"Besorgte Eltern" und "Demo für alle" – Das Kind als Chiffre der politischen Auseinandersetzung

"Besorgte Eltern" und "Demo für alle" – Das Kind als Chiffre der politischen Auseinandersetzung

Dr. Imke Schmincke auf der "Gegner*innenaufklärung"Die Referentin Dr. Imke Schmincke auf der "Gegner*innenaufklärung" – Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Am 31.05.2016 fand die Tagung des Gunda-Werner-Instituts “Gegner*innenaufklärung – Informationen und Analysen zu Anti-Feminismus” statt. Im Rahmen der Veranstaltung wurden mehrere Tagungsberichte von Stipendiat_innen der Heinrich-Böll-Stiftung verfasst. Eine PDF dieses Berichts findet sich hier. Der Input Imke Schminckes findet sich als PDF hier.

Das Panel thematisierte die politischen Strategien der anti-feministischen ‚Demo für alle‘ und der ‚Besorgten Eltern‘. Dabei wies die Referentin Dr. Imke Schmincke auf die besondere Bedeutung der Figur des ‚Kindes‘ in den Kampagnen, Redebeiträgen und Webseiten hin. Diese binden Rhetoriken gegen eine Gleichberechtigung im Rahmen eines Gender-Mainstreaming, gegen eine Gleichstellung homosexueller Partnerschaften etwa im Adoptionsrecht und gegen eine (sex-positive) Sexualpädagogik zusammen. Sowohl könne das Kind als Projektionsfläche instrumentalisiert werden, um aus Tendenzen gesellschaftlicher Pluralisierung, des (scheinbar unverfügbaren) beschleunigten sozialen Wandels und der Prekarisierung von Erwerbsarbeit Antifeminismen rational zu legitimieren. Als auch fänden mit dieser Chiffre affektive Bewegungen statt, wenn das Kind mit Reinheit, Vorgesellschaftlichkeit und Zukünftigkeit verknüpft würde und darüber Szenarien der Bedrohung aufgerufen werden könnten. Die Diskussion mit vielen Vertreter*innen (sexual-)pädagogischer Träger und aus der Öffentlichkeitsarbeit wandte sich sodann vor allem der weiteren konkreten Beschreibung der beiden Protestbewegungen zu, zog Vergleiche zwischen der Situation in Deutschland und Frankreich und fokussierte weitere (anti-feministische) Rhetoriken, die bei der Kommunikation von Sexualpädagogik und geschlechtlicher Gleichstellung beachtet werden müssten.

Dr. Imke Schmincke stellte in ihrem Vortrag anhand einer Broschüre der ‚Initiative Familienschutz‘ zum Thema ‚Gender Mainstreaming‘, über die bis zur Ablösung durch Hedwig Freifrau von Beverfoerde die Koordination der ‚Demo für alle‘ durch Sven von Storch geschah, die zentrale Bedeutung der Chiffre des Kindes heraus. Kinder würden, so die Broschüre, den Preis eines ‚Tugendterrors‘, einer Umerziehung in der Schule und Angriffe auf die Zweigeschlechtlichkeit und damit die Familie zahlen. Die Diskursfigur des Kindes kommt dabei auch über die aktuellen anti-feministischen Bewegungen hinaus zum Einsatz – etwa ist ein Diskurs um sexuelle Gewalt gegen Kinder anschlussfähig für Forderungen der NPD nach einer ‚Todesstrafe für Kinderschänder‘. Das Kind wird dabei jeweils als unschuldig, rein und vorgesellschaftlich und in diesem Sinne noch unbeeinflusst von schädlichen Programmatiken etwa einer Sexualpädagogik figuriert – eine heteronormative Gesellschaftsstruktur wird dabei als naturwüchsig vorausgesetzt. Eine kindliche Asexualität und die Bedeutung für eine gesellschaftliche Zukunft tragen weiter zur Aufladung als ‚moralische Keule‘ bei. Schmincke hob heraus, wie in der Chiffre des Kindes im Diskurs um ‚Frühsexualisierung‘ und einen ‚Genderwahn‘ drei Themen amalgamiert werden: Fragen der Gleichberechtigung der Geschlechter, der Gleichstellung homosexueller Paare und der Sexualpädagogik.

