Kontrolle im Namen des Schutzes: Bekämpfung von Menschenhandel als Vorwand

HandschellenHäufig sind es andere Interessen, die mit dem Kampf gegen den Menschenhandel durchgesetzt werden können, z.B. eine striktere Einwanderungspolitik. Es geht dabei selten um ein „Empowerment“ der ausgebeuteten Menschen. Der Fokus auf die Stärkung der Menschenrechte der Ausgebeuteten ist notwendig um Menschenhandel nachhaltig zu bekämpfen. Urheber: banspy. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Narrative

Auf das Thema Menschenhandel machen Politik, Medien oder NROs mit schockierenden Geschichten aufmerksam. Die meisten dieser Erzählungen beginnen mit einer Form der Täuschung oder des Betrugs um die Aufmerksamkeit der Person zu bekommen. Dabei kann es um falsche Versprechungen einer Heirat oder einer lukrativen Arbeit im Ausland gehen. Auf die Täuschung folgt die Reise, die häufig von kriminellen organisierten Gruppen organisiert wird. Am Zielort angekommen, werden die getäuschten Frauen eingesperrt und dazu gezwungen sich zu prostituieren. Elemente wie: Reiseschulden abzahlen, Dokumente abgeben müssen und die Brutalität der kriminellen Banden unterstreichen die Ausweglosigkeit dieser Frauen.

Diese Geschichte und Bilder erzählen die „typische Narrative des Menschenhandels“. Damit wollen die Medien, NROs oder die Politik die Aufmerksamkeit für das Thema wecken, sowie die Notwendigkeit aufzeigen, Aktionen gegen den Menschenhandel zu setzen. Mit dieser Art der Narrative wird aber auch die vom Menschenhandel betroffene Person deutlich gezeichnet: Es handelt sich dabei zumeist um eine junge, unschuldige und naive Frau in den Fängen hartgekochter, brutaler, krimineller Banden.

Der Menschenhandel ist jedoch ein viel komplexeres Feld als diese Narrative erahnen lassen. Es gibt Schwierigkeiten mit der Datenerhebung, ebenso fehlt eine klare Definition des Phänomens.

Die Definition

Im UN-Übereinkommen gegen transnationale organisierte Kriminalität von 2000 (auch „Palermo-Protokoll“ genannt) gibt es ein ergänzendes Protokoll, das bezeichnet in Artikel 3 Menschenhandel als die Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme von Personen durch die Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderen Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit oder durch Gewährung oder Entgegennahme von Zahlungen oder Vorteilen zur Erlangung des Einverständnisses einer Person, die Gewalt über eine andere Person hat, zum Zweck der Ausbeutung. Ausbeutung umfasst mindestens die Ausnutzung der Prostitution anderer oder andere Formen sexueller Ausbeutung, Zwangsarbeit oder Zwangsdienstbarkeit, Sklaverei oder sklavereiähnliche Praktiken, Leibeigenschaft oder die Entnahme von Organen;“.

Das moralische Element

Bereits vor den Verhandlungen zu diesem Protokoll gab es wegen des moralischen Elements in der Debatte Schwierigkeiten zu einem Konsens zu kommen. Insbesondere wegen der Interpretation von Menschenhandel als sexuelle Ausbeutung und die daraus gezogene Verbindung zur Prostitution. Zwei feministische Gruppierungen stehen sich dabei klar gegenüber:

GAATW (Global Alliance against Traffic in Women) und CATW (Coalition Against Trafficking in Women). Während für die eine Gruppe die Menschenrechte der Sexarbeiter_innen im Zentrum stehen, fordern die anderen die Abschaffung der Prostitution und glauben damit den Menschenhandel reduzieren zu können. Vertreter_innen dieses abolitionistischen Diskurses sehen in jeder Art der sexuellen Dienstleistung eine Ausbeutung der Frau/en im Patriarchat. Unwichtig ist, ob diese es freiwillig macht oder nicht, denn Prostitution beherbergt in dieser Sichtweise immer einen Zwang. Daher unterscheidet diese Gruppe nicht zwischen Menschenhandel mit sexueller Ausbeutung und Prostitution. Vielmehr gilt jede Art der sexuellen Dienstleitung als eine Form des Menschenhandels. Die explizite Nennung von „Prostitution“ im Protokoll zeigt auf, wie stark diese Lobby-Gruppe war. Es fehlt eine klare Definition des Begriffs „Ausbeutung“ und gibt damit den Staaten bei der Umsetzung einen gewissen Spielraum.

