"Wenn ich nur gut bin, wird alles gut"

"Wenn ich nur gut bin, wird alles gut"

Erfolg im Beruf ist für Frauen mehr als eine Frage der Kompetenz - aber auch mehr als eine Frage des Glücks
Erfolg im Beruf ist für Frauen mehr als eine Frage der Kompetenz - aber auch mehr als eine Frage des Glücks — Bildnachweise

Frau Ley, warum brauchen Frauen ein Coaching, um Karriere zu machen?

Es gibt in den Institutionen und Unternehmen immer noch tief verwurzelte Strukturen. Männer besetzen die Spitzenpositionen und suchen wieder Männer aus. Das macht es Frauen unglaublich schwer, Spitzenpositionen zu erreichen. Alle Bemühungen, die auf Freiwilligkeit setzen, sind gescheitert. Deshalb ist jetzt die Zeit, eine Quote einzusetzen, bis Frauen adäquat vertreten sind.

Als Coach arbeiten Sie aber weniger an den Strukturen, sondern mit den Frauen, damit sie ihr Verhalten ändern.

Zuerst einmal sind es die Verhaltensweisen der Männer, die Frauen ausbremsen. Frauen kommen auf ein Spielfeld, auf dem männliche Regeln gelten. Männer spielen Fußball, und Frauen kommen mit ihren Tennisregeln und denken, sie können mitspielen. Das funktioniert nicht. Im ersten Schritt müssen Frauen die Spielregeln kennenlernen, die im Moment gelten, und sie dann für sich einsetzen.

Frauen sollen also auch Fußball spielen?

Frauen spielen ja mittlerweile sehr erfolgreich Fußball. Die Regeln sind dieselben. Aber der Frauenfußball ist anders. Sie spielen nicht so schnell, weniger rabiat und gewinnen. Frauen müssen die Regeln kennen, aber sie können sie anders ausführen.

Was müssen sie vor allem lernen?

Ganz wesentlich ist, dass sie ihre Leistungen "verkaufen". Frauen denken in der Regel, wenn ich nur gut bin, wird die Leistung anerkannt, und ich werde gefördert. Das ist ein Trugschluss. Sie müssen ihre Leistung öffentlich machen. Das stille Abwarten ist die falsche Strategie: Frauen müssen den Arm heben und sagen: Ich. Ich will.

Warum machen Frauen das nicht?

Weil sie sozialisiert sind, sich zurückzunehmen und auf ihre Leistungen zu vertrauen. Sie werden dafür ja auch belohnt. In der Schule haben Frauen die besseren Noten, sie machen die besseren Schulabschlüsse, aber Karriere ist nicht Leistung allein. Da gelten ganz andere Dinge.

Sie arbeiten auch an der Körpersprache – warum ist das wichtig?

Männer machen sich breit. Sie nehmen viel Raum ein. Sie setzen sich hin und belegen den ganzen Tisch vor sich mit Ordnern und Handys und Laptops, stellen die Beine auseinander. Weil sie glauben, der Raum gehört ihnen. Eine Machtdemonstration. Frauen machen sich schmal und klein. Es hilft, sich das bewusst zu machen.

Ganz offenbar können Frauen ihre Macht häufig gar nicht genießen – warum?

Wenn Männer Spitzenpositionen erreichen, werden sie anerkannt und hofiert. Frauen werden sehr kritisch beäugt, von Männern und von Frauen. Im Grunde können sie nur alles falsch machen. Das Schlimmste ist, dass häufig ihre Weiblichkeit infrage gestellt wird. Es wird sehr nach Defiziten geschaut. Frauen wird permanent ein schlechtes Gewissen gemacht.

Schlechtes Gewissen wofür?

Dass sie sich beispielsweise zu wenig um ihre Kinder kümmern. Dabei zeigen Studien, dass es völlig unproblematisch für die Kinder ist, wenn es eine gute Betreuung gibt. In Deutschland wird der Begriff « Rabenmutter » immer noch gerne angewandt. Da hilft es sehr, mit anderen Frauen zu sprechen und sich auszutauschen. Manchmal muss man sich auch von Müttern, Schwiegermüttern und Freundinnen gut abgrenzen.

Wie könnte das gesellschaftliche Image von erfolgreichen Frauen verbessert werden?

In meinen Workshops sehe ich immer wieder, dass junge Frauen Angela Merkel als Vorbild sehen. Sie sind oft gar nicht mit ihrer Politik einverstanden, aber sie zeigt, dass eine Frau diese Position gut ausfüllen kann. Wir brauchen noch viel mehr Vorbilder, die mehr Lebensentwürfe abdecken können. Es geht um Vielfalt. Ich freue mich zum Beispiel über jede Frau, die nicht im Hosenanzug herumläuft. In Frankreich sind Frauen in Spitzenpositionen anders gekleidet. Da wird auf die traditionelle Weiblichkeit mehr Wert gelegt. Sie müssen sich nur Christine Lagarde anschauen.

Woran liegt es, dass Frauen auch in hohen Positionen weniger als Männer verdienen, und wie können sie das ändern?

Frauen freuen sich, dass sie einen Job bekommen haben, und stellen dann später fest, dass es vielleicht auch daran gelegen haben könnte, dass sie zu preiswert waren. Es kommt noch etwas hinzu: Frauen finden es oft absurd, über diese Zahlen zu verhandeln, also Jahresgehälter von 300.000, 500.000 Euro oder mehr. Frauen glauben, sie brauchen so viel Geld gar nicht. Es geht aber darum, ein Gehalt auszuhandeln, das für diese Position adäquat ist. Für Männer ist es völlig klar, dass sie um diese Zahlen konkurrieren, und sie sind überzeugt, dass das Geld ihnen zusteht. Frauen sind da ambivalent. Für Männer ist es ein Spiel. Das ist Sport, und sie nehmen es dann auch sportlich. Für Frauen ist das ungewohnt, sie nehmen es ernst und viel zu persönlich. Bevor Frauen zu einem Bewerbungsgespräch gehen, sollten sie also gut informiert sein, was die Position in Euro wert ist, entsprechend viel fordern und professionell verhandeln.



Das Interview führte Claire Horst.

 
 


Ulrike Ley

Ulrike Ley ist promovierte Sozialwissenschaftlerin und ehemalige Personalleiterin eines Wirtschaftsunternehmens. Sie unterstützt Frauen dabei, ihre Karriereziele zu erreichen. Spezialisiert hat sie sich auf Frauen in der Wissenschaft.

 


 


Claire Horst

Claire Horst ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und Dozentin in Berlin. Sie hat sich vorgenommen, die Tipps von Ulrike Ley zu beherzigen.

 


 

Böll.Thema 2/2013

Wie frei bin ich? Schwerpunkt: Lebensentwürfe in Bewegung

Unser aktuelles Magazin liefert Analysen, Denkanstöße und praktische Vorschläge, wie für die eigenständige Existenzsicherung politische und gesetzliche Weichen gestellt werden können. Mit Beiträgen von Barbara Unmüßig & Susanne Diehr, Uta Meier-Gräwe, Heide Oestreich, Astrid Rothe-Beinlich, Götz Aly, Julia Friedrichs, Chris Köver, Ulrike Baureithel u.v.a.

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