Kommen wir nicht alle aus Afrika? Der Fall Dolezal

Kommen wir nicht alle aus Afrika? Der Fall Dolezal

Feministischer Zwischenruf

Rachel Dolezal ist die weiße Frau, die sich als Schwarze ausgegeben hat - durch Schminke, gefärbte Haare und erdachte Biographie. Doch ethnische Identität lässt sich nicht frei wählen, und eine vermeintliche Parallele zwischen Transsexualität und "Transracialism" zu ziehen ist ein gefährliches Missverständnis.

Körper und Identität sind für viele nicht frei wechselbar - sie haben "Gewicht", wie schon Judith Butler festgestellt hat. Rachel Dolezal fehlt eben jenes Gewicht, sie betreibt reine Camouflage — Bildnachweise

„Kommen wir nicht alle aus Afrika?“ Das soll Rachel Dolezal auf die Frage eines Reporters geantwortet haben, bevor sie ihm den Rücken kehrte. Rachel Dolezal, das ist die Person, die von manchen Zeitungen kurz „Race Faker“ genannt wird. Die Weiße, die sich als Schwarze ausgibt. Die Ortsvorsitzende der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) in dem Städtchen Spokane in Washington hat mittlerweile ihr Amt niedergelegt. Sie hatte sich kräftig geschminkt, die Haare im Afrolook frisiert und gefärbt, eine schwarze Jugend ersonnen, ein schwarzes Kind erdichtet, und einen brutalen Stiefvater noch dazu.

Das ist zunächst schlicht ein Fall für die Psychologie. Sich eine Identität zu erdichten und mit falschen Erinnerungen zu versehen, an die man vielleicht sogar selbst glaubt, ist offenkundig eine schwere psychische Störung. Gerade wenn man ein brüchiges Selbstbild hat, ist die falsche Identität ein merkwürdiger Ausweg der Psyche. Hat man als Kind schwere Zeiten erlebt für die man keinen Ausdruck findet, dann bedient sich die Psyche einfach einer passenden anderen Identität. Immerhin stehen auch Missbrauchsvorwürfe im Raum. Wer weiß, ob die wirklich mit erlogen sind – oder ob sie nicht vielleicht stimmen und dann eher die Ursache für  diese psychische Störung sein könnten? Die Art, wie ihre Eltern sie nun bloßgestellt haben, indem sie die Geburtsurkunde in die Kameras hielten, spricht ohnehin nicht gerade für ein gutes und verständnisvolles Verhältnis zu ihrer Tochter.

Heide Oestreich ist Redakteurin der taz, die tageszeitung und betreut dort vor allem die Geschlechter- und Gesellschaftspolitik. 2004 erschien von ihr das Buch "Der Kopftuchstreit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam". 2009 wurde sie vom Journalistenverband Berlin Brandenburg für ihre langjährige Berichterstattung über unbewußte Geschlechterklischees mit dem Preis "Der lange Atem" ausgezeichnet.

Darüber hinaus hat sich aber eine absurde Debatte entsponnen, ob man nicht das Recht haben sollte, die ethnische Identität zu wechseln. „Transracialism“ parallel zur Transsexualität. Alles nur soziale Konstruktion, sagen die Linken doch selbst immer, tönt es – allerdings vor allem aus eher konservativen Medien, die – wie immer – Judith Butler auf ein „Anything goes“ verkürzen. Aber „Bodies matter“, wie schon Judith Butler festgestellt hat: Die Geschlechtsidentität ist für Transsexuelle meist nicht frei wechselbar. Ihr liegen biologische Prozesse zugrunde. Variabel sind Interpretationen und Zuschreibungen, die an die Biologie anknüpfen. Rachel Dolezal hat diesen biologischen Hintergrund nicht, sie betreibt reine Camouflage.

Und da kommt die Ebene der Zeichen und der Macht, die sie anordnet, ins Spiel: gerade weil unser Wissen über Ethnien sozial konstruiert ist, sind sie eben nicht gerade mal so wechselbar. Diese Konstruktionen haben uns nämlich fest im Griff, strukturieren unsere Welt und Wahrnehmung. Schwarze müssten nicht mehr für ihre Rechte kämpfen, wenn man ignorieren könnte, wie diese Konstruktionen heute Spielräume für sie einschränken. Identity matters, genau weil sie konstruiert ist. Wäre die ethnische Identität etwas frei wählbares, dann hätten wir jetzt keinen Skandal, sondern eine Kuriosität und einen Haufen Lügen.

Ja, wir kommen alle aus Afrika. Das ist ein schönes Bild, das, merkwürdigerweise von einer Antirassismus-Aktivistin völlig unhistorisch und unpolitisch gebraucht wird. Nach unserer gemeinsamen Vergangenheit ist nämlich sehr viel passiert.

