„Wenn du Veränderung willst, musst du den Status quo in Frage stellen“

„Wenn du Veränderung willst, musst du den Status quo in Frage stellen“

Bisi AlimiBisi Alimi. Urheber: David Morrison. Alle Rechte vorbehalten.

Dieser Artikel ist im Dossier: Queer Afrika - Auf dem steinigen Weg zur Gleichberechtigung auf www.boell.de erschienen.

Vor zehn Jahren outete sich der Nigerianer Bisi Alimi vor laufenden Kameras als homosexuell und riskierte damit sein Leben. Im Interview erklärt der Blogger sein öffentliches Coming-out und warum er so stark an die Macht der sozialen Medien glaubt.
 

Bisi Alimi muss ein mutiger Mann sein. Mit seinem Outing vor laufenden Kameras brach der Nigerianer 2004 ein existierendes Tabu und riskierte damit sein Leben. Er floh nach Großbritannien und setzt sich seitdem von dort aus für die Rechte von Schwulen und Lesben ein. Darüber hinaus hält der 39-Jährige Vorlesungen zur Geschlechterrolle in Afrika und treibt als Blogger den Diskurs über Menschenrechte und sexuelle Selbstbestimmung voran. Am 6. September 2014 spricht er auf der TEDx-Konferenz in Berlin. Im Interview erklärt er sein öffentliches Coming-out und begründet, warum er so stark an die Macht der sozialen Medien glaubt.

Impatient Optimists: Bisi, dein öffentliches Coming-out ist jetzt zehn Jahre her. Dafür musstest du aus Nigeria fliehen und dir ein neues Leben in London aufbauen. Wenn du mit einigem Abstand jetzt zurückschaust, würdest du dieselbe Entscheidung wieder treffen?

Bisi Alimi: Es gab schon Zeiten, da hätte ich die Frage sicher verneint. Momentan kann ich auf jeden Fall behaupten, dass es eine gute Entscheidung war. Mein Leben hat sich insgesamt zum Guten verändert und ich bin immerhin eingeladen worden, bei TEDx zu sprechen, weil ich vor zehn Jahren aufgestanden bin. Meine jetzige Position ermöglicht es mir, den unterdrückten Homosexuellen in Nigeria und ganz Afrika eine Stimme zu geben. Aber ich kann nicht verschweigen, dass ich dafür einen Preis gezahlt habe. Meine Freunde und meine Familie haben sich von mir abgewendet. Ich wurde beinahe umgebracht und floh nach Großbritannien. Ich habe schon eine Menge verloren. Aber für mich war es in diesem Moment, in diesem Abschnitt meines Lebens, das einzig Richtige. Wenn du Veränderungen willst, dann musst du den Status quo in Frage stellen. Und das habe ich getan.

Homosexuelle Jungen und Mädchen haben es auch in Deutschland oft nicht leicht. Gerade jenseits der Großstädte halten sich hartnäckig Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe. Wie ist es als Homosexueller in Nigera aufzuwachsen?

Das will man sich gar nicht vorstellen. Man will sich nicht vorstellen, was es für mich bedeutet hat und was es noch heute für Tausende junge Homosexuelle in Nigeria bedeutet. Zurückweisung, Belästigungen und eine ständige Schikane durch die Polizei gehörten zur Tagesordnung. Eine Atmosphäre der Angst. Für mich war das ein einziger Kampf und heute sieht die Sache nicht besser aus. Es gab viele Schwule, die mit einer Frau verheiratet waren und vorgaben, ein ganz ‚normales‘ Leben zu führen. Niemand konnte sich öffentlich als homosexuell zu erkennen geben. Ich hielt das irgendwann nicht mehr aus und bereue nicht, was ich getan habe. Noch immer bekennen sich über 90 Prozent der Nigerianer gegen Homosexualität. Aber heute haben wir zumindest eine Debatte über die Dekriminalisierung von Homosexualität. Nicht nur in Nigeria, sondern von Uganda über Kenia nach Somalia in ganz Afrika.

In vielen afrikanischen Ländern ist es zu einem beliebten politischen Instrument geworden, Gesetze gegen Homosexualität zu erlassen. Auch in Nigeria hat die Regierung unter Präsident Jonathan der Homosexualität den Kampf angesagt. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind jetzt illegal. Wie glaubst du, wirkt sich die angespannte Atmosphäre gegenüber Homosexuellen auf die heranwachsende Generation aus?

Es gibt in Afrika vor allem eine neue Generation liberaler, gut informierter junger Menschen. Immer mehr haben Zugang zum Internet. In diesem Ausmaß steigt auch die Zahl derer, die sich umfassend informieren können und nicht auf die Staatsmedien angewiesen sind. Vielleicht ist das Afrikabild noch immer zu stark geprägt vom ländlichen Afrika; von Stämmen, die in der Abgeschiedenheit ohne Elektrizität, ein einfaches Leben führen. Aber der Kontinent hat sich weiterentwickelt. Man muss nur einen Blick ins Internet werfen und sich einmal die Beiträge und Kommentare auf Facebook und Twitter anschauen. Es gibt viele afrikanische Blogger, die über Themen wie Geschlechtergleichheit, sexuelle Identität oder auch Gesundheitspolitik schreiben. Das verändert die Debatte über Homophobie auf dem Kontinent und entmystifiziert so manches Tabu.