Der Teufelskreis

Wie problematisch diese Sichtweise ist, haben zahlreiche Studien aufgezeigt. Häufig stecken hinter diesem Diskurs andere Interessen, die mit dem Kampf gegen den Menschenhandel durchgesetzt werden können. Es geht dabei selten um ein „Empowerment“ der ausgebeuteten Menschen. Alarmierende Zahlen über Millionen von Menschen im Menschenhandel zeichnen ein Bild eines der lukrativsten Geschäfte weltweit, das den Drogenhandel überholt hat. Die Politik fordert schnelle Aktionen gegen den Menschenhandel und rechtfertigt damit häufig eine restriktivere Politik in Bezug auf irreguläre Migration oder Prostitution. In diesem Sinn wird das Thema Menschenhandel häufig als Vorwand dafür missbraucht, um andere Interessen durchzusetzen, wie beispielsweise eine strengere Einwanderungspolitik. Dies stärkt und hilft den von Menschenhandel Betroffenen wiederum nicht, sondern zwingen sie nur mehr in den Untergrund. Ein Teufelskreis, aus dem wir nur mit differenzierten Sichtweisen und dem Fokus auf die Stärkung der Menschenrechte der Ausgebeuteten, herauskommen.

 

LINKS:

Ausserer, Caroline: 'Control in the Name of Protection': A Critical Analysis of the Discourse of International Human Trafficking as a Form of Forced Migration, in: St Anthony's International Review, Volume 4, Number 1, April 2008:
The Politics of Human Trafficking, pp 96-114. see: http://users.ox.ac.uk/~stair/4_1/4_1_index.html

Ausserer, Caroline: Controle no nome da protecao – análise do discurso de tráfico de pessoas como problema de migracao,  In: Rev. Inter. Mob. Hum., Brasília, Ano XIX, No 37, p. 107-123, jul./dez. 2011, see: http://www.csem.org.br/remhu/index.php/remhu/article/viewFile/279/254

Ausserer, Caroline (2007): “Controle em nome da proteção”: análise crítica dos discursos sobre o tráfico internacional de pessoas, see: http://www.maxwell.lambda.ele.puc-rio.br/10177/10177_1.PDF