Im Weiteren betrachtete Schmincke die konkreten Mobilisierungsstrategien der ‚Demo für alle‘ und der ‚Besorgten Eltern‘, die sie als Protestbewegungen identifizierte. Inspiriert von und vernetzt mit einer französischen Bewegung der ‚Manif pour tous‘ (‚Demonstration für alle‘ entgegen des Gesetzesvorhabens der ‚Ehe für alle‘) agitiert die ‚Demo für alle‘ seit 2014 im Rahmen der Auseinandersetzungen um die Überarbeitung des Bildungsplan in Baden-Württemberg ebenso kampagnenförmig – d.h. von einer kleinen Gruppe gesteuert und ikonographisch wie öffentlichkeitswirksam gut aufgestellt. Die ‚Besorgten Eltern‘ entstehen etwa gleichzeitig, agieren v.a. im Ruhrgebiet sowie Ostdeutschland und problematisieren vor allem eine ‚Frühsexualisierung‘. Beide Gruppen erhalten keinen derart starken Zulauf wie in Frankreich, generieren aber eine hohe mediale Aufmerksamkeit – eine Vernetzung mit weiteren rechten Publika findet statt. Entsprechende Forderungen werden etwa auch im Rahmen der Pegida-Bewegung aufgenommen.

Eine Politisierung durch diese Akteure erfolge dabei zentral über Strategien der Skandalisierung, Dramatisierung, Dekontextualisierung und Personalisierung, wenn einzelne Ausschnitte der ‚Sexualpädagogik der Vielfalt‘ falsch und kontextlos gelesen und der Autorin Prof. Elisabeth Tuider persönlich angelastet werden, wie auch über einen Antietatismus und Verschwörungstheorien: Eine ‚Homolobby‘ würde der heterosexuellen ‚Mehrheit‘ ihre Politik aufdrängen. Argumentativ werde dabei sowohl ein Verlust von Ehe als biologischer Abstammungsgemeinschaft und damit der Familie als Keimzelle gesellschaftlichen Zusammenhalts als Gefahr beschworen wie auch eine durch ‚Gender‘-Wissenschaft und staatliche ‚Drahtzieher‘ wie die bpb und pro familia gestützte Bedrohung durch eine von außen kommende Sexualisierung – beides gehe auf Kosten (reiner) Kinderseelen, die ein Recht auf biologische Abstammung wie (heterosexuelle Klein-)Familie hätten.

Die ‚Macht der Unschuld‘ des Kindes – eine historische Konstruktion, die auf einen christlichen antisemitischen Diskurs zurückgehe – also die Voraussetzung, dass dieses als Projektionsfläche instrumentalisiert werden könne, gehe dabei auf zwei Faktoren zurück. Zum einen bietet das Kind ein beständigen Orientierungspunkt innerhalb einer zunehmend unübersichtlichen Gesellschaft: Unsicherheiten durch gesellschaftliche Pluralisierung, einen menschengemachten aber anscheinend unverfügbaren beschleunigten sozialen Wandel und Prekarisierungen von Erwerbsverhältnissen wie von (konservativen) Werten könnten damit rationalisiert werden.  Zum anderen seien durch die Figur des Kindes aber irrationale und im Gegensatz etwa zu einer konkreten Unwetterwarnung auch ungreifbare Affekte mobilisierbar: Angst, Bedrohung und Gefahren des Verlustes von Familie und Verortung könnten an das Kind geknüpft und dadurch politisch nutzbar gemacht werden.

Vor diesem Hintergrund ist es für Schmincke nicht entscheidbar, ob diese anti-feministischen Protestbewegungen als Abwehrkämpfe eines sozialen Wandels oder als Vorhut eines rechtskonservativen Backlashs zu verstehen sind. In jedem Fall stellten sie über die Chiffre des Kindes einen Kit für unterschiedliche rechte Ressentiments zur Verfügung, wenn ihre Argumentationen immer auch Sexismus und Rassismus verbinden. Auch wenn die Bewegungen an sich klein seien, würden sie einen gesellschaftlichen Impact entfalten, in dem sie Deutungsmacht in Diskursen beanspruchen und über Verunsicherungen reaktionäre Einstellungen befördern. Es bedürfe im Weiteren sowohl einer vermehrten wissenschaftlichen Forschung, etwa zur (psychischen) Funktion und der phantasmatischen Aufladung von Sexualität in den dargestellten Politisierungsstrategien, wie auch kollektiven Formen einer Gegenwehr.

In der weiteren Diskussion wurde zum einen das Konzept der Chiffre weitergedacht. So würde die Figur des Kindes auch in Debatten um Natur- und Klimaschutz immer wieder auftauchen (‚Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt‘), was eine je spezifische Analyse des Ziels der jeweiligen Verwendung notwendig machte, wie es auch weiteren Argumentationsfiguren gäbe, die eine Moment der Gefahr konstruieren würden: Die Rhetorik einer ‚Umerziehung‘ würde dabei US-amerikanische entnazifizierende Reeducation-Programme nach dem zweiten Weltkrieg als illegitimen überstaatlichen Eingriff rahmen wie auch der Begriff eines ‚neuen Menschen‘ an Gegenbilder einer kommunistischen Kulturrevolution anschließen würde.

