Körper gegen Moral

Körper gegen Moral

v.l.n.r.: Pieke Biermann, Mithu Sanyal, Christian Pfeiffer, Ulrike Baureithel, Margarete von Galen und Fabienne Freymadl auf dem StreitWert-Podium
v.l.n.r.: Pieke Biermann, Mithu Sanyal, Christian Pfeiffer, Ulrike Baureithel, Margarete von Galen und Fabienne Freymadl auf dem StreitWert-Podium — Bildnachweise

Das Thema Prostitution ist in den letzten Monaten verstärkt in den Fokus gerückt. Die von Alice Schwarzer angestoßene „PorNo“-Kampagne war dabei vor allem der Startschuss zu einer neuen Moraldebatte. Auch in feministischen Kreisen wird nun nicht mehr nur gefragt, was läuft gut, was läuft schlecht, seit Prostitution im Jahr 2002 als Beruf anerkannt wurde, sondern es wird zugespitzt: Bist du für oder gegen Prostitution?, lautet nun die Frage.

Bist du dafür oder dagegen?

Was aber steckt hinter dieser neuen Aufregung? Dem wollte das Gunda-Werner-Institut im Rahmen seiner Diskussionsreihe „StreitWert“ nachgehen. „Mein Körper gehört mir! Oder?“ wurde die Veranstaltung genannt. Am Thema Prostitution spiegelt sich so viel: Körperpolitik,  Freiheitsdiskurse und die Rolle der Frau, Sex und Sexualität, Geld und Armut, europäische Wirtschaftsgefälle, Recht und Macht.

Trotz dieser vielen Theorieansätze stehe nun über allem die ethische Frage, betonte Ulrike Baureithel, die Moderatorin. Es werde offenbar, dass das Thema zum einen wie ein „Spaltpilz in der Frauenbewegung“ wirke und es werde zum anderen anhand der Diskussion deutlich: Prostitution ist nicht privat.

Um mehr zu verstehen, sollte in der Diskussion die Geschichte der Hurenkämpfe ab den 70er Jahren rekonstruiert, die Entwicklung des Prostitutionsgesetzes nachvollzogen und über die unterschiedlichen nationalen Ansätze bezüglich der Gesetzgebung zu Prostitution in den europäischen Ländern gesprochen werden. Dieser geplante Ablauf klingt sachlich und vernünftig. Am Ende zeigte sich allerdings, dass Emotionen stärker sind.

Parallelen zwischen Huren- und Schwulenbewegung

Bereits die erste Podiumsteilnehmerin, die Journalistin Pieke Biermann, die in den 70er Jahren selbst anschaffte, die die Hurenbewegung mit gründete und Autorin ist von „Wir sind Frauen wie andere auch“, einem der ersten Bücher, das Respekt für Prostituierte einforderte, zeigte auf den Riss in der feministischen Bewegung. Biermann ließ keinen Zweifel, dass sie sich als Sexdienstleisterin von frauenbewegten Frauen nicht respektiert fühlte. Da sei so viel Hass gewesen. „Radikale Feministinnen waren radikal gegen Huren.“ Und heute würden Huren wieder pauschal zu Opfern gestempelt.

Volker Beck, Bundestagsabgeordneter der Grünen, zeigte die Parallelen auf zwischen der Schwulenbewegung und der Hurenbewegung. Beide Gruppen wurden in der Zeit der Aids-Hysterie auf ähnliche Weise stigmatisiert. Sie hätten als „Virenschleudern“ gegolten, „wir waren am gleichen Punkt.“ Das heißt auch: Der Kampf der Homosexuellen und Prostituierten um Anerkennung lief parallel. „Wenn eine antirepressive Bewegung mit ihrem Anliegen in der Gesellschaft ankommt“, wie es sowohl den Homosexuellen als auch den Prostituierten gelang, „schließt sich zivilrechtliche Arbeit an“, sagt er. Im Falle der Schwulen etwa die Aufhebung des Kriminalisierungsparagraphen §175, im Falle der Prostituierten die Anerkennung ihrer Arbeit als Beruf. Wie bei den Schwulen hätte auch bei der Anerkennung der Prostituierten die Logik der HIV-Prävention gewirkt. „Wenn jemand damit beschäftigt ist, Repression zu kompensieren, könne er/sie nicht zur Prävention beitragen“, sagt Beck.

Die Ehre der Frauen

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal verweist auf die sozialpsychologischen Komponenten im Zusammenhang mit Prostitution. Im patriarchalen Herrschaftskonstrukt gebe es die Hure und die Heilige. Letztere habe Sex in der Ehe, die andere außerhalb. Letztere ist von Mann, Kirche und Staat kontrollierbar, die erstere verweigert sich dem und müsse auf andere Weise gezähmt werden. Erst im 19. Jahrhundert seien Identitäten wie Schwule, wie Prostituierte konstruiert worden, damit man gegen sie vorgehen könne. Vorher lief das irgendwie mit. Zudem schwingen, sagt Sanyal, in der Debatte um Prostitution Ehrendiskurse mit. Denn die Ehre der Frauen sei im weiblichen Körper verankert, die Ehre der Männer werde außerhalb des Körpers verteidigt, etwa auch auf den Schlachtfeldern. Eine griffige Pointierung.
 

