OMNIBUS 1325 und seine Passagiere

Marneuli/Georgien. Knapp 20 junge Frauen und Männer drängen sich in einem schmalen Raum im ersten Stock eines Wohnhauses und versuchen sich gegenseitig mit Blicken einzuschätzen, während der Trainer Azad das Thema des Treffens an die kleine Tafel schreibt. Kurz darauf beginnen Azad Isazade aus Aserbaidschan und sein Co-Trainer Albert Voskanyan aus Berg-Karabach den Workshop „Geschlechterbilder in der Familie und in der Gesellschaft“ mit einer Vorstellungsrunde: Jugendliche aus Georgien, Armenien und Azerbaidschan lesen ihre Namen vor (Suren, Givi, Aynura) und hören sich neugierig die Geschichten zur Bedeutung der Namen an. Der Workshop, den Alla Bezhentseva organisiert hat, findet in der Stadt Marneuli in Georgien statt, im Büro der Vereinigung der Aserischen Frauen in Georgien.


Kvema-Kartli ist eine Region in Georgien. Doch die hier lebenden GeorgierInnen bilden eine Minderheit gegenüber den ethnischen Gruppen der ArmenierInnen und der AserInnen. Oberflächlich gesehen, scheinen sich die Beziehungen zwischen den drei Ethnien oftmals reibungslos zu gestalten, aber es gibt viele interne Kontroversen.
„Das Projekt richtet sich an die verletzlichsten Gruppen der ethnischen Minderheiten von Kvemo-Kartli, an Jugendliche und Frauen“, sagt Alla Bezhentseva, Direktorin der Union von Russischen Frauen in Georgien. „Früher habe ich schon einmal Sajida und Vafa aus Aserbaidschan für ein ähnliches Aktivisierungsseminar in Bolnisi und Algeti und Susana aus Armenien für ein Seminar in Tsalka eingeladen. All diese Leute habe ich während eines dreijährigen Kursprogramms der Mobilen Akademien OMNIBUS 1325 der deutschen Organisation OWEN kennen gelernt.“

Aber das originellste Paar unter den TrainerInnen sind Azad Isazade und Albert Voskanyan. Beide sind frühere Militärs, Offiziere, die sich in Berg-Karabach in den verfeindeten Armeen bekämpften. Jetzt arbeiten sie zusammen; gemeinschaftlich leiten sie Seminare und rufen zum Frieden auf. Noch vor einigen Jahren teilten Albert und Azad  die nationalen Gefühle ihrer jeweiligen Gesellschaften. Aber während der letzten Jahre hat sich vieles stark geändert, dank ihrer gemeinsamen Teilnahme am Kurs OMNIBUS 1325, so dass sie jetzt Mitglieder eines Netzwerkes mit demselben Namen sind.

Es gab keinen Bus!

Was ist OMNIBUS 1325? Laut Marina Grasse von OWEN, auf deren Idee hin der Kurs im Jahre 2006 begann, handelt es sich um “eine immerwährende Reise, einen Lernprozess von und mit Frauen und Männern über das Leben und die Realität, über Perspektiven, Sichtweisen, Bedürfnisse, Wünsche, Träume und Potentiale zur Förderung des Friedens durch gewaltfreie Mittel, eine Lernreise, was Frieden und Friedenmachen für andere Menschen in ihrem jeweiligen Kontext bedeutet.“
„Offen für Frauen und Männer, die auf verschiedene Art und Weise auf dem Gebiet von Geschlechterfragen, Frauenförderung, Konflikttransformation und Menschenrechten in Nord- und Süd-Kaukasus aktiv sind. Sie können dort erfahren, dass Dialog möglich ist und dass wir durch den Dialog etwas über uns selbst und über die anderen lernen können“ – das war Marina Grasses Hauptintention.
„Viele Leute fragen uns, ob es da tatsächlich einen Bus gegeben hätte. Die Antwort ist: Nein, es gab keinen!“ OMNIBUS ist ein Symbol, das „für alle“ bedeutet“ – sagte Dana Jirouš, wissenschaftliche Mitarbeiterin von OMNIBUS.

