Wegbereiterinnen der Abolition

Analyse

Während Millionen von Menschen nach dem Mord an George Floyd gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus demonstrieren, findet die Gewalt gegen Schwarze Frauen nur wenig mediale Beachtung. Und das obwohl sie seit der Sklaverei an vorderster Front für die Abolition kämpfen. Vor diesem Hintergrund analysiert Historikerin Edna Bonhomme die entscheidende und oft unsichtbar gemachte Rolle Schwarzer Frauen innerhalb sozialer Emanzipationsbewegungen – von dem Kampf um die Abschaffung der Sklaverei über die Bürgerrechtsbewegung bis hin zur aktuellen Black Lives Matter-Bewegung.

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Black Lives Matter protest in Bristol

Sojourner Truth ließ keine Gelegenheit aus, ihren Mitmenschen das harte Los der Sklaverei und die Vorzüge des Feminismus vor Augen zu führen. In einer Rede vor der Women's Rights Convention in Akron, Ohio, beschwerte sie sich: „Ich habe genauso viel Muskelkraft wie ein Mann und kann genauso viel arbeiten wie ein Mann.“  Entschieden widersprach sie den Männern, die die Sklaverei abschaffen wollten, aber dagegen waren, dass auch die Frauen sich an den Abolitionskämpfen beteiligten. Als Schwarze und als Frau machte Truth klar, dass Frauen in der Lage sind, sich aktiv und prägend am Kampf für die Abschaffung der Sklaverei zu beteiligen.

Für ihre Rede erhielt sie tosenden Beifall. Es folgten ein Sinneswandel und die Erkenntnis, dass die Abolitionsbewegung stärker mit dem Kampf für das Frauenwahlrecht verknüpft werden müsse. Sojourner Truth, 1797 als Isabella Baumfree im Bundesstaat New York geboren, entließ sich selbst aus der Sklaverei. Nachdem ihr Sklavenhalter sein Versprechen brach, das 1827 im Bundesstaat New York erlassene Gesetz zur Abschaffung der Sklaverei zu respektieren, nahm sie die Sache selbst in die Hand und befreite sich aus seiner Herrschaft. 

Heute, im Jahr 2020, schlägt die Abolitionsbewegung andere Töne an: Jetzt geht es um die Abschaffung von Polizei und Gefängnissen. An der Ermordung der Afroamerikanerin Breonna Taylor durch die Polizei von Louisville haben sich Debatten über das gefährdete Leben Schwarzer Frauen entzündet. Am 13. März 2020, mitten in der Nacht, drangen Polizeibeamte in ihre Wohnung ein und feuerten zahlreiche Schüsse auf Ms. Taylor ab, bis sie kaum noch atmen konnte und schließlich starb.

Doch während der Mord an dem Afroamerikaner George Floyd nicht nur in den USA, sondern weltweit zu Demonstrationen und ganz neuen Abolitionsforderungen geführt hat, laufen Breonna Taylors Mörder immer noch frei herum. Das wirft die Frage auf: Warum stehen auf den Fahnen der allermeisten Revolten die Namen von Schwarzen Männern, wo doch heute so viele Schwarze Frauen die Abolitionsbewegung in Theorie und Praxis vorantreiben? 

Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert, aber Schwarze Aktivistinnen heute „fordern die Abschaffung der Polizei schon seit Jahren“, so zum Beispiel Mariame Kaba.  Anstelle von Reformen verlangen sie die vollständige Beseitigung aller gewalttätigen Institutionen – genau wie ihre Vorkämpferinnen. Schon seit der Zeit der Sklaverei waren und sind häufig Schwarze Frauen die Wegbereiterinnen der Abolition, auch wenn die Anerkennung dafür ihren männlichen Mitstreitern gezollt wurde. Wie es zu dieser Politik kam und wie sie sich entwickelt hat, lässt sich anhand der sozialen Stellung Schwarzer Frauen in Amerika von der Ära der Sklaverei über Jim Crow bis zu den Masseninhaftierungen nachvollziehen. Die Jim-Crow-Gesetze diktierten die physische Trennung von Weißen und Schwarzen in den Vereinigten Staaten – in Bussen, Restaurants, Schulen und anderswo.

