Nicht länger unsensibel sein

Nicht länger unsensibel sein

Junge mit Teddy im arm, allein auf einem Weg.
Von 100.000 Fällen sexualisierter Gewalt im Jahr müsse man mindestens ausgehen, sagen die Experten. Die Fallzahlen seien nicht gesunken — Bildnachweise

Sexualisierte Gewalt geschieht. Jeden Tag. „Und wir müssen begreifen, dass die Täter und Täterinnen mitten unter uns arbeiten und leben“, sagt Henning von Bargen, der Leiter des Gunda-Werner-Instituts, als er in die Diskussionsveranstaltung in der Heinrich-Böll-Stiftung einführte, die den sperrigen Titel trug: „Nach der 'Pädophilie“-Debatte im Wahlkampf: Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der Sackgasse?“

Im links-alternativen Milieu gab es im Zuge des Kampfes um die sexuelle Selbstbestimmung ab den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch eine Lobby für Pädophilie, sagt von Bargen. Die laxe Haltung dem Thema gegenüber sei zu kritisieren und müsse diskutiert werden. Frauen, die damals schon auf das Thema sexuellen Missbrauch hingewiesen hätten, hätten kaum Gehör gefunden. Defizitär sei auch der Blick auf die Opfer geblieben.

Die Veranstaltung lief in der Reihe „Streitwert“. Normalerweise wird bei „Streitwert“-Diskussionen auf Kontroversen gesetzt. An diesem Abend wurde darauf verzichtet. Vielmehr sollte das komplizierte Verhältnis der Grünen zur Pädophiliedebatte aus historischer und aktueller Sicht untersucht werden, wie Ulrike Baureithel, die Moderatorin sagte.

Die Vergangenheit verstehen

Manfred Kappeler, Sozialpädagoge, der auch Heimleiter war, und zu Gewalt, Macht und Sexualität geforscht hat, war einer der Diskutanten. Sein klares Plädoyer: Man muss die Strukturen verstehen, die es in einer Gesellschaft möglich machen, dass sexualisierte Gewalt so weit verbreitet ist. Den Begriff „Missbrauch“ lehnt er ab. Wer Missbrauch sagt, müsse auch Gebrauch denken. Was landläufig Missbrauch genannt werde, müsse „sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ heißen.

Die Publizistin, Feministin, Co-Leiterin des Gunda-Werner-Instituts Gitti Hentschel, die ebenfalls auf dem Podium saß, erklärt, wie schwierig es war zu Anfang der Frauenbewegung in den 70er Jahren, das Tabu überhaupt zu brechen und über sexuelle Übergriffe an Kindern öffentlich zu sprechen. Das Wort Missbrauch sei eine Notlösung gewesen. Es gab damals keine öffentliche Wahrnehmung, was da für ein Unrecht an Kindern geschieht und es gab keine Debatten darüber, dass Täter aus dem Nahfeld kommen. Heute benutze sie den Begriff „sexualisierter Gewalt“, weil dieser die politische Bedeutung stärker betone.

Frauke Homann, ehemals Sozialarbeiterin in Kreuzberg und eine Mitbegründerin von Wildwasser, der Organisation, die vor 30 Jahren mit dem Thema an die Öffentlichkeit ging, verwies darauf, dass der Begriff „Missbrauch“ bei der Justiz verwendet wird und auch von betroffenen Kindern. Diese identifizieren Gewalt eher als Schläge. Manfred Kappeler widerspricht: Dominanz und Unterwerfung sind Gewalt und Kinder in Heimen hätten das auch als Gewalt benennen können.

Aber Frauen wie Homann stießen, wenn es um Missbrauch ging, damals an allen Ecken und Enden auf Schwierigkeiten. Schnell wurde man nervig mit dem Thema, niemand war zuständig, die Polizei im Thema nicht geschult, obwohl Wildwasser immer dafür war, Anzeige zu erstatten, erzählt sie.

Kappeler führt darauf noch einmal aus, wie epochal die Erfahrung von sexueller Unterdrückung vor 1968 war. „Sie betraf uns fast alle.“ Und dann kamen die 68er und deckten die Zusammenhänge zwischen Sexualität und Herrschaft auf. „Das war für mich Befreiung“, sagt er. Allerdings hätte man dann auch erst Sensibilität dafür entwickeln müssen, wo die eigene Befreiung selbst wieder zu Gewalt wurde. Wo vorher alles verklemmt war, war plötzlich Nacktheit – etwa auch in Kinderläden. Aber Pädagogen, fordert Kappeler, müssten eine klare Vorstellung davon haben, wo ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse durchdringen. Die Aufbruchsbewegungen, zu denen auch die Homosexuellenbewegung gehört, hat die eigenen Machtstrukturen, die in ihrem Aufbegehrensprozess entstanden, erst einmal nicht analysiert.