Wie wirken sich die Repressionen auf den Kampf gegen Aids aus, für den du dich seit langer Zeit stark machst?

Seitdem das neue Gesetz erschienen ist, kann man überall die negativen Auswirkungen ablesen. Das Gesetz hat zur Folge, dass auf Dienstleistungen für bekannte oder vermeintlich Homosexuelle zehn Jahre Haft stehen. Aber der Gesetzestext lässt offen, was genau unter ‚Dienstleistungen‘ fällt. Eine Unterkunft anzubieten? Jemanden im Bus mitzunehmen, der Verkauf von Essen oder medizinische Hilfeleistungen? Alles das könnte darunter fallen und niemand möchte ins Gefängnis. Die Ungewissheit in den Köpfen führt natürlich zu einer Atmosphäre der Angst. Kliniken, die bislang homosexuelle AIDS-Kranke versorgt haben, sind sehr skeptisch geworden. Sie wissen gar nicht, wie sie die medizinische Versorgung  sicherstellen sollen und müssen zwangsläufig in den Untergrund abtauchen.

Wenn man sich die Statements vieler afrikanischer Politiker ansieht, so wird immer wieder mit dem typisch Afrikanischen argumentiert. Homosexualität sei ‚un-afrikanisch‘. Was entgegnest du diesen Vorwürfen?

Ich glaube, dass wir in Afrika gute Vorbilder haben, wenn es darum geht, zu definieren, was es heißt, afrikanisch zu sein und zu handeln. Nelson Mandela oder Desmond Tutu: Das sind Persönlichkeiten, die der Welt gezeigt haben, was afrikanische Werte sind. Menschen wie Mugabe, Museveni oder auch Jonathan wagen aber allen Ernstes zu definieren, was afrikanisch sein soll und was nicht. Diese raffgierigen, alten Männer, die zu aller erst darauf achten, was in ihren eigenen Magen kommt. Aber Afrika hat nichts mit Gier zu tun. Ich bin in Afrika aufgewachsen und habe ein anderes Afrika kennengelernt: ‚Du kannst nicht glücklich sein, solange nicht auch dein Nachbar glücklich ist.‘ Darum geht es. Es geht um Teilen, um Mitgefühl, darum, dem Anderen auszuhelfen, wenn er Hilfe benötigt. Es geht nicht um Habgier, Korruption und den Aufruf andere umzubringen, nur weil man seine Ansichten oder sexuelle Orientierung nicht teilt.

Du selbst nutzt die sozialen Medien, um deine Meinung zu teilen und mit Leuten den Dialog zu suchen. Glaubst du, dass Facebook, Twitter und co. das Potenzial haben, die öffentliche Meinung in Afrika wirklich zu verändern?

Auf jeden Fall. Die Medien werden in Afrika häufig von den Regierungen kontrolliert. Wir haben keine echte Opposition. Die evangelikale Bewegung arbeitet Hand in Hand mit den politischen Führern. Social Media bieten da eine gute und die einzige Möglichkeit, um an alternative Informationen zu kommen. Natürlich müssen sich die Menschen an diese Plattformen noch gewöhnen und nicht alle Menschen in Nigeria sind online. Aber die aufkommende Mittelschicht ist es schon jetzt. Die Anzahl derer, die auf alternative Informationen zugreifen kann, wächst. Und was passieren wird, ist, dass diese Leute zurück in ihre Dörfer gehen und die Informationen dort verbreiten. Und je mehr wir unsere Informationen nach draußen bekommen, umso mehr wird unsere Perspektive in der Dorfbevölkerung wahrgenommen.

Eine letzte Frage. Der Blog heißt Impatient Optimists. Würdest du dich selbst auch als einen ungeduldigen Optimisten sehen?

Ich glaube schon, dass ich geduldig bin. Ich will die Dinge nicht überstürzt angehen und Vieles braucht Zeit und Geduld. Aber gleichzeitig bin ich auch niemand der stillsitzt und auf Veränderungen wartet. Ich will den Umschwung mitgestalten. Das neue Gesetz in Nigeria bietet eine Chance für Veränderung. Es hat sich ein Diskurs über Freiheit und den intervenierenden Staat in Bewegung gesetzt. Und ich hoffe wirklich, dass wir in zwanzig Jahren ein Gesetz haben, das Diskriminierungen aller Art auf Grund der sexuellen Orientierung verbieten. Und das ist durchaus möglich. Wenn ich nicht an Veränderung glauben würde, würde ich heute nicht tun, was ich tue.

 

Bisi Alimi (39) ist Nigerianischer Aktivist für Homosexuellen- und HIV-Rechte und Aspen New Voice Fellow. Alimi tritt im Rahmen der Reihe TEDxChange auf. Einer in Zusammenarbeit mit der Bill and Melinda Gates Foundation gestarteten Sektion der TEDx-Reihe.

Dieser Artikel wurde zuerst auf dem Blog Impatient Optimists der Bill & Melinda Gates Foundation veröffentlicht.

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