Krieg im Fokus der Medien

Krieg im Fokus der Medien

Flüchtlinge des Kososvo-Krieges
Im Kosovokrieg wurde mit den Bildern weiblicher Überlebender Politik betrieben. — Bildnachweise


Krieg im Fokus der Medien

Berichterstattung zu sexualisierter Gewalt an Hand von regionalen Beispielen

Medien übernehmen während und nach Kriegen eine Schlüsselfunktion. Das gilt einerseits für die Kriegspropaganda, die Gewalt legitimiert und öffentliche Zustimmung für Kriegshandlungen schafft. Andererseits können Radio, Fernsehen, Zeitungen und soziale Medien kriegerische Gewalt verurteilen und zur Friedensstiftung beitragen. In dieses Spannungsfeld ist die mediale Berichterstattung über sexualisierte Kriegsgewalt einzuordnen.

Anfang der 1990er Jahre schreckten Reportagen über Massenvergewaltigungen in Ex-Jugoslawien die westeuropäische Öffentlichkeit auf. Etliche politische Entscheidungsträger_innen begründeten ihre Zustimmung zum militärischen Eingreifen damit, dass sie dem Leid der Frauen ein Ende bereiten wollten. Vergewaltigungen galten nicht länger als Nebenprodukt eines Krieges, zumal dieser in Europa stattfand. Ende der 1990er Jahre zwangen Berichte über Vergewaltigungen während der Kriege in der Demokratischen Republik Kongo die Vereinten Nationen zum Handeln. Im Jahr 2000 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 1325. Diese völkerrechtlich bedeutende Vereinbarung und deren Folgeresolutionen verurteilen Gewalt gegen Frauen in Kriegen, verlangen ihren Schutz und die Bestrafung der Täter. Alle Kriegsparteien sollen bei Verstößen zur Rechenschaft gezogen werden.

Diese Zusammenhänge bildeten den Rahmen für ein Fachgespräch des Gunda-Werner-Instituts in der Heinrich-Böll-Stiftung (GWI) am 29. Oktober 2013. Im Fokus stand hier die Berichterstattung zu sexualisierter Gewalt an den Beispielen Ex-Jugoslawien und der Demokratischen Republik Kongo. Es knüpfte an frühere Diskussionsrunden und internationale Konferenzen zur Frauen-, Friedens- und Sicherheitspolitik an. Weitere Bezugspunkte bildeten GWI-Fachgespräche über militarisierte Männlichkeit und die Übergangsjustiz in Nachkriegsgesellschaften. Mitveranstalterin war der deutsche Journalistinnenbund.

Genderbasierte Kriegsgewalt in den Medien. Beispiel Zagreb und Bosnien
Medienexpertinnen aus Zagreb und Sarajevo nahmen die Berichterstattung über genderbasierte Gewalt während der Kriege in Ex-Jugoslawien unter die Lupe. Die Journalistin Vesna Kesic erklärte, wie kroatische Medien ein öffentliches Bewusstsein für die Vergewaltigungen schufen. Allerdings ging es ihnen vor allem darum, die Demütigungen der Frauen mit nationalistischer Propaganda zu verbinden und die Serben als brutale Feinde zu diffamieren. Die sensationsheischende Berichterstattung nutzte eine pornographische Bildsprache und ethnisierte bzw. nationalisierte die Gewaltübergriffe. Damit wurde die Mobilisierung kroatischer Männer heraufbeschworen. Vesna Kesic ordnete diese Medienpraktiken in zeithistorische Kontexte ein. So führte der politische Systemwandel in Ex-Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre dazu, dass neben dem Staatsfernsehen viele private Medien entstanden. Zu ihren Besitzern zählte vor allem die lokale Elite, die mit nationalistischer Propaganda ihre Regimetreue bewies.

Lejla Turcilo, Medien- und Politikwissenschaftlerin an der Universität Sarajevo, illustrierte, wie die Medien auch in Bosnien die Machtverhältnisse spiegeln. Das gilt für die Besitzer der zahlreichen Zeitungen, Magazine, Fernsehsender und Nachrichtenagenturen ebenso wie für die Inhalte der Berichterstattung. Die Politologin problematisierte, etliche Medien seien während des Bosnienkriegs für propagandistische Zwecke gegründet worden und hätten sich seitdem kaum geändert. Über das Schicksal der im Krieg vergewaltigten Frauen werde kaum noch berichtet, selbst Reporterinnen mieden dieses Thema. Viele fühlten sich damit emotional überfordert, auch die große Arbeitsbelastung bei geringem Lohn verhindere genauere Recherchen. Nach Lejla Turcilo fehlen professionelle Standards in der Berichterstattung, und der Zeuginnen-/Opferschutz sei häufig nicht gewährleistet. Nur wenige Medienbesitzer_innen seien aufgeschlossener für Frauenthemen. Ihr Anliegen: sie sollten verstärkt in die Debatte über Inhalte und Standortbestimmungen einbezogen werden. Bislang dominierten hier ähnlich wie in Kroatien nationalistische Medien, die von der politischen und religiösen Elite beeinflusst werden.
Für beide Länder wurde deutlich, dass die Medien die militarisierte Männlichkeit sowie die daraus resultierende geschlechtsspezifische Gewalt in keiner Weise in Frage stellen.

