Fußball wird nicht im Vakuum gespielt

 Deutsche Frauen-NationalmannschaftDeutsche Frauen-Nationalmannschaft. Urheber: Nicola Egelhof. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.


Fußball wird nicht im Vakuum gespielt

Zu viel mediale Euphorie für zu wenig Ereignis, so lautet ein Grundtenor der Berichterstattung. Und zu viel Kalkulation, schreibt etwa Barbara Hans bei Spiegel Online : Die WM sei schon im Vorfeld „zu Tode instrumentalisiert“ worden, nicht zuletzt vom gastgebendem Verband, dem DFB, selbst. Die Spielerinnen – auch hier ist, wie ja meist, nur von den deutschen Spielerinnen die Rede – seien dabei mit zu vielen Ansprüchen überhäuft worden: „Die Frauen sollen für das Sommermärchen sorgen, das Ansehen Deutschlands in der Welt verbessern, den Feminismus stärken. Und, ach ja, gewinnen natürlich auch. Abpfiff!“ Das ist eine Beobachtung, die durchaus plausibel ist, tatsächlich lasten viel Druck und Erwartungen auf den Schultern der Spielerinnen. Auch Hans‘ Anmerkung, dass Fußballerinnen genauso wenig sexy zu sein haben wie Fußballer, kann man sofort unterschreiben.

Allerdings: Eine Instrumentalisierung des Fußballs, seine kommerzielle Ausnutzung und die Omnipräsenz in Werbung und Medien, die eine allumfassende Begeisterung suggerieren soll, lässt sich mit einigem Recht kritisieren. Aber damit ausgerechnet beim Frauenfußball, selbst bei dieser WM, anzufangen und als Gegenbeispiel die Weltmeisterschaft der Männer vor fünf Jahren zu wählen, wie Barbara Hans es tut, ist mindestens mal sehr naiv. Sie schreibt über den Fußballsommer 2006 „Und da war es, das Märchen. Nicht konzipiert, einfach da.“. Eine natürliche Euphorie also im Gegensatz zu der aktuellen künstlich herbeigeredeten. Das darf bezweifelt werden. Das Turnier der Männer hat sich keineswegs in einem kommerziellen oder nationalen Vakuum abgespielt und die Millionen von Zuschauern auf den Fanmeilen wurden nicht zuletzt von den medial massenhaft verarbeiteten Bildern und Geschichten über eben genau Millionen von Zuschauern auf Fanmeilen angelockt.

Feministische Aufladung?

Der DFB investiert in den Frauenfußball und die WM, auch in der Hoffnung – selbst wenn diese trügerisch sein mag – so die Struktur der Liga nachhaltig zu verbessern und weiteren Nachwuchs für den Mädchen- und Frauenfußball zu gewinnen, ein Potenzial, das im Gegensatz zu den kickenden Jungs und Männern noch nicht erschöpft ist. Das ist genau betrachtet die Kernaufgabe des größten Sportverbandes der Welt. Man kann daran, wie der DFB die WM vermarktet, einiges kritisieren, aber dass er es tut, wohl kaum.

Aber nicht nur die ökonomische, sondern auch die vermeintliche politische Instrumentalisierung der Fußball-WM 2011 ruft Kritiker auf den Plan. Dass man beim Sprechen über die Veranstaltung und ihre Akteurinnen Begriffe wie „Torhüterin“ oder „Team“ verwenden und sich möglicherweise an der offiziellen Bezeichnung „Frauen-WM“ stören könnte, sorgt offensichtlich an vielen Redaktions- und Stammtischen für große Heiterkeit bis Empörung. Die Kollegen Jan Fleischhauer und Harald Staun mokieren sich zudem über die Idee, Frauenfußball könnte – in Deutschland und in anderen Ländern – als emanzipative Bewegung betrachtet werden. Nur zur Erinnerung: Es ist gerade einmal ein Jahr her, da wurde die „Internationalmannschaft“ der Männer bei der WM in Südafrika an breiter journalistischer Front wahlweise als gelungenes Beispiel für geglückte oder als Vorbild für die noch zu erreichende gesellschaftliche Integration gefeiert.

Fußball ist Politik

Im Revierblog Ruhrbarone wird prinzipiell eine Lanze für die WM gebrochen. Wären da nicht die Spaßbremsen, die „uns die Laune mit der Debatte um Fotoshootings, sexuelle Orientierungen, fortwährenden Geschlechtervergleichen, dem Für und Wider hoher Einschaltquoten, Männerkommentatoren und -interviewern […] und feministischen und antifeministischen Aufladungen“ verderben. Der Befreiungsruf „Ich will Fußball gucken, lass mich mit dem Scheiß zufrieden!“ ist weder gänzlich unsympathisch noch unverständlich, er speist sich schließlich auch aus dem Erleben des modernen (Männer-)Fußballs, ob in der Liga oder bei Turnieren, bei dem es um den Fußball zuallerletzt zu gehen scheint. Im Vordergrund steht die mediale und kommerzielle Aufarbeitung des Spiels, die Präsentationen der Sponsoren, die Werbeeinblendungen, die Dauerbeschallung im Stadion, Wechselgerüchte und Home Storys. Von dem, was sich bei WM-Vergaben und Präsidentschaftswahlen an der Spitze des Fußball-Weltverbandes abspielt, ganz zu schweigen.

Fußball ist, seit er ein Massenzuschauersport wurde, unentrinnbar in ökonomische, politische und kulturelle Zusammenhänge verstrickt, aus denen er nicht mehr herauszulösen ist. Und das gilt auch für den Frauenfußball, selbst wenn dieser in seinem Liga-Aggregatzustand in Europa kein Massenzuschauersport ist. Eine Vermarktung von Fußballerinnen als explizit weiblich, attraktiv und sexy ist auch ein (politischer) Einsatz in diesem Spiel, ebenso wie die lesbenfeindliche Haltung des nigerianischen Verbandes, die sich in den Äußerungen der Trainerin abbildet, oder die Weigerung der nordkoreanischen Spielerinnen, ihren Gegnerinnen aus den USA nach dem Spiel die Hände zu schütteln. Die Verschränkungen von Fußball, Politik, Kultur und Ökonomie sind keine Erfindung des Feminismus oder gar des DFB, sondern einfach Realität. Die Art der Verknüpfungen, ihre Interpretation und Ausgestaltung – all das lässt sich debattieren und kritisieren. Ihre Existenz zu leugnen, ist unsinnig. Und was für den Fußball gilt, gilt auch für den Frauenfußball.

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