Der Anfang

Im Jahr 2006 hatte OWEN aus vielen BewerberInnen 67 Teilnehmende für den Grundkurs ausgesucht - aus Aserbaidschan, Armenien, Georgien, Abchasien, Süd-Ossetien, Berg-Karabach sowie aus der Russländischen Föderation (Tschetschenien, Dagestan, Novocherkassk). Der Kurs fand in zwei nord- und südkaukasischen Subgruppen statt.
Ein Jahr später konnten nur noch 20 TeilnehmerInnen den Aufbaukurs der Akademie absolvieren: Menschen, die in die Friedens- und Bildungsarbeit involviert sind, die Einfluss in ihrer Gesellschaft haben, die das Wissen aus den Kursen in ihrer Region multiplizieren wollen. Ähnliche Kurse wurden in Deutschland auf lokaler Ebene organisiert - für junge MultiplikatorInnen, die den interkulturellen Dialog zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und MigrantInnen fördern.

Der Fortschritt

Wie in jeder Gruppe lief auch hier nicht alles glatt, weil sich die Gruppenmitglieder in ihrer ethnischen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeit doch sehr voneinander unterschieden. Vor allem aber stammen sie aus Ländern, die sich in Konflikten gegenüberstehen. Aber alle waren durch die Idee vereint, den Frieden im Kaukasus wiederherzustellen. Ihr gemeinsamer Lernprozess, ihre Treffen, Gespräche und Diskussionen, die sie in Georgien, Sochi, Istanbul, Trabzon, Berlin, Potsdam und an anderen Orten führten, brachten sie diesem Ziel näher.

„Wahrscheinlich haben wir uns inzwischen Tausende von Geschichten erzählt, darunter sehr schmerzhafte. Es gab auch Tränen, viele Male fiel es den Leuten schwer, den emotionalen Druck zu ertragen“, erzählt Azad Isazade, Psychologe aus dem Krisenzentrum für Frauen in Baku. „Als ich in den 1990er Jahren in Karabach gekämpft habe, hätte ich nicht mal im Traum daran gedacht, dass ich nicht nur einen armenischen Partner aus Karabach haben werde – Albert -, sondern dass wir sogar Freunde werden. Aber jetzt kann ich mit Stolz sagen, dass wir alle in der Gruppe Freunde sind, Freunde im wahren Sinne des Wortes.“
Albert und Azad sind ein einmaliges Duo.

„Das Duo von Albert und Azad ist einmalig”, sagt Alla Bezhentseva, „die Kämpfer von damals propagieren jetzt den Frieden. Das beste Ergebnis der Friedensarbeit war für mich, als zwei aserische Mädchen, die in Georgien leben, Albert kennen lernten und sagten, dass sie sich bis dahin nicht vorstellen konnten, Armenier könnten so nett sein.”
„Wir schämen uns nicht, wenn wir uns in die Augen schauen“,, setzt Azad fort, „weil wir während des Krieges nichts taten, weswegen wir uns schämen müssten. Albert war damit beschäftigt, aserische Gefangene und vermisste Soldaten auf dem von den Armeniern besetzten Territorium ausfindig zu machen.”

„Jetzt machen wir manchmal gemeinsam Scherze in einer Weise, in der die besten Freunde nicht immer miteinander scherzen können. Es gibt vieles, was uns verbindet: Wir sind fast gleich alt, 54, wir sind in derselben Stadt aufgewachsen - Baku, fast in der Nachbarschaft, wir haben viele gemeinsame Bekannte. Wir waren Gegner während des Krieges, aber - auch wenn das komisch klingt – sogar das verbindet uns“, sagt Albert Voskanyan.

Was ist das Besondere an diesem Kurs?

Der Ansatz des dreijährigen Kurses gründete sich auf der Gestalt-Pädagogik, angewandt wurden aber auch Ansätze von Paulo Freire. Die in Südamerika entwickelten pädagogischen Grundsätze von Paulo Freire bildeten eine wichtige Basis des OMNIBUS 1325. Sie besagen, dass jeder Mensch, der zu einem Kurs kommt, mit eigenen Erfahrungen ausgestattet ist; niemand ist leer, jeder und jede ist imstande zu lernen und zu lehren, sogar den eigenen Trainer.
„Der ganze Bildungsprozess war auf Dialogen aufgebaut“, berichtet einer der Kursteilnehmer, Edgar Khachatryan, Direktor der NGO Peace Dialogue aus Armenien. „Ich habe dabei festgestellt, dass meine Lebenserfahrungen für andere von Interesse waren. Erst in dem Moment verstand ich, dass es Dialog ist, wenn wir alle einen Beitrag zum Lernprozess leisten und voneinander lernen.“

„Früher beschäftigten wir uns mit Geschlechterfragen und Frieden, indem wir unserem Herzen folgten. Aber durch das Lernen an der OMNIBUS-Akademie konnten wir das systematisieren, was wir gefühlt hatten, und mehr Verständnis für die Problematik gewinnen“, ist Isazades Gedanke.