Die ethnische Identität ist nicht frei wählbar. Sie ist durch und durch vermachtet: Weiß ist oben, was man sogar ganz bildlich am Absatz von Bleichmitteln in Ländern mit dunklerer Bevölkerung sehen kann. Und die weiße Macht ist abgesichert: Die Schwarze bleibt schwarz, so sehr sie sich auch bleichen mag. Vor diesem Hintergrund hat Dolezal gehandelt. Sie als Angehörige der „weißen“ Mächtigen hatte eine Wahl, die Schwarze nicht haben: Eine Angehörige der mächtigeren Gruppe hat sich zur Angehörigen der ausgegrenzten Gruppe gemacht. Das ist und bleibt eine große Lüge. Ich wünschte nur, dass jemand das in Ruhe mit ihr bearbeitet hätte, anstatt sie der Weltpresse zur Schlachtung vorzuwerfen.

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2 Kommentare

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Svenja Oberender

Ich finde den wiederholten Bezug auf vermeintliche "psychische Störungen" unnötig und (zumindest mit den soweit der Öffentlichkeit verfügbaren Informationen) haltlos. Geistige Gesundheit wird immer gerne in Frage gestellt, wenn jemand Verhalten zeigt, das wir nicht so leicht verstehen können - jedoch ist eine solche "Diagnose" weder durch Sie, Frau Oestreich, noch durch mich durchführbar, sie fördert weder die Diskussion um Rassismus noch um das (verwandte) "White Privilege": was heißt es, wenn eine weiße Frau sich geradezu in "Blackface" ausstattet, darauf eine Karriere aufbaut (eine Karriere basierend auf Erfahrungen von Diskriminierung und Unterdrückung, die ihr gar nicht gelten, und dabei womöglich anstelle einer gleichermaßen qualifizierten, "tatsächlich" dunkelhäutigen Frau)? Das mag Ihnen wie auch mir unvorstellbar erscheinen - es als Geisteskrankheit abzustempeln (wie das ja mit so vielen schwer erklärbaren, vor allem negativen Verhaltensweisen getan wird) führt lediglich zu weiterer Stigmatisierung von Menschen, die sich außerhalb der (mentalen) Gesundheitsnorm bewegen und/oder an diagnostizierbaren geistigen Krankheiten leiden.