Griffige Pointierungen gab es im Verlauf des Abends noch mehrere:

# Beck: „Bei Prostitution wird die gesellschaftliche Verbrämung alles Sexuellen sichtbar.“

# Sanyal: „Alles wird mit Sex verkauft, Autos, Reisen. Nur wenn Sex verkauft wird, ist das bääh.“

# Baureithel: „Die Abwehrhaltung gegen Prostitution soll verschleiern, dass Gesellschaft insgesamt warenförmig ist.“

# Sanyal: „Sobald etwas Sexuelles thematisiert wird, macht es die Frau zerbrechlich. Sex ist romantisiert.“ Man könne zu einer Frau sagen: „Du hast schöne Hände (zum Putzen).“ Aber, wenn jemand sagt: „Du hast schöne Brüste, dann oh oh.“

# Biermann: „Wo kommt dieser Hass her? Warum nicht den Frauen zubilligen: Das ist meine Entscheidung, meinen Lebensunterhalt zu finanzieren?“

Raus aus der Sittenwidrigkeit

Genau dieser Forderung wurde der Gesetzgeber mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz, das Prostitution entkriminalisierte, gerecht. Volker Beck wies jedoch darauf hin, dass es Nachjustierungsbedarf gebe. „Wenn man etwas aus der Sittenwidrigkeit heraus holt, muss man arbeitsrechtliche Standards ermöglichen, um Ausbeutung zu vermeiden. Es muss rechtliche Regelungen zum Schutz der Schwachen geben. Das kann weder eine Kondompflicht sein, noch - wie früher - der Nachweis regelmäßiger ärztlicher Untersuchungen der Prostituierten. Vernünftige Arbeitsbedingungen müssten, meint er, über die gewerberechtlichen, steuerrechtlichen Regelungen  gesteuert werden.

Dieser Einwand konnte indes die homogene Besetzung des Podiums bis dato nicht mehr aufbrechen, was sich an kritischen Kommentaren aus dem Publikum zeigte. „Welchen Hass meinen Sie?“, wurde Pieke Biermann gefragt. Andere wiesen auf die Ausbeutung von Migrantinnen hin. Jemand beklagte, dass gänzlich ohne Statistiken argumentiert werde. Und ein Vertreter der schwedischen Botschaft erläuterte, dass das dortige Gesetz, das Freier bestraft, verabschiedet wurde, um Frauen zu schützen. Die Moderatorin musste derweil noch einmal betonen, dass es bei der Diskussion vor allem um Frauen geht, die freiwillig in der Prostitution arbeiten.

Ein Gesetz mit unklaren Folgen

Bei der zweiten Podiumsrunde war Christian Pfeiffer, ehemals niedersächsischer Justizminister und nun Direktor des kriminologischen Forschungsinstituts, der auch Alice Schwarzers PorNo-Kampagne unterzeichnet hat, dabei. Er war der einzige Anwesende, der die Folgen des Prostitutionsgesetzes sehr kritisch sieht. Er sagt, dass die Freigabe der Prostitution die Abhängigkeits- und Ausbeutungsstrukturen im gewerblichen Sexmilieu verschärft habe. Die Polizei könne nicht mehr unangemeldet in Bordellen auftauchen, es gäbe Flatratebordelle mit extrem ausbeuterischen Strukturen, es gebe heute vier mal mehr Rockerclubs als vor vier Jahren. Die Absicht, die dem Prostitutionsgesetz zugrunde liegt, sei richtig, die Ausführung falsch.

Dass es zu Menschenhandel im Prostitutionsmilieu kommen kann, verneint auch die Rechtsanwältin Margarete Gräfin von Galen, die bei der Verabschiedung des Prostitutionsgesetzes die Prostituierten unterstützte, nicht. Sie meint aber, dass nicht das Prostitutionsgesetz gescheitert sei, sondern die Erweiterung der Europäischen Union um Rumänien und Bulgarien. „Man kann die Leute nicht an den Tisch holen und sagen: Zu essen gibt es aber nichts.“ Sie sieht vor allem die Gewerbeämter in der Bringschuld, die ihre Aufsichtspflicht nicht adäquat nutzen. Auch im schwedischen Modell sieht sie keine Lösung. Wollte man wie in Schweden, die Freier bestrafen, käme das umgekehrt einem Berufsverbot gleich, meint sie.

Fabienne Freymadl vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen, die ebenfalls auf dem Podium saß, betont, wie gut es ist, dass die Prostituierten aus der Sittenwidrigkeit herausgeholt wurden.

Ohne Moral geht es nicht

Spätestens an dieser Stelle wurde deutlich, dass die Idee, Prostitution jenseits der neuen Moraldebatte zu diskutieren, nicht geht, ohne das Prostitutionsgesetz vorab sachlich zu evaluieren und zu analysieren und mit Erfahrungen von allen Betroffenen zu fundieren. Wenn nur noch als Behauptung im Raum steht, dass das Prostitutionsgesetz zwar einzelnen Frauen nützt, aber vor allem auch dem kriminellen Milieu, ist eine Diskussion eigentlich nicht mehr sinnvoll. Ein Publikumsteilnehmer brachte es auf den Punkt. Er sagte: Es gehe hier irgendwie auf der einen Seite um die Freiheit, Sex als Dienstleistung anzubieten und auf der anderen darum, Frauen, die Sex als Dienstleistung anbieten, zu schützen. „Wie sähe“, fragt er, „eine Struktur aus, die beides verknüpft?“

Die Frage muss bei anderer Gelegenheit beantwortet werden.

 

Mitschnitt der Veranstaltung:

Bilder der Veranstaltung:

 

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