Anschließend wurde darüber gesprochen, dass im Zuge der Aufbruchsbewegungen auch die Pädophilen versuchten, sich als unterdrückte Gruppe darzustellen und Gehör zu verschaffen. Und da Pädophilie auf gleiche Weise unter Strafe stand wie Homosexualität, kam es zu einer Solidarisierung von Schwulen mit Pädophilen. Dieser Zusammenhang wurde von den Medien im Wahlkampf dieses Jahr stark gegen die Grünen verwandt. Wobei die Diskussionsteilnehmer sehr deutlich ansprechen, dass die Medien ihr eigenes missbrauchendes Gebaren selbst nicht hinterfragen und auch nicht die Mechanismen, nach denen sie Themen setzen. Denn schon vor zehn Jahren haben Missbrauchsbetroffene im Bundestag eine Petition eingereicht und es passierte medial und politisch nichts. „Erst mit der medialen Aufdeckung wurde es eine politische Frage“, betont Kappeler. Zuvor sei es darum gegangen, die Institutionen - also Kirche, Odenwaldschule, Casinius-Kolleg, staatliche Heime - zu schützen und nicht zu fragen, wie es den Betroffenen gehe.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck, der im Publikum saß, beschrieb noch einmal, wie das war, schwul zu sein damals, und zu wissen, dass man nach eine Straftat begeht, wenn man als junger Mann mit einem jungen Mann schläft. Erst 1994 wurde der §175, der schwule Sexualität kriminalisierte, abgeschafft. Beck sagt, die Homosexuellen hätten „dem Strafrecht und dem Staat, der uns diskriminiert, misstraut, und das haben wir auf die Pädophilen übertragen. Wir wollten nicht unsolidarisch sein.“ Aber führt er weiter aus: „Wir waren viel zu lange unsensibel.“

Die Zukunft besser gestalten

In einem zweiten Gesprächsblock mit weiteren Podiumsteilnehmenden wurde darüber diskutiert, wie heute mit dem Thema Missbrauch und Pädophilie umgegangen werden muss. „Kein Schlussstrich ziehen“ fordert Johannes-Wilhelm Rörig, der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Ekin Deligöz, Mitglied des Bundestags für die Grünen, kritisiert, dass die Ergebnisse des Runden Tisches zu sexuellem Missbrauch nicht umgesetzt werden. Geld, das bereit gestellt werden sollte für die Opfer, kommt nicht. Gesetzesvorhaben, die Verjährungsfristen verlängern, werden nicht bearbeitet. Sie fordert auch von den Grünen, dass die Strukturen analysiert werden. Denn dadurch, dass bis etwa Mitte der neunziger Jahre keine klar ablehnende Haltung gegenüber Pädophilen eingenommen worden sei, wurde auch die Partei der Grünen „zu einem Ort der Legitimation“. „Gott sei Dank“ hätten damals wenigstens die Feministinnen gesagt: „So geht’s nicht.“ Heute müsse dafür gesorgt werden, dass Strukturen so aufgearbeitet werden, dass das nicht mehr passiert.

Ulrike Baureithel, die Moderatorin, fragt, wie bereit die Grünen seien, dies tatsächlich zu tun, denn während des Wahlkampfes gab es genau in diesem Punkt eine Abwehr. Deligöz stimmt zu, versichert dann aber, dass die Partei bereit sei, diese Aufarbeitung zu leisten.

Im weiteren Gespräch mit Thomas Schlingmann vom Verein Tauwetter, einer Selbsthilfeorganisation für von sexualisierter Gewalt betroffenen Jungen und Männern und den anderen DiskussionteilnehmerInnen werden ein paar irritierende Beobachtungen gemacht. Etwa dass die Aufdeckungen an den Eliteeinrichtungen Odenwaldschule und Casinius-Kolleg den von sexualisierter Gewalt betroffenen Heimkindern wenig genützt habe. Das Interesse an ihren Gewalterfahrungen und die Bereitschaft, diese aufzuarbeiten, sei immer noch vergleichsweise gering.

Ebenfalls wurde festgestellt, dass sich die Diskussion um sexuellen Missbrauch nun nicht mehr auf die Familie, die doch bis heute der größte Tatort ist, beziehe. Damit aber seien Mädchen, die die weitaus größte Zahl der Betroffenen ausmacht, nicht mehr so sichtbar. Betroffene, die in der Familie sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind, würden zu Betroffenen zweiter Klasse.

Von 100.000 Fällen sexualisierter Gewalt im Jahr müsse man mindestens ausgehen, sagen die Experten. Die Fallzahlen seien nicht gesunken.

Die Experten thematisieren Dinge, die nun getan werden müssen: Kinder müssen aufgeklärt und gestärkt, Verantwortliche in Kitas, Schulen und Sportvereinen für das Thema wach gemacht werden. Vertuschung in den Institutionen muss verhindert, die pädagogische Ausbildung verbessert werden. Opfer sexualisierter Gewalt brauchen Anlaufstellen und finanzielle Mittel um die Folgen der Gewalterfahrungen zu mildern. Und noch etwas muss endlich passieren: Es muss zugehört werden „Verglichen mit früher reden viele Betroffene“, sagt Kappeler, „aber viele werden nicht gehört.“ Rörig wiederum sagt: Es wird immer Menschen geben, die ihre Macht ausnutzen werden, um ihr sexuelles Begehren zu befriedigen. Man muss den Schutz fördern.“ Und Gitti Hentschel bringt einen der wichtigsten Aspekte im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt auf den Punkt: „Man muss die Herrschaft zwischen Männern und Frauen abbauen.“

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Nach der „Pädophilie“-Debatte im Wahlkampf: Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der Sackgasse!?Streitwert - Politik im Dialog

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