Wie Ashley Farmer in Black Perspectives schrieb, waren Schwarze Bürgerrechtlerinnen wie z. B. Rosa Parks alles andere als sanftmütige Wesen. Sie kritisierten die Politik der kleinen Schritte und vertraten radikale Positionen.  Die sozialen Bewegungen gegen Jim Crow und die Black-Lives-Matter-Bewegung von heute haben erkannt, dass Rechtschaffenheit allein nicht genügt, um es mit rassistischen, kapitalistischen und heteropatriarchalischen Institutionen aufzunehmen. Die abolitionistischen Konzepte Schwarzer Frauen beziehen sich häufig auf reproduktive Gesundheit, Sexualpolitik und die ständige Lebensgefahr, die Schwarzen Frauen selbst in ihrem häuslichen Umfeld droht, wie der Tod von Breonna Taylor zeigt.

Schwarze Frauen befinden sich an den Nahtstellen zwischen vielfältigen Unterdrückungsmechanismen, und so sind es vor allem sie, die sich systematisch gegen Rassismus, Sexismus und Klassismus wenden. Diese Mobilisierung beruft sich häufig auf radikale Schwarze Traditionen mit Akzenten des Schwarzen Feminismus. Der von Mary Helen Washington geprägte Begriff „linker Schwarzer Feminismus“ beschrieb ursprünglich das literarische Werk radikaler Schwarzer Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Tradition ist insofern bedeutsam, als sie die Verbindung zwischen Schwarzen Frauen aufzeigt, die nach wie vor um ihre körperliche Autonomie kämpfen – eine Dynamik, die speziell mit ihrer Reproduktion zu tun hat. 

Dekonstruktion der Abolition 

Abolition erscheint vielen als etwas Abstraktes, Unerreichbares und viel zu Großes und wird häufig mit Schwarzen Männern assoziiert. Betrachtet man allerdings die Geschichte der Sklaverei auf dem amerikanischen Doppelkontinent genauer, dann offenbart sich eine andere Lesart des Schwarzen Widerstands. In den Vereinigten Staaten der kolonialen Siedler kämpften Frauen wie Sojourner Truth an vorderster Front gegen brutale Verhältnisse, unter denen sie wie Vieh behandelt wurden. Oft wehrten sie sich gegen die Ungerechtigkeiten mit alltäglichen Akten des Widerstands – von gedrosseltem Arbeitstempo bis hin zur Vergiftung ihrer weißen Sklavenhalter*innen.

Sie hinterließen unauslöschliche Spuren und führten Kampagnen gegen die Sklaverei in den Vereinigten Staaten und anderswo an. Ob als Anführerinnen oder als Rednerinnen – sie organisierten sich mit solcher Entschiedenheit, weil sie eine große Verheißung vor Augen hatten: die Abkehr von Leibeigenschaft und menschenunwürdigen Lebensbedingungen. Und sie hatten ein untrügliches Gespür dafür, dass sie ihren Kampf für die Freiheit als Arbeitskampf führen mussten. 

Wer zeigen will, dass er*sie sich mit dem Kampf gegen die Sklaverei im 19. Jahrhundert auskennt, zitiert oft den Schwarzen Abolitionisten Frederick Douglass. Die Berichte über seine Versklavung werden als schockierend empfunden, weil es so brutal ist, nicht als vollwertiger Mensch behandelt zu werden. Als Gründer des abolitionistischen Newsletters North Star engagierte er sich mit Kampagnen und Reden gegen die Sklaverei in den Vereinigten Staaten.

Obwohl er ein zentraler Akteur der Abolitionsbewegung war, „wurde die Geschichte von Frederick Douglass, seinen Hoffnungen, seinen Visionen und seiner Freiheitssehnsucht weitererzählt – und jede*r kennt sie“, wie seine Tochter Rosetta Douglass Sprague schrieb. „Ermöglicht wurde diese Geschichte durch die unverbrüchliche Loyalität von Anna Murray.“  Dass Anna aus dem kollektiven Gedächtnis zur Geschichte der Abolitionsbewegung getilgt wurde, ist auch auf die Tilgung Schwarzer Frauen aus der Geschichte überhaupt zurückzuführen.