Michel Derner

Ach ja, der ach so eindeutige Begriff der Ethnie, nur lässt sich die Weltbevölkerung nicht nach ihrem Aussehen in einige wenige große Ethnien teilen. Wie wollen wir vorgehen? Schwarze, Weiße, "Asiaten"? Denn nach der Idee könnte jeder Deutsche mit dunkler Hautfarbe nach Amerika und würde sofort dieser Ethnie angehören, da man ihn rein äußerlich (Sachen etc. rausgerechnet) nicht unterscheiden könnte. Das reicht, um der gleichen Ethnie anzugehören? Und warum sprechen wir bspw. in Afrika von unzähligen ethnischen Gruppen? Die halten sich nicht an territoriale Grenzen, sie halten sich nicht an Sprachgrenzen, sie interessieren sich nicht dafür, dass sie die gleiche Hautfarbe aufweisen. Die Autorin spricht selbst von der Konstruiertheit "ethnischer Identitäten" und an und für sich begreifen wir ethnische Gruppen heute doch als eine Form sozialer Gruppen, ist es nicht so? Aber Dolezal hat sich selbst verleugnet, sie hat für sich und die Gruppe, der sie angehören wollte, ein neues Leben mit einer neuen Vergangenheit erfunden und zudem auch ihr Äußeres verleugnet. So wie ich das verstanden habe, geht es bei einer ethnischen Gruppe aber auch um eine irgendwie gefühlte oder geglaubte Abstammungsgemeinschaft und gerade die ist hier nur bedingt gegeben. Wäre diese Abstammungsgemeinschaft gegeben, wenn ein in Deutschland aufgewachsener Schwarzer in die USA ziehen würde? Der eine hat seine Verwandschaft aus Mali, der andere aus Mosambik, ist die Abstammungsgemeinschaft gegeben? Die USA in Schwarze und Weiße einzuteilen, ist tatsächlich eine höchst problematische Sache, bei der man dann auch einmal die rhetorische Frage stellen kann, ob nicht alle Menschen die gleichen Ursprünge haben. Das größere Problem, die größere Frage, die Dolezal durch ihren Fall aufwirft, ist doch, warum letztlich doch alles auf die Hautfarbe reduziert ist. Und warum sowohl sie als auch Sie und viele der übrigen Medien das in der gleichen Form tun. Es ist auch bezeichnend im Sinne der über die letzten Jahre geforderten Integration, bei der teilweise sogar von Assimilation die Rede war. Nicht umsonst klagen viele Menschen mit sogenanntem Migrations"hintergrund", dass es sich eigentlich um einen Migrations"vordergrund" handele. Es bleibt den Leuten einzig aufgrund ihrer Hautfarbe oder eines besonders "fremd" klingenden Namens verwehrt, "vollwertige" Deutsche zu sein.
Zuletzt hat sich Dolezal so stark mit einer Gruppe identifiziert, die sie als bewundernswert, aber unterdrückt ansah, dass sie Teil dieser Gruppe sein wollte. Würde es sich dabei um eine Gruppe gleicher Hautfarbe handeln, wäre das Problem nicht in dieser Schärfe gegeben, es wäre vor allem kein Thema für die internationale Presse geworden. "Überidentifikation" (ich verwende den Begriff wirklich unter Vorbehalt, er passt mir nicht) ist nichts, was man einem Menschen vorwerfen sollte; eigentlich sollte jeder sich für das engagieren dürfen, was er liebt und gerne auch sein eigenes Leben so dekonstruieren und neu konstruieren dürfen, wie er es für richtig hält. Dass man damit anderen einen irgendwie gearteten Schaden zufügen könnte, ist – ich will es absichtlich vage formulieren – problematisch. Für mich stellt sich grundsätzlich die Frage, ob es sich um dezidiert schwarze Geschichte mit schwarzen Erfahrungen handelt, oder ob man sich nicht auch eine Gesellschaft erdenken könnte, in der man sich auch die Geschichte anderer Kulturen anverwandelt und von Menschheitsgeschichte spricht. Dass die USA kein solcher Ort sind, ist für den aktuellen Fall von Relevanz. Ob die Einteilung aber so unaufbrechbar ist, sei dahingestellt.
Ich würde mich nicht als Jude bezeichnen und im Zentralkomittee Karriere machen, wenn ich kein Jude bin. Gleichzeitig denke und empfinde ich mich in eine Schuld hinein, die ich nicht eigentlich zu verantworten habe. Hier wirkt dann die empfundene Abstammungsgemeinschaft. Wenn ich nun aber wegen meiner Studien zum Judentum und vor allem zum untergegangen deutschen Judentum des 19. und 20. Jahrhunderts und weiterhin wegen der Shoa konvertieren und mich engagieren würde, wäre das ein Problem? Oder wäre es erst dann ein Problem, wenn ich so tun würde, als seien Teile meiner Familie Opfer der Nationalsozialisten geworden? Welche Geschichte dürfte ich als Jude als meine empfinden? Die ab der Zeit, da ich Jude geworden bin? Darf ich nur religiöser, aber kein ethnischer Jude sein? Darf ich das durchaus konstitutive Gefühl der Juden teilen, die gesamte Geschichte hindurch (bzw. seit Zerstörung des zweiten Tempels) immer unterdrückt und verfolgt gewesen zu sein, teilen? Ab wann dürfte man das? Dürften meine Enkel das? Wann wäre man ein echter Jude? Wahrscheinlich sind die Gründe ähnliche, weswegen manch ein Konvertit z.B. zum islamischen Glauben seine Religiosität besonders stark nach außen hin zeigt und sozusagen päpstlicher als der Papst ist. Wei sie Akzeptanz suchen, weil sie unbedingt dazugehören möchten. Vielleicht war auch das ein Grund für Dolezal. Weil sie gerne dazugehören wollte, engagierte sie sich entschlossener, als sie es sonst vielleicht getan hätte; denkbar wäre es.
