20 nmol/L Hypervoyeurismus – der Pegel muss gesenkt werden. Zur Berichterstattung über Caster Semenya

20 nmol/L Hypervoyeurismus – der Pegel muss gesenkt werden. Zur Berichterstattung über Caster Semenya

Kreuzende Streifen einer LaufbahnIn der Berichterstattung um Caster Semenya kreuzen sich komplexe Fragen um Sexismus, Rassismus und Transphobie. Urheber: Ralf. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Mit 10nmol/L Testosteron bezifferte der Internationale Leichtathletikverband (IAAF) die Schwelle, über der Athletinnen bis 2015 gezwungen wurden, ihren Hormonspiegel künstlich zu senken, um weiterhin an Wettbewerben teilnehmen zu dürfen.

Den Weltrekord hatte Caster Semenya zwar nicht gebrochen, am vorletzten Tag der Olympischen Spiele in Rio, als sie das 800m-Finale in 1:55,28 gewann. Doch sie stellte einen neuen Landesrekord für Südafrika auf, die schnellste Zeit, die in 2016 auf dieser Strecke von einer Frau bislang gelaufen wurde, und sie gewann die Goldmedaille, nachdem sie bei den Spielen 2012 in London noch Zweite hinter der später des Doping überführten Mariya Savinova geworden war. Das könnten Erfolgsmeldungen sein. Doch in der medialen Berichterstattung tritt dieses famose Comeback hinter Ergüssen zurück rund um den Semenya zugeschriebenen „Hyperandrogenismus“, eine vermehrte Produktion des körpereigenen Testosterons, und dessen Bewertung für die Wettbewerbsfähigkeit von Athletinnen.

Spätestens mit ihrem Sieg im Vorrundenlauf, den Semenya vier Tage vor dem Finale erwartungsgemäß für sich entschieden hatte, legte die internationale Presse also wieder ihr Augenmerk auf die 25-Jährige. Schlagzeilen wie „Der Fall Semenya entzweit die Leichtathletik“ (FAZ) oder „Im Fall Semenya ist die Leichtathletik ratlos“ (Süddeutsche) machen deutlich: „der Fall“ ist noch in der Schwebe, und ruhte nur in den beiden Jahren, in denen wahrscheinlich auch Semenya auf Druck des Internationalen Leichtathletikverbands (IAAF), wie andere Athletinnen auch, ihren körpereigenen Hormonspiegel künstlich zu senken gezwungen war, um weiter an internationalen Wettbewerben teilnehmen zu dürfen. Einzelne Sportlerinnen mussten sich in dieser Zeit sogar operativen Eingriffen unterziehen, um nicht von Turnieren ausgeschlossen zu werden.

Anders als rund um die Leichtathletik-WM 2009 in Berlin, als Caster Semenya mehreren entwürdigenden, von Journalist*innen voyeuristisch ausgeschlachteten Maßnahmen zur  „Geschlechtsfeststellung“ ausgesetzt war, hat sich sieben Jahre später der Wind in der Berichterstattung etwas zu Gunsten der Athletin gedreht.

„Aus Flüstereien wurden Beschuldigungen wurde ein schreckliches Chaos“

Durch diverse Analysen, etwa der FAZ und der Süddeutschen, zieht sich eine gewisse Empathie mit Semenya. Im Einzelfall wird auch Kritik an den erst im vergangenen Jahr durch den Internationalen Sportgerichtshof gekippten Zwangsbehandlungen von Athletinnen mit körpereigenem erhöhten Testosteron geäußert. Dennoch fehlt es nicht an stereotypen Beschreibungen ihrer Physionomie durch Journalist*innen, zum Beispiel „drahtig, burschikos, tiefe Stimme“ (FAZ), „groß, eckig und stampft kraftvoll“ (Süddeutsche), „biologischer Turbolader“ (Spiegel Online). Auch lassen die meisten Berichte außen vor, dass Semenya niemals bestätigt oder dementiert hat, welches Ergebnis die an ihr vorgenommenen Untersuchungen durch den Internationalen Leichtathletik-Verband hatten. Ihr öffentliches Statement 2010 im Anschluss an ihre Sperre ist das weitestgehende, was sie zu der damaligen Ausschlachtung ihres Geschlechts, ihres Körpers, ihrer Identität als Schwarze Leistungssportlerin aus Südafrika je geäußert hat: „Ich war unberechtigten und übergriffigen Untersuchungen meiner intimsten und privatesten Details ausgesetzt“. Das Handeln des Sportapparats und dessen parallele Kommentierung durch die Medien fasste der BBC-Chefkolumnist der Olympischen Spiele in Rio zusammen: „Aus Flüstereien wurden Beschuldigungen wurde ein schreckliches Chaos.“ 

Vor Behauptungen wie „Caster Semenya ist intersexuell“ (Spiegel Online) oder „angeblich weder Mann noch Frau“ bewahrt ihr konsequentes Schweigen zu Aspekten ihrer Körperlichkeit Semenya dennoch nicht. Doch den allzu kühnen, überflüssigen Deutungen über Semenyas körperliche Verfasstheit stehen heute wenigstens im Ausnahmefall bedächtigere Formulierungen wie die von „der vermutlich intersexuellen Olympiasiegerin“ gegenüber. Völlig entfesselt lässt sich aber ausgerechnet die Neue Zürcher Zeitung nicht nur über Semenya aus, sondern gleich auch noch über die im olympischen Finale zweit- und drittplatzierten Läuferinnen, Margaret Wambuy aus Kenia und Francine Nyonbasa aus Burundi. Auch ihnen verpasst die NZZ die Diagnose „intersexuell“, ohne dass sich eine der drei Sportlerinnen jemals öffentlich dazu geäußert hätte.