Die Anerkennung, die Schwarzen Frauen für ihren Einsatz in der Abolitionsbewegung gezollt wird, ist eine Messlatte für die Wertschätzung, die Schwarze Frauen in der Gesellschaft allgemein genießen. Das bedeutet aber nicht, dass ihr Einsatz gegen Rassismus und Sexismus nicht existiert hätte. Als Sklavinnen wurden Schwarze Frauen von ihren Herren und Aufsehern systematisch vergewaltigt, damit sie 8, 10, 12 Kinder gebären und damit die nächste Generation von Sklav*innen hervorbringen konnten. Doch dieser Missbrauch blieb nicht ohne Gegenwehr.

Wie Angela Davis in Rassismus und Sexismus: Schwarze Frauen und Klassenkampf in den USA darlegte, leisteten Schwarze Frauen Widerstand, indem sie ihre Herren vergifteten, deren Ernte vernichteten und in die Freiheit entflohen (1).  Es gibt unzählige Beispiele von Schwarzen Frauen, die sich in einer Art Guerillakampf gegen die Sklaverei zu Wehr setzten. 1816 entdeckte das US-Militär eine Gemeinschaft von dreihundert ehemals versklavten Menschen – Schwarze Männer, Frauen und Kinder –, die ein Fort in Florida besetzt hielten. Als sie sich weigerten, sich zu ergeben, ging die Armee mit Waffengewalt gegen sie vor.

Die Frauen wehrten sich Seite an Seite mit den Männern, doch nach einer zehntägigen Schlacht hatten die Soldaten mehr als zweihundert Bewohner*innen ermordet. 1865, mit der Emanzipation der Schwarzen in den Vereinigten Staaten, war der Überlebenskampf noch nicht zu Ende. Tatsächlich gab es auch noch in der Jim-Crow-Zeit Vergeltungsakte, als Segregation und Ungleichheit gesetzlich verankert waren.

Gegen Rechtschaffenheit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hielten sich Schwarze Freiheitskämpferinnen mit ihrer Position nicht zurück. Ihre Abolitionskämpfe waren fester Bestandteil von Kampagnen gegen Lynchjustiz und sexuelle Übergriffe. In ihrem Buch Southern Horrors: Lynch Law in All Its Phases  dokumentierte die afroamerikanische Aktivistin Ida B. Wells-Barnett die sexuelle Ausbeutung Schwarzer Frauen, deren Peiniger weitgehend straflos davonkamen (2).  Auf dem Höhepunkt der Jim-Crow-Segregation in den Südstaaten der USA berichtete Wells-Barnett in der Memphis Free Press

Vergangenen Winter [1891] wurde in Baltimore, Maryland, Miss Camphor, eine junge Afroamerikanerin, die mit einem ebenfalls schwarzen jungen Mann unterwegs war, von drei weißen Rüpeln überfallen ... Die Sache kam vor Gericht, ein afroamerikanischer Anwalt verteidigte die Männer und sie wurden freigesprochen. (3)

Sie stellte fest, dass Schwarze Mädchen und Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden waren, selten so etwas wie Gerechtigkeit erfuhren. Sie hatten keine Verfügungsgewalt über ihren Körper, worin sich die ganze Ungerechtigkeit des Rechtssystems offenbarte. Als Journalistin dokumentierte Wells-Barnett die Schrecken der Lynchjustiz und wurde dafür von weißen Südstaatler*innen eingeschüchtert und vertrieben. Ihre investigative Berichterstattung über die sexualisierte Gewalt gegen Schwarze Frauen war damals etwas völlig Neues.

Wie die zeitgenössische afroamerikanische Journalistin Nikole Hannah-Jones schrieb, war Wells-Barnett „Feministin, lange bevor der Feminismus populär wurde, und bekämpfte den Rassismus in einer Zeit, als die Führungsriege der wachsenden Bürgerrechtsorganisationen noch durch und durch männlich war.“ 2020, neunzig Jahre nach ihrem Tod, wurde sie posthum mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Sie war ihrer Zeit weit voraus.  Sie erkannte, dass es für niemanden Freiheit geben kann, solange Schwarze Mädchen und Frauen Opfer sexueller Übergriffe werden. 

