inwiefern werden auch neue – grüne – Technologien und Beschäftigungsfelder als vergeschlechtlichte rekonstruiert?

Andererseits rückt mit Care Ökonomie als Perspektive die Frage der Umverteilung und Neubewertung von Arbeit als Gender-Frage in den Blick. Care Ökonomie stellt die Gender-Frage grundlegend und systemisch – auch an den grünen New Deal. Care Ökonomie fordert in ihren mit dem grünen New Deal gemeinsamen Debatten um Werte die Berücksichtigung des Wertes der „Geschlechtergerechtigkeit“ ein.

In diesem Sinne muss – und kann! – der grüne New Deal nicht nur ein Deal für ökologische, sondern auch für soziale Nachhaltigkeit werden.

Siehe dazu auch:

 
 

2010
 
 
 

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