Die feministische Perspektive auf die Finanz- und Wirtschaftskrise

Bericht

Die feministische Perspektive auf die Finanz- und Wirtschaftskrise

Die Referentinnen und Teilnehmer_innen des Jour Fixe am 7.Juli 2009 (Foto: Alex Giegold)
Die Referentinnen und Teilnehmer_innen des Jour Fixe am 7.Juli 2009 (Foto: Alex Giegold)

Von Luise Kassner
Von Luise Kassner

Feministische Stimmen werden in den Debatten über die Weltwirtschaftskrise bislang kaum gehört. Gleichzeitig finden „gegenderte“ Aussagen ihren Platz in der Presse: „Männliche Mitarbeiter sind von der aktuellen Wirtschaftskrise stärker betroffen als weibliche“ (Spiegel), „Die Männer haben es verbockt – Islands Frauen verordnen ihrem Land einen weiblichen Weg aus der Krise“ (Guardian), „Der globalisierte Neoliberalismus erfindet seinen eigenen Feminismus und seine eigenen Feministinnen“ (taz) oder „Frauen trifft die Krise am härtesten“ (United Nations Conference on Trade and Development). Doch um eine geschlechtergerechte Wirtschaftspolitik realisieren zu können, bedarf es nach Ansicht feministischer Ökonominnen geschlechtersensibler Wirtschaftsmodelle und -theorien. Durch den ausschließlichen Fokus auf den Markt – so die zentrale Kritik – werde die nicht marktförmige Arbeit (u. a. Hausarbeit und Pflege) in makroökonomischen Modellen und folglich in der Politik schlichtweg ausgeblendet.

Die Geschlechterdimension der Weltwirtschaftskrise

Die Weltwirtschaftskrise weist eine ganz spezifische Geschlechterdimension auf. Gerade der Finanzsektor ist ein Bereich, der überproportional von Männern dominiert wird. „Der Crash ist eine Hirngeburt durchgeknallter Männer“, wie es Christa Wichterich, Soziologin und Publizistin, als ein extremes Beispiel aus den Medien vorführte. Vielmehr jedoch bezieht sich die Geschlechterdimension auf die unterschiedliche Betroffenheit von Männern und Frauen durch die Krise. Alle Diskutantinnen auf der Veranstaltung im Rahmen des Gender Happening waren sich einig, dass es nicht um die Frage geht, ob Frauen in derselben Position diese Krise verursacht hätten. Vielmehr, so Alexandra Scheele, Politologin an der Universität Potsdam, sind alle Akteure in einem patriarchal geprägten Wirtschafts- und Finanzsystem.

Die geschlechterspezifische Dimension der Finanzkrise zeigt sich darin, dass exportorientierte, männerdominierente Sektoren des Wirtschaftsmarktes, die stark betroffen sind, wie etwa die Mobil- und Bauindustrie, mit starken Konjunkturprogrammen unterstützt werden. Frauendominierente Sektoren, wie der Dienstleistungssektor, sind zunächst weniger sichtbar betroffen. Dennoch befinden sich häufig Frauen in ihrer Erwerbstätigkeit in einer prekären Situation. Sie sind in vielen Fällen weniger abgesichert, gering verdienend und überarbeitet.

Scheele begründet dies mit der vorherrschenden Ideologie, die darauf basiert, dass der Mann als Familienernährer zunächst eines gesicherten Einkommens bedarf. Gleichzeitig werden Frauen im Dienstleistungssektor als zuverdienend betrachtet und somit wird ihre prekäre Situation nicht mitgedacht. Dieses geschlechtsspezifische Phänomen hat sich seit der Weltwirtschaftskrise nur verstärkt. Die prekäre Arbeitssituation der Frau ist seit der neoliberalen Globalisierung ein bedeutendes Phänomen. Frauen aus den Ländern des Südens leben in einer „chronischen Krise des Überlebens“, so Wichterich. Hier müssen wir grundsätzliche Vorstellungen über Geschlechterrollen verändern.

Eine weitere geschlechterspezifische Dimension in der Finanzkrise ist die Vermögensverteilung. Während Löhne sinken, nimmt Vermögen eindeutig zu. Deborah Roggerie, Kultur- und Politikwissenschaftlerin und Mitglied bei Attac, macht darauf aufmerksam, dass die Vermögenden hauptsächlich solche Männer sind, die auf den Finanzmärkten aktiv sein können. Dasselbe gilt auch für die Steuerpolitik. Wenn die Mehrwertsteuer erhöht wird, dann trifft es die Geringverdienenden, welches häufiger Frauen sind. Was die soziale Absicherung anbelangt, so sind Frauen im Nachteil: Da der Staat sich in der Altersvorsorge zurückzieht, haben Niedrigverdienende bei der privaten Vorsorge ein Nachsehen. Das bedeutet für die Zukunft eine besonders weiblich ausgeprägte Altersarmut.

