Unerbittliche Arbeit am Begriff

Unerbittliche Arbeit am Begriff

Sich auf die Seite dessen stellend, was als nicht Mitbedachtes dem Begriff entflieht, möchte ich die Intention der Begriffskritik Chris­tina Thürmer-Rohrs auf den Punkt bringen in Anlehnung an einen Buchtitel Carolin Emckes: aus dem kategorialen Raster ausgegliedert, wird dem, was es nicht mit erfasst, der Boden unter den Füßen weggezogen, sich in « Sagbares » zu verwandeln.

Büro Christina Thürmer-Rohr — Bildnachweise

Natürlich kamen mir sofort die Vagabundinnen. Feministische Essays (Thürmer-Rohr 1987) in den Sinn, als ich darüber nachdachte, womit ich eine angemessene Würdigung beginnen könnte. Doch dank des breiten Themenspektrums, das Christina Thürmer-Rohr beschäftigte und beschäftigt, sind zahlreiche Anfänge möglich. Etwa mit dem Text « Anfreundungen », in dem sie, orientiert an Hannah Arendt, einen begrifflichen Paradigmenwechsel vollzieht und (s.a. den Beitrag dazu in den feministischen Studien) Pluralismus zu einer unserer « Existenzbedingungen » erhebt (2015). An der Vielfalt gesell­schaftlicher Problemstellungen, die ihr zu akut erscheinen, um sie mitsamt ihren von Rat- wie Hilflosigkeit gekennzeichneten Benennungs-Praktiken ignorieren zu können, hat mich jedoch auch immer etwas Anderes fasziniert: die Unerbittlichkeit, mit der sie den Finger in die Schwachstellen unseres menschlichen Denkens und Handelns legt; in Denkmuster/Denklücken, die teilhaben an der Fortschrei­bung vermeidbaren Leidens. Dies in einer so klaren, unprätentiösen Sprache, dass sinnfällig wird: analytische Genauigkeit ist ihr ein genuines Anliegen. Daher ein Anfang, den ich « die harte Arbeit am Begriff » nenne. Falschen « Begriffsreservierungen » auf die Spur zu kommen, auch im feministischen Kontext die « Anstrengung der eigenen », das heißt differenzierende « Begriffsfüllung » zu unternehmen, das war ja schon die Diktion des Projekts bzw. der Textsammlung Mittäterschaft und Entdeckungslust (Thürmer-Rohr 1989). Sensibilisiert durch die Begriffskritik Adornos, kam dieser Ansatz meiner wissenschaftlichen « Entdeckungslust » als Feministin wie Philosophin sehr entgegen. Kein Wunder, dass ich auf einem von früherer Lektüre in dem Buch steckenden Merkzettel Adornos Handlungsanweisung an das philosophische Denken notiert fand, « das Begriffslose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleich zu machen » (Adorno 1966, 21). In Erinnerung an die Re-Kontextualisierungen, gleichursprünglich Differenzierungen, die Christina Thürmer-Rohr im Essay zur « Generalisierung des Opferbegriffs » (1989a) vollzogen hat, könnte diese programmatisch-methodische Aussage ebenso gut von ihr formuliert worden sein. Daher eine Rückblende zu dem Essay.