Die TeilnehmerInnen, die schon früher als TrainerInnen gearbeitet hatten, änderten nach dem Kurs-Ende ihre pädagogischen und methodologischen Ansätze, stellten Fehler und falsches Vorgehen in ihrer bisherigen Arbeit fest, und jetzt versuchen sie die neu gewonnen Erkenntnisse in ihrer alltäglichen Arbeit anzuwenden. „Für mich bedeutet der OMNIBUS die Gelegenheit zum freien Denken. Er gibt mir kein abstraktes Wissen, sondern die Gelegenheit, sich der Ernsthaftigkeit und der Wirkung meiner alltäglichen Arbeit bewusst zu werden; er gibt mir Instrumente für die Selbst-Wahrnehmung.“, sagt Edgar.

08.08.08: Krieg in Georgien, Krise in der Gruppe

Ob interner oder externer Natur, harte Momente erwiesen sich auch für den OMNIBUS 1325 als unvermeidbar. Für sie alle war das erste Treffen nach dem 08.08.2008 ein Wendepunkt. Zum ersten Mal traf sich das OMNIBUS-Netzwerk nach dem bewaffneten Konflikt zwischen Georgien und Russland um Süd-Ossetien. Fast alle Teilnehmenden befanden, dass dies die schwierigste Zeitperiode fürs Netzwerk war. Alle waren gegen den Krieg, alle wünschten mit einer Stimme zu sprechen, den Krieg zu verurteilen und eine gemeinsame Presseerklärung zu veröffentlichen. Aber die Menschen aus Süd-Ossetien, Georgien und der Russländischen Föderation hatten ein unterschiedliches Verständnis davon, was passiert war und mit welchen Worten die Presseerklärung formuliert werden sollte.
„In dieser Situation fühlten wir eine große Enttäuschung. Es schien, als ob wir nichts erreicht hätten – als ob wir versagt hätten und dies das Ende wäre“, erinnert sich Joanna Barelkowska von OWEN.

„Ich hatte eine sehr schwierige Zeit“, sagt auch Alla Gamakharia vom Fund Sukhumi in Kutaisi, Georgien. „Das Geräusch der explodierenden Bomben in Georgien im August war gerade verhallt, und immer noch gab es Russländische Truppen auf dem georgischen Territorium. Die Propaganda beider Länder hetzte die Menschen aufeinander. Ein schwieriges Treffen stand bevor, eine schwierige Diskussion war unvermeidbar. Auf der emotionalen Ebene war es sehr schwer; alle Worte kamen mit Tränen und vielen Gefühlen heraus. Aber ich erhielt so viel unerwartete Wärme und Unterstützung, speziell von den deutschen OMNIBUS-Teilnehmerinnen.“

Die Situation in der Region war so angespannt, dass man sogar einen Neubeginn des armenisch-aserbadschanischen Konflikts nicht ausschließen konnte. Edgar Khachatryan erinnert sich: „Während der Diskussion, in einer angeheizten Atmosphäre, sprang die bis dahin so stille Vafa aus Aserbaidschan auf und schrie: Aber ich will meine Freunde nicht verlieren! Ihr Benehmen war so natürlich, aber auch so voller Angst, dass mir klar wurde: Sie ist eine wahre Freundin, mit der mich eine ehrliche Freundschaft verbinden könnte.“ Und er setzt fort: „Das zwang mich darüber nachzudenken, dass die „geschäftlichen Verbindungen“ nicht das Einzige ist, was uns verbindet, und dass sie fast wie Verwandte für mich sind und dass ich dasselbe fühle – ich will nicht meine Freunde verlieren. Die Gesellschaft in Aserbaidschan ist nichts Abstraktes für mich, kein Feind mehr, sondern ich assoziiere mit Aserbaidschan in erster Linie meine Freunde. Ich kann die aserische Gesellschaft, der auch Azad, Sajida und Vafa angehören, nicht als feindlich ansehen.

OMNIBUS ohne seine Lokomotive OWEN

Im Jahr 2009, nach dem Ende des Kurs-Projekts, entschieden die Teilnehmenden, ihre gemeinsame Arbeit durch Gründung des Internationalen Netzwerkes für Friedenspädagogik OMNIBUS 1325 fortzusetzen. Dies ist keine Vereinigung von NGOs, sondern von Individuen; es gründet sich auf Freundschaft und gegenseitigem Vertrauen. Es ist ein Zusammenschluss von Menschen, die „einen Traum vom Leben im Frieden haben und sich dafür verantwortlich fühlen“, wie die Hauptideengeberin vom OMNIBUS, Marina Grasse, sagt. Aber: „Wir machten uns Sorgen, wie es ohne jegliche finanzielle Unterstützung aus Deutschland weitergehen sollte, das Kurs-Projekt war ja zu Ende“, sagt Joanna Barelkowska von OWEN.