Eine feministische Position im Kontext der Weltwirtschaftskrise

Eine zentrale Forderung der Feministinnen ist ein geschlechtergerechter Zugang zum Arbeitsmarkt. Es sollte gar nicht mehr zur Debatte stehen, dass 50 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten vertreten sind, sondern eine Selbstverständlichkeit, so Deborah Ruggieri. Vielmehr gehen die Forderungen über eine klassische Gleichstellungspolitik, die an den Inhalten der Politik nichts verändert, weit hinaus. Die Konjunkturprogramme der Politik für die exportorientierte Industrie zeigen, dass das System als solches nicht hinterfragt wird, und somit keine langfristigen Veränderungen vorgenommen werden. Es wird schnelle Abhilfe geleistet, damit der „männliche Ernährer nicht auf der Strasse landet“. Aber zukunftsweisende Richtungen werden eher verbaut als eröffnet, so die Beobachtungen von Scheele. Dabei würde eine Regulierung der Finanzmärkte nicht ausreichen, sondern die Wirtschaftslogik an sich ist momentan weit entfernt von der Befriedigung von Bedürfnissen und der Schaffung von Absicherung. Die feministische Position fordert eine Umverteilung und Neuwertung von Arbeit, und das eine geht nicht ohne das andere, so Wichterich. Der Kapitalismus ist nicht nur ein Produktionsverhältnis, sondern bestimmt unsere sozialen Beziehungen, Normen und Werte. Es muss wieder darüber gesprochen werden, welche Werte in der Gesellschaft relevant sind.

Lösungen für ein geschlechtersensibles Wirtschaftsmodell

Ein wichtiger Lösungsansatz ist die Demokratisierung von Wirtschaft. Es müssen Forderungen gestellt und Vorschläge gemacht werden. Langfristig ist es wichtig, dass die Finanzmärkte schrumpfen. Auf bestimmte Dinge wie Nahrung und Absicherung darf nicht spekuliert werden, so Wichterich. Die Forderungen von Attac sind unter anderem ein bedingungsloses Grundeinkommen und verkürzte Arbeitszeiten. Des Weiteren ist die Chancendebatte in der Steuerpolitik zentral. Frauen müssen darüber aufgeklärt werden, wer und wie über die Steuermittel entscheidet und mit an diesen Prozessen beteiligt werden.

Auf der multilateralen Ebene, insbesondere bei den Vereinten Nationen, sind mittlerweile Strukturen vorhanden, um die Geschlechterdimensionen in die Politik mit einzubeziehen. Von Frauen sind die Vereinten Nationen schon immer als wichtiges Instrument wahrgenommen worden, da sie als Garant für Menschenrechte und somit auch Frauenrechte gelten. Bei der letzten Konferenz zur Weltwirtschaftskrise forderten Feministinnen die Schaffung eines Weltwirtschaftsrates ein, um eine stärkere Regulierung der globalen Finanzmärkte vorzunehmen. Dies ist zunächst gescheitert und es bleibt die Frage, ob tatsächlich auf der Ebene der UNO ein sozialer Wandel eintreten kann. Christa Wichterich spricht hier von „Politikverdunstung“. Themen, wie ein gendersensibles Konjunkturprogramm werden mit aufgenommen, aber in der Umsetzung sind diese Inhalte nicht mehr sichtbar.

Die Krise als Chance für Frauen

Die Finanz- und Wirtschaftskrise macht die häufig prekäre Arbeitssituation von Frauen sichtbarer als je zuvor. Ruggieri spricht hier von einem „windows of opportunities“. Viele Frauenorganisationen und Frauennetzwerke sind mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert und entdecken Gemeinsamkeiten. Ruggieri sieht hier eine Chance für Frauen, über die ideologischen Grabenkämpfe hinaus Solidarität anzustreben und punktuell zusammenzuarbeiten. Breite Bündnisse sind notwendig, wie zum Beispiel mit den Gewerkschaften. Diejenigen, die im Dienstleistungssektor, im Bildungsbereich, in der Pflege arbeiten, müssen sich zusammenschließen und gemeinsame Forderungen stellen. Auf der internationalen Ebene, wie zum Beispiel in der Textilindustrie, wo viele Frauen in Arbeitsverhältnissen von Überarbeitung und Niedriglöhnen tätig sind, ist eine Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen besonders wichtig.

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