Ida B. Wells-Barnett führte keinen einsamen Kampf. Anfang des 20. Jahrhunderts organisierten sich viele Schwarze Feministinnen nicht nur gegen staatliche und rassistische Selbstjustiz, sondern verfolgten auch einen antiimperialistischen Ansatz und stellten sich auf die Seite der Arbeiter*innen. Die in Trinidad geborene Journalistin und Kommunistin Claudia Jones war eine der berühmtesten radikalen Schwarzen Frauen in der Partei. Sie agitierte zu lokalen Problemen in Harlem, war Redaktionsmitglied des Daily Worker und Schriftführerin des Frauenausschusses der Kommunistischen Partei USA. In ihrem Essay „An End to the Neglect of the Problems of the Negro Woman!“ schrieb sie: 

Die Bourgeoisie hat Angst vor der Militanz der Schwarzen Frau, und zwar aus gutem Grund. Die Kapitalisten wissen – anscheinend viel besser als viele Progressive: Schreiten die Schwarzen Frauen erst einmal zur Tat, dann wird sich die Militanz aller Schwarzen und damit der antiimperialistischen Koalition massiv verstärken. 

Die US-Regierung hat Jones wegen ihrer Aktivitäten erst lange verteufelt, dann ins Gefängnis geworfen und schließlich des Landes verwiesen. Durch diese Kriminalisierung wurde Jones vorübergehend staatenlos, weshalb sie von Carole Boyce Davies gedrängt wurde, „in der [afrikanischen] Diaspora eine internationale Identität zu begründen.“ (4)

Die Ära der Bürgerrechtsbewegung war ein Wendepunkt für die Befreiung der Schwarzen Frauen, hauptsächlich, weil diese Befreiung darauf gerichtet war, die rechtlichen Strukturen der Segregation und des rassistischen Terrors zu untersuchen und aufzubrechen. Im Schwarzen Freiheitskampf der 1960er- und 1970er-Jahre arbeiteten Schwarze Frauen gemeinsam an der Theorie und Neudefinition des Feminismus, aber ohne die radikalen Traditionen früherer Zeiten – die Kampagnen gegen die Lynchjustiz – hätten sich diese Gruppen und Koalitionen nicht durchsetzen können. 

Darüber hinaus waren reproduktive Gesundheit und Sexualpolitik zentrale Anliegen für die Befreiung der Schwarzen. Ein einschlägiger Fall war der von Fannie Lou Hamer, einer Anführerin der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und ehemaligen Farmpächterin, die ohne ihr Wissen sterilisiert wurde. Ihre Sterilisation entsprach der Politik des Bundesstaats Mississippi, der die Zahl der in Armut lebenden Schwarzen Einwohner*innen zu verringern suchte. Diese Politik war zum Teil auf die rassistische Angst vor einer Hyperfertilität der Schwarzen zurückzuführen, wobei die Geburtenrate der Schwarzen Bevölkerung in der Jim-Crow-Zeit zurückging, wie Dorothy Roberts in ihrem Buch Killing the Black Body ausführt. (5)

Der Kampf um die reproduktive Autonomie der Schwarzen Frauen ist bemerkenswert und eine immer noch andauernde Tragödie, egal ob es um den Zugang zum Schwangerschaftsabbruch oder um die reproduktive Gesundheitsversorgung geht. Bekannt wurde Hamer vor allem für ihr Lamento: „Es macht mich krank und müde, krank und müde zu sein.“ Doch ihre Sterilisation war der Anstoß, sich gegen die weit verbreitete Sterilisation Schwarzer Frauen in den amerikanischen Südstaaten zu wehren und zugleich mehr Afroamerikaner*innen in die Wählerverzeichnisse einzutragen – und das mitten in der Jim-Crow-Zeit. 

Im Zentrum vieler Abolitionsprojekte stand das Klassenbewusstsein. Frauen, die wie Fannie Lou Hamer in Armut lebten, ermutigten andere mit großer Beharrlichkeit, sich gegen die Schädigung ihrer Reproduktionsfähigkeit und ihrer Körper zu wehren. In dem Essay „The Revolt of Poor Black Women“ zeigten sich die Autor*innen überzeugt, dass die Revolution einen ganz neuen Anfang einläuten werde, getrieben von der Macht der befreiten Phantasie und nicht vom toten Ballast der Vergangenheit. (6)



Die Abschaffung der Polizei

Die Polizeiapparate in den USA sind nach wie vor ein wunder Punkt und für Afroamerikaner*innen sehr belastend. Viele Anführer*innen und Aktivist*innen der Black-Lives-Matter-Demonstrationen von 2014 bis 2015 beziehen sich auf Mike Brown und Eric Garner, doch direkt hinter ihren Aufrufen stehen die Namen Schwarzer Frauen wie zum Beispiel Sandra Bland und Rekia Boyd. 2020 zeigt die anhaltende Black-Lives-Matter-Bewegung, wie sehr die Proteste und sozialen Unruhen mit dem Freiheitskampf der Schwarzen in den USA verwoben sind. 

