Feministische Traditionen | Geschichte

Feministische Traditionen | Geschichte

“Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Manne gleich in allen Rechten“ forderte 1791 Olympe de Gouges zum Auftakt der französischen Revolution in einem Brief an die Königin. Das war keine Selbstverständlichkeit, denn die grundlegenden Menschen- und Bürgerrechte galten damals - in manchen Ländern auch heute noch - ausschließlich für Männer. De Gouges bezahlte damals für ihren Mut mit dem Leben.

EqualityFeminism bedeutet Gleichheit. Urheber: Paul Simpson. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Feministische Traditionen | Geschichte

Woher kommt Feminismus? - Eine kurze Ideengeschichte

Frauenbewegte Anfänge
Menschen- und Bürgerrechte auch für Frauen
Bereits im Zuge der Aufklärung forderte Olympe de Gouges in Frankreich 1791 für Frauen Menschen- und Bürgerrechte ein, die damals ausschließlich für Männer galten. Diese ersten feministischen Ideen inspirierten später, im 19. und 20. Jahrhundert, Frauenbewegungen in zahlreichen Ländern, die für Bildung, Erwerbsarbeit und gesellschaftliche Gleichstellung kämpften. Dem Engagement der Frauenrechtlerinnen verdanken wir viele soziale und politische Rechte für Frauen, darunter auch das Wahlrecht.

Autonome Frauenbewegungen
Das Private ist politisch
In den 60ger Jahren des letzten Jahrhunderts, im Kontext von Studentenprotesten und Neuen Sozialen Bewegungen, bildeten sich weltweit neue Frauenbewegungen. Die autonomen Feministinnen organisierten sich unabhängig von Männern und außerhalb von bestehenden Organisationen und kritisierten die Benachteiligung von Frauen, die trotz formaler politischer Gleichheitsrechte fortbestand. Rechte allein genügten offenbar nicht, um Gleichheit zu erreichen: die Dominanz im Geschlechterverhältnis spiegelte vielmehr den Aufbau der gesamten Gesellschaft und ihrer Einrichtungen wider. Feministische Kritikerinnen analysierten die Ursachen der strukturellen Benachteiligung von Frauen und kämpften für eine Veränderung der patriarchalen Gesellschaftsordnung und des gesellschaftlichen Bewusstseins. Sie beforschten geschlechterkritisch bis dato ‚private’ Themen wie Familie, Sexualität, Körper, Psyche, verweigerten traditionelle Lebensformen und Arbeitsteilungen und entwickelten unabhängige (autonome) Lebens- und Arbeitsformen.

Von der Differenz zur Dekonstruktion
Das andere Geschlecht?
In den 70er/80er Jahren wurde vor allem in Italien die - psychoanalytisch inspirierte - Auffassung vertreten, dass Frauen alternative Werte verkörperten, weil sie historisch von der Macht und dem herrschenden  Wertekanon ausgeschlossen seien. Diese differenz-feministische Vorstellung wird heute kaum noch vertreten, weil sie sich weder wissenschaftlich halten ließ noch aufgrund historischer Erfahrung bewahrheitet hat. Mehr noch: der dekonstruktivistische Feminismus der 90ger Jahre verneint, dass  sexuelle Identitäten in irgend einer Weise „natürlich“ sind und zeigt auf, wie ‚Geschlecht’ kulturell und durch Sprache entsteht und geformt wird. Die dekonstruktivistischen Forderungen, vor allem vertreten durch Judith Butler, richten sich demnach auch nicht an die Politik, sondern eher daran, unsere festgelegten Denkweisen über die Kategorie ‚Geschlecht’ insgesamt zu verändern (‚gender trouble‘).

Kritik an Rassismus, Ethnozentrismus, Homophobie
Ungleichheit zwischen Frauen
Machtkritische feministische Theorien, heute an zahlreichen Universitäten vertreten, stellten zunehmend auch die Ungleichheit zwischen Frauen selbst zur Debatte. Die Diskriminierung von Frauen, aber auch von Männern durch Rassismus, Ethnozentrismus, Homophobie, durch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Benachteiligung zeigt, dass Frauen nicht zwangsläufig immer die gleichen Interessen haben und dass manche Frauen von ungerechten Verhältnissen auch profitieren. Die Emanzipation von Frauen allein scheint also das Problem der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit nicht lösen zu können: man spricht auch von einer „Matrix der Diskriminierung“, in die viele Faktoren der Ungleichheit einfließen.

Dritte feministische Welle
Von Alphamädchen bis Popfeminismus
„Alphamädchen“, Popfeministinnen, third wave feminists: Vor allem jüngere Frauen der feministischen Bewegungen um die Jahrtausendwende riefen Frauen dazu auf, nicht über Ungleichheit zu klagen, sondern selbstbewusst ihre Rechte in Besitz zu nehmen. Das Selbstbewusstsein der jungen Frauen kann sich auch auf die weite Verbreitung von geschlechterdemokratischen Konzepten  wie das des europaweiten Gender Mainstreaming stützen. Ist der Feminismus damit obsolet geworden? Eher scheint es so zu sein, dass Feminismus sich immer weiter ausdifferenziert und zu einem lebhaften Diskurs zwischen vielen verschiedenen Positionen wird.

Differenzierte und plurale Konzepte
Von Intersektionalität bis Queer Theory
Neuere theoretische und praktische Konzepte von Feminismus beziehen die postkoloniale Kritik an der unhinterfragten westlich-weißen Denk- und Lebensweise ebenso ein wie - mit den Queer Theory - die Kritik an Heteronormativität, an festgelegten Geschlechtsidentitäten mit Heterosexualität als allgemein verbindlicher Orientierung. Aktuelle feministische Debatten konzentrieren sich darauf, wie die Diskriminierung von Geschlecht mit Kategorien wie Rasse, Klasse, Sexualität, Nationalität oder Alter verwoben sind. Konzepte wie Intersektionalität oder auch Diversity helfen dabei, Geschlechterungleichheit nicht isoliert zu sehen, sondern im Zusammenhang mit anderen Formen und Dimensionen von Ungleichheit und Herrschaft zu bekämpfen.