Ausgehend von den Diskursen, in welchen der Opfer-Begriff « inflationär » in Anspruch genommen wird, « blind » gegenüber dem komplexen Gefüge sich in ihm verbergender wie diese verschleiern­der Herrschafts- und Gewaltstrukturen, wendet sie – ich hoffe auf ihre Zustimmung – dieses Verfahren um begrifflicher Zurechtrückung willen an. Den Begriff bzw. sprachlichen Ausdruck « Opfer » als Interpretament ihrer Analyse verwendend, taucht sie ein in Sphären des « Begriffslosen ». Konkret: in jene lebensweltlichen Sphären, in denen Begriffe aus ihrem ursprünglichen Verwendungszusammen­hang herausgelöste Umprägungen in immer neue, kontextvariante Umdeutungen erfahren, so dass sich verändert, verwischt, in Ver­gessenheit gerät, was ursprünglich mit ihnen gemeint war. Verlust begrifflicher Schärfe ist die Folge. Zu Schlagworten geworden, bieten sie kein Unterscheidungskriterium in Form sprachlicher Um-/Ein­grenzung dafür an, worin – wie exemplarisch an der Konstellation Opfer-Täter herausgearbeitet – die entscheidenden Bestimmungs­merkmale des einen wie des anderen Begriffs bestehen. Soweit die genealogischen Voraussetzungen der Instrumentalisierbarkeit des Opfer-Begriffs. Einerseits besteht die Instrumentalisierung in Ent­lastungs- bzw. Entschuldungs-Strategien von (Gewalt-)Taten, deren Fluchtpunkt die Vergewaltigung ist. Andererseits besteht sie in der Einziehung der Differenz zwischen den divergenten Weisen und Praktiken, wie in konkreten lebensweltlichen Zusammenhängen männliche/patriarchale Gewalt von Frauen erlebt und erlitten wird. Entsprechend bildet die feministische motivierte Entgrenzung des Opfer-Begriffs qua unterschiedslosem Einschluss aller weiblichen Wesen in seinen Geltungsradius einen Kerneinwand der Kritik.

Klar, die Analyse als solche ist bekannt. Und der Aufschrei vieler Feministinnen noch im Ohr aufgrund ihrer Verschränkung mit dem Befund weiblicher « Mittäterschaft » an der Fortschreibung bestehen­der Herrschafts- und Gewaltstrukturen. Christina Thürmer-Rohr bestreitet nicht die Unvermeidbarkeit von Generalisierungen zur Durchsetzung politischer Forderungen. Verstellt aber die Generali­sierung den Blick für das inhaltlich gleichwohl heterogen Bleibende, das Mehr- und Vieldeutige, kann ihr nicht der Status begrifflicher Angemessenheit zugesprochen werden. Indem das Heterogene nicht beachtet wird, in seinen strukturbedingten Unterschieden nicht (auch) der Thematisierung wert erscheint, « entflieht es » dem Begriff. Drastischer noch formulierte Hegel den Sachverhalt, indem er davon sprach, dass es auf diese Weise « zum Abfall des Begreifens » wird. Sich auf die Seite dessen stellend, was als nicht Mitbedachtes dem Begriff entflieht, möchte ich die Intention der Begriffskritik Chris­tina Thürmer-Rohrs auf den Punkt bringen in Anlehnung an einen Buchtitel Carolin Emckes: aus dem kategorialen Raster ausgegliedert, wird dem, was es nicht mit erfasst, der Boden unter den Füßen weggezogen, sich in « Sagbares » zu verwandeln.

Christina Thürmer-Rohr

Die Freundschaft zur Welt nicht verlernen. Am 17. November 2016 feierte die feministische Autorin, Theoretikerin, Vordenkerin und Musikerin Christina Thürmer-Rohr ihren 80. Geburtstag. Zu diesem Anlass erschien am 26.11.2016 der Sammelband "Die Freundschaft zur Welt nicht verlernen - Texte für Christina Thürmer-Rohr zum 80. Geburtstag der Sozialwissenschaftlerin, Feministin und Musikerin".