Dass sich die Black-Lives-Matter-Bewegung mit ihrer Forderung nach Befreiung der Schwarzen international ausgeweitet hat, ist den Schwarzen Frauen, Queer- und Transgender-Menschen zu verdanken, die diese Bewegung prägen. Auf der Straße wie im Internet geht es in der feministischen und queeren Argumentation der Schwarzen immer mehr um Freiheit. Che Gossett, Transperson, Schriftsteller*in und Archivar*in, betont: „Die radikalen Visionen der Abolition deuten auf einen neuen Horizont unserer Welt, der Befreiung verheißt.“ Die Filmemacherin und Aktivistin Tourmaline beschreibt dies als Freiheitsträume. 

Eine wichtige Gruppe ist das Combahee-River-Kollektiv. Sie haben ein Manifest zur Abolition publiziert, für das sie gefeiert wurden. In ihrer Erklärung von 1977 heißt es: „Wenn Schwarze Frauen frei wären, dann wären auch alle anderen frei, denn unsere Freiheit bedingt die Beseitigung aller Unterdrückungssysteme.”  Keeanga-Yamahtta Taylor schrieb in The New Yorker: “Schwarze Frauen stehen an der Spitze der wachsenden Black-Lives-Matter-Bewegung und auch sie beziehen sich auf die Politik des Kollektivs.” Es lohnt sich, das – direkt oder indirekt – tradierte Wissen für den radikalen Schwarzen Feminismus fruchtbar zu machen. 

Die afroamerikanische Rechtswissenschaftlerin Michelle Alexander schrieb: „Wir haben die auf ‚Rasse‘ beruhenden Kasten in Amerika nicht abgeschafft, wir haben sie nur umdefiniert.“ (7) Wenn wir im Zeitalter der Masseninhaftierung in Amerika darüber diskutieren, wie eine Abolition, die ganz konkret auf die Beseitigung der staatlich sanktionierten Unterdrückung abzielt, aussehen könnte, dann ist es unabdingbar, die historische Entwicklung von der Sklaverei bis in die Gegenwart zu verstehen. Mit der Abschaffung der Polizei, so das Argument der heutigen Abolitionist*innen, würden Sexismus und Rassismus gleichzeitig bekämpft. 

Heute lautet die Forderung, dass Schwarze Menschen ihr Leben frei von Unterwerfung führen können. Es geht um eine Neustrukturierung der Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Unterdrückung historisch in einem kapitalistischen, patriarchalischen System verwurzelt ist. Ohne wirkliche Freiheit werden sich die Traumata des Rassismus immer weiter fortsetzen: schlechtere Bezahlung, unzureichende Wohnverhältnisse. Und in der Covid-19-Krise bedeutet Freiheit, angesichts einer verhassten Gegenmacht aufzustehen und das Unmögliche einzufordern. 

 

Übersetzung aus dem Englischen: Marion Schweizer, Textpraxis Hamburg. Hier finden Sie die Originalversion auf Englisch, die am 13. August 2020 erschienen ist.

 

Literaturnachweise:

(1) Davis, Angela Y. Women, Race, & Class. Vol. 1st. New York: Random House, 1981.

(2) Ida B. Wells-Barnett, Southern Horrors: Lynch Law in All Its Phases, 1892.

(3) For more information on lynching, refer to Ida B. Wells-Barnett, Southern Horrors: Lynch Law in All Its Phases. Available, http://www.gutenberg.org/files/14975/14975-h/14975-h.htm

(4) Carole Boyce Davies, Left of Karl Marx: The Political Life of Black Communist Claudia Jones, Durham: Duke University Press, 2007, S. 137.

(5) Roberts, Dorothy E. Killing the Black Body: Race, Reproduction, and the Meaning of Liberty. New York: Pantheon Books, 1997.

(6) Lessons from the Damned, New York: Times Change Press, 1973.

(7) M. Alexander, The New Jim Crow, p. 2.