Doch die Motivation war groß genug, die Zusammenarbeit fortzusetzen; einstimmig entschieden sie, mit gemeinsamen Aktivitäten fortzufahren. „Es ist ein Erfolg von uns allen, dass dieses Netzwerk weiter lebt und effektiv arbeitet, auch ohne seinen ursprünglichen Motor OWEN“, setzt Joanna fort. „Das Besondere an dem Netzwerk ist, dass seine Mitglieder einander so sehr vertrauen, dass sie auch ohne äußere Unterstützung und aus eigener Initiative bereit sind zusammenzuarbeiten. Ich bin so stolz darauf. Wir alle können stolz darauf sein.“

Die Gegenwart: Umfassende Bande der Zusammenarbeit

Die Mitglieder des Internationalen Netzwerkes für Friedenserziehung OMNIBUS 1325 arbeiten jetzt weiter in ihren jeweiligen Ländern. „Niemand hat das Wort Gender in Berg Karabach vor 2006 jemals gehört“, berichtet Albert Voskanyan, Direktor des Zentrums für Zivile Initiativen in Stepanakert, Berg Karabach. „Unsere Organisation arbeitet schon seit einem Jahr in diese Richtung. Wir wollen die Wichtigkeit von Frauen im gesellschaftlichen Leben Berg Karabachs erhöhen. Wir wollen, dass ihre Ressourcen für friedliche Zwecke besser genutzt werden, sodass sie ihre Rechte verteidigen und sich am Aufbau unseres Landes beteiligen können.“

Trotz der Grenzen und der Konflikte arbeiten die Netzwerk-Mitglieder weiterhin multilateral. Die Netzwerkmitglieder reagieren auf die Bedürfnisse der jeweils anderen. Und zwar nicht weil sie schwach und einsam wären, sagt Marina Grasse, sondern weil sie wissen, dass es möglich ist, eine größere Wirkung zu erzielen, indem man die Potentiale aller nutzt.

Abgesehen von der multinationalen Zusammenarbeit zwischen Azad, Albert, Susana, Sajida, Vafa und Alla gibt es noch weitere Beispiele für Kooperationen. Azad Isazade arbeitet mit Inna Ayrapetyan zusammen, einem Mitglied des Frauenzentrums SINTEM in Tschetschenien. Sie unterstützen einander durch aktiven Austausch von Rat, Erfahrungen und Informationen. Eine Teilnehmerin des deutschen Kurses, Inga Luther, arbeitet mit KollegInnen aus Lateinamerika zusammen. Es gibt auch Kooperationsbande zwischen der Alla Gamakharia in Georgien und Valentina Cherevatenko von der Union der Don-Frauen in der Russischen Föderation. Oder zwischen Marina Grasse in Berlin und Edgar Khachatryan in Armenien. Die Mitglieder pflegen eine intensive Email-Korrespondenz; jeden Tag tauschen sie Erfahrungen und Informationen aus.

Epilog: die Zukunft

Die bunteste Ansicht zur Zukunft des vier Jahre alten Netzwerkes, das allen Schwierigkeiten zum Trotz gegründet wurde, eines Netzwerks, das sich immer noch im Entstehen begreift, stammt von Alla Bezhentseva. Das Projekt, sagt sie, „ist wie ein Kleinkind, das seine ersten Schritte macht. Bis jetzt – richtige Schritte. Aber du weißt nie, was es in Zukunft werden wird. Es braucht gute Freunde, es muss eine gute Schule besuchen und es darf nicht isoliert werden.“

 

Deutsche Bearbeitung des Artikels: Joanna Barelkowska (OWEN e.V.) und
Dr. Ute Scheub (freie Journalistin und Autorin, Mitglied des deutschen Frauensicherheitsrats)

Der Beitrag ist Teil eines Kooperationsprojekts der PeaceWomen Across the Globe (PWAG), des deutschen Frauensicherheitsrats, der OWEN-Mobile Akademie für Geschlechterdemokratie und Friedensförderung und des Global Corporation Council, dem Träger von IPS Deutschland.

 

Krisen bewältigen, bewaffnete Konflikte beenden - Friedenspolitische Strategien von Männern und Frauen

In Kooperation mit: Frauensicherheitsrat & Friedensfrauen weltweit

 

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