„Embedded Feminism“ am Beispiel Kosovo und Afghanistan
Die Gender-Expertin Andrea Nachtigall nahm ebenfalls auf die Kriege in Ex-Jugoslawien Bezug. Sie referierte, wie deutsche Medien durch verzerrte Darstellungen der Gewalt gegen Frauen Kriegsbeteiligungen rechtfertigen. Im Kosovokrieg wurden weibliche Opfer zu Ikonen eines ethnisierten Konfliktes stilisiert. Währenddessen verschob sich die Bildersprache im Lauf des Afghanistan-Kriegs: Zu Beginn propagierte die von Nachtigall als „Embedded Feminism“ titulierte Berichterstattung die Frauenbefreiung, wobei die Burka als Sinnbild für Unterdrückung galt. Als die internationalen Streitkräfte ihre Abzugspläne bekannt gaben, lüfteten die Medien den Schleier. Wie wenig es ihnen um Frauenbefreiung ging, zeigte das Desinteresse an den Zielen afghanischer Politikerinnen und der Arbeit dortiger Frauenorganisationen.

Am Beispiel der Demokratischen Republik Kongo diskutierten die Dokumentarfilmerin Susanne Babila und Judith Raupp, Medientrainerin an der Universität in Goma, die Problematik, dass deutsche Medien Frauen vor allem als Opfer sexualisierter Kriegsgewalt darstellen. Frau Babila skizzierte die Konzeption ihres Films „Im Schatten des Bösen“. Er fokussiert auf einzelne Vergewaltigte, die medizinische und psycho-soziale Hilfe erhielten. Die Filmemacherin berichtete, den Frauen sei wichtig gewesen, dass die Welt von ihrem Schicksal erfahre. Judith Raupp, die selbst viele Jahre als Afrikakorrespondentin tätig war, spannte den Bogen weiter. Sie zeigte die Muster in der deutschen Kongo-Berichterstattung auf, die aus ihrer Sicht exemplarisch für die schablonenartige Wahrnehmung Afrikas sei. Häufig würden Klischees und Geschlechterstereotypen verstärkt. Zudem verleite die schwierige Datenlage und die eingeschränkte Infrastruktur deutsche Journalisten_innen vor Ort dazu, immer die gleichen Nichtregierungsorganisationen oder Blauhelmsoldaten zu befragen. Demgegenüber verlangte Judith Raupp, durch die Arbeit mit lokalen Informanten_innen Quellen zu überprüfen und größere Zusammenhänge aufzuzeigen. Ziel sollte  sein, die komplexen Hintergründe der sexualisierten Gewalt zu erfassen und möglicherweise auch Grenzen des Verstehens offenzulegen. Sie lehnte einen Betroffenheitsjournalismus ab und forderte von deutschen Reporter_innen, eine angemessene Sprache zum Beispiel für die Beschreibung der Situation Überlebender sexualisierter Gewalt zu entwickeln. Mit Blick auf die kongolesische Gesellschaft führte die Medientrainerin aus, wie die langjährigen Kriege deren Werte zerstört habe. Um so bedeutender sei es, in der Aus- und Fortbildung an der Überwindung von Rassismus zu arbeiten.

Aus- und Einblicke
Wo und wie Veränderungen in der medialen Wahrnehmung ansetzen könnten, verdeutlichten Gitti Hentschel vom Gunda-Werner-Institut und Joanna Barelkowska, Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung an Hand der von der Journalistin Ute Scheub gestalteten Webseite „Vision News“. Sie umfasst zahlreiche anschauliche Berichte von Journalisten_innen aus verschiedenen Ländern des Südens, in denen beispielsweise innovative Frauenfriedensprojekte vorgestellt werden, die auch in Deutschland Impulse für Veränderungen geben könnten. Eine gelungene Auswahl ist im lesenswerten Sammelband „Gute Nachrichten“ zusammengestellt.

Mit dieser Ausrichtung auf eine Berichterstattung, die konkrete Transformationsprozesse dokumentiert, leiteten die Veranstalterinnen zum Medienlabor des Journalistinnenbundes über. Auf dieser öffentlichen Veranstaltung gaben namhafte deutsche Korrespondentinnen, Kamerafrauen und Fotografinnen Einblicke in ihre Arbeitsbedingungen, ihre Standpunkte zu Frauen in Kriegsländern und ihre Bewältigung von Kriegserleben. Sie boten Gelegenheit zu Nachfragen in kleinen Runden.

Mitschnitt der Abendveranstaltung


 

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