Unter dem Artikel ist ein Kommentar einsehbar, der zurecht die Einstufung von Dolezal als ernsthaft psychisch krank kritisiert. Was sie tat, enspricht sicher nicht der Norm, aber die Norm ist nichts objektiv richtiges, sie ist Teil von Aushandlungsprozessen, etwas hochgradig konstruiertes. Ich habe zu viel Literatur gelesen und zu viel mit Charakteren sympathisiert, die nicht im eigentlichen Sinne ich sind oder zu meinem Leben gehören, als dass ich tatsächlich Menschen verurteilen möchte, die sich mit etwas über die Norm hinausgehend identifizieren.
Es gäbe viele tolle Szenarien. Was, wenn eine schwarze Familie ein weißes Kind adoptiert? Darf dieses Kind schwarz sein oder muss es, trotz ähnliches Erfahrungshorizonts wie seine Geschwister, weiß sein? Mensch, Malinowski, berühmter Ethnologie, forderte bei seinen Feldstudien sogar eine zeitweilige Aufgabe der eigenen Kultur. Zwar forderte er auch zugleich die Wahrung einer gewissen Distanz (und sein Tagebuch sollte ebenfalls berücksichtigt werden), aber wir haben es bei Dolezal auch nicht mit einer im Feld forschenden Ethnologin zu tun, die das in irgendeiner Weise aus wissenschaftlichen Gründen oder als Teil eines Experiments gemacht hat. Sie gab ganz umfassend den Teil an sich auf, den sie als weiß verstand, und nahm einen Teil an, den sie als schwarz empfand. Und bis auf die durchaus fragwürdige Verletzung der Gefühle einiger Schwarzer, sehe ich darin kein ernsthaftes Problem. Die entscheidenden Fragen sind: Empfand Dolezal sich als Schwarze, konnte sie die Geschichte fühlen (so wie wir angehalten sind, den Wahnsinn der Shoa zu fühlen)? Hat sie sich also besten Gewissens (obgleich vllt. oder eher wahrscheinlich im Gefühl einer Grenzübertretung) "entschieden", schwarz zu werden? Dann hat sie nichts Verkehrtes getan. Ob die Schwarzen sie aber als ihresgleichen aufnehmen, ist die Frage. Oder besser, ob sie sie als ihresgleichen aufgenommen hätten, wenn sie von ihrer Vergangenheit gewusst hätten? Aber weil sie schwarz war, war alles in Ordnung, weil sie geschminkt war, war alles in Ordnung. Sie hat das ja nicht gespielt.
Und so verkehrt ist der Vergleich mit der Transexualität auch nicht. In Filmen und Serien wird so etwas thematisiert; plötzlich war eine mal ein Mann, es kommt zum Konflikt, wie geht er aus? Ihr einziges Vergehen war, Einlass in eine von der Gesellschaft als exklusiv betrachtete Gruppe zu fordern oder, böse gesagt, zu erschleichen.
Und noch einmal: Schwarz ist keine ethnische Gruppe, Afrikaner ist keine ethnische Gruppe, und Malier ist auch keine ethnische Gruppe. Nicht zuletzt sollte ein Unterschied zwischen race und ethnicity gemacht werden, anstatt die Begriffe durcheinanderzuhauen, was ich sicher auch getan habe; wollte Dolezal einer ethnischen Gruppe oder einer "Rasse" angehören? Eine kurze Recherche genügt, um zu sehen, dass sich die Debatte in den USA auch um eine mögliche "transrace" dreht(e). Von ethnischer Gruppe kann da ja sowieso schon nicht mehr die Rede sein.
Die ethnische Gruppe kann als soziales Konstrukt auch in einer modernen Gesellschaft seine Berechtigung haben, aber die "rassische" Identität? Bitte? Das ist etwas, was es zu überwinden gilt, weil es sich nur an Äußerlichkeiten aufhält, weil nicht einmal die Familie, in die du hineingeboren wirst, entscheidend ist, wie es bei einer ethnischen Gruppe der Fall sein dürfte, sondern die Hautfarbe. Das ist der Grund, weshalb ein schwarzes Kind mit weißen Eltern in einer weißen Umgebung diskriminiert wird oder werden könnte, obwohl es keinen anderen Erfahrungshorizont aufweist als seine Mitmenschen. Menschen werden nach Äußerlichkeiten sortiert. Dann ist man kein Deutscher, sondern ein "Wo kommst du ursprünglich her?" Dann ist man kein Afrikaner, sondern ein "Aber du bist doch weiß."
Dass wir nicht einmal unsere Herkunft als bindend ansehen möchten, also die eigentlich viel gewichtigere Sache im Gegensatz zu so einer Oberflächlichkeit wie "Rasse", und stattdessen manche Distanz zu ihren früheren Leben und ihren Eltern suchen oder manchmal alle Bande kappen, ist für die Gesellschaft viel weniger schwer zu akzeptieren. Dann nennt man das "Jeder ist seines Glückes Schmied" oder "Du kannst werden, was immer du willst." Was sonst ist Bildungsaufstieg? Was sonst ist Auswandern? Alles Anzeichen einer ernsten psychischen Erkrankung? Würde es zur psychischen Erkrankung, wenn man, aus Furcht vor Ablehnung oder weil es die Umstände erfordern, sich selbst verleugnen würde? Und was tat Dolezal? Lasst sie doch einfach die sein, die sie sein will. Und heilt nicht ihre Hysterie, Homosexualität; oder ein wenig pathetischer: Bleicht nicht ihre Seele.

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