Zum anderen wurde eine weitere Ortsbestimmung von und Erfahrungsaustauch über die Protestbewegungen vorgenommen. Die ‚Demo für alle‘ hätte so bei der Gründung von einer konservativen Opposition im Landtag, einer Diskussion um die Unterstützung pädosexueller Aktivisten innerhalb der Grünen in den 80ern und der guten Aufstellung von Elternverbänden (im Gegensatz zu schlecht vorbereiteten Akteuren sexueller Vielfalt) in den Gremien rund um die Überarbeitung des Bildungsplans profitiert. Eine vergleichbare Größe zur ‚Manif pour tous‘ habe sie dennoch nicht erreicht, da sich die politische Opposition letzterer offen und flächendeckend angeschlossen und die Demonstrationen auch in einen Widerstand gegen die Regierung verwandelt hätte, wie auch ein anderes Staatsverständnis – historisch gehe Frankreich auf eine Revolution zurück während in Deutschland das Bürgertum eher ausharre – und ein Verortung als bundes- statt als landespolitisches Thema förderlich gewesen wäre. Sollte es ebenso in Deutschland ein Gesetzgebungsverfahren um die Adoptionsmöglichkeit homosexueller Paare geben, ist aber eine weitere Mobilisierung ebenso zu befürchten. Auf dieses Thema hat sich nach der Verschiebung des Bildungsplans auch die ‚Demo für alle‘ verlegt – sie agiert mit derzeit rund 4000 Teilnehmenden somit strategisch, was sich auch im Einsammeln neonazistischer Plakate und Austeilen eigener Materialien zeige.

Die ‚Besorgten Eltern‘ wurden dahingegen insbesondere auf ihre Rhetorik der ‚Frühsexualisierung‘ befragt. Diese sei als antidemokratisch zu identifizieren, insofern die Protestbewegung mit dem Ziel der Entpflichtung des Sexualkundeunterrichts aus der Organischen Christus-Generation hervorgegangen sei, die auch eine körperliche Züchtigung von Kindern unterstütze. Mit ihrer Dämonisierung von Sexualität, so Schminke in der Diskussion, schlössen sie an eine Thematisierung von sexueller Gewalt an Kindern an. Dieser Diskurs sei überdeterminiert und mit einem voyeuristischen Impetus ausgestattet, wenn sich erst in den 1970ern Kinderrechte wie das Recht auf Gewaltfreiheit etabliert hätten, ein Recht auf Sexualität nach Debatten um eine Pädosexualität in den 80ern aber völlig abgetan und das Kind als asexuell gerahmt worden wäre. Derzeit würden die ‚Besorgten Eltern‘ diese breite gesellschaftliche Verunsicherung eines Diskurses über Sexualität und Kindheit nutzen und auf der Grundlage starker finanzieller und personeller Ausstattung etwa Kindertagesstätten in Sachsen-Anhalt flächendeckend anschreiben und ihnen Infomaterial und Besuche auf Elternabenden anbieten. Dies schüre auch weitere Ängste – bei (Schul-)trägern wie Eltern.

Um gegen diese Rhetoriken und Mobilisierungen vorzugehen, wurden mehrere Gegenstrategien angerissen. Erstens müssten in öffentlicher Kommunikation die Gefühle von Gefahr und Verunsicherung ernst genommen werden, ohne aber Krisendiagnosen und anti-feministische Argumente wie einen nicht nachweisbaren ‚Verfall‘ eines Sexualverhaltens zu bestätigen – Jugendliche hätten dahingegen in einem gleichbleibenden Alter und vor allem in seriell monogamen Paarbeziehungen ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Dem entgegen müssten anderen Antworten gefunden werden, die zweitens konkrete Ziele etwa von pädagogischen Maßnahmen zu benennen hätten: Etwa dass eine Entwicklung empathischer Haltungen gegenüber Diskriminierung und die Vermittlung demokratischer Werte geplant sei, nicht aber eine ‚Umerziehung‘ in eine Homosexualität. Aufklärung und Bildung wären so drittens weiterhin flächendeckend notwendig, um etablierten trans- und homophoben Ressentiments wie einer Verführungsthese zu begegnen. Viertens brauche es eine andere Feedbackkultur. Anstatt nur negativ zu kritisieren, müssten progressive Kampagnen auch von Akteuren wie den Kirchen gelobt werden. 

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