Enttäuschte Konkurrentinnen bekommen das Wort, inter* Organisationen bleibt es verwehrt

Die Spitze der Anmaßung: Quer durch die Medien tauchen immer noch als Fakten verkaufte Spekulationen über Geschlechtsorgane (!) auf, etwa auf Spiegel Online oder in der Daily Mail. Nein, die werden hier nicht verlinkt. Sehr verrutscht wirkt es angesichts des nachvollziehbaren Schweigens der Athletinnen, das Wort in Interviews und Berichten ausgerechnet ihren unterlegenen Konkurrentinnen zu geben, die so eine Plattform für wahlweise Selbstmitleid, Hohn oder Respektlosigkeiten gegenüber Semenya, Wambuy, Nyonbasa bekommen, hingegen inter* Organisationen nicht hinzugezogen werden, um „dem Fall“ andere Aspekte beizusteuern.
Dr. Dan Christian Ghattas, Vorstand von OII Europe, dem Dachverband für menschenrechtsbasierte Inter*-Organisationen, außerdem im Projekt Antidiskriminierungsarbeit & Empowerment von Inter* von TransInterQueer e.V. aktiv sowie als autonomes Mitglied des weltweit aktiven Netzwerks Organisation Intersex International, charakterisiert die Berichterstattung zu Caster Semenya zwar als „partiell gebessert“, nimmt jedoch weiterhin ethisch fragwürdige Herangehensweisen vieler Journalist*innen wahr, etwa wenn Spiegel Online „einfach behauptet, sie sei bewiesenermaßen intergeschlechtlich und dann auch noch anfängt sich in Details auszulassen, die keinerlei offizielle Grundlage haben“ – erschütternd sei dies.

Die Berichterstattung lässt die Finger von Fragen zu Menschenrechtsverletzungen

Während das Gros der Medien außerhalb von Leichtathletik-WMs oder Olympischen Spielen äußerst selten inter* Themen aufgreift, geschweige denn sie in einem Kontext von Menschenrechten intergeschlechtlicher Menschen verhandelt, wird rund um Semenya „intersexuell“ bzw. die vermutete Diagnose Hyperandrogenismus munter behauptet. Jedoch fehlt zumeist eine Einbettung des bloßen Schlagworts „intersexuell“ (für mehr Begriffsvielfalt siehe die Broschüre „Inter* & Sprache – Von ‚Angeboren‘ bis ‚Zwitter‘“), wie auch eine kritische Betrachtung der normativen Vorstellungen von „männlich/Mann“ und „weiblich/Frau“ großteils ausbleibt. Die NZZ belässt es beim fast schon rührend schlichten Allgemeinplatz „Testosteron ist die wichtigste Erklärung, warum Männer stärker sind als Frauen“. Doch von den mit einer der zahlreichen DSD-Diagnosen (disorders of sex development) einhergehenden Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen, wie uneingewilligte geschlechtsverändernde Maßnahmen lässt auch die Berichterstattung 2016 meistens die Finger. Dabei könnte eine nur winzige Recherche sie leicht auf diese Spur führen. So hat etwa das BJM (vormals „British Medical Journal“) bereits 2014 im auch von OII Australien sehr begrüßten Artikel Sex, health, and athletes geäußert, es handele sich bei der inzwischen bis 2017 ausgesetzten Regelung, mittels künstlicher Hormonzufuhr den körpereigenen Testosteronspiegel von Athletinnen zu senken, um eine „unnötige Behandlung“, die unethisch sei und als „key driver“ einzig mögliche Wettbewerbsvorteile im Blick habe, hingegen aber die Gesundheit, Symptome und Selbstbilder der betroffenen Athletinnen und Risiken medizinisch nicht notwendiger Zwangsbehandlungen völlig außer Acht lasse.

Und so sind es einzig der BBC-Kommentator und der australische The Sidney Morning Herald, die „den Fall“ nicht darauf verengen, der einzige zu sein, den man unter dem Aspekt der vermeintlichen „Wettbewerbsverzerrung“ bewerten könne (schließlich stünde auch der 23-fache Gold-Gewinner Michael Phelps und seine im Verhältnis zur Körpergröße überdurchschnittliche Armspanne nicht zur Diskussion oder ließe seine Konkurrenten höhnisch seine Erfolge in Abrede stellen). Nur der Kommentar von Amy Middleton reflektiert alle Ebenen, die in der Berichterstattung rund um Caster Semenya sonst unsichtbar gemacht werden: „This controversy is rife with complex intersections of sexism, racism, transphobia, and discrimination against trans, intersex and non-binary athletes.“

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