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Kommentare

Der Beitrag folgt der bekannten Struktur, die wir aus Diskussionen zu Kinderpornographie im Internat alle gut kennen. Naive Bürger_innen, so dieser Diskurs, sind ob des Gedankens an Kinderpornographie so schockiert, dass sie sich leicht manipulieren lassen und zu engmaschigen staatlichen Kontrollen des Internets überreden lassen. In Wirklichkeit stehen aber hinter der Skandalisierung von Kinderpornographie (und hier gibt es, wenn wir Pech haben, noch unsägliche Ablenkungsdebatten darüber, was nun alles gar keine pornographische Darstellung von Kindern ist) ganz andere Interessen, vor allem der Wunsch, das Internet und alle Bürger_innen grundsätzlich zu überwachen. Die Debatte ist seit Jahren, Jahrzehnten fast, nicht über diesen Stand herausgekommen.
Bei Menschenhandel und Prostitution nun das gleiche "Narrativ" - naive Bürger_innen fallen auf medial inzsenierte "Narrative" herein und fordern dann Maßnahmen gegen Immigration oder Wohnungsüberwachung.
Dazu nun doch ein paar laute Kommentare. Erstens diffamiert dies alle diejenigen, die sich gegen Kinderpornographie oder gegen Menschenhandel egal zu welchem Zweck oder gegen Prostitution engagieren pauschal als entweder naiv oder als hinterhältige Abgesandte des "großen Bruders", als migrationsfeindliche Menschen, die Zusammenhänge nicht verstehen.
Ein Vorwurf, den ich gerne zurückgebe.
Zweitens werden falsche Alternativen aufgemacht, die allen Beteiligten und den Werten dahinter schaden. Freiheit im Internet steht gegen Kinderpornographie, Freiheit der Migration, der Mobilität gegen Menschenhandel. "Freiheit" als höchstes Gut des Menschen (für westliche Menschen, die für "Leben" nicht kämpfen müssen) wird definiert als "Freiheit" im Netz, des Zugangs zu "Humankapital"/"human ressources", wenn ich hier noch die Argumentation von Sabine Schiffer zum Thema Wohnungsprostitution dazu nehme, Freiheit der Wohnung, und diese Freiheiten sind, weil sie uns - westlich, weiß, Mittelschicht, betreffen, universell. Wenn diese Freiheiten durchgesetzt sind, nützt dies allen Menschen auf der Welt, denn wir sind universell.
Dagegen gestellt wird z.B. Kinderpornographie als besonders brutale Ausbeutung von Menschen, die sich nicht dagegen wehren können (und ein "Empowerment"-Diskurs ist hier kaum anzubringen), dagegen gestellt wird die Zwangsprostitution minderjähriger oder auch junger Erwachsener aus anderen Ländern (hier wird dieser Diskurs versucht).
Natürlich kann hier je nach Bedarf ein Paket Krokodilstränen mitgeliefert werden. Aber die hier verletzen Freiheiten - die Freiheit, nicht als Kleinkind in einem Porno zerstört zu werden, die Freiheit als 16-Jährige eine Ausbildung zu machen und nicht in einer Wohnung oder einem Bordell zur sexuellen Benutzung bereitgehalten zu werden - sind partikular. Natürlich sind sie irgendwie wichtig und so. Aber sie betreffen nicht uns, die weiße, die europäische, gut gebildete und gut eingesäumte Ober- und Mittelschicht. Sie betreffen nicht unsere Kinder. Daher sind diese Freiheiten eben nicht universell. Eine Verletzung dieser Freiheit ist bedauerlich und falsch und wir müssen etwas unternehmen (oder so). Aber nicht auf Kosten der universellen Freiheiten.
Und hier ist der Moment, in dem ich aussteige. Ich bin viel zu viel im Netz unterwegs um die Freiheit, die Anonymität dort bietet, abschaffen zu wollen. Ich halte Migration für eine Bereicherung jeder Gesellschaft.
Aber ich möchte endlich andere Antworten auf die gewaltigen Menschenrechtsverletzungen durch Pornographie, durch Menschenhandel, durch Prostitution (das Thema neo-liberaler Sprachmanipulationen zur diskursiven Aufhübschung des Phänomens ist auch schon oft und sehr gut behandelt worden), als diese Gegenüberstellung mit der eindeutigen Privilegierung "unserer" Freiheit, die oft genug nur die Freiheit der Ausbeutung anderer ist.
Unsere "Freiheit" wird am Hindukusch verteidigt - ich gestehe, dass ich nie ganz verstanden habe, was das bedeuten soll. Und unsere Freiheit im Netz, der Wohnung - durch zusammengefickte Dreijährige und sexuell zur Verfügung gestellte Teenager.
Ich möchte endlich überzeugende "Narrative" oder "Diskurse" darüber, wie beide Freiheiten – unsere und die der hier genannten „anderen“ – gleichwertig gewahrt werden können. Ich möchte, dass ein Gespräch darüber endlich beginnt. Meinetwegen durch Veränderung in der Einstellung der Leute, meinetwegen ohne Verbote, Kontrolle - aber dann wäre Schritt eins wirklich, die Bagatellisierung der Verletzung der Freiheit anderer zu beenden. Also - Verharmlosen von Kinderpornographie und Aufhübschen von Prostitution beenden. Das wäre ja nun schon einmal einfach und braucht keinerlei Kontrollen oder Verbote.

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