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Damit ist der Grund dafür benannt, weshalb Christina Thür­mer-Rohr es nicht lassen kann, die kritische Arbeit am Begriff im Rahmen sich verändernder thematischer Schwerpunkte fortzuset­zen. Alternativ: weshalb sie es nicht lassen kann, uns, den sich als Feministinnen verstehenden Wissenschaftlerinnen, überhaupt jedem denkfähigen Wesen « den sicheren Boden unter den Füßen zu entzie­hen » (1994, 160), den « vereinheitlichende » Begriffe vermeintlich bil­den. Der ist ohnehin schief, weil er auf « Vereindeutigungen » mit den oben skizzierten Konsequenzen beruht. Damit schlage ich den Bogen zurück zu dem programmatisch-methodischen Paradigma, das zwar Adorno geschuldet ist, aber auch von Christina Thürmer-Rohr for­muliert worden sein könnte: « das Begriffslose mit Begriffen auftun, ohne es ihnen gleich zu machen » (Adorno 1966, 21). Ich hoffe, in der Rückwendung zur Analyse des Opfer-Begriffs konnte ich erhellen, wie es funktioniert.

Vor dieser Folie wird plausibel, inwiefern für Christina Thür­mer-Rohr analytische Genauigkeit nicht ohne geistiges Vagabun­dieren zu haben ist. Analytische Genauigkeit kann nur das Resultat von Wanderbewegungen zwischen verschiedenen Polen sein. Einer davon ist das « Gedächtnis der Begriffe », denn Begriffe, so der Wissenschaftstheoretiker Ian Hacking, « haben Erinnerungen an Ereig­nisse, die wir vergessen haben » (2001, 84). Der andere Pol sind Erfah­rungen, die wir mit Ausgrenzungen wie Einschlüsse organisierenden Praktiken machen, sofern wir Augen und Ohren nicht mittels ideo­logisch aufgeladener Begriffe davor versperren. Die Begriffe als solche können dafür nichts. In ihrer janusköpfigen Grundstruktur (die wir allen instrumentellen Aufladungen vorausliegend benötigen, um uns in der Welt zu orientieren) liegt ihre gleichermaßen « abschnei­dende » wie « zurüstende Gewalt » (Adorno) begründet. Daraus resul­tieren die identifizierenden Praktiken, durch die Menschen am eigenen Leib erfahren, was es heißt, gesellschaftlicher « outcast », fremd, unwillkommen zu sein, an Grenzen abgefangen und zurückgescho­ben zu werden. So wie die als « arbeitsscheues, stehlendes Gesindel » gebrandmarkten Vagabunden. Bis sich eine Gruppe von ihnen von den Pejorativen befreite und dem Ausdruck eine auf Freiheit und Selbstbestimmung ausgelegte Bedeutung gab. An diese Bewegung knüpft Christina Thürmer-Rohr lose an, indem sie Vagabundieren zur Lebens- wie Denkform macht. Damit Blicke wie Gedanken sich frei in verschiedene Richtungen drehen können. Immer kritisch, was sonst.

 


Literatur

Adorno, Theodor W. (1966): Negative Dialektik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Hacking, Ian (2001): Multiple Persönlichkeit. Zur Geschichte der Seele in der Moderne. Frankfurt am Main: Fischer.
Thürmer-Rohr, Christina (1987): Vagabundinnen. Feministische Essays. Berlin: Orlanda Frauenverlag.
Thürmer-Rohr, Christina (1989): Einführung – Forschen heißt wühlen. In: Mittäterschaft und Entdeckungslust. Hrsg. von Studienschwerpunkt « Frauenforschung » am Institut für Sozialpädagogik der TU Berlin. Berlin: Orlanda Frauenverlag, 12-21.
Thürmer-Rohr, Christina (1989a): Frauen in Gewaltverhältnissen. Zur Generalisierung des Opferbegriffs. In: Mittäterschaft und Entdeckungslust. Hrsg. von Studienschwerpunkt « Frauenforschung » am Institut für Sozialpädagogik der TU Berlin. Berlin: Orlanda Frauenverlag, 22-36.
Thürmer-Rohr, Christina (1994): Verlorene Narrenfreiheit. Essays. Berlin: Orlanda Frauenverlag.
Thürmer-Rohr, Christina (2015): Kontroversen zur Kohabitation. « Denken von anderswo ». In: feministische studien 2_2015 (33. Jg.), 308-322.

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